Identitäre Basisarbeit (4): ein identitäres Magazin

Von 2005 bis 2008 gab der Bloc Identitaire unter dem Titel ID Magazine eine Quartalszeitschrift heraus. Warum es wieder...

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

ein­ge­stellt wur­de, ist nicht klar. Es mag nicht mehr finan­zier­bar gewe­sen sein oder kei­ne Ziel­grup­pe gefun­den haben: Lehr­reich ist es alle­mal, solch ein ambi­tio­nier­tes Pro­jekt zu sich­ten und zu sehen, was die „Köp­fe“ des Bloc vorhatten.

1. Das Heft ist von Anfang an erwart­bar struk­tu­riert: loka­le Nach­rich­ten aus der fran­ko­pho­nen Welt, his­to­ri­sche Arti­keln, die (ver­dich­te­te) Klä­rung von Grund­satz­fra­gen, Inter­views und Repor­ta­gen aus der „Sze­ne“, Musik- und Buch­re­zen­sio­nen sowie der Vor­stel­lung poten­ti­el­ler Rei­se­or­te für iden­ti­tä­re Urlauber.

2. Wenig über­ra­schend ist, daß die meis­ten aktu­el­len Mit­tei­lun­gen der Bericht­erstat­tung zu Fra­gen der Isla­mi­sie­rung und der Mas­sen­ein­wan­de­rung die­nen; dazu gesellt sich der Abdruck von Ver­an­stal­tungs­be­rich­ten und Ter­mi­nen. Bei den his­to­ri­schen Arti­keln, die etwa zur Geschich­te der Römer, Kel­ten, Sky­then oder Spar­ta­nern ver­faßt wer­den, ist erfri­schend deut­lich klar, daß kei­ner­lei Fixie­rung auf die Peri­ode des Zwei­ten Welt­kriegs gege­ben ist.

3. Leit­the­men sind unter ande­rem die Sicher­heits­fra­ge der Ban­lieus, die wahr­ge­nom­me­ne Isla­mi­sie­rung West­eu­ro­pas, eine lin­ke Hege­mo­nie in Medi­en und Kul­tur oder der wenig ver­hei­ßungs­vol­le Aus­blick auf ein Euro­pa in 50 Jah­ren. Beleuch­tet wird von den wenig streit­lus­ti­gen Autoren aber auch der Gehalt der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, die Bedeu­tung des Kon­zepts der Soft Power oder die Fra­ge nach einer zeit­ge­mä­ßen Familienpolitik.

4. Bei den Inter­views und Repor­ta­gen ist über­ra­schend, wie ita­li­en­ori­en­tiert der Bloc in der Anfangs­zeit aus­ge­rich­tet war: Casa Pound erscheint auch hier als das gro­ße Vor­bild, wenn etwa über eine gemein­sa­me Exkur­si­on nach Rom berich­tet wird (in die dor­ti­ge Zen­tra­le der „Faschis­ten des drit­ten Jahr­tau­sends“), und dies durch Inter­views mit CP-Ver­tre­tern ein­ge­rahmt ist. Eine wei­te­re, weit­ge­hend affir­ma­ti­ve Repor­ta­ge trägt die Über­schrift: „Alle iden­ti­tä­ren Wege füh­ren nach Rom“. Typi­scher CP-Stil in der Pra­xis ist auch eine Mahn­wa­che des Blocs zu Ehren des com­mu­nard Augus­te Blan­qui. Blan­qui wird dabei ideo­lo­gisch so spe­zi­fisch rezi­piert, daß er sich als Sym­bol des hart­nä­cki­gen Durch­hal­te­wil­lens für die gegen­wär­ti­ge iden­ti­tä­re Sache ein­neh­men läßt.

Heu­te ist anzu­neh­men, daß sich das über­wie­gend posi­ti­ve Bild der iden­ti­tä­ren Fran­zo­sen in bezug auf die Casa­po­un­dis­ten nach 2007/08 geän­dert hat. In einem Inter­view, das in der aktu­el­len Aus­ga­be der Blau­en Nar­zis­se erscheint, distan­ziert sich der befrag­te Bloc-Akti­vist dem­entspre­chend von dem Casa-Pound-Eti­kett „faschis­tisch“, äußert sich auf die Nach­fra­ge zu CP ansons­ten nicht und lobt statt­des­sen rea­li­täts­na­he Initia­ti­ven der Schwei­zer Volks­par­tei (SVP).

5. Die­se Wen­de zum Prag­ma­ti­schen und den kon­kre­ten Lebens­be­din­gun­gen der Fran­zo­sen, bei Ver­mei­dung jed­we­der ideo­lo­gi­scher Fest­le­gung auf ideen­ge­schicht­li­che Vor­bil­der, erscheint bei den Bücher- und Autoren­vor­stel­lun­gen zwi­schen 2005 und 2008 noch nicht aus­ge­bil­det zu sein. Gleich­wohl auch der slo­we­ni­sche Links­in­tel­lek­tu­el­le Sla­voj Žižek oder ande­re Autoren, die nicht dem „iden­ti­tä­ren“ Lager zuzu­rech­nen sind, dis­ku­tiert und rezen­siert wer­den, über­wie­gen Autoren wie Alain de Benoist, Jean Ras­pail, Charles Péguy, Knut Ham­sun oder José Stre­el. Bei der Musik ver­hält es sich ähn­lich. Auch hier gibt es zwar Bespre­chun­gen von Plat­ten eines James Blunt oder den Drop­kick Murphy’s, signi­fi­kant ist aber wie­der­um die nahe­lie­gen­de Ori­en­tie­rung auf das „eige­ne“ Lager. Fast in jeder Aus­ga­be wird auf die iden­ti­tä­re Haus­band Hôtel Stel­la, aber auch auf fran­zö­si­schen, ita­lie­ni­schen oder spa­ni­schen Rechts­rock der radi­ka­le­ren Sze­ne ver­wie­sen. Über­durch­schnitt­lich prä­sent ist Zeta­ze­ro­al­fa (ZZA), eine qua­li­ta­tiv wohl eher mäßi­ge Band um Gian­lu­ca Ian­no­ne –Prä­si­dent Casa Pounds –, die von den fran­zö­si­schen Iden­ti­tä­ren geschätzt zu wer­den scheint, denn neben den CD-Bespre­chun­gen wer­den auch gemein­sa­me Kon­zer­te von Hôtel Stel­la und ZZA beworben.

6. Die Locker­heit des Tons, die mit­tels dem Streif­zug durch die Welt der Bücher und der Musik for­ciert wird, erfährt Unter­stüt­zung durch kurz­wei­li­ge Rei­se­emp­feh­lun­gen, die sich von Ber­lin über das Bas­ken­land bis nach Viet­nam oder Peking erstre­cken. Immer wie­der wird auch der Bereich der Poli­tik ver­las­sen, wenn über Fußball(fan)kultur oder die im Mit­tel­meer­raum äußerst belieb­ten Anis­schnäp­se berich­tet wird: Das Anisée-Vanil­le­pud­ding-Rezept steht im Heft also neben dem Inter­view mit dem poli­ti­schen Lie­der­ma­cher „Skoll“, ein Auf­satz über die Viel­fäl­tig­keit der Erd­bee­re neben einer Abhand­lung über den dro­hen­den Guer­re eth­ni­que oder einer (selbst-)kritischen Beschäf­ti­gung mit der zeit­ge­nös­si­schen Ernäh­rung („Sag mir was Du ißt, und ich sag Dir, wer Du bist“).

Eine von man­chen deutsch­spra­chi­gen Kom­men­ta­to­ren bemän­gel­te unre­flek­tier­te „Geert-Wil­ders-“ oder „PI-Ten­denz“ kann – zumin­dest anhand des iden­ti­tä­ren Maga­zins zwi­schen 2005 und 2008 – nicht dia­gnos­ti­ziert wer­den, obschon es auf­fäl­lig ist, daß die Mel­dun­gen aus der fran­ko­pho­nen Welt fast aus­nahms­los Fra­gen der Isla­mi­sie­rung the­ma­ti­sie­ren. Dem­ge­gen­über behan­delt ein Autor glei­cher­ma­ßen kri­tisch „Ame­ri­ka­ni­sie­rung und Isla­mi­sie­rung“, fer­ner sind Ver­ris­se der „Neocon“-Politik Geor­ge W. Bushs eben­so zu fin­den wie eine posi­ti­ve Reak­ti­on auf einen Wahl­sieg Hugo Cha­vez’, was eine vor­ei­li­ge Ein­ord­nung in die bedin­gungs­los pro­west­lich-anti­is­la­mi­sche Sze­ne nicht unbe­dingt empfiehlt.

Sum­ma sum­ma­rum ist das Maga­zin vom selbst­ge­steck­ten geis­ti­gen Anspruch frei­lich nicht mit den Theo­rie­or­ga­nen der Nou­vel­le Droi­te – élé­ments, Nou­vel­le Eco­le – zu ver­glei­chen. ID Maga­zi­ne war ein Peri­odi­kum für das sich for­mie­ren­de iden­ti­tä­re Milieu, das Nach­rich­ten mit kur­zen Grund­la­gen­ar­ti­keln, „iden­ti­tä­rem Life­style“ sowie Neu­ig­kei­ten aus Musik und Lite­ra­tur kombinierte.

Heu­te gibt es kein ver­gleich­ba­res Organ des Blocs. Bewor­ben wer­den aber einer­seits Livr’Arbitres, ein Theo­rie­heft mit Rezen­si­ons­spar­te, das zumin­dest aus dem Bloc-Umfeld stammt. Und es exis­tiert eine 2011 erschie­ne­ne Pre­mie­ren­aus­ga­be der Ori­en­ta­ti­ons Iden­ti­taires zu der Fra­ge einer post­na­tio­na­lis­ti­schen Stand­ort­be­stim­mung, in der die trip­le appar­ten­an­ce beschwo­ren wird: Die Fokus­sie­rung auf Regi­on, Nati­on und Euro­pa. Ob die Einig­keit stif­ten sol­len­de Akti­on in Bäl­de durch fri­sche theo­re­ti­sche Fun­die­rung ergänzt wird, ist offen. Bedeu­ten­de Dis­kus­sio­nen hat es aber – ver­mut­lich gemäß dem Wil­len der Macher und ihrer Maxi­me „Reden spal­tet, Akti­on ver­bin­det“ – im lei­der kurz­le­bi­gen ID Maga­zi­ne schon nicht gegeben.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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