Sezession
1. Oktober 2011

Parolen der Konservativen Revolution

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 44 / Oktober 2011

»… der Orden als Keimzelle des Staates. Das war es, was wir suchten. Und wir fanden es, aber als wir es aussprachen, wurden wir nicht verstanden, denn in der Zwischenzeit war eine große Welle über uns weggerollt: die des Nationalsozialismus … Unsere Neusetzungen, wir bemühten uns zu sagen: Was ist Staat? Was ist Nation? Was ist Volk? Was ist dies alles? Und plötzlich, unsere Antworten, die röhrten durch alle Straßen, durch Rundfunk, durch alles, nicht wahr, und er benutzt unsere Begriffe im verkehrten Sinn.« Ernst von Salomon in einem Interview, 1979.

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DAS DRITTE REICH war ohne Zweifel eine der Schlüsselformeln der Konservativen Revolution. Das hängt mit der – wenngleich verspäteten – Wirkung des gleichnamigen Buches von Arthur Moeller van den Bruck zusammen, das 1923 erschienen war, dessen Autor aber bereits zwei Jahre später Selbstmord beging und insofern keinen Einfluß mehr auf die weitere Entwicklung nehmen konnte. Von dem Erfolg seines Werkes ahnte er jedenfalls nichts, schon gar nichts von der Wirkung des Buchtitels als Schlagwort. Denn die Entscheidung zu dessen Gunsten war eher zufällig zustande gekommen. Ursprünglich hatte Moeller an »Die dritte Partei« oder auch »Der dritte Standpunkt« – nämlich der Konservativen Revolution jenseits von Reaktion und Liberalismus – gedacht. Nur wirkte beides zu blaß, weshalb sich sein jugendlicher Freund Max Hildebert Boehm mit dem Vorschlag »Das dritte Reich« durchsetzen konnte. In einem Brief von 1932 schrieb Boehm: »Moeller deutete selbst an, daß das Wort ursprünglich einen chiliastischen Sinn hatte und offenbar in der okkulten Literatur seine Geschichte hat.« Auch ein Bezug auf die Idee des »dritten Italiens« in der Propaganda des frühen Faschismus habe eine Rolle gespielt. Boehm fährt dann fort: »… ich glaube sagen zu können, daß für Moellers Wahl die Anlehnung an das italienische Beispiel bestimmend gewesen sein dürfte und daß bei ihm auch ein Einfluß der hegelianischen Dialektik nachwirkte. Auf den mystischen Klang hat er es, soviel ich weiß, nicht primär abgesehen gehabt.«

In allen Untersuchungen zur Begriffsgeschichte wird darauf hingewiesen, daß die Rede vom »Dritten Reich« als einem Reich der Versöhnung der Gegensätze oder einem Reich der Vollendung bis in die Zeit der orientalischen Hochkulturen zurückverfolgt werden kann, daß sich Belege oder Hinweise in der Bibel finden und in der antiken Literatur, und daß dieses Konzept spätestens mit der (häretischen) Geschichtsspekulation über das Kommen eines dritten, »tausendjährigen Reiches« des Joachim von Fiore Einfluß auf die Vorstellungswelt des Abendlandes gewann, der sich fortsetzte in allen möglichen sektiererischen, maurerischen, aufklärerischen, romantischen, idealistischen Entwürfen.

Moeller war dieser Hintergrund kaum im Detail bekannt, aber schon Anfang des Jahres 1921 hatte er einen programmatischen Aufsatz unter dem Titel »Das tausendjährige Reich« veröffentlicht und in dem Zusammenhang auch von einem »dritten Reich« gesprochen. Vielleicht ging seine Deutung des Begriffs im Sinn eines mobilisierenden nationalen Mythos zurück auf entsprechende Erwägungen Dostojewskis, dessen Werke Moeller in Übersetzung herausgegeben hatte und der von Moskau als »drittem Rom« sprach, oder auf die Kenntnis von Vorstellungen im Kontext der »Ideen von 1914«. So hatte Thomas Mann bereits 1915 in einem Aufsatz für das Svenska Dagbladet geschrieben, daß Deutschland den Krieg begrüßt habe, weil er der »Bringer seines Dritten Reiches« sei: »Was ist denn sein Drittes Reich? – Es ist die Synthese von Macht und Geist – sie ist sein Traum und Verlangen, sein höchstes Kriegsziel – und nicht Calais oder ›die Knechtung der Völker‹ oder der Kongo. Es gibt Reaktionäre in Deutschland: das sind die Getreuen des ersten Reiches, des geistigen. Es gibt Konservative: das sind die unbedingten Anhänger des zweiten, des Machtreiches. Und es gibt Gläubige der Zukunft: sie meinen das dritte …«

Manns Entwurf war ungleich politischer und konkreter als die Erwartung des Philosophen Gerhard von Mutius, der 1916 ein Buch unter dem Titel Die drei Reiche veröffentlichte, dessen mystische Vorstellungen andererseits große Ähnlichkeit mit denen des Verlegers Eugen Diederichs aufwiesen, der in der Zeitschrift Die Tat noch im Dezember 1918 von einem »kommenden dritten Reich« sprach, das mit einer neuen Innerlichkeit auch zu einer neuen Machtstellung Deutschlands führen sollte. Der Text löste eine heftige Debatte aus, die bis zum Sommer 1920 in den Spalten der Tat geführt wurde, wobei Diederichs auf seiner Vision eines »johanneischen Zeitalters« beharrte, was unter den gegebenen politischen und sozialen Umständen einen Teil der Leser äußerst befremdete. In einer Art Schlußwort schrieb der Arbeiterdichter Karl Bröger, daß das »dritte Reich« im Grunde eine Utopie sei, deren Verwirklichung zwangsläufig in den Kommunismus münden werde.

Solche Vorbehalte fanden sich oft auf konservativer Seite, haben aber die Karriere der Losung des »dritten Reichs« in der »nationalen Opposition« nicht aufhalten können, was ganz prosaisch damit zu erklären ist, daß auch dem schlichten Gemüt leicht zu erklären war, daß nach einem »ersten« – dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation – und einem »zweiten« – dem Bismarckreich – und einem »Zwischenreich« – der Weimarer Republik – ein »drittes« Reich zu erwarten stehe. Der entsprechende Gebrauch des Begriffs muß schon unmittelbar nach dem Ende der Monarchie verbreitet gewesen sein und hat sich später mit anderen Vorstellungen, insbesondere denjenigen Moeller van den Brucks, verknüpft.

Es ist deshalb unwahrscheinlich, daß die Gründung der Zeitschrift Das dritte Reich im Umfeld des »Bundes Oberland« – einer Kernorganisation der nationalrevolutionären Rechten – 1924 schon mit Moellers Buch zusammenhing. Eine direkte Bezugnahme auf Moeller fand sich anfangs überhaupt nur in der nationalistischen Intelligenz. Deren Abgrenzung zur NSDAP war bis Ende der zwanziger Jahre nicht scharf gezogen. Das gilt vor allem für den Umkreis der Brüder Gregor und Otto Strasser. Otto Strasser, der eigentliche ideologische Kopf, war nach seiner Abwendung von der Linken unter den Einfluß Moellers gekommen und von dessen Ideen nachhaltig beeindruckt worden. Der Propagandachef der Nationalsozialisten, Joseph Goebbels, wiederum kam im Umfeld Strassers zuerst mit den Anschauungen Moellers in Berührung und hatte am 30. Dezember 1925 in seinem Tagebuch notiert: »Lektüre ›Das dritte Reich‹ von Moeller van den Bruck. Erschütternd wahr. Warum stand er nicht in unseren Reihen. [sic]« Knapp zwei Jahre später erschien Goebbels’ erstes Buch unter dem Titel Wege ins dritte Reich (1927). Goebbels gelang es in der Folgezeit, die Formel »das dritte Reich« sehr weitgehend für die Partei Hitlers zu monopolisieren. Dagegen konnten weder Strasser noch die Jungkonservativen etwas tun, die sich als eigentliche Erben Moellers betrachten durften.

HEROISCHER REALISMUS war eine Leitvorstellung jener Gruppen innerhalb der Bewegung, die sich eher als »revolutionär-konservativ«, weniger als »konservativ-revolutionär« betrachteten. Sie waren von nietzscheanischen Pathos erfüllt und gingen am radikalsten vor in der Analyse dessen, was nicht bewahrt werden könne. Nach Meinung dieser »preußischen Anarchisten«, »Nationalbolschewisten«, »Nationalrevolutionäre« hatten der Krieg und der Kollaps der alten Ordnung jenen Nihilismus nur nackt hervortreten lassen, der seit der Aufklärung mächtig war, aber durch die konservativen Kulissen verdeckt blieb. Dem konnte nur der »wahrhaft konservativ determinierte Mensch« (Gustav Steinbömer) entgegentreten, der nicht nur die Illusionen des Fortschritts, sondern auch die Morschheit des Wilhelminismus durchschaute. Was diesen Typus kennzeichnete, war eine besondere Mentalität, die sich nur in Paradoxa ausdrücken ließ; Thomas Mann hatte früh vom »Willen zur Welttauglichkeit« gesprochen, weniger glücklich war die Formel »skeptischer Enthusiasmus« (Hans Roeseler), undeutlich »politischer Realismus« (Heinz O. Ziegler), überzeugend schließlich »heroischer Realismus«.

Zuerst verwendet wurde die Formel durch den Juristen Werner Best in seinem Beitrag zu dem von Ernst Jünger herausgegebenen Sammelband Krieg und Krieger. Seine Bekanntheit verdankte er allerdings der Übernahme durch Jünger in dessen Arbeiter, wo Heroischer Realismus als die Haltung der neuen »Gestalt« gekennzeichnet wird, die ergriffen ist von der Notwendigkeit, das Alte hinter sich zu lassen, keiner bürgerlichen oder religiösen Überlieferung länger zu trauen, im Grunde von gar keiner Substanzhaftigkeit mehr auszugehen und die »organische Konstruktion« in Angriff zu nehmen.

Bezeichnenderweise hat sich Jünger von dieser vorgeschobenen Position sehr bald zurückgezogen, vielleicht weil ihm klar wurde, daß er sich konsequent auf eine Weltsicht zubewegte, in der nur noch ästhetische Kategorien Geltung beanspruchen konnten. Anders Gottfried Benn, dem 1933 für einen Augenblick eine neue große Ordnung denkbar schien, der dann aber resigniert erkannte, daß die schöpferische Kraft vergangener Epochen sich auf dem beschrittenen Weg nicht zurückgewinnen ließ:

 

»Natürlich bauten sie Dome

dreihundert Jahre ein Stück,

wissend, im Zeitenstrome

bröckelt der Stein zurück,

 

es ist nicht zu begreifen,

was hatten sie für Substanz,

wissend, die Zeiten schleifen

Turm, Rose, Krypte, Monstranz,

 

vorbei, à bas und nieder

die große Konfession,

à bas ins Hühnergefieder

konformer Konvention …«

LEWER DOD AS SLAW oder »Lever dood as Slaav« im Ostfriesischen, »Lewer duad üs Slav« im Nordfriesischen (es sind noch weitere Schreibungen üblich), war als Parole in allen Teilen der nationalen Bewegung nach 1919 verbreitet, um die Entschlossenheit zum Widerstand gegen den Versailler Vertrag zum Ausdruck zu bringen. Bekanntheit erlangte die Formel aber als Schlachtruf der Landvolkbewegung, die am Ende der zwanziger Jahre die rebellischen Bauern zuerst in Schleswig-Holstein, dann auch im übrigen Norden und Osten des Reichsgebiets zusammenfaßte, um gegen die wirtschaftliche Not und für das »Land«, gegen die »Stadt« und die liberale und bürgerliche Republik zu kämpfen. Die Bauern hatten naturgemäß keine eigenen Programmatiker, was dazu führte, daß sich Völkische, Nationalrevolutionäre und Bündische, aber auch Kommunisten und Nationalsozialisten zur Verfügung stellten oder sich des Landvolks zu bedienen suchten. Zu deren sehr erfolgreichem Konzept gehörte, das Landvolk in die Kontinuität der Bauernkriege und der Selbstbehauptungskämpfe der Freibauernschaften, insbesondere der Ostfriesen, etwa der Stedinger, zu stellen.

Beide Traditionen gehörten seit dem 19. Jahr¬hundert zum Bildungsgut der nationalen wie der demokratischen Bewegung in Deutschland. Insofern ist auch nicht mehr zu klären, ob das »Lewer dod as Slaw« tatsächlich authentisch auf das Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurückgeführt werden kann, oder aber der Interpretation des Geschehenen, zum Beispiel am Friesendenkmal in Hartwarden (das 1914 errichtet wurde und die Inschrift »Lewer dod as Sklav« trug) oder in der Ballade »Pidder Lüng« von Detlev von Liliencron, zu verdanken war, deren Verse immer mit der Zeile »Lewwer duad üs Slaav« endeten.

 

NATIONALBOLSCHEWISMUS Die Möglichkeiten eines »preußischen«, »deutschen« oder »nationalen Bolschewismus« wurden in Deutschland seit dem Zusammenbruch von 1918 intensiv diskutiert. Dabei spielte die Absicht einzelner Kommunisten eine Rolle, den Nationalismus für die eigenen Ziele zu instrumentalisieren; auf der anderen Seite gab es eine relativ große Zahl von Anhängern einer taktischen Kooperation, die nur die aus der Oktoberrevolution resultierende Energie gegen die Westmächte nutzen wollten. Was diese zweite Variante betrifft, so fand sie Unterstützung in der Reichswehrführung und unter Politikern der Weimarer Republik, die die militärische Zusammenarbeit mit der Roten Armee und eine Wiederaufnahme »bismarckscher« Ostpolitik betrieben. Von dieser Fraktion zu unterscheiden ist die radikale Minderheit der »wahren Nationalbolschewisten« (Louis Dupeux), die durchaus eine totale Umwälzung in Deutschland befürwortete, weil ihrer Meinung nach eine soziale wie eine nationale Revolution nötig waren als Voraussetzung für den Wiederaufstieg des Reiches.

Der programmatische Kopf des Nationalbolschewismus war ohne Zweifel Ernst Niekisch. Der von ihm projektierte »germanisch-slawische Block«, als dessen Kern er Deutschland und die Sowjetunion betrachtete, sollte durch seine geopolitische Lage, sein wirtschaftliches und demographisches Gewicht ein Machtfaktor ersten Ranges werden und fähig, den Revanchekrieg gegen die Versailler Vertragsmächte zu führen. Daß dabei der ungleich größere russische Anteil den kleineren deutschen erdrücken könnte, fürchtete Niekisch nicht. Er glaubte an eine qualitative Überlegenheit Deutschlands im »völkischen« Sinn und ging davon aus, daß man die preußische Leistung im großen Maßstab wiederholen könne, das heißt wie bei der mittelalterlichen Ostkolonisation die slawischen Elemente anzuleiten und einzuschmelzen.

Niekisch gelang es am Ende der zwanziger Jahre, die führenden Köpfe der nationalistischen Intelligenz für seine Zeitschrift Widerstand zu gewinnen – Ernst und Friedrich Georg Jünger, Franz Schauwecker, Friedrich von dem Reck-Malleczewen, Hugo Fischer, Ernst von Salomon, Alfred Baeumler, Arnolt Bronnen –, gerade weil er seine Absichten mit schonungsloser Härte vertrat. In einem Flugblatt der »Widerstandsbewegung« hieß es: »Die Widerstandsbewegung ist gegen die Ideen des Westens schlechthin gerichtet, gleich in welcher Form sie auf Deutschlands Schicksal einwirken. Den Aufstand gegen den römischen Herrschaftsgedanken, gegen römisches Recht, gegen das Gedankengut von 1789, die Ideen der Zivilisation, des Individualismus, Liberalismus, Demokratismus, gegen die bürgerliche Welt- und Wirtschaftsauffassung betrachtet sie als unerläßliche Voraussetzung des deutschen Freiheitskampfes. Die Abkehr von den Gütern Europas ist ihr aber nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern sie ist auch willens, die Konsequenzen aus dieser Haltung in ihrer ganzen Tragweite und Schwere zu ziehen. Die Widerstandsbewegung verlangt u. a. die entschlossene politische Blickwendung nach Osten … Anknüpfung von Beziehungen zu allen unterdrückten Völkern, Entfachung einer ›Irredenta‹ in allen Staaten, in denen deutsches Volkstum geknebelt wird. Gewöhnung der Nation, insbesondere der Jugend, an ein kärgliches Leben, an ein Leben in Zucht und Pflichten. Pflege der Wehrhaftigkeit mit allen Mitteln, Absage an das Prinzip des Privateigentums im Sinne des römischen Rechts. Beschränkung der Verfügungsgewalt über das Privateigentum, Abkehr von der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Umfassend vorbereiteter und rücksichtsloser Rückzug aus der Weltwirtschaft mit allen Konsequenzen.«

Aber selbst unter den Bedingungen der großen Wirtschaftskrise besaß Niekischs Idee eines spartanischen und zwangsweise agrarisierten Deutschland keine Anziehungskraft auf die Massen, und es blieb bei dem von ihm immer bespöttelten »Grauen vor dem Osten«. Der Machtzuwachs der NSDAP mit ihrem scharf anti¬kommunistischen Programm seit Anfang der dreißiger Jahre bedeutete zwar eine gewisse Irritation, aber Niekisch blieb davon überzeugt, daß nach der Desillusionierung der Basis über die Korruption der Führer – Niekischs 1932 erschienene Broschüre Hitler – Ein deutsches Verhängnis sollte gerade der Aufklärung über diesen Punkt dienen – die nationalsozialistische Masse auf die Seite des Nationalbolschewismus übertreten würde. Angesichts des gemeinsam von KPD und NSDAP in Berlin getragenen Verkehrsarbeiterstreiks frohlockte Niekisch im Herbst 1932 über den »Nationalbolschewismus als politische Wirklichkeit«, der sich gegen den Legalismus Hitlers ebenso durchsetzen werde wie gegen den Internationalismus der kommunistischen Führung, die den Zusammenhang von Klassenkampf und deutschem Befreiungskampf nicht verstehen wolle.

Bezeichnenderweise ist es niemals zur Grün¬dung einer nationalbolschewistischen Partei gekommen. Entsprechende Pläne eines Zirkels aus abtrünnigen SA-Leuten und Kommunisten, Bündischen und Völkischen um Karl O. Paetel waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Trotzdem ging die nationalsozialistische Führung nach 1933 mit äußerster Härte gegen diese Formation und später auch gegen Niekisch und seine Anhänger vor, weil man fürchtete, daß – für den Fall einer sich weiter verschärfenden Wirtschaftslage – der Nationalbolschewismus den Deutschen doch noch als denkbare Alternative erscheinen würde. Umgekehrt haben einzelne aus dem nationalbolschewistischen Lager angesichts des Hitler-Stalin-Pakts geglaubt, daß der Weltgeist doch auf ihrer Seite stünde.

 

ROTGRAUE AKTION war die Bezeichnung für die von dem Jungenschaftsführer Eberhard Koebel – tusk – im Sommer 1931 durchgeführten Maßnahmen, mit der er seine dj 1.11 – die (autonome) deutsche jungenschaft vom 1. 11. (1929) – zum Kern eines alle deutschen Jungen zwischen zehn und vierzehn Jahren vereinigenden »Hochbunds« machen wollte. Der Begriff erklärt sich aus der Gestaltung der rot-grauen Bundesfahne der Jungenschafter, hatte jedenfalls nichts zu tun mit tusks Sympathie für die KPD beziehungsweise die Sowjetunion, die sich erst im folgenden Jahr deutlicher abzeichnete.

In der Zeitschrift Tyrker und in Flugblättern hatte tusk zuvor die Bildung »rotgrauer Gruppen und Gaue« gefordert, eine »Zellenbildung an allen Plätzen, wo Jungen lernen und arbeiten«, letztlich die Schaffung einer »Jungenfront vom Gymnasium bis zur Fabrik«. Deshalb wurde gezielt Werbung in Vereinen und Schulen und auf der Straße betrieben, aber auch in den verschiedenen Bünden. Nach außen hieß es, daß deren Eigenständigkeit grundsätzlich gewahrt, aber die Einheit der Jungenschaft durch die gemeinsame Kluft – die von tusk entworfene blaue Jungenschaftsjacke »Juja« – kenntlich gemacht werden sollte. Zuletzt ging es aber doch um die Sprengung der alten Strukturen.

Daß solche hochgesteckten Erwartungen mit der Rotgrauen Aktion verknüpft werden konnten, erklärt sich wesentlich aus dem Einfluß, den tusk seit Anfang der dreißiger Jahre auf die deutsche Jugendbewegung insgesamt gewonnen hatte. Zwar schlugen seine Versuche fehl, zuerst die Freischar, dann die Freischar Junger Nation und zuletzt den Deutschen Pfadfinderbund ganz oder teilweise zu übernehmen, aber die von ihm entworfenen Zeitschriften, die Kleidung und das Auftreten von d.j. 1.11 wirkten stilbildend.

Trotzdem scheiterte die Rotgraue Aktion und wurde im Juni 1932 abgebrochen. Einer der Mitkämpfer tusks – Hans Graul – hat später davon gesprochen, daß dieses Scheitern zwangsläufig war, aufgrund der programmatischen Unklarheit tusks, seines politischen Wankelmuts und des im Grunde »parasitären« Charakters der Jungenschaft, die sich der bestehenden Bünde bedienen wollte, ohne tragfähigen eigenen Aufbau. Über die eigentliche Anziehungskraft von tusk und d.j. 1.11 ist damit allerdings nichts gesagt. Bezeichnenderweise übernahmen die Nationalsozialisten nach 1933 für das »Jungvolk« nicht nur die Bezeichnung »Jungenschaft«, sondern auch viele andere von tusks Konzepten und Entwürfen, sogar die Juja, die bis 1936 getragen wurde.

MACHTGESCHÜTZTE INNERLICHKEIT ist ein von Thomas Mann kreierter Begriff. Er findet sich in dem Essay »Leiden und Größe Richard Wagners«, den Thomas Mann am 10. Februar 1933 im Auditorium Maximum der Universität München vortrug und der erstmals einen Monat später im Aprilheft der Neuen Rundschau erschien. Wagner, so wird kritisch bemerkt, sei »den Weg des deutschen Bürgertums gegangen: von der Revolution zur Enttäuschung, zum Pessimismus und einer resignierten, machtgeschützten Innerlichkeit. Dennoch steht das in einem gewissen Sinne sehr undeutsche Wort in seinen Schriften: ›Wer sich unter der Politik hinwegstiehlt, belügt sich selber!‹ Ein so lebendiger und radikaler Geist war sich selbstverständlich der Einheit des humanen Problems, der Untrennbarkeit von Geist und Politik bewußt; er hat nicht der bürgerlich-deutschen Selbsttäuschung angehangen, man könne ein unpolitischer Kulturmensch sein – diesem Wahn, der Deutschlands Elend verschuldet hat.« Unverkennbar ist hier Manns Selbstkritik herauszuhören, die sich gegen seine Haltung aus den Betrachtungen eines Unpolitischen von 1918 richtet, als er noch vehement die Position des antidemokratischen, politikverachtenden Geistesmenschen einnahm. Folglich zog sich Thomas Mann aufgrund des Essays, in dem es u. a. heißt, Wagner sei als Politiker »mehr Sozialist und Kulturutopist … denn Patriot im Sinne des Machtstaates« gewesen, einmal mehr den Zorn der Nationalsozialisten zu. Dennoch behielt Thomas Mann zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis zum Phänomen der »machtgeschützten Innerlichkeit«, von der auch Thomas Nipperdey sagte, daß das »spezifisch Interessante« der deutschen Kultur »gerade an ihrer Verwurzelung im Unpolitischen« liege. Denn »Innerlichkeit … richtet sich auch gegen das Eigenrecht des Nicht-Politischen … ›Machtgeschützt‹ verweist auf die objektiven Grundlagen der ›unpolitischen‹ Existenz, darauf, daß man anderen den inneren und äußeren ›Schutz‹ überläßt.« (Thomas Nipperdey) Darüber hinaus verwies Thomas Mann in seinem Vortrag »Deutschland und die Deutschen« vom 6. Juni 1945 in Washington auf »die vielleicht berühmteste Eigenschaft der Deutschen, diejenige, die man mit dem sehr schwer übersetzbaren Wort ›Innerlichkeit‹ bezeichnet«, und benannte sie folgendermaßen: »Zartheit, der Tiefsinn des Herzens, unweltliche Versponnenheit, Naturfrömmigkeit, reinster Ernst des Gedankens und des Gewissens, kurz alle Wesenszüge hoher Lyrik mischen sich darin, und was die Welt dieser deutschen Innerlichkeit verdankt, kann sie selbst heute nicht vergessen: Die deutsche Metaphysik, die deutsche Musik, insonderheit das Wunder des deutschen Liedes, etwas national völlig Einmaliges und Unvergleichliches waren ihre Früchte.«

 

»Kultur und Zivilisation« oder »Gemeinschaft und Gesellschaft« lauteten die Dualismen, mit denen man nach dem Ersten Weltkrieg die Spannung zwischen Deutschland und dem Westen auf griffige Formeln brachte. Auch Ludwig Klages’ Schlagwort vom GEIST ALS WIDERSACHER DER SEELE gehört in diesen Kontext und sucht die politischen oder kulturellen Gegensätze zugleich auf einer tieferen, metaphysischen Ebene zu fassen.

Systematisch ausgeführt hat Klages seinen Grundgedanken, der sich in Ansätzen schon in den Jugenddichtungen Rhythmen und Runen findet, erstmals in der Abhandlung »Geist und Seele«, die er zwischen 1916 und 1919 in mehreren Teilen in der Zeitschrift Deutsche Psychologie publizierte; zu einem Schlüsselbegriff der intellektuellen Debatten wurde er aber erst durch sein dreibändiges Hauptwerk Der Geist als Widersacher der Seele (1929–1932). In dessen umfangreichen erkenntnistheoretischen und ontologischen Darlegungen suchte der bislang als Graphologe hervorgetretene Philosoph zu zeigen, daß das »kosmische« Leben ein raumzeitliches Kontinuum sei, dem der eigenschaftslose, »punktuelle« Geist, trotz seiner »Außerraumzeitlichkeit«, durch willensgeleitete Erkenntnisakte »Spaltungen« zufüge, die es verfremden und letztlich zerstören würden. Anders als viele Theoretiker der Konservativen Revolution, die jenseits der Dualismen nach »Dritten Wegen« suchten, schloß Klages eine künftige Vermittlung ebenso kategorisch aus wie ein ursprünglich fundierendes drittes Prinzip, was ihm von Seiten seiner zahlreichen Gegner – nicht nur auf der politischen Linken, sondern auch von Nationalsozialisten wie Bäumler und Rosenberg – den Vorwurf des »Irrationalismus« einbrachte.

Obwohl Klages zu den populärsten philosophischen Autoren der dreißiger Jahre gehörte und von einigen seiner Anhänger, vor allem seinem späteren Biographen Hans Eggert Schröder, dem neuen Regime – erfolglos – als Vordenker angedient wurde, blieb er ein Außenseiter, dessen Werk zwar von Schriftstellern wie Hermann Hesse und Robert Musil, Psychologen wie Hans Prinzhorn und Philipp Lersch und außerakademischen Kulturtheoretikern wie Walter Benjamin rezipiert, von der Universitätsphilosophie aber weitgehend ignoriert wurde. Zu scharf war seine Ablehnung nahezu sämtlicher Repräsentanten der philosophischen Tradition; und zu schwerwiegend erschienen auch die Widersprüche, die sich aus seinem radikalen Dualismus ergaben.

Zu einer »Deutschen Kulturrevolution«, wie sie der Dramatiker Werner Deubel im Anschluß an Klages erstrebte, kam es nicht, aber sein Denken wirkte auch nach 1945 fort – nicht zuletzt durch seine Impulse für die Ökologiebewegung.

DIE HERRSCHAFT DER MINDERWERTIGEN manifestierte sich zwar erst 1927 in einem Buchtitel, gehörte aber seit Beginn der Weimarer Republik unausgesprochen zum Arsenal der Kritik an ihr. Am Tag der Vereidigung Eberts zum Reichspräsidenten brachte die Berliner Illustrierte Zeitung auf dem Titel ein Bild, das Ebert und Noske in wenig vorteilhafter Pose, schmerbäuchig und in ausgebeulter Badehose, zeigte. Der Kladderadatsch dichtete dazu eine neue »Volkshymne«: »Heil dir am Badestrand, Herrscher im Vaterland, Heil Ebert, dir! Du hast die Badebüx, sonst hast du weiter nix. Als deines Leibes Zier. Heil, Ebert, dir!« Alles das zielte darauf ab, die Führer der Republik als minderwertig und ungeeignet herauszustellen. In Hitlers Mein Kampf bekommt die Parole eine antisemitische Bedeutung, wenn er schreibt: »Mit der Zertrümmerung der Persönlichkeit und der Rasse fällt das wesentliche Hindernis für die Herrschaft des Minderwertigen – dieser aber ist der Jude.«

Das Buch von Edgar Julius Jung, das die Parole im Titel trägt, schließt sich dieser Auslegung nicht an, sondern orientiert sich an Nietzsche und Spengler, bei denen die »Herrschaft der Minderwertigen« allerdings nicht wortwörtlich vorkommt. Die Formel ist aber eindeutig von Nietzsches Spätwerk inspiriert, in dem er einige Male den Begriff »Tschandala« verwendet, der im indischen Kastendenken das Minderwertige bezeichnet. (Bereits 1899 hatte Moeller van den Bruck sich in seiner Schrift Tschandala Nietzsche mit diesem Zusammenhang beschäftigt.) Nietzsche spricht von »dem Nicht-Zucht-Menschen, dem Misch-masch-Menschen, dem Tschandala«. Ein direkter Bezugspunkt zur Situation von Jung ergibt sich, wenn Nietzsche schreibt: »Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Sozialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben – die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren …« In diesem Sinne wurde die Parole in den zwanziger Jahren verstanden und als »Kaffer« (Hans W. Fischer), »Kanaille« (Ernst Jünger) oder »Man« (Heidegger) vielfach variiert.

Das Buch von Edgar Julius Jung erlebte drei Auflagen mit insgesamt fünfzehntausend Exemplaren. Daß das umfangreiche Buch viel gelesen wurde, ist unwahrscheinlich. Aber es faßte im Titel auf geniale Weise zusammen, was man in der nationalen Opposition über die Weimarer Republik dachte. Ernst Jünger hat den Begriff in einem Aufsatz aufgegriffen, in dem er 1928 beklagte, daß »Nationalisten und Arbeiter zusammen in den Zuchthäusern sitzen, während draußen die Herrschaft der Minderwertigen triumphiert«. Gemeint ist immer dasselbe: Die, die herrschen, tun es zu Unrecht, weil sie charakterlich minderwertig seien. Herrschaft im vollwertigen Sinne würde bedeuten, daß sie sich dem Wiedererstarken Deutschlands widmen müßte und nicht dem liberalistischen Verzicht auf Politik im eigentlichen Sinne.

Mit dem PREUßISCHEN SOZIALISMUS wird eine lange Tradition des sozialen Gedankens innerhalb des konservativen Denkens auf den Punkt gebracht. Die Tradition reicht von den Sozialkonservativen des 19. Jahrhunderts (Hermann Wagener und Bismarck) über den nationalen Sozialismus von Friedrich Naumann bis zum Kriegssozialismus Walther Rathenaus. Ausgangspunkt für die Parole vom »preußischen Sozialismus« war die Schrift Preußentum und Sozialismus von Oswald Spengler, die im Dezember 1919 erschien und zahlreiche Auflagen erlebte. Rückblickend nahm Spengler für sich in Anspruch: »Von diesem Buche hat die nationale Bewegung ihren Ausgang genommen.« Der Ausgangspunkt Spenglers ist darin die Novemberrevolution, die »dümmste und feigste, ehr- und ideenloseste Revolution der Weltgeschichte«. Am Unterschied zwischen englischer und preußischer Staatsauffassung zeigt er, daß Marx nicht nach Deutschland gehöre und es hier eine eigene Tradition des Sozialismus gebe. Preußen sei kein historischer Staat, sondern ein Instinkt, eine Haltung, ein Charakter. Sozialismus definiert Spengler als Ethos, der Privatwirtschaft voraussetze und keinen Gegensatz zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber kenne. Mit seiner Schrift wollte Spengler die Konservativen wachrütteln, damit sie den neuen demokratischen Zeitgeist, der unausweichlich sei, nicht verschlafen. Statt altkonservativer Besitzstandswahrung fordert er ein Zusammengehen des wertvollen Teils der deutschen Arbeiterschaft mit den »besten Trägern des altpreußischen Staatsgefühls« unter dem Banner des Pflichtgefühls und der gemeinsamen Aufgabe, der Gestaltung einer deutschen Zukunft – gegen den Einfluß des englischen Liberalismus.

Spenglers programmatische Schrift hat der Parole vom »preußischen Sozialismus« den Weg geebnet. Sie ist aus dem Wortschatz der Konservativen Revolution seitdem nicht mehr wegzudenken. Den Abschluß fand sie 1932 im Arbeiter von Ernst Jünger, der diesen preußischen Sozialismus in der Gestalt des Arbeiters sichtbar macht. Wenig später wurde sie durch die historischen Ereignisse in Gestalt des Nationalsozialismus überholt, was sich nicht zuletzt darin zeigt, daß der Historiker Friedrich Schinkel die Parole bereits 1933 in dem gleichnamigen Buch historisierte.

 

 


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