Sezession
1. Oktober 2007

Dritte Wege

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 20/Oktober 2007

sez_nr_201von Karlheinz Weißmann

Alain de Benoist, der Kopf der französischen „Neuen Rechten", hat unlängst zwei Bücher herausgegeben und mit ausführlichen, sehr kenntnisreichen Einleitungen versehen. Das eine umfaßt alle Nummern der Cahiers du Cercle Proudhon, einer nur 1912 / 13 erschienenen Zeitschrift, die für ein ganz unwahrscheinliches intellektuelles Experiment stand: Die Cahiers wurden von Anhängern der äußersten Rechten und der äußersten Linken gemeinsam gestaltet.

Während die einen aus dem Umfeld der Action Française (AF) kamen, der von Charles Maurras geführten Organisation, die nicht nur für die Rückkehr zum Königtum, sondern mehr noch für einen „Integralen Nationalismus" stand, gehörten die anderen zur Anhängerschaft Georges Sorels, Syndikalisten, radikale Sozialisten also, die mit einem „Generalstreik", den die Gewerkschaften - die syndicats - zu tragen gehabt hätten, die gesamte Gesellschaftsordnung umstürzen wollten.

Daß die Radikalen beider Seiten in dieser letzten Phase der Vorkriegszeit zusammenfanden, hatte mit der Niederlage der Rechten in der Dreyfus-Affäre einerseits, mit der Enttäuschung der revolutionären Linken über die Sozialdemokratisierung der gemäßigten andererseits zu tun, vor allem aber mit der Konvergenz in der Feindbestimmung. Für Maurras wie für Sorel war, ohne den Weltanschauungsunterschied zu bestreiten, der Bürger und dessen politisches System, der Parlamentarismus, der eigentliche Gegner. Die Ablehnung der bürgerlichen Wirtschaftsordnung, des Kapitalismus, war bei Maurras nicht ganz so intensiv, aber seine Ideen zum korporativen Wiederaufbau hatten auch nichts mit Liberalismus zu tun. Er gewährte sogar einem seiner Unterführer in der AF freie Hand, der weitergehende Ideen vertrat und auf Grund seines Herkommens mit sozialistischen Gedankengängen bestens vertraut war.
Georges Valois (eigentlich: Alfred-Georges Gressent) stammte aus dem Proletariat und hatte sich die längste Zeit dem sozialistischen La ger zugerechnet. Allerdings gehörte er zu jenem Flügel der französischen Linken, der eine dezidiert nationale und wehrhafte Programmatik vertrat und jedenfalls die zunehmend pazifistische und antipatriotische Tendenz ablehnte. Weiter hat sein Katholizismus und die Überzeugung, daß eine Lösung der sozialen Frage nur auf autoritärem Wege möglich sei, dazu beigetragen, daß sich Valois zuletzt der gegnerischen Seite anschloß und von Maurras als einer der wenigen Vertreter der Arbeiterklasse in der Action damit beauftragt wurde, eine Verbindung mit dissidenten Teilen der Linken zu suchen. Hilfreich konnte dabei sein, daß in der Ideologie der Neoroyalisten die Vorstellung des Ausgleichs zwischen den „Produzenten" - denen man auch die Arbeiterschaft zurechnete - durch einen über den Parteien stehenden König eine wichtige Rolle spielte.


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