Sezession
1. Oktober 2007

Autorenportrait Rudolf Bahro

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 20/Oktober 2007

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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sez_nr_20Am Montag, den 14. November 1994 hatten sich um achtzehn Uhr im Auditorium Maximum der Humboldt-Universität zweihundert Hörer versammelt, um wie jede Woche an der zweistündigen Sozialökologie-Vorlesung Rudolf Bahros teilzunehmen. Diese Vorlesungsreihe war seit dem Wintersemester 1990/91 eine feste Institution im Berliner Veranstaltungskalender, die weniger von Studenten, als vielmehr von interessierten Berlinern als Studium Generale besucht wurde. An diesem Tag referierte Bahro über „Naturgerechte Ordnung und menschliche Emanzipation heute". Wie immer stand er auf der großen Bühne, sprach frei, hin- und wieder aus einem Buch zitierend. Seine Vortragsweise erforderte vom Hörer eine gewisse Geübtheit, da er die Angewohnheit hatte, sich in gleichsam kreisender Weise dem Kern des Themas zu nähern. Auf Tafelbildern versinnbildlichte er, mit beiden Händen gleichzeitig schreibend, das Gesagte. Die Menschheit lege es, so Bahro an diesem Tag, in großen Teilen darauf an, unser einzigartiges Ökosystem auf ihre absolute Belastbarkeit hin zu prüfen, ohne dabei zu bedenken, daß es im Falle der Überlastung nicht zu ersetzen wäre. „Ein absoluter Unfug, weil praktisch die ganze psycho-physische Existenz des Menschen an diesen Bios gebunden ist, das ist ja gerade das Geniale - dieser Zusammenhang!".

In diesem Moment durchschlugen vier Pflastersteine die seitlichen Fenster des Audimax. Die Steine zielten auf Bahro, verfehlten ihn aber knapp. Die hektische Suche nach den Tätern verlief erfolglos, die Polizei wurde gerufen. Bahro selbst ließ sich von dem Vorfall nicht beeindrucken und setzte die Vorlesung fort: „Der Kampf um die allgemeine Emanzipation des Menschen ist so angelegt, daß mehr und mehr Individuen, mehr und mehr Kilogramm und Kilowatt pro Kopf für ihre Selbstverwirklichung brauchen. Das verträgt sich nicht mit der Endlichkeit der Erde."
Mit Sicherheit waren es solche Sätze, an denen sich der Haß der Steinewerfer auf den Sozialökologen Bahro entzündete.
Und dennoch bleibt es für oberflächliche Beobachter verwunderlich, daß der Anschlag im Audimax von linken Tätern ausgeführt wurde. Galt Bahro nicht zeit seines Lebens selbst als Linker? Schließlich war er es doch, der mit der Alternative die folgenreichste Kritik des „real existierenden Sozialismus" geschrieben hatte, ohne von der kommunistischen Idee lassen zu können. Zwar hatte ihn die DDR für dieses Buch zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, aber Bahro kam dennoch nur sehr zögerlich zu der Einsicht, daß sich dieser Staat nicht reformieren lassen würde. Und war es nicht Bahro, der sich, kaum im Westen angekommen, den Grünen anschloß, um sie wieder zu verlassen, als sie zur „Systempartei" wurden? Der nach dem Mauerfall zunächst nur den einen Gedanken hatte, daß sein Vaterland (die DDR!) in Gefahr war, dem westlichen Konsumismus anheimzufallen?


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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