Leere Räume – Junge Männer

pdf der Druckfassung aus Sezession 20/Oktober 2007

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

In unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zu Schnell­ro­da – dem Zwei­hun­dert-See­len-Dorf, in des­sen Rit­ter­gut seit nun­mehr bald fünf Jah­ren unter ande­rem an der Sezes­si­on gebas­telt wird – liegt ein noch klei­ne­rer Ort. Er hat kei­ne Knei­pe und kei­nen Kin­der­gar­ten, kei­ne Feu­er­wehr und kei­nen Fuß­ball­platz. Die­ser klei­ne Ort, in dem in zwei­und­drei­ßig Gebäu­den hun­dert­sechs Leu­te woh­nen, hat im letz­ten hal­ben Jahr noch ein­mal drei Häu­ser und ein hal­bes Dut­zend Ein­woh­ner verloren.

Mit den Häu­sern ging es so: Das ers­te stand zehn Jah­re lang leer. Irgend­wann lös­te ein Sturm ein paar Zie­gel, dann das hal­be Dach. Nie­mand bes­ser­te den Scha­den aus, der Regen durch­weich­te den Dach­bo­den und die Decke zum Ober­ge­schoß. Und so fiel im Früh­jahr die Ent­schei­dung, daß man die Rui­ne bes­ser abrei­ße. Es war ein soli­des Haus, errich­tet nach der Jahr­hun­dert­wen­de in der rei­chen Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg. Die Bag­ger luden mit dem Schutt auch das Mau­er­werk auf die Last­wa­gen: gro­ße Kalk- und Bunt­sand­stein­qua­der, für die es kei­ne Ver­wen­dung mehr gab.
Das zwei­te Haus war eine Scheu­ne. Auch sie stand leer und hat­te ein schad­haf­tes Dach. Der März-Sturm drück­te die Gie­bel­front ein und ließ das Gebälk auf der gan­zen Län­ge split­tern. Bloß um das drit­te Haus war es nicht scha­de: ein häß­li­cher Flach­bau, der ehe­ma­li­ge Kon­sum, in dem nach der Wen­de jemand für ein paar Jah­re einen Geträn­ke­han­del betrie­ben hat­te. Irgend­wo­her trieb die Gemein­de Geld auf, um mit der Scheu­ne gleich auch die­se Bude abräu­men zu lassen.
Von den Ein­woh­nern, deren Zahl nicht aus­reich­te, um aus den drei nun besei­tig­ten Gebäu­den etwas zu machen, sind wie­der­um nur eini­ge von den jun­gen gegan­gen. Zwar hat das plat­te Land seit jeher einen Teil sei­ner Kin­der an die Stadt abge­ge­ben; aber dort, wo es die letz­ten Kin­der sind, hat ein Dorf sei­nen Tod vor Augen. Die Pro­gno­se: Der klei­ne Ort wird in zwan­zig Jah­ren im gro­ßen und gan­zen eine Wüs­tung sein, eine Ansamm­lung lee­rer Gebäu­de. Sol­ches gab es zuletzt nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg mas­sen­haft in Deutsch­land, und dann noch ein­mal nach dem Zwei­ten Welt­krieg in den Ost­pro­vin­zen des Deut­schen Rei­ches: In Schle­si­en, Pom­mern, Ost- und West­preu­ßen kann man noch heu­te durch dörf­li­che Rui­nen stol­pern und deut­sche Fried­hö­fe frei­le­gen. Die Bewoh­ner sind 1945ff ver­trie­ben oder umge­bracht wor­den, die Ort­schaf­ten sind wüstgefallen.
Etli­che klei­ne mit­tel­deut­sche Sied­lun­gen wer­den in den nächs­ten Jahr­zehn­ten ganz oder teil­wei­se ver­öden, ohne daß ver­trie­ben oder getö­tet wür­de. Abwan­de­rung und Kin­der­lo­sig­keit leis­ten gan­ze Arbeit. Es wird ein­sa­mer und männ­li­cher wer­den und sehr deutsch blei­ben. Denn abge­wan­dert sind über­durch­schnitt­lich vie­le jun­ge Frau­en, die an der Per­spek­tiv­lo­sig­keit selt­sa­mer­wei­se stär­ker zu lei­den schei­nen als die jun­gen Män­ner. Mäd­chen und jun­ge Frau­en machen mehr aus dem, was in ihnen steckt, und sie sind des­halb schnel­ler unzu­frie­den mit ihrer Situa­ti­on als die jun­gen Män­ner glei­chen Alters.

Jüngst stand in einer Stu­die etwas über die Grün­de für die­ses Gefäl­le im Selbst­wert zwi­schen Buben und Mäd­chen. Es habe etwas mit der Schul­at­mo­sphä­re zu tun: Sie ist auf Mäd­chen zuge­schnit­ten, schon allei­ne des­we­gen, weil in der Grund­schu­le vie­ler­orts hun­dert Pro­zent, aber auch an Gym­na­si­en leicht sieb­zig, acht­zig Pro­zent des Lehr­kör­pers weib­lich ist. Den Jungs, den jun­gen Män­nern fehlt es an Vor­bil­dern, an kon­struk­ti­ver und wirk­mäch­ti­ger Anlei­tung zum Männ­lich­sein, und wer da nicht in der Lage ist, sich selbst zu erzie­hen, bleibt erkenn­bar unter­ent­wi­ckelt, bleibt unter sei­nen Mög­lich­kei­ten, bleibt sicht­bar zurück hin­ter den Mäd­chen und jun­gen Frau­en, bleibt beim Geha­be und beim Grup­pen­bild mit Bier, bleibt im Lan­de (immer­hin).
Ein­sam und deutsch: Wenn im Wes­ten star­ke Aus­län­der­an­tei­le das Schrump­fen des deut­schen Vol­kes zah­len­mä­ßig abfan­gen, indem sie gan­ze Vier­tel auf­sie­deln, kann davon in Mit­tel­deutsch­land kei­ne Rede sein: auf dem Lan­de nicht und nicht in den Städ­ten. Um das otto­ni­sche Mer­se­burg her­um stand etwa noch vor fünf Jah­ren ein Ring aus Plat­ten­bau­ten, der jede Ein­fahrt zu einer trost­lo­sen Ange­le­gen­heit mach­te. Mitt­ler­wei­le sind sie alle­samt abge­ris­sen, und von Hal­le, Leu­na oder Bad Lauch­städt her bie­tet sich ein frei­er Blick auf den Dom­berg. Für Leip­zig gibt es Plä­ne, schlap­pe zehn­tau­send Tür­ken oder Asia­ten für die Besie­de­lung eines Grün­der­zeit-Quar­tiers zu rekru­tie­ren: Man wird schei­tern, man wird abrei­ßen müssen.
Aber war­um die Land­stra­ße ent­lang nach dem nächs­ten Ort oder die Auto­bahn ent­lang nach Leip­zig spä­hen? Schnell­ro­da hat einen Land­gast­hof mit Fest­saal, einen Kin­der­gar­ten, der voll belegt ist, einen Fuß­ball­platz, eine Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr und einen Män­ner­chor. Und den­noch hat auch Schnell­ro­da, das aus sie­ben­und­fünf­zig Gebäu­den mit zwei­hun­dert­fünf Ein­woh­nern besteht, in die­sem Jahr bereits zwei Häu­ser ver­lo­ren und noch kei­ne Geburt ver­zeich­net. Nun war das eine Haus nicht wirk­lich der Rede wert; das ande­re aber lohnt der Beschrei­bung: Es war ein klei­nes Gehöft mit einem Wohn­haus und einem Wirt­schafts­ge­bäu­de, einem zuge­ge­be­ner­ma­ßen sehr feuch­ten Kel­ler und einem bereits ein­ge­stürz­ten Stall. Hier ist der Sanierungsplan:
Ein jun­ger Mann und eine jun­ge Frau kau­fen das Gehöft für 2.500 (zwei­tau­send­fünf­hun­dert) Euro plus Grund­er­werbs­steu­er und rich­ten sich für die ers­te Zeit der Arbei­ten in der Gäs­te­woh­nung des Rit­ter­guts ein. Sie begin­nen mit der Reno­vie­rung der Küche, der Stu­be und des Bades im Erd­ge­schoß, indem sie zunächst die Leim­far­be, die Tape­ten­res­te und jede locke­re Putz­stel­le ent­fer­nen, dabei die Fens­ter Tag und Nacht offen­hal­tend, damit alle Feuch­tig­keit aus den Räu­men weicht. Der Elek­tri­ker aus dem Nach­bar­ort ver­legt die Kabel und setzt Schal­ter und Steck­do­sen auf die rohe Wand. Neben­bei arbei­ten die jun­gen Leu­te einen Teil des Lehms auf, den sie aus den Wän­den des ein­ge­stürz­ten Stalls nach Belie­ben ent­neh­men kön­nen. Mit die­sem Lehm, der kei­ner­lei Zusatz braucht, ver­put­zen sie die Wän­de ihrer Wohn­räu­me und schaf­fen ein wär­me­däm­men­des, feuch­tig­keits­re­gu­lie­ren­des, che­mie­frei­es Kli­ma. Das kos­tet die jun­gen Leu­te kei­nen Pfen­nig. Die Die­len schlei­fen und ölen sie, die Kacheln in Küche und Bad wer­den, soll­ten zu vie­le davon beschä­digt sein, mit Spalt­plat­ten oder ande­ren gebrann­ten Zie­geln (bei­spiels­wei­se wie­der­um vom ein­ge­stürz­ten Stall) überfliest.

Für den Win­ter steht in der Küche ein funk­ti­ons­tüch­ti­ger Kachel­ofen, in der Stu­be ist auch einer, der das Bad gleich mit­be­heizt. Das Gebälk vom Stall und eine Ton­ne Koh­len rei­chen für min­des­tens zwei Win­ter. Sofern genü­gend Geld vor­han­den – das Haus hat ja kaum etwas gekos­tet -, ist noch vor dem Lehm­putz der Ein­bau einer Zen­tral­hei­zung leicht mög­lich, die Roh­re ver­schwin­den wie die Kabel in der Wand und der Lehm wirkt als gro­ße Heizfläche.
Arbeits­auf­wand bis­her: drei Mona­te. Natür­lich ist das eine Schin­de­rei, natür­lich macht man Feh­ler, und es mag sein, daß der feuch­te Kel­ler nicht so leicht tro­cken zu bekom­men ist oder daß die Fens­ter drin­gend ersetzt wer­den müs­sen. Aber was macht das schon? Die­ses Gehöft war eine Mög­lich­keit, ein herr­li­ches Unter­neh­men für kräf­ti­ge Hän­de, eine jun­ge Fami­lie, war ein frei­er Raum mit allen Unwäg­bar­kei­ten, die der Schritt ins Offe­ne nun ein­mal mit sich bringt: nicht jeder­manns Sache und etwas sehr Ent­schie­de­nes, um das her­um dann alles Wei­te­re ange­ord­net wer­den muß: Da wird nicht viel vom alten Leben blei­ben, auch beruf­lich hat man sich neu zu ori­en­tie­ren und wird am bes­ten selbständig.
Aber nun ist es weg, das Gehöft. Viel­leicht hät­te man es ein­fach erwer­ben sol­len, es ist ja bloß einen Stein­wurf weit vom Rit­ter­gut ent­fernt. Dann hät­te es noch eine Wei­le war­ten kön­nen und wäre als Mög­lich­keit, als frei­er Raum erhal­ten geblie­ben. Aber ande­rer­seits: In Naum­burg, Quer­furt, Mücheln, in den klei­nen Städ­ten und Dör­fern zwi­schen Hal­le und Wei­mar ist es nicht anders als in allen Regio­nen der ehe­ma­li­gen DDR: Frei­en Raum gibt es dort in Hül­le und Fül­le, und damit ist nicht nur das Land, sind nicht nur die Häu­ser gemeint: Auch poli­tisch ist der Kuchen nicht ver­teilt. Etli­che der jun­gen Män­ner, von denen oben die Rede war, gehö­ren latent oder bewußt pro­vo­zie­rend einer rech­ten Sze­ne an, einem sub­kul­tu­rel­len Milieu, das auch den gro­ßen Blät­tern mitt­ler­wei­le sei­ten­lan­ge Repor­ta­gen wert ist.
Man sieht die Zusam­men­rot­tun­gen die­ser jun­gen Män­ner (an denen auch ein­zel­ne Frau­en teil­neh­men) zur bes­ten Arbeits­zeit in einer belie­bi­gen Klein­stadt. Die­je­ni­gen, für die es zu spät ist, sam­meln sich mit den ver­wüs­te­ten Alko­ho­li­kern an irgend­ei­ner Mau­er, auf der sie ihre Bier­fla­schen abstel­len. Aber für sehr vie­le die­ser jun­gen Män­ner ist es mit­nich­ten zu spät. Sie haben ganz ein­fach ihre zivil­ge­sell­schaft­li­che Lek­ti­on nicht gelernt, auf die sich der Wes­ten so viel ein­bil­det, und es sieht ganz danach aus, als wür­den sie die­sen Import auch gar nicht anneh­men wol­len, son­dern auf ganz ande­ren Lern­stoff aus sein. Er müß­te sich aus Hei­mat­be­wußt­sein, Lebens­per­spek­ti­ve und Ver­trau­ens­bil­dung zusam­men­set­zen: Die meis­ten die­ser jun­gen Män­ner möch­ten nicht abwan­dern, son­dern in ihrer Hei­mat blei­ben, nicht von Staats­al­mo­sen abhän­gig sein, son­dern in ihrem erlern­ten Beruf arbei­ten, nicht belo­gen, son­dern in ihrer Anstren­gungs­be­reit­schaft ernst genom­men wer­den und jeman­dem nach­ei­fern, der sagt: So könn­te es gehen.

Es ist da in der Tat ein Zeit­fens­ter offen, nur eben nicht bis zum Sankt-Nim­mer­leins-Tag. Weil aus man­chen Abgangs­klas­sen nach drei Jah­ren bereits die Hälf­te in Mün­chen, Stutt­gart und Köln lebt, weil nach hun­dert Bewer­bun­gen und der fünf­ten Zeit­ar­beits­fir­ma der Selbst­wert den Null­wert kratzt und im Fern­se­hen Abend für Abend ein Teil der deut­schen Jugend als mar­schie­ren­der Abschaum gebrand­markt wird, wird aus einem gro­ßen Teil der wil­li­gen jun­gen Män­ner ein Trupp per­spek­tiv­lo­ser Schwät­zer, die sich in der Poli­tik versuchen.
Wäh­rend der Lek­tü­re der ganz­sei­ti­gen Repor­ta­gen in der gro­ßen Pres­se (etwa von Olaf Sun­dermey­er in der FAZ) wird man das Gefühl nicht los, daß man dort genau dar­auf gewar­tet hat und nun mit den immer­glei­chen zehn Kli­schees über etwas schreibt, dem man den Unter­gang wünscht. Daß es sich um jun­ge deut­sche Män­ner in einer ver­fah­re­nen Situa­ti­on han­delt, scheint kei­ne Bedeu­tung zu haben.
Die Kame­rad­schaf­ten bil­den die Sub­kul­tur der NPD, aber sie sind nicht die NPD. Sie sind in ihrer Aus­prä­gung so schil­lernd wie die Frei­korps der ers­ten Wei­ma­rer Zeit. Ihre Schlag­kraft und Grö­ße steht und fällt mit dem Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent und dem Cha­ris­ma des Anfüh­rers vor Ort. Alle eint die Über­zeu­gung, daß Deutsch­land den Deut­schen gehört und daß den ehr­li­chen, flei­ßi­gen Deut­schen – vor­nehm­lich den Arbei­tern und klei­nen Leu­ten – übel mit­ge­spielt wird im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung. Natio­na­ler Sozia­lis­mus ist das gro­ße Wort, das betont aus zwei Wör­tern besteht. Wenn die­ses gro­ße Wort dann manch­mal bloß noch aus einem Wort besteht und dadurch eine gewis­se his­to­ri­sche Auf­la­dung bekommt, ist auch der nächs­te Ver­sand­ka­ta­log nicht weit, der das Iden­ti­täts­be­dürf­nis der Kame­rad­schaf­ten auf unver­ant­wort­li­che Wei­se mit NS-roman­ti­schen Buch- und Devo­tio­na­li­en­an­ge­bo­ten bedient.
Es ist unan­ge­nehm, wenn man selbst mit einem sol­chen Ver­sand ver­wech­selt wird, bloß weil der eige­ne Ver­lag und die eige­ne poli­ti­sche Ein­stel­lung rechts sind. Neu­lich also klopf­ten zwei Kame­ra­den an und frag­ten, ob man auf dem Ver­lags­ko­pie­rer eben mal ein paar hun­dert Flug­blät­ter zum zwan­zigs­ten Todes­tag von Rudolf Heß ver­viel­fäl­ti­gen dür­fe. Es sei eine Akti­ons­wo­che geplant: „Mord ver­jährt nicht” und so wei­ter. Die zwei jun­gen Män­ner muß­ten ohne Flug­blät­ter wie­der abzie­hen, und viel­leicht gilt Edi­ti­on Antai­os nun vor den hie­si­gen Kame­ra­den als Behau­sung für Weich­ei­er, die sich nicht für den Stell­ver­tre­ter des Füh­rers in die Schan­ze zu schla­gen bereit sind.

Am sel­ben Tag übri­gens begann der Abriß des klei­nen Gehöfts, und die Gele­gen­heit, die­ses Anwe­sen der Kame­rad­schaft aus der Regi­on zur Reno­vie­rung zu über­las­sen, ist ver­paßt. Dabei wäre so eine Reno­vie­rungs­ar­beit, so ein Instand­set­zen lee­rer Räu­me so ziem­lich das bes­te, was eine Kame­rad­schaft in der Früh­pha­se ihres Bestehens leis­ten könn­te, bes­ser jeden­falls als eine Flug­blatt­ak­ti­on für Heß. Denn: Etli­che die­ser natio­na­len Sozia­lis­ten haben die Arbeit nicht erfun­den, sind schlecht erzo­gen, drü­cken sich am Wehr­dienst vor­bei und ler­nen vor allem das Jam­mern und Kra­kee­len. Wie arm aber ist einer, der vom eige­nen Auto aus ins neus­te Han­dy jam­mern und kra­kee­len kann, obwohl er auf Hartz-IV-Niveau lebt?
Jeden­falls hat er nicht um sein täg­lich Brot zu kämp­fen und könn­te in einem klei­nen Gehöft ordent­lich anzu­pa­cken ler­nen, anstatt ein Bett­la­ken mit den letz­ten Wor­ten aus Span­dau an einen Brü­cken­pfei­ler zu hän­gen. Er wür­de betei­ligt sein, wenn sich sei­ne Grup­pe einen Ort schafft, ein Nest, einen Hort: zum Woh­nen, Gril­len, Musik machen, Fei­ern; für Schu­lun­gen, Dis­kus­si­ons­run­den, als Basis­la­ger für den Auf­bruch zu gemein­sa­men Aktio­nen, Demons­tra­tio­nen, Pro­vo­ka­tio­nen; ein Ort also, in dem und von dem aus alles betrie­ben wer­den könn­te, wozu der Par­tei­en­staat sei­ne mün­di­gen Bür­ger auf­zu­ru­fen nicht müde wird: akti­ve Teil­ha­be am demo­kra­ti­schen Mei­nungs­fin­dungs­pro­zeß durch Prä­senz im öffent­li­chen Raum, der zumin­dest in Mit­tel­deutsch­land ein in wei­ten Tei­len lee­rer Raum ist.
Wofür wäre da ein­zu­tre­ten? Wor­um gäl­te es zu kämp­fen? Nach ein paar Jah­ren könn­te ein jun­ger Mann fest­stel­len: Ich habe vor allem mit mir selbst und um mich selbst gekämpft. Er wird stolz bemer­ken, daß sich der lee­re Raum, das wüs­te Land nicht mehr bis in sein eige­nes Gemüt aus­dehnt, son­dern daß er die­ser trost­lo­sen Abhän­gig­keit vom schein­bar Vor­ge­ge­be­nen etwas ent­ge­gen­zu­set­zen hat, und zwar mehr, viel mehr als eine sozia­lis­ti­sche Nehmerqualität.
Das sind die guten Grün­de dafür, sich mit lee­ren Gehöf­ten und Kame­rad­schaf­ten zu befas­sen: Bei­de sind da, sie sind ganz und gar unfer­tig und bie­ten dem­je­ni­gen, der Kraft, Ideen, Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein, Wage­mut und Vor­stel­lungs­ver­mö­gen hat, ein wei­tes Tätig­keits­feld. Natür­lich bie­tet auch der JU-Kreis­ver­band Tübin­gen oder die Inter­net-Gemein­de dol2day ein wei­tes Tätig­keits­feld, aber: Im Ver­gleich zu dem, was ange­sichts der lee­ren Häu­ser und der akti­ons­hung­ri­gen jun­gen Män­ner in den neu­en Län­dern mög­lich ist, ist in Tübin­gen gar nichts mög­lich, obwohl es dort natür­lich min­des­tens eben­so nötig wäre.
Teu­fel auch! Es wird doch in Deutsch­land Fami­li­en und jun­ge Leu­te genug geben, die sich die lee­ren Häu­ser und die jun­gen Män­ner vor­neh­men und etwas auf­bau­en. Im Kern näm­lich heißt Leben tat­kräf­tig sein.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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