Sezession
4. Dezember 2012

Bündische Reformschule? – eine Projektbeschreibung

Gastbeitrag / 20 Kommentare

von Heino Bosselmann

Was würde geschehen, jemand hätte das Zeug und die Gefährten dazu, eine Schule in freier Trägerschaft anzumelden, die sich den Idealen der bündischen Jugend verpflichtet sieht? Vor Jahren schlug ein junger Mann aus dem Freibund genau das vor. Ich versuchte damals, hier anzusetzen, aber mir fehlten schließlich die Mittel, die Lobby, die Mitstreiter. Es blieb beim Konjunktiv irrealis:

Wenn wir eine Schule gründeten, die zum einen die brachliegende Traditionslinie von Hermann Lietz und Gustav Wyneken aufnimmt, zum anderen mit den verlogenen Euphemismen und Nonsensbegriffen vermeintlich moderner Pädagogik offensiv bricht, um Jugend wieder an den Inhalten selbst zu motivieren – mit Lust an Tiefgründigkeit und der Inspiration eigenen selbsttragenden Interesses. Neue Wachheit, neue Empfindungsstärke, neue Erregung! Kein Konventionalismus, kein retrospektiver Blick, aber das Bewußtsein ursprünglicher Anliegen, mobilisiert im Sinne von neuer Avantgarde.

Und nicht nur dies: Eine Schule, die überhaupt erst die Fähigkeit zur Haltung und Form ausbildete, im Sport und auf Fahrten Selbsterfahrungen ermöglichte und Selbstüberwindung erleben ließe. Der Jugend fehlt neben vielem anderen vor allem dies: Erlebnis, Bewährung, Verantwortung. – Ja, es gibt die Landerziehungsheime noch, und sie mögen redlicher arbeiten als all die rein unternehmerischen Privatschulen, deren Elite-Begriff sich bei genauer Betrachtung auf die Höhe der finanziellen Aufwendungen durch die Elternhäuser beschränkt. Die LEH-Bewegung firmiert nach allen Wendungen und Skandalen unter neuem Namen und hat sich ihren Ursprungsidealen stark entfremdet.

Wäre ein neuer Impuls denkbar, ähnlich gemeinschaftlich finanziert vielleicht wie die neue Bibliothek des Konservatismus in Berlin? Was sagten Eltern wohl dazu, würde ihnen schon im Informationsgespräch erläutert, daß sich eine solche Schule nicht dazu instrumentalisieren ließe, Karrierepläne zu garantieren, wohl aber ihr Ziel darin erkennt, Stehvermögen, Mut und kritische Urteilskraft auszubilden, auf daß der junge Erwachsene seinen Ort selbst finden werde, von dem aus er engagiert handeln kann, ohne sich zu verbiegen und durchaus zugunsten der Allgemeinheit? Mit einer inneren Stärke, die ihn selbst widrige gesellschaftliche Umstände bestehen ließe, und mit der Courage, für deren Veränderung einzutreten?

Weiter im Konjunktiv: Gäbe es eine Klientel, die es vertrüge, daß Bewertungen und Noten entgegen der landläufigen Inflationierung wieder realistisch erfolgten und die „Schnitte“ daher bisweilen sogar schlechter ausfielen als an den staatlichen Durchreiche- und privaten Dienstleistungsgymnasien, dafür aber zu erwarten wäre, daß jemand aus dieser Schule mit einer Drei tatsächlich garantiert befriedigende und mit einer Vier ausreichende Leistungen brächte und dazu laut differenzierter Beurteilung noch allerlei genauer bestimmbare Stärken und Talente vorwiese, die sich in einer Zensur, einer Ziffer allein, nicht widerspiegeln?

Würde eine Schule akzeptiert, die den üblichen Etikettenschwindel und die Lächelgesichter-Prospekte bewußt vermiede, dafür jedoch ehrliche Vereinbarungen schlösse, eine Schule, der man Bildung im Sinne persönlicher Reife verdanken, an deren Anforderungen man wachsen, aber selbstverständlich auch scheitern könnte, wenn das intellektuelle und charakterlich-mentale Vermögen trotz aller Trainings- und Fördermöglichkeiten nicht ausreichte? Der Gescheiterte ist kein Verworfener; er bedarf lediglich eines anderen, für ihn auskömmlichen Ortes.


 Gastbeitrag

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Kommentare (20)

Weltversteher
4. Dezember 2012 10:17

Ein wunderbarer Beitrag, der eine der wichtigsten Gegenwartsfragen aufgreift! So mancher wird sich sofort angesprochen fühlen, etwas dafür zu tun. Jedoch: Die meisten von uns werden nach Ausbildung und Biographie an andere Dinge gebunden sein.
Also zwei Herausforderungen: Die Erwachsenen, die diese Schule tragen, nicht nur die Erzieher, sondern auch die vielen im Hintergrund, die unterstützen und bezahlen - was müßten das für Kerle ohne Schwächen sein! So edel mancher Gedanke in unserer Sphäre gelebt wird, so häufig sind Eigensinn und Eitelkeit.
Und dann die staatliche Verwaltung: Die wird ein solches Unternehmen hassen. Und wie sie schon viel harmlosere Schulprojekte verhindert oder im Wachstum gebrochen hat, so täte sie es gewiß auch hier.

Weltversteher
4. Dezember 2012 11:41

Am einfachsten wäre es noch, wenn so eine Schule, die sicherlich hauptsächlich und zunächst eine Oberschule wäre, sich mit dem Bereich beschäftigte, der über die Schulpflicht hinausgeht. Das sind leider heute bloß noch die Klassen 11 und 12. Aber immerhin.

Ein Abitur durchzuführen, wäre idealerweise entbehrlich. Weil man sich damit an etwas vollkommen wertlos gewordenem messen müßte, und die sämtlichen Anforderungen der Schulbehörde auf dem Hals hätte. Auch einsichtige Eltern dürften sich finden lassen, die abwägen können zwischen solcher bildenden Erziehung in einem wichtigen Alter und so einem Berechtigungsschein, den man (auch später noch) an jeder Ecke kriegt.

Der Berechtigungsschein ist leider für viele Betroffene heute das Entscheidende. Auch wenn man ohne ihn mindestens ebenso ein sinnvolles Leben führen kann. Wobei doch gerade die Zeit reif sein dürfte, anderen Abschlüssen mehr Anerkennung zu gönnen.
Die besagten Waldorfschulen sind dabei, ihren Waldorfabschluß als etwas eigenständiges, anerkennbares zu qualifizieren. Natürlich haben die allerhand vorzuweisen, was dieses Ansinnen bei den in Frage kommenden Anerkennern stützt.

OJ
4. Dezember 2012 12:49

Eine Kontigentierung des Internetzugangs halte ich in Zeiten von Smartphones u.ä. für relativ utopisch. Oder sind die dann auch verboten?

Lars
4. Dezember 2012 13:02

Genaugenommen wäre das DIE richtige Ergänzung zum Institut für Staatspolitik, der Bibliothek des Konservatismus oder Projekten wie der BN. Dazukommen könnten noch Kindergärten und Vereine. Ich wäre jedenfalls bereit, meine Kinder da hinzuschicken. Grundlage wäre wahrscheinlich eine Stiftung. Dafür würde ich spenden.

SL
4. Dezember 2012 15:26

Ich war selbst Jesuitenzöglin in St. Blasien und habe dieser Schule viel zu verdanken. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass mein Internat in den letzten 10 Jahren zunehmende "versalement". Katholische Erziehung weicht zugunsten marktwirtschaftlicher Profilbildung. Diese Schule hat durch ihre Geschichte, durch die Person von Pater Alfred Delp SJ und allein aus dem katholischen Glauben heraus eigentlich mehrere Anknüpfmöglichkeiten, um eine kritische Haltung zur Gegenwart einzunehmen. Leider hält auch hier die von Ihnen beschriebene Linienförmigkeit immer mehr Einzug.

Zwar habe ich noch die Hoffnung das St.Blasien noch die Wende schafft, dennoch ist das von Ihnen beschriebene Projekt sehr interessant. Und ich schließe mich meinen Vorredner an, wenn er schreibt, dass eine solche Schule eine perfekte Ergänzung der Szene darstellen würde.

Ich habe in den letzten Jahren häufiger darüber nachgedacht, ob Waldorfschulen eine lohnende Alternative darstellen würde. Da gibt es ja auch solche und solche. Ergänzt durch eine solide katholische oä Betreuung innerhalb der Kirchengemeinde und einen privatorganisiertem, zusätzlichen Schultag am Samstag, mit einem Schwerpunkt beispielsweise auf Literatur oder Geschichte, könnte man eine Erziehung durch eine Waldorfschule entsprechen aufmotzen. Doch der jetzige Gedanken, eine Schule "einfach" selbst ins Leben zu rufen, beigeistert mich sehr. So sehr, dass ich nach zweieinhalb Jahre als Leser dieses Blogs, zum ersten Mal einen Kommentar verfasse. Wer nach der Lektüre dieses Artikels sich lediglich die Frage nach dem Smartphonegebrauch stellt, sollte ihn nochmals lesen. Abgesehen davon, dass dies im Internatsalltag ein lösbares Problem darstellt. Wir durften beispielsweise bis zur Oberprima unser Handy nur zwischen Mittagessen und Studium (16Uhr) und am Abend benutzen. Dazwischen kam es in ein Kästchen im Erzieherzimmer.

Wenn Sie, Herr Bosselmann, vielleicht noch auf die folgenden zwei Fragen eingehen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar:

1) Wie stellen Sie sich die religiöse Erziehung und den Religionsunterricht vor?

2) Können Sie für einen Ausstehenden erklären, was die Kernmerkmale bündischer Erziehung im Vergleich zu anderen Erziehungsmodellen (Katholisch, Waldorf, staatlich, etc) sind?

Kurt Schumacher
4. Dezember 2012 16:26

In Amerika ist ja "home schooling" erlaubt, das heißt, Eltern dürfen ihre Kinder zuhause erziehen. Es gibt extra Bücher für das "home schooling", aber auch die sind freiwillig. Sie dienen sozusagen als "Pergola" (Rankhilfe) für die Bildung der Kinder. Natürlich muß man "Bildung" in den USA immer in Anführungszeichen setzen und-so-weiter; aber die Idee der Hausschule als solche, und ihre (Wieder-)Legalisierung finde ich auch für uns interessant. Noch im 19. Jahrhundert wurden viele Menschen in Deutschland zuhause gebildet! Wer es sich leisten konnte, hatte seinen Hauslehrer. Und damals gab es (soweit ich weiß), auch keinen sich "allein seligmachend" dünkenden Schnüffelschäuble, der ins Fenster gelugt hätte, ob denn die Eltern und ihre Kinder auch fein das "Tagebuch der Anne auf Green Gables" lesen!

Was ich sagen will, ist: Elternhäuser sind deutlich billiger als Landschulheime, und vielleicht als erster Schritt oder ergänzende Option hilfreich. Die Wieder-Legalisierung des Familienunterrichts könnte sogar vollkommen im Rahmen des Grundgesetzes erfolgen. Juristen an die Front! Irgendeine Begründung, die in Karlsruhe geschluckt wird, wird sich schon finden. Wenn es in Amerika erlaubt ist, muß es auch hier gehen.

Aber Vorsicht: Kinder sind sehr genaue Beobachter. Wer sich nicht zutraut, selber ein Vorbild zu sein, sollte lieber vorher nochmal nachdenken.

Heino Bosselmann
4. Dezember 2012 16:39

Sehr geehrter "SL",
zum einen: Nach meiner unmaßgeblichen Auffassung sollten Schüler frei zwischen den Fächern Religion und Philosophie wählen oder beide parallel belegen können. – Für konfessionell gebundene Schüler müßte die Seelsorge erfolgen. Zum anderen: Es gibt keine expliziten Kernmerkmale bündischer Erziehung. Eine solche neu inspirierte Pädagogik müßte konzeptionell erst aus dem breiten Spektrum und reichen Erbe der bündischen Jugendbewegung hergeleitet werden – vielleicht in kritischer Revision der ursprünglichen Ansätze des LEH-Gedankens.
Darüber hinaus: Bedenken Sie hinsichtlich der Waldorfschulen die sie leitende Anthroposophie Rudolf Steiners. Nach meiner Erfahrung setzen sich Eltern damit kaum auseinander, bevor sie ihre Kinder zur Waldorfschule geben. Dieser Einwand wendet sich keinesfalls gegen die Schulen. Mich wundert nur, daß die meisten die Schlüsselwerke Steiners gar nicht kennen, wenn sie sich für die Waldorfpädagogik entscheiden.

Heino Bosselmann
4. Dezember 2012 16:42

Sehr geehrter OJ, es ginge nicht um Verbote, sondern um die Einschränkung eines hirnrissigen Dauergebrauchs. Ich habe nichts gegen die neuen Medien, im Gegenteil; nur könnten Heranwachsende gehalten zu sein, diese gerichtet als Werzeuge denn pauschal als Fetische zu nutzen.

LK
4. Dezember 2012 16:50

Als Angehöriger des Lehrkörpers einer kleinen, einzügigen privaten Grundschule, bin ich direkt betroffen von den Auswüchsen sogenannter Schulreformen usw. Angeregt durch Beiträge aus unterschiedlichen Richtungen, die sich kritisch mit den Folgen aktueller Bildungspolitik auseinandersetzen, blicke ich immer besorgter auf aktuelle Entwicklungen im Schulwesen.
Gerade die Artikel von Herrn Bosselmann sprechen mir hier aus der Seele. Die von ihm hier skizzierte Schule wäre wahrlich eine erfrischende Alternative zu staatlichen Einrichtungen.

Heino Bosselmann
4. Dezember 2012 17:06

Lieber LK, lieber Kollege, ich danke für Zuspruch, bin ich doch mitunter schon skeptisch, ob ich die Zustände allzu verbiestert sehe. Aber etwa seit Beginn der vorigen Jahrzehnts bemerkte ich als in Vollzeit unterrichtender Lehrer und Mentor in einem Internat, daß klare Vereinbarungen schwinden, in den meisten Fächern substantielle Inhalte zugunsten von "Methodenkompetenz" u. ä. reduziert werden und aus politischen Gründen eine Durchlaufabitur geschaffen wird, um der billigen Logik "Mehr Abi – mehr Jobs!" zu folgen. Diesem verhängnisvollen Trend schlossen sich die privaten Häuser "dienstleistend" an. Bitte gestatten Sie, daß ich Ihnen die ausführliche Begründung meiner Kündigung vertraulich an Ihre Mailadresse sende. Sie erkennen darin meine Argumentation gegenüber der Schulleitung, nachdem ich diesen Schritt über Jahre kritisch erwog.

CSM
4. Dezember 2012 17:11

Zwar soll diese Initiative nicht auf eine "Bündische Reformschule" hinauslaufen, ist aber zumindest ein interessanter Gegenentwurf zum status quo des Schulwesens:

https://frankfurterschulinitiative.jimdo.com/

Weltversteher
4. Dezember 2012 19:31

Womöglich wäre es gut und am ehesten machbar, wenn so eine Einrichtung aus einem kleinen Anfang wüchse.
Vielleicht kann man zunächst eine halb- oder einjährige Schule einrichten, die von geeigneten Schulabgängern "aller Art" bezogen wird. Zwar sehe ich es sehr kritisch, in den Reifejahren noch eine Schulbank nach der anderen folgen zu lassen. Man sieht immerhin, daß mit FÖ(S)J oder dem ehemaligen Wehrdienst in dem Bereich durchaus Platz wäre.
Aus der Andeutung des Bündischen (und aus der pädagogischen Notwendigkeit) erahne ich, daß es es auch nicht hauptsächlich um ein reines Schulbank-Drücken und Bücher-Lesen ginge. Die von Bosselmann angesprochenen Aspekte des Leiblichen, des Sozialen, des Musischen usw. würden an der Seite guter Erzieher, schon eher Führer, sich mit schriftlich überliefertem Bildungsgut zu ganzheitlicher Bildung vereinen.
Nach dem NICHTS an Schulbildung, in dem heute nahezu alle Jungen veröden, wäre jeder noch so kleine Keim in diese Richtung ein Gewinn und Grundstein, wenn er nur anspruchsvoll, verbindlich und von gewisser Dauerhaftigkeit wäre.

Wir sollten diesen Gedanken in die Hand nehmen. Sollte sich eine Keimzelle entwickeln, wäre es schön, daran beitragen zu können.

Anna
5. Dezember 2012 09:19

Als Lehrerin würde ich (natürlich) liebend gern in einer solchen Institution unterrichten.
Ob ich allerdings meine Kinder in ein Internat schicken würde, weiß ich nicht.
Wir sind (allerdings nur bei einem Kind) mit unserer normalen staatlichen Schule hochzufrieden. 17 Schüler, kein (!) Problemkind, hohes Leistungsniveau.. Beim Anderen ist es nicht gut, aber noch im Rahmen und vom Elternhaus noch gut auszugleichen. Vielleicht ist das in den höheren Klassen dann problematischer

Inselbauer
5. Dezember 2012 15:03

Zwei von meinen Kindern kommen nächstes und übernächstes Jahr hier in Berlin in eine halb-staatliche Grundschule. Ich habe mich dafür entschieden, die zu erwartenden Gefahren und Nachteile mit einem Haufen Geld auszugleichen, komme was wolle. Nur so kann man hier (über den Wohnort, "Spenden", Zusatzgeschichten usw.) dem Ausländer- und Sozialwahnsinn begegnen, wie ich mir einbilde. Wie schaffen es die 7-fachen Familienväter im ländlichen Sachsen-Anhalt, den eigenen Kindern Musikunterricht zu geben und überhaupt als pädagogische Muskelmänner durchs Leben zu gehen? Diese Variante der nationalen Bewährung steht wohl noch bevor. Oder man macht einen auf Oberschicht, wie ich und lässt sich angstschlotternd in der Sezession als Broiler verspotten...

Albert
5. Dezember 2012 21:20

Eine gute Sache! Bosselmann würde ich das zutrauen.

Wolfgang
5. Dezember 2012 23:52

Naturerlebnis, Arbeit, Technikerfahrung, .. genau das, zusätzlich noch mit einem Schwerpunkt, den ich mit körperlicher Ertüchtigung, sportlichen Herausforderungen etc. umschreiben möchte: Sehr wichtig speziell für Jungen und junge Männer. Dient der Willensbildung, dem Selbstwertgefühl, aber auch der Selbstbehauptungsfähigkeit, insbesondere Letzterer, die heute eher unter öffentlichem Argwohn steht. Wenn dies noch in Verbindung steht mit musischer Erziehung, freiwilligem öffentlichen Dienst, und echtem - nicht vernebelten Wissen - auf allen bedeutsamen Gebieten, dann, ja dann hätten wir die ideale Schule. Aber würde oder könnte der sog. Gesetzgeber eine solche Schule überhaupt zulassen? Möglich wäre sie vielleicht außerhalb der Schulpflichtigkeit, d.h. für junge Leute frühestens nach dem 9. Pflichtschuljahr, also für Frühabgänger der Hauptschule oder Haupt- bzw. Realschüler nach dem 10. Pflichtschuljahr - oder Leuten vom Gymzweig nach der 10. Klasse (d.h. mit Realschulqualifikation). Diese Schule dürfte nicht mit dem Abi werben, weil dann wieder ministerielle Erlasse greifen. Es wäre also eine Art Lebensschule für alle diejenigen, die nach erfolgtem Schulabschluß eine andere Orientierung suchen und bereit sind, eine zusätzliche Phase der Bildung und Orientierung zu absolvieren.

Belsøe
10. Dezember 2012 08:42

Sehr interessant finde ich Ihre Erfahrungen mit Privatinternaten. Diese sind sicherlich hervorragende Bildungsstätten, die sich aber leider durch eine gewisse Verlogenheit disqualifizieren, anstatt einfach ehrlich das zu sein, was sie sind: eine geschlossene Veranstaltung.

Eine Erfahrung dazu aus meinem familiären Umfeld: Ich kenne drei junge Männer, zwei davon Brüder, die im Lebensalter von 12-13 Jahren alle grosse Probleme mit dem Selbstwert und der sozialen Einbindung bekamen, mit allen dazugehörigen Folgen. Schulisch standen vor der Misere alle ähnlich, nämlich im Mittelfeld, danach alle im schlechtesten Drittel. Während die an sich gebildeten, aber durch schlechte Lebensentscheidungen gescheiterten Eltern des ersten Jungen den Dingen hilflos ihren Lauf liessen, war die Arztfamilie der beiden anderen ganz selbstverständlich davon überzeugt, es müsse an der öffentlichen Schule liegen, wenn die Söhne nicht die Leistungen erbrächten die für ein Studium (das berufliche Minimum in dieser Familie) nötig sind.

Sie wurden also zu einem Test in einem der teureren Landerziehungsheime angemeldet, wo den ehemaligen Dreier- und aktuellen Viererschülern das Zeug zur intellektuellen Elite bescheinigt und ein Platz im Internat zugeteilt wurde. Der andere (übrigens der einzige freiwillige und regelmässige Leser der Drei) bekam einen solchen Test natürlich erst gar nicht zu Gesicht, sondern landete in einer Abwärtsspirale die über die Hauptschule in der totalen Orientierungslosigkeit landete, weil er mit seinen gründlich blockierten, im Grunde wohl eher geistigen Interessen keinerlei Perspektive in den ihm offen stehenden Berufswelten fand. Und selbst wenn er eine entsprechende Einstufungsprüfung hätte ablegen dürfen: ob er sich das benötigte Vollstipendium nicht doch mit sehr guten Ausgangsleistungen hätte erkämpfen müssen? Hätten seine Vieren auch für einen Platz ausgereicht, so wie die Vieren der Vollzahlerkinder? Er ist heute jedenfalls aus verschiedenen Gründen eine wirklich traurige Existenz - und liest trotzdem immer noch mehr und anspruchsvoller als die beiden Brüder.

Jene, die sich dann tatsächlich als würdig erwiesen, sind mittlerweile auf dem besten Wege in eine Unternehmensleitung bzw. die väterliche Praxis, dies soll ihnen anerkennend zugestanden werden. Die Qualität ihrer Beschulung dürfte ausser Zweifel stehen. Sogar ihre Zugehörigkeit zu einer Leistungselite kann in einer Gesellschaft, in der Leistungsgelegenheiten und -wahrnehmung zunehmend ungleich verteilt sind, faktisch verteidigt werden. Ob das beeindruckende Resultat aber tatsächlich einer überdurchschnittlichen Befähigung entspringt...oder doch eher der Ausschaltung ehrlicher Vergleiche auf gerechter Grundlage?

Eine Schule die die Befähigung sieht, die Gelegenheit zur Tat bietet, die auch aus dem Geringsten das ihm gemässe und möglichste herausspornt (warum zählt denn immer nur der angehende Chefarzt) - das wäre eine echte Eliteschule. Und zwar unabhängig davon, ob ihre Absolventen später mal Tischler oder DAX-Vorstand werden.

Weltversteher
10. Dezember 2012 20:09

Ich möchte nach dem Vorstehenden betonen, daß die Leistung der Nachkriegsgenerationen untrennbar mit ihrem politischen Versagen und ihrer Kinderarmut zu betrachten ist. Eine Erziehung im Sinne einer leistungsbetonten Schulbildung allein wäre daher für die Zukunft nicht unbedingt hilfreich.
Es wären, um bei der beruflichen Leistung zu bleiben, mindestens Ziele oder Visionen zu vermitteln, wofür man sich fürderhin aufreiben sollte. Wofür soll man denn angesichts einer offenbar zusammenstürzenden Welt Arzt, "Erfinder", "Künstler" usw. sein?

Andrenio
13. Dezember 2012 06:39

Auch für mich ist es der erste Blogeintrag in Jahren Abo der ersten Stunde. Von den Grundschuljahren in Doppelklassen auf dem Dorf abgesehen, war meine Restschulzeit eine Hölle von Langeweile und Mobbing. Für Personenschutz durch den Brutalsten ging mein ganzes Taschengeld drauf. Erschüttert erfuhr ich vor kurzem von meinem im Studium stehenden Sohn, dass ihm fast dasselbe passierte und er es verschwieg. Doch es gab Lichtblicke: Das Schicksal brachte mich in die Jungengruppe eines der Knabenliebe zugeneigten ehemaligen Führer der Bündnischen, der mit uns sang, diskutierte, wanderte, focht, im Winter in eisigen Bächen badete etc. Es eröffnete sich eine komplette Gegenwelt, die ich bis heute mit großer Dankbarkeit im Innern bewahre und von der ich träumen würde, wenn ein Enkel diese einmal erfahren könnte, denn bei meinen Söhnen ist der Zug wohl schon abgefahren. Ohne Schulabschluß? Sehr schwierig! Mit den deutschen Schulbehörden kämpfen müssen? Die Hölle! Warum nicht ins benachbarte europäische Ausland gehen und einen unverfänglichen Namen wie "Europäisches Gymnasium" oder ähnliches wählen? In Zeiten von Ryanair kann man vom Baltikum bis Spanien alles gut, schnell und günstig erreichen. Allein schon die Abwesenheit von linken Sensationsjournalisten und das Fehlen einer Faschismuskeule würde die Sache sehr erleichtern. Ach ja, zu sexuellen Übergriffen des ehemaligen Führers der Bündnischen kam es nie. Wir mussten sogar in der Sauna Badehosen tragen. Diesem herausragenden Menschen, der für den alternativen Nobelpreis vorgeschlagen war, wurde nach anfänglicher Genehmigung das Bundesverdienstkreuz verwehrt, da er als erklärter Gegner der Pöbeldemokratie nie zur Wahl gegangen war. Wenn ich also irgendwie unterstützend sein kann, Herr Bosselmann, gerne!

ein wandervogelfreund
9. Mai 2013 15:44

„Fide, sed cui, vide.“
Trau! schau! wem?

https://rechte-jugendbuende.de/?p=2015

eine bündische schule klingt aber dennoch sehr interessant
und ich beschäftige mich schon des längeren mit diesem thema.

mit freundlichem gruß
thorsten

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