Sezession
1. Dezember 2007

Die Geburt des Antisemitismus aus dem Memento der Shoah

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 21/Dezember 2007

sez_nr_218von Michael Böhm

Vor zehn Jahren löste Sergio Romano mit seinem Lettera a un amico ebreo in Italien eine heftige Kontroverse aus. Nun liegt das Buch in deutscher Übersetzung vor. Dieser Text bedeutet eine intellektuelle Rebellion - und dennoch ist sein Credo allgemein bekannt: „Der Rassismus beginnt dort, wo jemand behauptet, die Verantwortung für ein bestimmtes Ereignis laste auf den Schultern eines ganzen Volkes". Für den politisch korrekten Leser spielt dieser Satz vor allem auf den Leidensweg der Juden an. Die Vorstellung, sie hätten einen „Gottesmord" begangen, führte in der Geschichte wohl zum ersten Vorwurf kollektiver Schuld, die die Nichtjuden jahrhundertelang durch Übergriffe gegen Juden zu sühnen vorgaben: Von der späten Antike bis in die Neuzeit ist die Geschichte des Judentums auch eine Geschichte der Verdrängung und Gewaltakte: Ghettoisierung, Synagogenstürme, Zwangstaufen, Pogrome, schließlich die Vernichtungslager der Nationalsozialisten - all das sind bluttriefende Entgleisungen einer einzigen irrigen Idee.

Doch Sergio Romano beschäftigt sich nicht mit dem historischen Antisemitismus, genausowenig will er die Literatur über den Holocaust vergrößern. Sein Thema ist der Umgang mit der Vergangenheit und die Gefahr, die daraus erwachsen könnte. In seinem Brief an einen jüdischen Freund (Berlin: Landt Verlag 2007. 240 S., geb, 29.90 €) wendet sich der italienische Diplomat und Schriftsteller gegen eine quasireligiöse Überhöhung der Shoa - um einem neuen Antisemitismus vorzubeugen. Für einen Teil des Judentums, so Romano, sei der Holocaust nicht nur der zentrale Teil des vergangenen Jahrhunderts, vielmehr manifestiere sich durch ihn das Böse in der Geschichte, und zwar das Böse selbst - eine Art „Gegengott", den es mittels Gedenkveranstaltungen, Mahnmalen, Museen, Zeugnissen der Betroffenheit und Bitten um Vergebung zu bannen gelte.
Der Holocaust werde dadurch aber der normalen Geschichtsschreibung entrissen, es gebe die Tendenz, ihn gleichsam zu kanonisieren. Er erscheine so nicht mehr als ein geschichtliches Ereignis, sondern als gemeinsame Schuld ganzer Nationen und Religionen. Eine jede Verallgemeinerung, so seine These, rufe jedoch früher oder später eine nicht minder radikale und ausschließende Reaktion hervor. Romano weist in seiner Analyse nicht nur auf neuere antisemitische Phänomene hin: etwa auf den Haß gegen den israelischen Staat und seine Politik. Sein Gespür für politische Zusammenhänge und Konstellationen sowie seine hervorragenden Kenntnisse der jüdischen und europäischen Geschichte erhellen dem Leser auch einige bekannte Stereotypen: Natürlich, es gibt diese „jüdische Internationale", denn das Judentum ist seit über zwei Jahrtausenden verstreut in alle Teile der Welt. Seit Moses Montefiore (1784-1885) begann diese weltweite Diaspora auch für eine jüdische Heimstatt zu wirken, der Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts machte ihr das zum moralischen Gebot. Die Siedler in Palästina konnten fortan auf die Solidarität ihrer europäischen und amerikanischen Glaubensbrüder bauen: 1917 gewann Chaim Weizmann das britische Establishment für die Idee der Rückkehr ins Heilige Land. Die Balfour-Deklaration war gleichsam der Dank an die amerikanischen Israeliten: Sie hatten die Alliierten im Kampf gegen die Deutschen unterstützt.


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