Sezession
11. Dezember 2012

Advent, Advent …

Gastbeitrag / 13 Kommentare

von Heino Bosselmann

Adventus Domini. Zeit der Ankunft, also ebenso der Erwartung: hoffnungsvoll, zuversichtlich, glücklich, mindestens besinnlich. Es war einmal.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession
Bei allem, was Christen mit dieser „Frohen Botschaft“ verbinden, dürfte sich leider in keiner Zeit des christlichen Jahreskreises so extrem zeigen, wie weit die Säkularisierung durch offensiv-aggressiven Ökonomismus und Konsumismus vorgedrungen ist. Immer wieder phänomenal, mit welcher Brachialgewalt der „Wachstumsfaktor Weihnachten“ seine Regentschaft beginnt, spätestens wenn der vielleicht einzige echt kontemplative Monat des Jahres, der ungeliebte, aber ruhige November, vorbei ist.

Unmittelbar nach dem noch still verstreichenden Totensonntag gibt es keine Pietätsfrist mehr, und es beginnt die Materialschlacht der Werbung. Die Erwartung des Lichterfestes wird mit Scheinwerferstärke und Dauerilluminationen hochgefahren und dabei ein Freßfest gehalten, das den bereits übermäßigen Durchschnittsverbrauch des Jahres noch toppt.

„Der Fetischcharakter der Waren und sein Geheimnis“, diese von Marx so treffend wie süffisant gewählte Kapitelüberschrift im ersten Band des „Kapital“, gäbe mit Blick auf die gegenwärtigen Weihnachtsgewohnheiten einen stimmigen Slogan her und könnte ehrlicherweise über den Shopping-Malls und Weihnachtsmärkten aufleuchten. Keine Frage, was Jesus dazu sagen würde; aber in Abwandlung des in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ auftretenden Großinquisitors, der keine andere Wahl zu haben meint, als den Messias als Störer zu verhaften, träte dem Erlöser heute vermutlich der „Verband des Einzelhandels“ entgegen, um indigniert vorzurechnen, wie unverantwortlich die christliche Botschaft das Geschäft gefährden würde. Man kann das auf seiner Website sogar unmittelbar einsehen.

Was mag sich zudem ein redlicher Pfarrer oder Pastor denken, wenn er nach einem Jahr Predigt vor schwindender Gemeinde zum Heiligabend erleben muß, wie sein Gottesdienst von Massen geflutet wird, die sich die Kirche wie eine kunstgewerbliche Kulisse ausborgen, nur weil das einmal im Jahr eine ominöse Sentimentalität bedient und man sogar meint, ein solcher Besuch wäre ein sehr christlicher Akt. – Ich bewundere die Geistlichen, daß sie in diesem Moment an sich halten und die Liturgie erfüllen, anstatt in der Wortpredigt dem einmal im Jahr schier überfüllten Kirchenschiff so richtig die Leviten zu lesen und klarzumachen, womit das Neue Testament nun überhaupt nicht vereinbar ist.

Eine sogenannte Elite-Schule, an der ich arbeitete, fand es alljährlich angezeigt, ihr großes Weihnachtsfest in einer pittoresken mecklenburgischen Dorfkirche des Nachbardorfes zu feiern, in einem frühgotischen Feldsteinbau, so klein wie hüllend, aber, abgesehen von ein paar alten Leuten, kaum noch über eine christliche Gemeinde verfügend und versorgt von einem Pfarrer, der in Ergebnis kirchlichen Stellenabbaus neben dieser noch in einer Menge anderer einsamer Kirchlein zu predigen hatte. (In der atheistischen DDR waren die Sprengel übrigens kleiner, und es gab weit mehr Kirchendörfer mit angestammtem Pfarrer und Pfarrhaus.)

Diese fast vergessene Dorfkirche wurde anläßlich der Adventsfeier von den Technikern der Schule mit Heißlüftern stundenlang warmgebullert, bevor unterm Lichterkranz eine respektable Show der musizierenden, singenden und vortragenden Talente begann. Pünktlich wurde abgerückt, einen Seeweg entlang zurück ins Internat, wo eines der schrill-pubertären „Happy-Xmas-Events“ losbrach, mit blinkenden Nikolausmützen, sehr freizügig gekleideten Weihnachtsengeln und XXXL-Bonbonieren für die Kleinen. Dazu eine als Comedy gestaltete Bescherung, die Lehrer und Schüler ironisch vorführte, insgesamt also der übliche Klamauk mit Übertragungsleinwand in jeden Mensaraum, wo schon wegen der donnernden Baßverstärker an Weihnachten überhaupt nicht zu denken war.

Das Kirchlein auf der anderen Seite des Sees fiel indessen in die Dunkelheit und hatte wieder ein Jahr Ruhe, bevor es abermals überrannt wurde, um die Staffage für ein Weihnachts-Entertainment abzugeben. Aber wenn einem all das nur peinlich ist, dann bleibt eine mittelbar sehr christliche Reaktion: die Umkehr. Umkehr ist meist entschlossene Abkehr.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (13)

Antihunkebunk
11. Dezember 2012 14:00

Nicht "toppt": übertrifft!

Rumpelstilzchen
11. Dezember 2012 16:22

lLieber Herr Bosselmann,

Danke für diesen Beitrag. Das ist mir aus der Seele gesprochen.
Ja, es bleibt nur eine entschlossene Abkehr. Ein kleines Gedicht dazu:

STOSSSEUFZER

Am Weihnachtssonntag kam er zu mir,
In Jack und Schurzfell und roch nach Bier,
Und sprach zwei Stunden zu meiner Qual
Von Zinsen und von Kapital;
Ein Kerl, vor dem mich Gott bewahr!
Hat keinen Festtag im ganzen Jahr.

Theodor Storm 1852

Adventliche Grüße

Heino Bosselmann
11. Dezember 2012 17:10

Starker Storm-Text, den ich überhaupt nicht kannte. Ich kopiere ihn sogleich und bedanke mich herzlich bei Ihnen.

Rautenklausner
11. Dezember 2012 18:42

"Keine Frage, was Jesus dazu sagen würde; aber in Abwandlung des in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ auftretenden Großinquisitors, der keine andere Wahl zu haben meint, als den Messias als Störer zu verhaften, träte dem Erlöser heute vermutlich der Verband des Einzelhandels entgegen"

- Oder eine identitaere tanzgruppe oder die ksa. Im einsatz gegen aramaeische kulturbereicherer mit migrationshintergrund und teilweise linksextremistischen ansaetzen (bergpredigt).

Asenkrieger
11. Dezember 2012 19:55

Hier ist ein Artikel zum Thema, den man lesen sollte:

https://www.counter-currents.com/2012/11/holiday-specialits-time-to-stop-shopping-for-christmas/

Ben_Diako
12. Dezember 2012 06:32

Ich schaue manchmal aus dem Fenster meines Büros über die Stadt hinweg. Das einzige was dem modernen Wahnsinn, i.e., der modernen Architektur noch Widerstand leisten kann, ist der Kirchturm.

Ein Fremder aus Elea
12. Dezember 2012 09:39

Naja, Herr Bosselmann, das ist doch jedes Jahr so und doch erfüllt die Weihnacht ihren Sinn, Menschen kommen zusammen und atmen einmal kräftig aus und beginnen gemeinsam das neue Jahr.

Dieses Jahr gibt es indes noch weitere Störungen, warum von denen kein Wort?

Nicht relevant?

Nun, in gewisser Weise nicht, das sehe ich auch so. Und doch wollte ich gestern schon dazu etwas schreiben, wozu ich indes erst heute, nach Ihnen, gekommen bin.

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2012/12/weihnacht-2012.html

Ich frage mich schon, wohinein diese ganzen Aktivitäten und Geschehnisse münden werden, viel Theater natürlich, aber ich würde mich wundern, wenn es nicht irgendetwas nach sich zöge.

Raskolnikow
12. Dezember 2012 11:02

Ganz so schlecht,

wie Herr Bosselmann sehe ich die Sache nicht.

Unzweifelhaft bleibt, dass die Entgeistigung Europas durch die Demokratie und das unlösbar zu ihr gehörende Wirtschaftszerstörungssystem Kapitalismus eine Tragödie geradezu kosmischen Ausmaßes ist. Die Ödnis der zeitgenössischen Wüsteneien kann kaum übertroffen werden. Gerade in der Zeit der Erwartung des Gottmenschen wird das deutlich. Es gibt allerdings auch ein "Aber".

Herr Bosselmann, lassen Sie diese larvenhaft-vergnügten Konjunktivmenschen in die Kirchen strömen und lassen sie es spüren dieses "ominös Sentimentale"! Denn es ist der Zweifel.

Tief im Innern wissen doch alle um unseren zutiefst häretischen Grundzustand. Denn es gibt auch säculare Häresien! Der traurige Zug, der selbst die fröhlichsten und ausgelassensten "Parties" leise umweht, zwischen all dem Alcohl und Gedröhne ... Ganz tief drinnen wissen auch diese mit Plastic, Beton, Anaestethica und Elektronic zugeschütteten Seelen, dass alles, aber auch alles Lüge ist.

Wir sollten nicht vergessen, dass selbst der schlimmste Verbrecher, der oberflächlichste "Verbraucher" und dämlichste Apparatschik dem Wesen nach ein Gedanke Gottes ist! Dass seine Gestalt alles Wertvolle zudeckt, darf uns nicht dazu verleiten, ein (uns nicht zustehendes) Urteil zu fällen. Sind nicht gerade die, die diesen Zweifel (in pittorescem Ambiente als ominöses Numinosum) noch spüren, irgendwann in der Lage umzukehren, und sei es in der Todesstunde?

Jetzt in der adventlichen Fastenzeit fehlt mir wirklich der Branntwein; selbst meine morgendliche Vitaminzufuhr (100ml Apfelsinensaft mit ebensoviel Campari zu einem Erfrischungsgetränk verrührt) lasse ich ausfallen. Wahrscheinlich deshalb fehlt mir die nötige Bosheit, um noch gegen die Protestanten zu ätzen, die doch immer den Menschen und der Welt hinterherrennen wollen. Die haben doch genau die "Besucher", die sie verdienen ...

Ich will heute mal liebenswert sein, auch für Häretiker ...

Herr Bosselmann, verschweigen wir nicht, dass es Inseln gibt! Bei den wirklich katholischen Vigilien oder in Rorateämtern finden Sie keine Wohlfühlchristen. Da ist Stille, Kerzenschein und die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers. Selbst die leisen Gespräche vor der nächtlichen Kirchentür haben einen ganz klein wenig sacralen Characterzug. Das ist Advent!

Ziehen wir uns zurück in unsere Burgen, lassen wir die Zugbrücken herunter und zünden wir drinnen ein Licht an! Im Advent darf man die Welt ruhig mal draussen lassen und vergessen, denn das freudigste Ereignis der Weltgeschichte steht bevor: die Ankunft des Königs der Könige!

Gloria in excelsis Deo!

Wirklich liebenswert,

R.

Kiki
12. Dezember 2012 21:44

Ach Raskolnikow,
freilich ist es jedem möglich mit der Gnade Gottes wenigstens in der Todestunde umzukehren,

ABER

1) in der Zwischenzeit, im übelsten Fall bis zum Ableben, richten solche Spätestumkehrer sehr viel Schaden an (an sich und den anderen) und verwüsten eifrig diese ohnehin schon verwüstete Welt und gelangen daher, allenfalls als winzige, reichlich lädierte Humpen auf die richtige Seite der Ewigkeit.

2) Wer garantiert solchen und allen anderen Leuten überhaupt die Gnade der Reue im letzten, richtigen Moment?
Ein Geistlicher jenes Ordens, den auch Sie schätzen dürften, sagte einst zum Thema "Ick-kann-mir-ooch-später-bekehren" sehr weise: "Glauben Sie ja nicht, Sie hätten sich bis zuletzt im Griff: als ich während einer Autofahrt einmal in eine äußerst bedrohliche Lage geriet, ging mir alles möglich und unmögliche blitzartig durch den Kopf - nur nicht die Erweckung der Reue."

Ich gebe zu, sehr düster von der zeitgenössischen Ruinenlandschaft und vor allem ihrer Insassen zu denken, doch ein Menschenschlag, den die Katastrophe zweier vernichtender Kriege und die Schrecken diktatorischer Gewaltherrschaft allenfalls traumatisieren können, aber ums Verrecken nicht nachdenklich werden lassen, ist schon ein - um es mit der Bibel zu sagen - ziemlich verstocktes Ding.

Was baucht es denn noch nach allem Irrsinn allein der letzten hundert Jahre, damit der Zentral-, West- und Postdingsbumseuropäer in sich geht?

Wem die Ereignisse seit spätestens 1917 nicht zur Vernunft bringen, der ist verloren.

Raskolnikow
13. Dezember 2012 11:16

Lieber Kiki,

Ihre Zeilen kann ich gut nachvollziehen. Trotzdem möchte ich das "Aber" zurück in Ihr Spielfeld werfen.

Sie machen denselben Cardinalfehler, dem die Aufklärer des 18. Jhd.`s so hingebungsvoll verfielen: Sie glauben, der Mensch könne irgendwie zur "Vernunft kommen"; er könne "besser" werden.

Es ist die alte paradiesische Ursünde des Menschen: "Ich kann es allein, ohne Gott!"

Sie haben recht, dieser Defectus ist einem Schiller des 18. Jahrhunderts einfacher zu verzeihen, als einem Heutigen, der diese Teufeleien alle mit ansieht; denn es sprach damals nichts gegen die Möglichkeit der allgemeinen Menschheitsbeglückung durch die Vernunft - außer der katholische Erbsündenlehre.

Und ja, Ihnen sei es im Geheimen gestanden, auch ich denke oft anstatt zu lieben und zu verzeihen eher an stäupen, henken und Kopfabschlagen. Ist es aber richtig? Steht uns das zu? Ich will es nicht verneinen, doch rundweg "Ja" vermag ich auch nicht zu rufen!

Und im Advent sollte man nicht mal dem übelsten Gesellen den Kopf abschlagen, es sei denn, er ist ein Gebäck!

Also, die Schürzen geschnürt, egal, was Frau Kositza über backende Männer schreibt ...!

In Liebe,

R.

niekisch
13. Dezember 2012 20:33

A d v e n t

Aus silbergrauen Gründen tritt
ein schlankes Reh
aus winterlichem Wald.
Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,
den reinen, kühlen frischgefallnen Schnee.

Und deiner denk´ ich, zierlichste Gestalt.

(und nicht des Konsum, niekisch)

Christian Morgenstern, deutscher Dichter.

Rumpelstilzchen
14. Dezember 2012 10:40

...ein wertkonservatives, politisch inkorrektes, neuheidnisches, unchristliches, männermordendes Adventsgedicht für die geplagte deutsche Hausfrau.....

ADVENT

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneeflöcklein leis herniedersinken.

Auf Edeltännleins grünen Wipfel
Häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.

Und dort vom Fenster her durchbricht
Den dunklen Tann ein warmes Licht.

Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
Die Försterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.

Er war ihr bei des Heimes Pflege
schon seit langer Zeit im Wege....

usw.... LORIOT

Turmkönig
14. Dezember 2012 17:06

Pro Raſkolnikow:

Unſer einer ſieht nicht vngern vndt vnwolgemuth, daß IHro M. ſich uraltteutſch-preußiſch-ertzkatholiſcher Schreibarth vndt -cunſt befleißigen mögen nach leibess Kraefften. Diß vermaag theils ein erklöcklich Spiel zw ſeyn, anderstheils gleichwol ſehr becircendt fuer den närriſchen Tukk deſsen, der desſelben fuer erſchroeklich befaendt.
Die Lvſt deß Zweiffels zerfrißt mich ſchier unbendiglich, obwol ich mich von meiner florissanten Connaisſance zw zeigen befaehige, auf halbem Wege umbzukehren, ſey bey Gote fälſchlich vndt ohn Trooſt.
Ein Liecht fuehrt wns uoran. IEſus hat den Todt ſich nicht gewundſchet / Nev-Altdteutſchlandt wil vndt kan es. Diß muſs immerzv geſaagt ſeyn bey vnſrer Tugendt wndt bey euiger Iugendt.
Kranck, aber ſtarck legen uir beredet Zeugniß ab. Thun uir daß vnſrige, auffzumachen ein newes Faſz zv ſauffen nach getaner Mißion!

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.