Sezession
1. Oktober 2011

Geistesgeschichtliche Wurzeln der Konservativen Revolution

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 44 / Oktober 2011

von Steffen Dietzsch

Das konservative Denken (in Deutschland) hat einen expliziten Sinn für das, was nicht dem jeweiligen Zeitgeist unterworfen ist – »Konservatismus hat die Ewigkeit für sich.« (Moeller van den Bruck) Das heißt, weniger pathetisch, der Konservative hat einen strengen Sinn für das Gründende im Leben (des Menschen), das nicht selber »wiederum bloß als Vollzugsform oder Facette dieses Lebens zu beschreiben ist« (Dieter Henrich).

Hier soll nun auf drei geistesgeschichtliche Konstellationen verwiesen werden, die das Gründende für konservatives Denken in Deutschland ausmachen:

I. Die Reichsidee, die, in den Worten von Ernst Jünger, »weniger an ein nationales Erwachen als an das Einschmelzen der Grenzen« denken läßt. Das literarisch-spirituelle Projekt des Geheimen Deutschland (Stefan George) ist prototypisch für konservatives Denken.

II. Die Idee der Freiheit, die aus lutherischer Bestimmung des Zugleichseins von Freiheit und Pflicht folgt: »Eyn Christen mensch ist eyn freyer herz / über alle ding / und niemandt unterthan«, und »Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.«

III. Die Idee der Antipolitik, so wie sie in jenem politischen Säkulum zwischen Friedrich Nietzsche – »was gross ist im Sinn der Cultur war unpolitisch, selbst antipolitisch« – und Gottfried Benn gerade in Deutschland als unzeitgemäße Idee freien Denkens entworfen wurde.

 

I.

Als Ernst Jünger die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer erhielt, schrieb er in sein Tagebuch: »Daß es einmal zur Wiedervereinigung kommen würde, habe ich nie bezweifelt … Dabei habe ich weniger an ein nationales Erwachen als an das Einschmelzen der Grenzen … gedacht.«

Diese Überlegung Jüngers führt uns ins Zentrum dessen, was ich Deutschlands Beruf nennen möchte. Nämlich jenes Verhältnis von Nationalem und Transnationalem denkerisch und politisch auszubalancieren, eine (vielleicht antipolitische) Form dafür konstruieren zu müssen. Nicht entweder auf das eine oder das andere zu setzen, wovon die deutsche Geschichte schmerzlich zeugt. – Jüngers langer Denkweg selber, durchs 20. Jahrhundert, ist der exemplarische Fall, wie man vom existentiellen Gegeneinander des Einen und Anderen, und des Sich-in-die-Schanze-Schlagen für das Eine gegen das Andere, zu einer Synthese beider, d. h. zu einem »Dritten« denkerisch kommen kann. Das kann dann auch zunächst, wie eben beim Jünger-Freundeskreis, zu Konstellationen des Transpolitischen und Antipolitischen führen. Etwas, das der frankophile Ernst Jünger in einer Begriffsassoziation von der literarischen Moderne her vielleicht Sur-Nationalism (und gerade nicht Internationalismus) genannt hätte.

Der deutsche Geist – sozusagen das L’Allemagne èternelle – stand immer in der (bisweilen auch tragisch selber unbegriffenen) Spannung nationaler Selbsttranszendenz. Wie unverstanden (und mißgedeutet) diese spirituelle Basis des »Deutschseins« gerade zwischen den Kriegen war, davon zeugt eine Erinnerung des polnischen PEN-Mitgliedes Jaroslaw Iwasz¬kiewicz, der in seinen Erinnerungen (1975) schreibt: »Der mystische Ghibellinismus, die Grundlage des deutschen Denkens und auch entscheidend für die neuere europäischer Geschichte, war für mich ein Buch mit sieben Siegeln.«

Das heißt: Der Geist des Konservativen in Deutschland wollte sich nie national-begrenzt verstehen, niemals regional (bzw. konfessionell) eingehegt als beispielsweise Christus der Nationen (wie Polen), oder als »Grand Nation« (wie Frankreich), weder als imperiales Commonwealth noch als ein auf sich selbst bezogenes Reich der Mitte.


 Gastbeitrag

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