Sezession
1. Oktober 2011

Die Stahlkraft der Konservativen Revolution

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 44 / Oktober 2011

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wer heute offen bekennt, er sei konservativ, macht das meist, nachdem er diesen Begriff seines politischen Gehalts gänzlich entleert hat und unter »konservativ« nur mehr Kulturtechniken verstanden haben möchte: einen Krawattenknoten binden und mit einem Fischmesser umgehen können, wissen, wann man welche Anrede verwendet, ein Konzertabonnement halten und imstande sein, fast alle Wagner-Opern aufzuzählen (auch dann, wenn die Geduld, sich eine anzuhören, das konservative Maß schon gesprengt haben mag). Karlheinz Weißmann hat diesen bloß habituellen Konservatismus in seiner Begriffsrettungsschrift Das konservative Minimum am Beispiel eines Gesprächs mit einem »gemachten Mann« als den ebenso typischen wie nachvollziehbaren Weg beschrieben, auf dem vielleicht acht von zehn vormals politisch ambitionierte Weggefährten ihren Frieden mit den Verhältnissen suchen und finden. Und Günter Scholdt skizziert in Das konservative Prinzip jenen FAZ-Leser, der jeden Morgen aufs neue mit geplatztem Kragen seine Lektüre beendet, um – was eigentlich zu tun? Was läßt Weißmann aus der spöttischen Beschreibung der Binde- und Abmilderungskraft gut eingerichteten, gutsituierten Lebens folgen? Was Scholdt aus dem Diktum, daß wir mittlerweile in einem politisch-kulturellen Irrenhaus leben, in dem der Wahn in all seinen Facetten regiert? Legt Scholdts Zeitungsleser nicht jeden Tag mit der Sicherheit des wiederum Enttäuschten seine Zeitung beiseite, um sich mittels Tagwerk zu kurieren? Wie lange macht er das schon? Und grüßt nicht Weißmanns kämpferischer Konservativer doch höflich auch jenen, der bloß rein äußerlich mit ihm verwechselt werden kann, obwohl er nichts weiter ist als ein Zuschauer im Zersetzungstheater unserer Nation?

Scholdt wirft ohne Frage einen genauen Blick auf unsere Zeit und zeigt, daß der Umgang mit der politischen Rechten einer der Gradmesser der Freiheit in unserem System ist. Er sieht auch, daß Volk, Nation und Staat nicht mehr die Richtgrößen der Politik sind und zieht eine katechontische Konsequenz daraus, eine, die den einzelnen zu einem illusionslosen »Aufhalter« macht, zu einer der würdigeren Figuren im großen, ewigen Spiel, zu einem Steinewälzer: Sisyphus – das ist Scholdts Konservativer, der gründlich nachgedacht und das Leben studiert hat. Zuletzt nämlich liegt der Stein wieder im Tal, und damit man »die Pausen dazwischen in selbstgewählter Verantwortung sinnvoll gefüllt« bekomme, solle man sich wenigstens die Freiheit nehmen, den Stein auf die je eigene Weise zu rollen – manchmal in Gemeinschaft mit anderen, derzeit wohl eher alleine. So lautet Scholdts Verhaltensregel: Man mache aus freiem Entschluß das, was getan werden muß, und zwar unter dem konservativen Anspruch, dabei der Ordnung und dem Ganzen, nicht der Auflösung und der Atomisierung zu dienen. Den Stein auf diese Art zu wälzen, kann eminent politisch sein, geradezu eine konservative Ur-Übung inmitten des Stroms der Lemminge.

Weißmanns Handlungsaufforderung ist direkter, zeitlich nicht so geologisch angelegt. Er, der sich wie Scholdt über den Menschen an und für sich keine Illusionen macht, nennt sein Buch im letzten Satz eine »Kampf-Ansage«: gegen die Dekadenz, gegen die falsche Normalisierung, gegen den Konformismus, also gegen die Akzeptanz des zufällig Heutigen, so es lebens-, gemeinschafts-, leistungs-, ordnungs- und hierarchiefeindlich ist; zusammengefaßt: gegen den politischen Gegner in seiner Vielgestaltigkeit, und zwar gegen den Gegner von Heute, nicht den von Immer.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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