Aus dem Archiv gehoben: Richard Millet über Terrorismus und Literatur

(Im Netz-Tagebuch veröffentlicht am 27. November 2012, jetzt wieder aktuell aufgrund einer Diskussion über die eben auf Deutsch erschienen Essays Richard Millets)

Unmittelbar nach der Tat bezeichnete der deutsche Komponist Karlheinz Stockhausen den Terroranschlag vom 11. September 2001 als "das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat". Den Zusatz "jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen" vorausgeschickt, sagte er im Wortlaut:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Daß also Geis­ter in einem Akt etwas voll­brin­gen, was wir in der Musik nie träu­men könn­ten, daß Leu­te zehn Jah­re üben wie ver­rückt, total fana­tisch, für ein Kon­zert. Und dann ster­ben. Und das ist das größ­te Kunst­werk, das es über­haupt gibt für den gan­zen Kos­mos. Stel­len Sie sich das doch vor, was da pas­siert ist. Das sind also Leu­te, die sind so kon­zen­triert auf die­ses eine, auf die eine Auf­füh­rung, und dann wer­den fünf­tau­send Leu­te in die Auf­er­ste­hung gejagt. In einem Moment. Das könn­te ich nicht. Dage­gen sind wir gar nichts, also als Kom­po­nis­ten. … Ein Ver­bre­chen ist es des­halb, weil die Men­schen nicht ein­ver­stan­den waren. Die sind nicht in das Kon­zert gekom­men. Das ist klar. Und es hat ihnen nie­mand ange­kün­digt, ihr könn­tet dabei draufgehen.

Stock­hau­sen kam damit trotz gro­ßer Empö­rung gera­de noch davon – als Abge­sand­ten des Siri­us schütz­te ihn die Nar­ren­frei­heit des Avant­gar­dis­ten. Kurz dar­auf erreg­te auch der post­mo­der­ne Phi­lo­soph Jean Baudril­lard erheb­li­che Irri­ta­ti­on, als er in einem Arti­kel für die Tages­zei­tung Le Mon­de den Ter­ror­an­schlag als eine Art Hyper-Event, als “Mut­ter aller Events” beschrieb. Wäh­rend noch alle Welt unter Schock stand, und in Deutsch­land betap­pert “Wir sind alle Ame­ri­ka­ner!” gestam­melt wur­de, ver­such­te Baudril­lard, die Tat mit kal­tem Auge als Mene­te­kel und Sym­bol zu lesen, als Ern­te der Dra­chen­saat eines selbst­zer­stö­re­ri­schen Westens.

Der Spie­gel inter­view­te Baudril­lard zu die­sen Thesen:

SPIEGEL: Mon­sieur Baudril­lard, Sie haben die Atten­ta­te vom 11. Sep­tem­ber in New York und Washing­ton als das “abso­lu­te Ereig­nis” beschrie­ben. Sie haben die USA beschul­digt, durch ihre uner­träg­li­che hege­mo­nia­le Über­macht den unwi­der­steh­li­chen Wunsch nach ihrer Zer­stö­rung zu wecken. Jetzt, wo die Herr­schaft der Tali­ban kläg­lich zusam­men­ge­bro­chen ist, Bin Laden nichts mehr als ein gehetz­ter Flücht­ling ist, ­ müs­sen Sie nicht alles widerrufen?

Baudril­lard: Ich habe nichts ver­herr­licht, nie­man­den ange­klagt und nichts gerecht­fer­tigt. Man darf den Bot­schaf­ter nicht mit sei­ner Kun­de ver­wech­seln. Ich bemü­he mich, einen Pro­zess zu ana­ly­sie­ren: den der Glo­ba­li­sie­rung, die durch ihre schran­ken­lo­se Aus­deh­nung die Bedin­gun­gen für ihre eige­ne Zer­stö­rung schafft.

SPIEGEL: Len­ken Sie damit nicht ein­fach ab von der Tat­sa­che, dass iden­ti­fi­zier­ba­re Ver­bre­cher und Ter­ro­ris­ten für die Anschlä­ge ver­ant­wort­lich sind?

Baudril­lard: Natür­lich gibt es han­deln­de Akteu­re, aber der Geist des Ter­ro­ris­mus und der Panik reicht weit über sie hin­aus. Der Krieg der Ame­ri­ka­ner kon­zen­triert sich auf ein sicht­ba­res Objekt, das sie zer­schmet­tern möch­ten. Doch das Ereig­nis vom 11. Sep­tem­ber in all sei­ner sym­bo­li­schen Bedeu­tung lässt sich so nicht aus­lö­schen. Die Bom­ben auf Afgha­ni­stan sind eine völ­lig unzu­läng­li­che Ersatzhandlung.

SPIEGEL: War­um kön­nen Sie nicht ein­fach akzep­tie­ren, dass die Zer­stö­rung des World Tra­de Cen­ter die will­kür­li­che, irra­tio­na­le Tat eini­ger ver­blen­de­ter Fana­ti­ker war?

Baudril­lard: Eine gute Fra­ge, aber selbst wenn es sich um eine blo­ße Kata­stro­phe gehan­delt hät­te, blie­be die sym­bo­li­sche Bedeu­tung des Ereig­nis­ses erhal­ten. Nur so erklärt sich auch sei­ne Fas­zi­na­ti­on. Hier ist etwas gesche­hen, das bei wei­tem den Wil­len der Akteu­re über­steigt. Es gibt eine uni­ver­sel­le All­er­gie gegen eine end­gül­ti­ge Ord­nung, gegen eine end­gül­ti­ge Macht, und die Zwil­lings­tür­me des World Tra­de Cen­ter ver­kör­per­ten die­se end­gül­ti­ge Ord­nung in voll­kom­me­ner Weise.

SPIEGEL: Dem­nach erklä­ren Sie den ter­ro­ris­ti­schen Wahn als unaus­weich­li­che Reak­ti­on auf ein Sys­tem, das selbst grö­ßen­wahn­sin­nig gewor­den ist?

Baudril­lard: Das Sys­tem selbst in sei­nem tota­len Anspruch hat die objek­ti­ven Bedin­gun­gen die­ses furcht­ba­ren Gegen­schlags geschaf­fen. Der imma­nen­te Irr­sinn der Glo­ba­li­sie­rung bringt Wahn­sin­ni­ge her­vor, so wie eine unaus­ge­gli­che­ne Gesell­schaft Delin­quen­ten und Psy­cho­pa­then erzeugt. In Wahr­heit sind die­se aber nur die Sym­pto­me des Übels. Der Ter­ro­ris­mus ist über­all, wie ein Virus. Er braucht Afgha­ni­stan nicht als Heimstatt.

Irgend­wo in der Mit­te zwi­schen Baudril­lard und Stock­hau­sen stos­sen wir auf den öster­rei­chi­schen Künst­ler und Medi­en­theo­re­ti­ker Peter Wei­bel, der vor einem Jahr in einem Inter­view mit dem Stan­dard das Auf­tre­ten von Amok­läu­fern und Atten­tä­tern in Euro­pa als Sym­pto­me eines zer­fal­len­den Sys­tems deutete:

  Das Pro­blem ist: Je län­ger es dau­ert, bis das Sys­tem implo­diert, des­to höher sind die Kos­ten. Die Armut wird stei­gen, damit steigt in der Gesell­schaft das Kon­flikt­po­ten­ti­al. Den­ken wir doch nur an die Atten­ta­te in Nor­we­gen und Lüt­tich. Man kann es sich ein­fach machen und sagen: Anders Bre­vik und Nor­di­ne Amra­ni sind geis­tes­kran­ke Indi­vi­du­en. Aber die­se Atten­tä­ter nah­men Ten­den­zen, Slo­gans, Gedan­ken­gut auf. Bre­vik hat ein Mani­fest mit 1500 Sei­ten geschrie­ben. Und durch ihre psy­chi­sche Kon­di­ti­on wur­de die­ses Gedan­ken­gut ver­zerrt. Amra­ni und Bre­vik hät­ten es aber nicht ver­zer­ren kön­nen, wenn nicht etwas zum Ver­zer­ren da gewe­sen wäre. Jetzt ver­sucht man, Men­schen wie Bre­vik zu iso­lie­ren – und über­sieht, dass das Patho­lo­gi­sche nicht in ihnen, son­dern in der Gesell­schaft ist. Sie sind nur das Fie­ber­ther­mo­me­ter. Wenn wir nicht bald eine Lösung fin­den, wer­den sol­che Atten­ta­te zuneh­men. Und das wäre für mich ein Sym­ptom für die sich abzeich­nen­de Insta­bi­li­tät des Systems.

Wei­bel ist ein Vete­ran des “Wie­ner Aktio­nis­mus” - man begeg­net ihm auch als Gesprächs­part­ner Lutz Damm­becks in des­sen legen­dä­rer Doku­men­tar­stu­die “Das Meis­ter­spiel” (1998), die unter ande­rem die alte Fra­ge der Avant­gar­de nach dem Auf­bre­chen und Spren­gen der tra­di­tio­nel­len Gren­zen der Kunst umkreiste.

Im Zen­trum des Films stand ein Akt von ästhe­ti­schem “Ter­ro­ris­mus”: Ein unbe­kann­ter Täter war im Sep­tem­ber 1994 in das Ate­lier des als “Über­ma­ler” frem­der Gemäl­de bekannt gewor­de­nen Arnulf Rai­ner ein­ge­drun­gen, und hat­te des­sen Bil­der sei­ner­seits mit schwar­zer Far­be über­malt (wie übri­gens auch ein­mal der “Por­no­jä­ger” Mar­tin Humer ein Bild von Otto Mühl “zuge­nitscht” hat), eines davon mit der Per­si­fla­ge eines Sat­zes aus der Auto­bio­gra­phie eines bekann­ten ver­hin­der­ten Künst­lers ver­se­hen, der sich spä­ter unter ande­rem in der “Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik”  einen Namen gemacht hat, in gro­ßen roten Lettern:

Und da beschloß er, Aktio­nist zu sein.

Etwa ein Jahr spä­ter wur­de der Poli­zei ein “Beken­ner­schrei­ben” zuge­sandt, in der Tat eine kennt­nis­rei­che, mani­fes­t­ar­ti­ge Fun­da­men­tal­kri­tik bestimm­ter Ten­den­zen der moder­nen Kunst. Ob tat­säch­lich der Autor des Trak­tats mit dem Über­ma­ler des Über­ma­lers iden­tisch war, bleibt bis heu­te unge­klärt (man­che ver­mu­ten, daß nie­mand anders als Rai­ner selbst hin­ter der Akti­on steckte).

Zeit­gleich wur­de Öster­reich von einer geheim­nis­vol­len Brief­bom­ben­se­rie mit frem­den­feind­li­chem Hin­ter­grund heim­ge­sucht, die eben­falls von Mani­fes­ten (und sogar schwar­zen Text­ta­feln) beglei­tet wur­de. Das führ­te Damm­beck zu der Fra­ge, ob es sich hier­bei nicht auch um eine Art von blu­ti­ger “Kon­zept­kunst” han­deln könne.

 

Der 1953 gebo­re­ne fran­zö­si­sche Roman­cier und Essay­ist Richard Mil­let steht also mit sei­nem im August des Jah­res erschie­ne­nen Essay mit dem irri­tie­ren­den Titel “Lite­ra­ri­sche Lob­re­de auf Anders Brei­vik” durch­aus in einer lan­gen intel­lek­tu­el­len Tra­di­ti­on. Im Gegen­satz zu Stock­hau­sen und Baudril­lard ist er aber nicht bloß mit einem blau­en Auge davongekommen.

Alain de Benoist berich­te­te über die mas­si­ve media­le Dif­fa­mie­rungs- und Aus­gren­zungs­kam­pa­gne, die wider Mil­let ein­setz­te, und ihn schließ­lich sei­ne Posi­ti­on als Lek­tor von Gal­li­mard kos­te­te (unter ande­rem hat­te er die Her­aus­ga­be des Schla­gers Die Wohl­ge­sinn­ten von Jona­than Lit­tell maß­geb­lich mitverantwortet).

Über den Inhalt des Essays gelo­gen wur­de auch in der deut­schen Pres­se, die Mil­let übri­gens bis­her recht wohl­ge­son­nen (no pun inten­ded) war. Sei­nen Roman Die drei Schwes­tern Pia­le (1998) pries die Süd­deut­sche Zei­tung als „Kunst­werk von sel­te­ner Geschlif­fen­heit und Ele­ganz“, und die Zeit lob­te Der Stolz der Fami­lie Pyth­re (2001) für sei­ne „kla­re und leuch­ten­de Spra­che“. Die Spra­che und ihr Ver­fall zur Scha­blo­ne der “All­ge­mein­hei­ten” ist ein wesent­li­ches The­ma Mil­lets: so sei­nes Groß­essays “Lan­gue Fan­tô­me” (Phan­tom­spra­che), zu dem die “Élo­ge lit­tér­ai­re” nur eine kur­ze Bonus­bei­ga­be ist (bei­de Tex­te sind neben wei­te­ren Essays nun erschie­nen im Ver­lag Antai­os: Ver­lo­re­ne Pos­ten. Schrift­stel­ler, Wald­gän­ger, Par­ti­san)

In der Tat wird bei der Lek­tü­re des inkri­mi­nier­ten Tex­tes schnell klar, daß der Titel nicht nur iro­nisch, son­dern gera­de­wegs sar­kas­tisch gemeint ist: in einer Zeit, in der die Spra­che, die Kul­tur und die Lite­ra­tur mas­siv ver­fal­len und zer­stört wer­den, kann man auch einen destruk­ti­ven Akt wie den Brei­viks als “lite­ra­risch” bezeich­nen. Den Begriff der “Lite­ra­tur” faßt Mil­let dabei recht weit, gebraucht ihn gera­de­zu syn­onym mit “Kul­tur” selbst. In sei­nem Essay schreibt er:

Die Herr­schaft der Zahl, der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, die Hori­zon­ta­li­tät, der Tau­mel der Erschöp­fung und der Ver­lust des Sinns, sowie das, was Ren­aud Camus die “Ent­zi­vi­li­sie­rung” nennt, zusam­men mit sei­nem Korol­la­ri­um, dem “gro­ßen Bevöl­ke­rungaus­s­tausch”: all dies bedeu­tet die Nie­der­la­ge der Literatur.

In der aktu­el­len Jun­gen Frei­heit (48/12) fin­det sich ein lesen­wer­tes Inter­view mit Mil­let, in dem er den Hin­ter­grund sei­nes Auf­sat­zes erläutert:

Man muß sich dem Abscheu­li­chen stel­len, dem Unent­schuld­ba­ren. Dos­to­jew­ski lie­fer­te in den „Dämo­nen“ sehr gute Por­träts von Mons­tern, Tru­man Capo­te in „Kalt­blü­tig“. Von Brei­vik zu spre­chen bedeu­tet also eine Metho­de, um vom Bösen zu spre­chen. Ist das nicht die Auf­ga­be des Schriftstellers? (…)

Brei­vik ist ein ver­fehl­ter Schrift­stel­ler – er selbst defi­nier­te sich im Lau­fe sei­nes Pro­zes­ses als Schrift­stel­ler. Mei­ne „Elo­ge“ ist offen­sicht­lich iro­nisch. Brei­vik sym­bo­li­siert den Tod der euro­päi­schen Kul­tur. Ich woll­te zei­gen, daß Lite­ra­tur und noch viel mehr Kul­tur im Abend­land kei­nen Wert mehr besit­zen und daß es der Tod der­sel­ben ist, der das Vor­drin­gen des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ermög­licht. Brei­vik und der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ver­kör­pern den Tod der Lite­ra­tur inso­weit, als daß letz­te­re eine der geho­bens­ten Aus­drucks­for­men die­ser Kul­tur ist.

Brei­vik und sein alge­risch-isla­mi­sches Pen­dant Moham­med Merah, der im März 2012 in Frank­reich sie­ben Men­schen erschoß, dar­un­ter drei jüdi­sche Kin­der, nennt er

.… Kri­mi­nel­le, die die Schuld ver­bre­che­ri­schen Den­kens zu Fra­gen der Nati­on und der Zivi­li­sa­ti­on tra­gen. Wäh­rend Merah zum Dunstkreis
des inter­na­tio­na­len isla­mi­schen Ter­ro­ris­mus gehört und Brei­vik zur Deka­denz, die er anpran­gert, so sind doch bei­de das Sym­bol eines Bür­ger­kriegs. Eines Bür­ger­krie­ges, der noch nicht benannt wur­de, weil das die Pro­pa­gan­da untersagt.

Den­noch ist er real: Die fran­zö­si­schen Vor­städ­te befin­den sich in der Gewalt von Jugo­sla­wen oder Liba­ne­sen, da hier das Gesetz der Repu­blik von Immi­gran­ten und ein­hei­mi­schen Tau­ge­nicht­sen, die kei­ner­lei Wunsch zur Inte­gra­ti­on haben, zum Ver­sa­gen gebracht wird. Wenn Sie bewaff­ne­te Sol­da­ten­pa­trouil­len in der U‑Bahn, auf Bahn­hö­fen, im Hof des Lou­vre sehen, glau­ben Sie das sei Dis­ney­land? Nein, sie sind die Kon­se­quenz des isla­mis­ti­schen Ter­rors und der pas­si­ven Anwe­sen­heit der Mos­lems, die den Isla­mis­mus auf hie­si­gem Boden mehr oder weni­ger begünstigen.

Nicht anders also als der oben zitier­te Peter Wei­bel hebt Mil­let in sei­nem umstrit­te­nen Essay her­vor, daß es sich bei dem Atten­tä­ter um einen geschei­ter­ten Autor han­delt, als Ver­fas­ser eines “nai­ven” 1,500-seitigen “Pas­te & Copy”-Kompendiums, des­sen Mach­art ein durch und durch “wiki­pe­di­sier­tes” Gehirn erken­nen läßt. Sei­ne Tat habe eine gewis­se “for­ma­le Per­fek­ti­on” gezeigt, lan­ge vor­be­rei­tet und wohl durch­dacht in Bezug auf das, was sie mit Blut und Mas­sen­mord “kom­mu­ni­zie­ren” woll­te – durch­aus ver­gleich­bar mit der prä­zi­se gewähl­ten Sym­bo­lik der Zie­le des “9/11”-Attentats.

Und wie Wei­bel sieht auch Mil­let Brei­vik als Aus­ge­burt und Spie­gel einer patho­lo­gi­schen Gesell­schaft, als “Sym­ptom für die sich abzeich­nen­de Insta­bi­li­tät des Systems”:

Brei­vik  ist in ers­ter Linie ein exem­pla­ri­sches Pro­dukt der abend­län­di­schen Deka­denz im Habi­tus eines ame­ri­ka­ni­sier­ten Klein­bür­gers… Er ist nicht nur das Kind der Zer­rüt­tung der Fami­lie, son­dern auch des ideo­lo­gisch-eth­ni­schen Bruchs, den die außer­eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rung nach Euro­pa über fünf­zig Jah­re hin­weg ver­ur­sacht hat, und der lan­ge vor­be­rei­tet wur­de durch die Ein­wir­kung der ame­ri­ka­ni­schen Mas­sen­un­kul­tur, der ulti­ma­ti­ven Kon­se­quenz des Mar­shall­pla­nes: des Pla­nes einer abso­lu­ten Herr­schaft des glo­ba­li­sier­ten Mark­tes, der Euro­pa ent­his­to­ri­siert, auf der wirt­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und ohne Zwei­fel auch eth­ni­schen Ebene. (…)

Gleich Baudril­lard sieht er in dem Ter­ror­akt das grau­sa­me Wir­ken der Neme­sis, die sich das Sys­tem durch sei­nen eige­nen Wahn­sinn und sei­ne Maß­lo­sig­keit selbst her­auf­be­schwo­ren hat:

Brei­vik ist zwei­fel­los das, was Nor­we­gen ver­dien­te und was unse­re Gesell­schaf­ten erwar­tet, die sich unab­läs­sig blind stel­len, um sich bes­ser selbst ver­leug­nen zu können. (…)

Der Som­mer (2011) brach­te uns die Nukle­ar­ka­ta­stro­phe von Fuku­shi­ma, das Abglei­ten der inter­na­tio­na­len Poli­tik in die Lächer­lich­keit durch die Affä­re Strauss-Kahn, dem sozio-pria­pi­schen Ter­ro­ris­ten und bis­her unge­wür­dig­ten Gegen­stück zu dem christ­de­mo­kra­ti­schen Ero­to­ma­nen Ber­lus­co­ni, und, am Mor­gen nach dem Mas­sa­ker von Utoya, den Tod von Amy Wine­house, der Brei­vik bei­na­he die Schau stahl, vor allem aber den vul­kan­ar­ti­gen Aus­bruch einer Finanz­kri­se, die seit dem Jahr 2008 vor sich hin­schwel­te, und die momen­tan dabei ist, Euro­pa end­gül­tig in die Knie zu zwingen.

Daß eine Finanz­kri­se die­ses Aus­ma­ßes auch den Bank­rott der Zivi­li­sa­ti­on selbst offen­bart, wol­len nur die Schwach­köp­fe nicht sehen.  Brei­vik ist, soviel steht fest, ein ver­zwei­fel­tes und ent­mu­ti­gen­des Sym­bol für die euro­päi­sche Unter­schät­zung der Ver­hee­run­gen des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus; auch das Sym­bol einer Nie­der­la­ge des Geis­tes vor dem Pro­fit des Gel­des. Die finan­zi­el­le Kri­se ist eine Kri­se des Sinns, der Wer­te, also auch der Literatur.

Mil­let ver­zeich­net in die­sem Zusam­men­hang die seit etwa zwei Jahr­zehn­ten anstei­gen­de Aus­brei­tung von Mas­sen­mor­den “ame­ri­ka­ni­schen” Stils (sozu­sa­gen “à la Colum­bi­ne”) gera­de in jenen (nord-)europäischen Län­dern, die lan­ge Zeit als sozi­al und poli­tisch sta­bil gal­ten: Eng­land, Schweiz, Frank­reich, Deutsch­land und Finnland.

Dabei sieht Mil­let in Brei­vik nun durch­aus kei­nen “War­hol des Anti-Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus”, der nur auf sei­ne 15 Minu­ten Ruhm aus gewe­sen sei und “l’art pour l’art” betrie­ben hätte:

Weit ent­fernt, ein Kon­zept­künst­ler zu sein, glaub­te Brei­vik nicht an das, was Baudril­lard die “Dupli­zi­tät” der zeit­ge­nös­si­schen Kunst nann­te, mit ihrem Bekennt­nis zur “Nich­tig­keit, zur Bedeu­tungs­lo­sig­keit, zum Non-sens, da man ja bereits nich­tig ist”  – die in der Tat jeg­li­chen künst­le­ri­schen und exis­ten­zi­el­len Ansatz zunich­te macht. (…)

Er hat auch nicht bloß jene nach Bre­ton ein­fachs­te sur­rea­le Ges­te nach­voll­zo­gen, die dar­in bestehe, “wahl­los mit dem Revol­ver in die Men­ge zu feu­ern”; er hat auch nicht Cior­an beim Wort genom­men, der ein­mal schrieb, daß jeder Mensch, der noch bei Sin­nen ist, schon auf­grund der Tat­sa­che, sich auf einer Stra­ße zu befin­den, Aus­rot­tungs­ge­lüs­te bekom­men müs­se. Bei­de Sen­ten­zen, sowohl Ciorans und als auch Bre­tons, wur­den bis­her viel zu wenig vor dem Unter­grund der Krie­ge und Geno­zi­de des 20. Jahr­hun­derts gele­sen, mit Ador­nos Dik­tum vom Ende der Kul­tur “nach Ausch­witz” im Hinterkopf.

Die Aus­rot­tung als lite­ra­ri­sches Motiv: das ist das Unrecht­fer­tig­ba­re schlecht­hin, und die­ses beinhal­tet die von Brei­vik indi­rekt (und gewiß unbe­ab­sich­tigt) auf­ge­roll­te Fra­ge nach dem Pro­blem der glo­ba­len Über­be­völ­ke­rung und der öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe, die sich ver­kop­pelt mit jener nach der demo­gra­phi­schen Ent­völ­ke­rung Euro­pas und der Zer­stö­rung der Homo­ge­ni­tät der euro­päi­schen Gesell­schaf­ten, wie in Nor­we­gen, Finn­land, Schwe­den, Däne­mark, Hol­land, alle­samt Län­der, in denen jene, die man scham­haft als Popu­lis­ten bezeich­net, in die Regie­run­gen gewählt wurden. (…)

Mil­let sieht einen engen Zusam­men­hang zwi­schen dem bio­lo­gi­schen Tod Euro­pas und dem vor­an­ge­hen­den Tod sei­ner See­le durch den Mate­ria­lis­mus und die Ver­leug­nung und Demon­ta­ge sei­ner Iden­ti­tät. Auch im JF-Inter­view fin­det er hier­für dras­ti­sche, har­te Worte:

Die Euro­pä­er bekla­gen per­ma­nent ihr Schick­sal. Spricht man zu ihnen von Zivi­li­sa­ti­on, ant­wor­ten sie mit Öko­no­mie, sozi­al und ethisch, das heißt mit all­täg­lichs­tem Mate­ria­lis­mus. Sie sind ver­fehl­te Ame­ri­ka­ner so wie Brei­vik ein ver­fehl­ter Autor ist. Von dem Moment an, wo man sich selbst ver­leug­net, egal ob Fran­zo­se, Deut­scher oder Euro­pä­er, begibt man sich in eine frei­wil­li­ge Skla­ve­rei, voll­zieht die Unter­wer­fung der Gegen­wart unter die Irrea­li­tät. Man selbst zu sein wird eine Art Schändlichkeit.

Wür­de ist das Emp­fin­den für das, was man denen schul­det, die uns vor­aus­ge­gan­gen sind, deren Erbe, die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on, wir über­nom­men haben und deren Wur­zeln christ­lich sind. Hat nicht Geor­ges Bernanos gesagt, daß die moder­ne Zivi­li­sa­ti­on eine Ver­schwö­rung gegen jed­we­de Art von geis­ti­gem Leben ist?

Und er betont den bit­te­ren Preis, den in Frank­reich jeder zah­len muß, der es wagt, sich die­sem The­men­kom­plex abseits der vor­ge­schrie­be­nen Sprach­re­ge­lun­gen zu nähern:

Die Gegen­warts­li­te­ra­tur kann sich damit nur unter der Maß­ga­be der poli­ti­schen Kor­rekt­heit beschäf­ti­gen. Zu vie­le Jour­na­lis­ten fürch­ten die Jus­tiz, falls sie sich sol­cher The­men anneh­men. Die Dar­stel­lung des Aus­län­ders, des Migran­ten, des ille­ga­len Ein­wan­de­rers muß expli­zit stark posi­tiv erfol­gen. Sagen Sie etwas ande­res, lau­fen Sie Gefahr, als Faschist, ein ande­res Wort für Ras­sist, beschimpft zu wer­den, was gro­tesk ist. Die Zen­sur hat ihre Form geän­dert: stän­di­ge Selbst­zen­sur und Unter­wer­fung unter die Welt-Ideo­lo­gie, post-ras­sis­tisch, post­mensch­lich. Die weni­gen Intel­lek­tu­el­len, die es wagen, das Gegen­teil zu den­ken – Alain Fin­kiel­kraut, Ren­aud Camus, Robert Rede­ker, ich selbst – wer­den vom größ­ten Teil der Medi­en gehaßt.

 

Buch­emp­feh­lun­gen: Frank Lis­son: Die Ver­ach­tung des Eige­nen, Fjor­d­man: Euro­pa ver­tei­di­gen und natür­lich Richard Mil­lets Essay-Samm­lung selbst: Ver­lo­re­ne Pos­ten. Schrift­stel­ler, Wald­gän­ger, Par­ti­san.

Bild: “Das Meis­ter­spiel” (1998), Regie: Lutz Dammbeck.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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