Ein Blick in die Hölle – Ulrich Seidl zum 60. Geburtstag

Nun ist es auch schon wieder sieben Jahre her, daß mein Debütartikel in der Jungen Freiheit erschien: eine Besprechung des damals aktuellen Films von Ulrich Seidl, "Jesus, Du weißt". Seidl gilt in Österreich neben Michael Haneke als international bedeutendstes Aushängeschild des heimischen Kinos; und beide stehen im Ruf, "ästhetische Extremisten" zu sein, deren Filme dem Zuschauer allerhand zumuten und abverlangen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der weit­aus “kon­tro­ver­se­re” der bei­den ist zwei­fel­los Seidl, der am 22. Novem­ber sech­zig Jah­re alt wird. Mit ein­schlä­gig Inter­es­sier­ten füh­re ich nun schon seit über einem Jahr­zehnt lei­den­schaft­li­che Streit­ge­sprä­che über sei­ne Fil­me, die immer wie­der die glei­chen Affek­te und Abwehr­hal­tun­gen pro­vo­zie­ren. Dis­kus­sio­nen über Seidl gehö­ren zum Ever­green unter Cine­as­ten eben­so wie unter all­ge­mein aus­tro­phil Kulturinteressierten.

Mit Elfrie­de Jeli­nek und Tho­mas Bern­hard, Hel­mut Qualtin­ger und Man­fred Deix, Otto Mühl und Her­mann Nitsch, Nata­scha Kam­pusch und Josef Fritzl gehört er aller­dings in die Rei­he jener Lands­leu­te, die im In- und Aus­land ein ziem­lich düs­te­res Image von Öster­reich geprägt haben.

Dem­nach wäre unser gar lieb­li­ches Land ein abar­ti­ger, eng­stir­ni­ger, dump­fer, kor­rup­ter, psy­chi­sche Stö­run­gen und Gewalt züch­ten­der Kloa­ken­sumpf voll mit Frau­en­hassern, Nazis und Anti­se­mi­ten (Jeli­nek), Pro­vinz­kre­tins und Kle­ri­kal­fa­schis­ten (Bern­hard), bau­ern­schlau­en Mit­läu­fern und gemüt­li­chen Bru­ta­los (Qualtin­ger), ver­fet­te­ten, ver­sof­fe­nen und ver­sau­ten gene­ti­schen Dis­as­tern (Deix), auto­ri­tä­ren Unter­drü­ckern und ent­hemm­ten Per­ver­sen (Wie­ner Aktio­nis­ten), sowie diver­sen klein­bür­ger­li­chen Kin­der­ver­zah­rern mit sadis­ti­schen Nei­gun­gen und aus­ge­fal­le­nen Kel­ler­ein­rich­tun­gen – einer zeit­ge­nös­si­schen Son­der­form des aus­tria­ki­schen Modus der Neu­ro­se, der eine Art inwen­dig wuchern­der Barocks ist.

In die­se schö­ne Tra­di­ti­on rei­hen sich Seidls Fil­me seit sei­nem Lang­film­de­büt Good News – Von Kol­por­teu­ren, toten Hun­den und ande­ren Wie­nern” (1990) rela­tiv naht­los ein. Als Doku­men­tar­fil­mer stürz­te er sich mit Vor­lie­be in unge­kehr­te Ecken und Wel­ten, vor denen dem durch­schnitt­li­chen Mit­tel­schicht­bür­ger graust wie dem Krea­tio­nis­ten vor sei­nem äffi­schen Stamm­baum: sei­ne Arbei­ten bevöl­kern Unter­schicht­ge­stal­ten, Pro­le­ten, Obdach­lo­se, Ein­wan­de­rer, geis­tig Behin­der­te, Sex­be­ses­se­ne und ver­schro­be­ne Exis­ten­zen jeg­li­cher Cou­leur. Dabei über­tref­fen sei­ne Doku­men­tar­fil­me sei­ne Spiel­fil­me wohl noch an Inten­si­tät und Abgründigkeit.

Das Grau­sen kann frei­lich auch schnell zum woh­li­gen Schau­er umschla­gen, und der ver­sam­mel­te Schmud­del in eine Art “Sozi­al­por­no­gra­phie”, zumin­dest im Auge des ent­spre­chend gestimm­ten Betrach­ters. Der Gip­fel war wohl mit “Tie­ri­sche Lie­be” (1995) erreicht, der Seidls dama­li­gen Men­tor, den in vie­ler­lei Hin­sicht geis­tes­ver­wand­ten Wer­ner Her­zog zu dem viel zitier­ten Dik­tum bewog, er habe durch ihn “gera­de­wegs in die Höl­le geschaut.”

Diet­rich Kuhl­brodt schrieb damals über den Film:

Fein­ripp­un­ter­hemd, Turn­ho­se und Socken, so sitzt rechts auf dem Sofa der Schle­cker-Peter, der so heißt, weil er Wiens Spit­zen­mann für Cun­ni­lin­gus ist. Aller­dings hat er gra­de den Tele­fon­hö­rer am Ohr und nimmt den Tele­fon­sex­ser­vice in Anspruch. Links auf dem Sofa ödet sich ein mit­tel­gro­ßer Köter zu Tode. Die Hin­ter­bei­ne hat er aus­ein­an­der geklappt, so kann er das Geni­tal der Kame­ra wei­sen. Letz­te­re doku­men­tiert ein­wand­frei ihren eige­nen sub­jek­ti­ven Blick auf eine Sze­ne, die unschwer als flo­ri­de Bezie­hungs­kri­se beschrie­ben wer­den kann. Hier­für wäre eigent­lich die uns allen satt­sam bekann­te Film­gat­tung der Bezie­hungs­dra­men und – komö­di­en zustän­dig, um uns sofort mit Film­dia­lo­gen voll­zu­la­bern. Wie man ein­se­hen wird, fehlt es den Wie­ner Heim­tie­ren jedoch an der Mög­lich­keit, sich ver­bal zu artikulieren.

Was ein Segen ist. Weil der begna­de­te Wie­ner Doku­men­ta­rist Ulrich Seidl jetzt tun kann, wofür er berühmt ist, näm­lich dem Bil­der­me­di­um geben, was des Bil­der­me­di­ums ist: Mit dem unter­schwel­li­gen Affekt des Ein­ver­ständ­nis­ses insze­niert er, wie der Mensch es mit dem Tier treibt.

Ganz so schlimm ist es auch nicht: “Tie­ri­sche Lie­be” zeig­te ver­ein­sam­te Men­schen, die ihre gan­ze Sehn­sucht nach Lie­be und Nähe auf ihre Haus­tie­re wer­fen, was zum Teil zu grenz­wer­ti­gen und kaum erträg­li­chen Sze­nen führ­te. Der jun­ge Sand­ler, der sein Leben als Weg­werf­kind in einer Müll­ton­ne begon­nen hat­te, geht mit sei­nem Kanin­chen bet­teln, die trau­ri­ge und etwas affek­tier­te geschei­ter­te Schau­spie­le­rin steigt nur noch mit ihrem Hus­ky ins wei­ße Him­mel­bett, wäh­rend sich das hun­de­be­sit­zen­de Ehe­paar, schmal­brüs­tig und maus­grau, mit Vor­lie­be für Schnul­zen­mu­sik, vor der Kame­ra erfolg­los als von allen mensch­li­chen Zwän­gen “befrei­te” Sex­bes­ti­en zu insze­nie­ren ver­sucht: ein paar Farb­tup­fer aus der Por­no­dose, um die trü­be Exis­tenz wenigs­tens ein biß­chen aufzuhellen.

War das nun Kom­pli­zen­schaft oder Freak­show, bedin­gungs­lo­se Empa­thie oder zyni­sche Aus­beu­tung von Unbe­darf­ten? Genau an die­sem Punkt spal­ten sich die Geis­ter der Seidl-Fans und ‑has­ser. Man­che ver­gli­chen ihn mit der zeit­gleich akti­ven TV-Fil­me­rin Eli­sa­beth T. Spi­ra, deren Serie “All­tags­ge­schich­te” über fast 20 Jah­re hin­weg zum Depri­mie­rends­ten gehör­te, was das öster­rei­chi­sche Fern­se­hen zu bie­ten hat­te. Was eine Min­der­hei­ten­mei­nung ist: depri­mie­rend schien mir die Serie auch des­we­gen, weil sich offen­bar alle Welt dar­auf geei­nigt hat­te, das Gezeig­te unglaub­lich komisch und unter­halt­sam zu fin­den. Immer­hin hat sie mir jeg­li­che Anfäl­lig­keit für “Volks”-Romantik nach­hal­tig ausgetrieben.

Die Repor­ta­gen aus Wie­ner Schre­ber­gär­ten, Bahn­hö­fen, Tröp­ferl­bä­dern und Würst­chen­bu­den schramm­ten nun in der Tat oft hart am Ran­de der selbst­zweck­haf­ten Freak­show vor­bei. Angeb­lich, so wur­de mir ein­mal berich­tet, ließ Spi­ra ihre Assis­ten­ten aus­schwär­men, um auf den jewei­li­gen Schau­plät­zen mög­lichst abge­nu­del­te Deix-Figu­ren und Unter­men­schen ein­zu­sam­meln, denen dann Kame­ra und Mikro unter die Nase gehal­ten wur­den, auf daß sie ein paar aus­wert­ba­re Sager von sich geben. Je unbe­darf­ter, vul­gä­rer oder prol­li­ger, umso bes­ser aus­schlacht­bar. Zurück ließ ihr Team angeb­lich nur ver­brann­te Erde, und die Geschä­dig­ten wür­den fort­an nichts mehr mit Film- und Fern­seh­frit­zen zu tun haben wollen.

Ob das nun so stimmt oder nicht, Tat­sa­che ist, daß Seidl immer betont hat, daß er sich im Gegen­satz zu Spi­ra, mit der er nicht ver­gli­chen wer­den will, stets viel Zeit nimmt, um sei­ne Dar­stel­ler gründ­lich ken­nen­zu­ler­nen und zu befreun­den. Irgend­wann sind sie soweit, für ihn vor lau­fen­der Kame­ra buch­stäb­lich die Hosen her­un­ter­zu­las­sen, und man kann wohl davon aus­ge­hen, daß Seidl, der äußer­lich eher sanft und zurück­hal­tend wirkt, sei­ne mani­pu­la­ti­ven Knif­fe auf Lager hat, um sie dahin zu brin­gen, wo er sie haben will. Der­glei­chen funk­tio­niert nur mit einer gewis­sen Dosis ent­schlos­se­ner Skru­pel­lo­sig­keit, zu der aller­dings mehr oder weni­ger jeder erfolg­rei­che Fil­me­ma­cher befä­higt sein muß. Angeb­lich aber waren die Dar­stel­ler stets mit dem Ergeb­nis auf der Lein­wand zufrie­den, und bereit, erneut mit dem Regis­seur zu arbeiten.

Was vor allem Seidls Doku­men­tar­fil­me der Neun­zi­ger Jah­re so inten­siv und scho­ckie­rend macht, ist die ver­blüf­fen­de Inti­mi­tät und Unge­niert­heit, mit der die Dar­stel­ler vor der Kame­ra agie­ren, gera­de­so, als wür­de sie und das Film­team gar nicht exis­tie­ren. Man hat die Illu­si­on, gera­de­wegs, ohne Fil­ter in die unge­schmink­te Wirk­lich­keit zu bli­cken. Wie die­se Nähe, die film­tech­nisch äußerst schwie­rig zu errei­chen ist, zustan­de kommt, ist das eigent­li­che Arka­num der Seidl’schen Kunst.

Gleich­zei­tig geht sei­ne Kame­ra stets auf opti­sche Distanz. Seidl fängt die mensch­li­chen Selbst­ent­blö­ßun­gen para­do­xer­wei­se in küh­len, durch­kom­po­nier­ten Tableaus ein, ver­mei­det Nah­auf­nah­men und stellt sei­ne Prot­ago­nis­ten oft schwei­gend und still ver­har­rend, gera­de noch an der Kame­ra vor­bei­bli­ckend, in ihre Wohn­zim­mer, auf die Stra­ße oder in die Land­schaft, als wol­le er für einen Augen­blick inne­hal­ten und mit stil­ler Ges­te deu­ten: Ecce homo.

Manch­mal erzeu­gen die Bild­aus­schnit­te eine dif­fu­se, absur­de Komik. Man will lachen, weiß aber nicht so recht war­um. Die Kame­ra ver­bleibt meis­tens starr und abwar­tend, gedul­dig regis­trie­rend – auch dies eine Art der Sti­li­sie­rung. Einen Seidl-Film kann man in der Regel schon nach der ers­ten Ein­stel­lung erken­nen, so aus­ge­prägt ist sei­ne Handschrift.

Seidl beton­te immer wie­der, daß er weder das Gezeig­te noch die Men­schen in sei­nen Fil­men in irgend­ei­ner Wei­se bewer­te. Dies war auch ein Ball, den er ger­ne sei­nen Kri­ti­kern zurück­schupf­te. Damit berei­te­te er vor allem den links­dre­hen­den unter ihnen (und das sind die meis­ten Film­kri­ti­ker) erheb­li­che Ver­dau­ungs­schwie­rig­kei­ten. Gera­de als Lin­ker steht die eige­ne Urteils­kraft stets unter der idea­lis­ti­schen Tyran­nei des­sen, was nach kor­rek­ten Vor­ga­ben sein soll, wel­ches sich immer an dem reibt, was unkor­rek­ter­wei­se tat­säch­lich ist.

Nun kann auch kein Doku­men­tar­film mit voll­kom­me­ner Nüch­tern­heit zei­gen, was“objektiv” ist, auch er hat immer eine gewis­se Hal­tung zu den Din­gen, die man mit gutem Recht und im wei­tes­ten Sinn “mora­lisch” nen­nen kann. Und die­se Hal­tung zeigt sich unter ande­rem schon dar­in, in wel­chem Blick­win­kel und wel­cher Ent­fer­nung der Regis­seur sei­ne Kame­ra aufstellt.

Wäh­rend also der Schmud­del­fak­tor von Seidls Fil­men einen gewis­sen Appeal auf die lin­ken Kri­ti­ker hat­te, blieb oft ein Rest des Unbe­ha­gens: klar, als Lin­ker will man einer­seits “popu­lär” sein, ande­rer­seits will man am Ende doch nicht so genau wis­sen, wie das “Volk” nun eigent­lich tat­säch­lich lebt und denkt. Man fin­det “Eli­ta­ris­mus”, Stan­des­dün­kel oder “Dis­kri­mi­nie­rung” ten­den­zi­ell “faschis­to­id” und will “bür­ger­li­che Vor­ur­tei­le” bekämp­fen, ist dann aber im End­ef­fekt nicht selbstu­mer­zo­gen genug, um das Gezeig­te nicht doch eklig oder abstos­send, lächer­lich oder min­der­wer­tig zu finden.

Also muß wohl der Fil­me­ma­cher dar­an schuld sein, daß die Wirk­lich­keit so ist, wie sie ist, und wenn man so will, kann man ihm nun aller­hand Ver­säum­nis­se aus dem Ideo­lo­gie­fun­dus vor­wer­fen. Ande­re wie­der mei­nen in posi­ti­ver Wen­dung, in Seidls Bil­dern “schla­ge” ihnen der soge­nann­te “all­täg­li­che Faschis­mus ent­ge­gen”, der viel­leicht weder in den Bil­dern, noch im All­tag des “Sys­tems” liegt, son­dern viel­leicht viel eher dort, wo ihn die in der Regel pha­ri­säi­schen Anklä­ger am wenigs­ten ver­mu­ten, näm­lich im eige­nen Kopf, als kon­zep­tu­el­ler clus­ter­fuck.

Wir leben heu­te in einer Zeit der all­um­fas­sen­den Heu­che­lei, ver­ur­sacht durch das all­ge­mein akzep­tier­te lin­ke Ver­bot der “Dis­kri­mi­nie­rung”, des­sen Anspruch weit über den der blo­ßen “Tole­ranz”, also: dem Ertra­gen der Dif­fe­renz oder des Stö­ren­den, hin­aus­geht. Das geht bis zu einem Grad, an dem Wert­ur­tei­le an sich schon in den Ruch des “poli­tisch Inkor­rek­ten” und “Faschis­to­iden” gera­ten kön­nen, es sei denn, sie wer­den auf irgend­ei­nen zum Beschuß frei­ge­ge­be­nen Neger­stamm ange­wen­det, wie etwa “Rech­te”.

Wenn nach Mencken ein Puri­ta­ner jemand ist, der in “der stän­di­gen Angst lebt, irgend­wo könn­te irgend­je­mand Spaß haben”, dann leben die heu­ti­gen PC-Neopu­ri­ta­ner in der stän­di­gen Angst, irgend­wo kön­ne irgend­je­mand irgend­wen “dis­kri­mi­nie­ren”. Mit der Fol­ge, daß sie unun­ter­bro­chen an “Dis­kri­mi­nie­rung” den­ken, und den Bal­ken im eige­nen Auge nicht sehen.

Je stren­ger die Defi­ni­ti­ons­gren­zen der Anti-Dis­kri­mi­nie­rung gezo­gen wer­den, umso mehr erwei­tert sich der Kreis der zu Ver­ur­tei­len­den, denn der Mensch wer­tet, prä­fe­riert und “dis­kri­mi­niert” eben­so unun­ter­bro­chen und unwill­kür­lich, wie er atmet. “Jeder weiß, daß 99% der Mensch­heit Ras­sis­ten sind”, schrieb mir neu­lich ein klu­ger, aber hoff­nungs­los der “post-struk­tu­ra­lis­ti­schen” Gehirn­kor­rup­ti­on ver­fal­le­ner Bekann­ter. Dann wären wir alle Dau­er­sün­der, bis auf ein paar selbst­er­nann­te bea­ti pos­si­den­tes, deren Rein­heit selbst­ver­ständ­lich Fas­sa­de ist, unver­bes­ser­li­che “Ras­sis­ten”, “Sexis­ten” oder “Loo­kis­ten”, und unse­re Gewis­sens­for­schung hät­te kein Ende.

Es ist aller­dings selt­sam in unse­ren Her­zen ver­an­kert, daß wir im Grun­de nur das Unver­dien­te wirk­lich bewun­dern. Schö­ne Frau­en und talen­tier­te Künst­ler bekom­men Kom­pli­men­te für Din­ge, die sie zwar pfle­gen und aus­bau­en kön­nen, deren Sub­stanz aber mehr oder weni­ger ein zufäl­li­ges Got­tes­ge­schenk ist. Wir ver­eh­ren den Gna­den­akt, der sich in ihnen mani­fes­tiert, gleich­zei­tig haben wir gegen­über den weni­ger Glück­li­chen oft dün­kel­haf­te Emp­fin­dun­gen, als wären sie auch noch schul­dig an ihrem Los.

Der Anblick von häß­li­chen, schwach­sin­ni­gen und dum­men Men­schen erzeugt in uns oft Gefüh­le der Beklem­mung, ja Ver­ach­tung und der Pein­lich­keit, die wir zuwei­len mit schlech­tem Gewis­sen bemer­ken, aber doch nie ganz unter­drü­cken kön­nen. Gleich­zei­tig kann der Abwehraf­fekt der Ver­ach­tung umso grö­ßer sein, je mehr uns der pein­li­che Anblick an Mög­lich­kei­ten unse­rer selbst erin­nert: jeder von uns kann eines Tages dort ankom­men, kann häß­lich, arm, infan­til, ver­krüp­pelt, alt und fett wer­den, oder als unge­lieb­ter sab­bern­der Idi­ot in einem Alters­heim enden.

Jeder von uns hat wun­de Punk­te, in jedem von uns sind Vor­zü­ge und Schwä­chen auf oft wider­sprüch­li­che Wei­se ver­teilt. Auf der ande­ren Sei­te ist das Res­sen­ti­ment ein ewi­ger Motor der Welt­ge­schich­te: die Dum­men has­sen die Klu­gen, die Häß­li­chen benei­den die Schö­nen, die Schwa­chen suchen nach Rache an den Star­ken, und auch sie sind alle­samt kei­ne bes­se­ren Menschen.

Ein Buñu­el und ein Paso­li­ni, auch sie abtrün­ni­ge, aber ein­ge­fleisch­te Katho­li­ken wie ihr öster­rei­chi­scher Erbe, wuß­ten das eben­so, wie es heu­te ein Seidl weiß, wobei er sich zwei­fel­los mit Hän­den und Füßen dage­gen sträu­ben wür­de, die künst­le­ri­sche oder auch “huma­nis­ti­sche” Schwe­be des “Nicht-Urtei­lens” auch nur theo­re­tisch ver­las­sen, bzw. gera­de theo­re­tisch nicht zu ver­las­sen, als Schutz­schild, Gefäß der Uto­pie und pro­duk­ti­ve Fik­ti­on. Seidls Inter­net­auf­tritt schmückt auf der Start­sei­te eine iro­ni­sche Fol­ge von Titeln, die man ihm bis­her zuge­dacht hat: “Zyni­ker”, “Pes­si­mist”, “Men­schen­ver­ach­ter”, “Pro­vo­ka­teur”, “Voy­eur” – er selbst sieht sich schlicht als “Regis­seur, Autor und Drehbuchautor”.

Aber letzt­lich muß man gera­de als künst­le­risch emp­find­sa­mer und emp­fäng­li­cher Mensch ein Herz aus Stein und einen Ver­stand wie Kau­tschuk haben, wenn man nie­mals wie Fried­rich Nietz­sche gefühlt hat:

Es gibt Tage, wo mich ein Gefühl heim­sucht, schwär­zer als die schwär­zes­te Melan­cho­lie – die Men­schen-Ver­ach­tung.

Was viel­leicht die Stim­mung ist, in die Jeho­va geriet, als er zu Noahs Zei­ten das ver­un­glück­te Men­schen­ge­schlecht betrach­te­te und, um wie­der rei­nen Tisch machen, von der Erd­plat­te fegen wollte.

Man glaubt Seidl, der in streng katho­li­schen Ver­hält­nis­sen in der nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Pro­vinz im Wald­vier­tel auf­wuchs, ger­ne, daß er sich unter den Men­schen, die er bevor­zugt in sei­nen Fil­men zeigt, wohl und hei­misch fühlt. Außer Zwei­fel steht aller­dings auch, daß er auf sie gleich­zei­tig mit dem Blick des­je­ni­gen schaut, den sei­ne Her­kunft zum Insi­der, sei­ne schar­fe und hoch­sen­si­ble Wahr­neh­mung aber zum Außen­sei­ter macht.

Diet­rich Kuhl­brodt fand Her­zogs oben zitier­te Reak­ti­on auf “Tie­ri­sche Lie­be” ver­klemmt und etwas posenhaft:

Wer­ner Her­zog bekam einen meta­phy­si­schen Schock: “Noch nie habe ich im Kino so gera­de­wegs in die Höl­le geschaut”, bekann­te er nach dem Besuch der “Tie­ri­schen Lie­be”, dann setz­te er sei­nen düs­ter umflor­ten Blick auf und reis­te zu Film­auf­nah­men ins fer­ne Mexi­ko. Wie­der eine die­ser Fluch­ten, bloß weil er nicht bringt, was doch der Hus­ky auf dem Satin­la­ken mit Leich­tig­keit vor­führt: sich die eige­nen Geni­ta­li­en lecken. Aber er hät­te doch ohne wei­te­res Zun­gen­küs­se tau­schen kön­nen, mit dem gro­ßen strup­pi­gen Schmu­se­hund, hier in Wien, im Abbruch­haus auf dem Gelän­de des ehe­ma­li­gen Ver­schie­be­bahn­hofs, hin­ter den hun­dert­tau­send alten Auto­rei­fen, die auf den Abtrans­port nach Alba­ni­en warten.

Franz Holz­schuh, jung, Bett­ler, braucht im kal­ten Win­ter was sehr War­mes. Er, ein Weg­le­ge­kind, im Mist­kü­bel gefun­den und in Erzie­hungs­hei­men groß gewor­den – Franz Holz­schuh also, so hören Sie doch, lie­ber Wer­ner Her­zog, hat Ambi­tio­nen und Visionen.

Das ist natür­lich viel zu ein­fach und zu “nied­lich”, fast schon kit­schig gese­hen, und eine “Flucht” in die trost­lo­se alt­lin­ke Roman­tik des Schwein­igelns, denn Seidls Fil­me ver­brei­ten ganz offen­sicht­lich nicht eine Stim­mung, die sug­ge­riert, daß mit ent­spann­tem Geni­ta­li­en­le­cken und all­ge­mei­ner Ver­kö­te­rung alles in Ord­nung wäre auf der Welt. Ihre pro­vo­ka­ti­ve Wir­kung wäre kaum so stark, wür­de nicht zwi­schen den Zei­len bestän­dig die schmerz­li­che Emp­fin­dung durch­schei­nen, daß mit der gezeig­ten Welt etwas ent­setz­lich schief gelau­fen ist, wobei unge­wiß bleibt, ob die Mise­re in der “Gesell­schaft” liegt oder nicht doch schon in der Schöp­fung selbst.

Her­zogs “meta­phy­si­scher Schock” kam nicht von unge­fähr, und jeder, der über ent­spre­chen­de Anten­nen ver­fügt, wird ihn ange­sichts von Seidls Fil­men ver­spü­ren: gera­de weil in ihm die Men­schen bar jeder Meta­phy­sik erschei­nen, in ihrer nack­ten Krea­tür­lich­keit, Roh­heit, Blind­heit und Bedingt­heit. Und wenn uns ihre Lebens­ent­wür­fe und Selbst­bil­der oft wie trau­ri­ge oder tra­gi­ko­mi­sche Kom­pro­mis­se aus grau­en Deter­mi­niert­hei­ten, bun­ten Selbst­be­lü­gun­gen, prag­ma­ti­schen Halb­hei­ten und gna­den­vol­len Ver­blen­dun­gen erschei­nen, dann müs­sen wir uns selbst fra­gen, ob all dies denn bei jedem ein­zel­nen von uns soviel anders ist.

Je älter man wird, umso demü­ti­ger (was auch heißt: tole­ran­ter) wird man in die­ser Hin­sicht, denn letzt­lich ist “jedes Leben ein geschei­ter­tes Expe­ri­ment” (Dávi­la). Heu­te sitzt jeder unter sei­nem selbst­ge­bas­tel­ten, mit aller­lei hete­ro­ge­nen Ver­satz­stü­cken zusam­men­ge­zim­mer­ten Hüt­chen und Hütt­chen, um den Win­ter der Post­mo­der­ne zu über­dau­ern und der Belie­big­keit stand­zu­hal­ten und die eige­ne Bedeu­tungs­lo­sig­keit und Des­ori­en­tie­rung zu ver­ges­sen. Man könn­te sich nun einen kos­mi­schen Regis­seur vor­stel­len, unter des­sen kal­tem Auge all unse­re Ver­su­che, uns meta­phy­si­sche Dächer zu fabri­zie­ren, dürf­tig, illu­so­risch und komisch erscheinen.

Seidls Fil­me sind auf ihre Wei­se visu­el­le Exer­zi­ti­en in der “katho­li­schen Phi­lo­so­phie der Des­il­lu­sio­nie­rung”, von der T. S. Eli­ot ein­mal sprach. Und doch insze­niert er immer die Abwe­sen­heit der Tran­szen­denz mit, und den schreck­li­chen Riß in der Exis­tenz sei­ner Prot­ago­nis­ten, in dem Ein­sam­keit, Ent­frem­dung und Iso­la­ti­on sicht­bar wer­den, und damit die Sehn­sucht nach Erlö­sung und Liebe.

Wie­der hat es Wer­ner Her­zog am bes­ten auf den Punkt gebracht:

Nie möch­te man in eine Welt gebo­ren sein, die Ulrich Seidl zeigt, und dar­in steckt eine tie­fe Sehn­sucht, eine Utopie.

Die Wahr­heit ist aller­dings, daß wir alle in die Welt gebo­ren sind, die Ulrich Seidl zeigt, und um dies zu ver­mit­teln, muß er wie alle Künst­ler über­trei­ben, ein­sei­tig sein, unge­recht sein, auf die Spit­ze trei­ben, um die Wahr­heit “zur Kennt­lich­keit zu ent­stel­len”. Die Pro­vinz, die er in sei­nem gefei­er­ten Spiel­film­de­büt “Hunds­ta­ge” (2001) zeigt, ist die, aus der auch ich stam­me. Das kras­se Bild, das Seidl von ihr zeich­net, ähnelt aber nur ent­fernt der Welt, in der ich auf­ge­wach­sen bin. Den­noch weiß ich, daß die von ihm gezeig­te Welt gleich­zei­tig exis­tiert, daß die Typen und Gestal­ten rea­le Ent­spre­chun­gen haben, daß der Film ein bit­te­res Stück Wirk­lich­keit zeigt, mit einem Natu­ra­lis­mus, der unter die Haut geht.

Ein Ber­li­ner Freund hielt den Film, durch­aus bewun­dernd, für eine wei­te­re glor­rei­che Mani­fes­ta­ti­on des öster­rei­chi­schen Selbst­has­ses, wie ihn Bern­hard und Jeli­nek berühmt gemacht haben. Ich glau­be aber weder, daß es hier um Selbst­haß, noch, daß es pri­mär um Öster­reich geht. Zwei­fel­los zeigt er eine Gesell­schaft im Zustand der fort­ge­schrit­te­nen Fäul­nis. Aber Seidl zeigt ihre Häß­lich­keit nicht not­wen­di­ger­wei­se, um die Men­schen, die sie tra­gen und in ihr leben, zu denun­zie­ren, son­dern um den “Riß” des “Lebens im Fal­schen” sicht­bar zu machen, der aber doch eher “meta­phy­sisch” als “sozi­al­kri­tisch” akzen­tu­iert ist. Auch hier erweist er sich als auf sei­ne Wei­se christ­li­cher Fil­me­ma­cher: has­se die Sün­de, lie­be den Sünder.

Auch Seidls neu­er Spiel­film “Paradies:Liebe”, der im Janu­ar in den deut­schen Kinos anläuft, ist für die­se Hal­tung exem­pla­risch: er zeigt eine fünf­zig­jäh­ri­ge, über­ge­wich­ti­ge Frau, die sich wäh­rend eines Kenia-Urlaubs von einer unver­hoh­len sex­tou­ris­tisch ori­en­tier­ten Freun­din dazu anstif­ten läßt, sich mit hie­si­gen Gigo­los ein­zu­las­sen, die auf wei­ße “Sugar Mamas” aus Euro­pa spe­zia­li­siert sind. Die­se sind meis­tens älte­re und nicht mehr sehr attrak­ti­ve Frau­en, die von jun­gen, star­ken Män­nern im Bett träumen.

Es ist aber nicht Sex, den die Prot­ago­nis­tin sucht, son­dern eben “wirk­li­che” Lie­be, die bei­lei­be nicht nur am Strand von Kenia eine Fra­ge des Markt­wer­tes ist, und die frei­lich nicht zu haben ist, wo die Regeln des Busi­ness herr­schen. Seidl ver­ur­teilt weder die afri­ka­ni­schen “Beach Boys”, noch die lie­bes­sehn­süch­ti­gen Frau­en, die sich in den Rol­len der Aus­beu­ter und Aus­ge­beu­te­ten abwech­seln. Er scheut sich aber auch nicht, sie in aus­ge­dehn­ten, schwer erträg­li­chen Sze­nen in Situa­tio­nen zu zei­gen, die man nor­ma­ler­wei­se scham­voll zudeckt. Nach zwei Stun­den mag man sich reich­lich fremd­ge­schämt und geekelt haben und von der Ver­zweif­lung der Haupt­fi­gu­ren geschmeckt. Man hat aber vor allem wie­der etwas über die “con­di­tio huma­na” gelernt, und man hat wie­der etwas über das Hin­schau­en gelernt.

Aus einem Werk, das sich als “Spie­gel” ver­steht, kann je nach Tem­pe­ra­ment des­sen, der hin­ein­blickt, aller­hand zurück­bli­cken, was sein Autor selbst viel­leicht nicht so beab­sich­tigt hat. Seidl bezeich­ne­te sei­ne Fil­me ein­mal als “Sit­ten­ge­mäl­de”, und die­se haben von Petro­ni­us Arbi­ter über Boc­cac­cio und Wil­liam Hogarth bis Fel­li­ni und Tom Wol­fe auch stets den Impe­tus gehabt, Ankla­ge zu erhe­ben und Indi­gna­ti­on und die mora­li­schen Urteils­kraft zu wecken. In mei­nem JF-Arti­kel aus dem Jahr 2005 nann­te ich Seidl den “viel­leicht bedeu­tends­ten Chro­nis­ten der zeit­ge­nös­si­schen Deka­denz”, ein Urteil, das ich wei­ter­hin aufrechterhalte.

Fäul­nis. Deka­denz. Das sind star­ke Wor­te, star­ke Wer­tun­gen, gera­de für die erfolg­reich Akkli­ma­ti­sier­ten, die trä­ge abwin­ken, oder die sich allen­falls nur dann noch empö­ren, wenn jemand es wagt, “Aua” zu schrei­en oder auch nur die Stirn zu run­zeln. Auch die Höl­le kann mit eini­ger Gewöh­nung zum Bade­ort wer­den. Die Fil­me von Ulrich Seidl erin­nern mich dar­an, daß wir es nicht dazu kom­men las­sen dür­fen, und auf ihre Wei­se tra­gen auch sie den Keim der Revol­te und der Empö­rung gegen das Leben “im Fal­schen” und in der Lüge mit sich.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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