Sezession
1. Dezember 2007

Schein des Politischen. Im virtuellen Raum der „Blogger“

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezesion 21/Dezember 2007

sez_nr_217von Daniel Leon Schikora

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28. Oktober 2007 widmete sich Stefan Niggemeier einem der vornehmsten Anliegen all jener, die in einem Wildwuchs freier Meinungsäußerung eine Gefährdung der Herrschaft der Tugend erkennen: Er erinnerte den „freien Bürger" daran, daß es ihm nicht zustehe, seine elementaren Grundrechte dahingehend zu mißbrauchen, die Gefühle anderer freier Bürger zu verletzen - und dabei sogar auf Ironie oder Sarkasmus zurückzugreifen. In diesem Sinne leitet Niggemeier seinen Artikel „Freier Haß für freie Bürger" unvermittelt mit der Charakterisierung eines neuen Typus des Bürgerschrecks ein:
„Ihr Glaubensbekenntnis ist kurz und ironisch. Sie schreiben es nicht als Graffiti an die Wände, sondern in jedes Online-Forum, in jedes Kommentarfeld, unter jeden Internetartikel. Kaum hat ein Medium wie Welt-Online eine Meldung veröffentlicht wie ‚108 Tote bei Bombenanschlag auf Benazir Bhutto‘, hat schon der erste kommentiert. Er schreibt: ‚Islam ist Frieden‘. Dahinter hat er einen Augenzwinker-Smiley gemacht."

Kein Zweifel, hier will der FAS-Autor der Untergrabung seines Verständnisses einer wehrhaften Demokratie begegnen, die sich in ihren Grundfesten erschüttert sieht durch eine systematische Nutzung des virtuellen Raums der Internet-Kommunikation seitens skrupelloser Partisanen der Islam-Kritik - wobei deren völlig legale und grundgesetzlich geschützte Wahrnehmung des Rechts auf freie Meinungsäußerung in den Ruch kriminellen Verhaltens gebracht werden soll: der Diskutant als Graffiti-Schmierer.
„Es ist leicht, die Tragweite dieses kurzen Glaubensbekenntnisses zu unterschätzen", warnt Niggemeier angesichts eines islam-kritischen und der populistischen Rechten zugerechneten Internet-Organs, das sich einer Erfolgsbilanz von 10.000 und 20.000 Besuchen am Tag rühmt. Mit dieser Bilanz sei Politically Incorrect (PI), das Projekt des Diplom-Sportlehrers Stefan Herre, „eines der erfolgreichsten Weblogs in Deutschland". Ein Weblog, kurz: „Blog" ist ein Internet-Tagebuch, das als Informations- und Diskussionsplattform kontinuierlich erweitert wird.
Niggemeier diagnostiziert einen durch PI (und vergleichbare Blogs) vermittelten, „oft erschütternd schlichte[n] Haß auf die Muslime und ihre vermeintlichen und tatsächlichen Unterstützer". Man unterscheide „nur zwischen Muslimen, die heute schon extremistisch sind, und solchen, die sich moderat geben, um ihre wahren, extremistischen Ziele zu verbergen und besser durchsetzen zu können".
Daß die Abneigung oder der Haß auf „die Muslime" - die vielgeschmähte „Islamophobie"- im öffentlichen Leben Deutschlands irgendeine Chance auf Wirkungsmächtigkeit haben könnte, läßt sich freilich kaum ernsthaft behaupten: Auch Stefan Niggemeier weiß von keinem Fall, daß ein baden-württembergischer Ministerpräsident den Auftritt eines Muslims in der ZDF-Sendung Wetten, daß . .? zu verhindern sucht, weil dem Publikum nicht zugemutet werden könne, mit einem Repräsentanten der herrschaftlichen Religion des Islam konfrontiert zu werden. Solche Anfeindungen von der Seite Ministerpräsident Oettingers erfuhr jedoch tatsächlich im Frühjahr 2007 der Scientologe John Travolta.
Kurz: Der Tatsache, daß es Menschen gibt, die - auch in deutscher Sprache - in eigens dafür eingerichteten Internet-Organen fortlaufend ihre Ressentiments artikulieren und die Leser solcher Äußerungen in die Zehntausende gehen können, kann, für sich betrachtet, wenig Sensationswert beigemessen werden. Worum also geht es Niggemeier wirklich, wenn er auf eine Erscheinung wie PI eindrischt?


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