Sezession
1. Oktober 2007

Alternative als Anmaßung

Gastbeitrag

aus Sezession 20/Oktober 2007

sez_nr_206von Wiggo Mann

Groß ist der Irrtum in der Welt, und selbst die besten Ideen und Taten können von ihm jederzeit ohne Mühe überschattet werden. Immer wieder müssen wir uns damit abfinden, verschreckt in einer Ecke zu sitzen und uns vor höheren Mächten, vor allem dem Zufall, unserem wahren Zuchtmeister, zu fürchten. Und wer da trotzdem handelt, wer nach draußen geht, macht Fehler. Und manchmal auch der, der zu Hause bleibt.

Anfang Mai 1933 fragt ein junger Mann von der Küste des Mittelmeers einen fast fünfzigjährigen in Berlin: „Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?"
Dieser andere, der Befragte, der mittels eines öffentlichen Briefes antworten wird, ist Gottfried Benn, Arzt und Schriftsteller, ein Jahr zuvor in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, die er im Jahr 1933, trotz der Austritte vieler prominenter Mitglieder, nicht verläßt, und der sich zum neuen Staat bekennt. Seine Begeisterung und sein Engagement halten nur ein Jahr an. Doch in dieser Zeit hat er den Nationalsozialismus als die große Alternative für das deutsche Volk ausgemacht, da half ihm auch seine allzeit wachsame Skepsis nichts. Folgendes findet sich in seiner Antwort an Klaus Mann, der die oben zitierte Frage stellte: „(...) ich glaube, Sie kämen den Ereignissen in Deutschland näher, wenn Sie die Geschichte nicht weiter als den Kontoauszug betrachten, den Ihr bürgerliches Neunzehntes-Jahrhundert-Gehirn der Schöpfung präsentierte". Sehr schroff, durchaus, vor allem aber ergibt sich aus diesem mächtigen Vorwurf, daß die Schöpfung, der Lauf der Dinge, sich weder von „Ochs' noch Esel" aufhalten läßt, mögen diese auch noch soviel Elan - und noch so viele alternative Konzepte - in die Beeinflußbarkeit und Veränderlichkeit der Welt legen. Benn irrte 1933 nicht, vielmehr machte er sich, nach seinen eigenen Maßstäben, lächerlich, indem er mal eben kurz seine Ablehnung von politischer Tendenz und innerweltlichen Erlösungskonzepten, romantische Kindereien im Sinne eines „ewigen Frühlings am Nordpol", beiseite schob, gab eine tragische Figur ab, maßte sich an, eine Alternative für das deutsche Volk zu sehen und propagierte diese - also, immer feste mitgemischt beim Kampf für eine bessere Welt.
Der Fairneß halber muß gesagt werden, daß historisch neuralgische Punkte und Zeiten nicht in den Versuchsaufbau zur Bewertung von Alternativen gehören. Es wird dann schnell von Notwendigkeiten gesprochen, die ein Subjekt zum Handeln drängen - man kann also gar nicht anders, die Situation gebiert die Tat, als auch die Idee, und nicht irgendein armseliges Subjekt für sich und aus freien Stücken. Aber ob man diese Notwendigkeiten überhaupt so ausmacht und dann von ihnen beeinflußt handelt, gehört wohl eher in den Bereich der Einbildungen und Privatangelegenheiten, also der Allgemeinplatz der Hirn- und Persönlichkeitsforschung: jedem seine eigene Realität, und jedem eine andere. Was wäre das auch für eine Freiheit, die wir doch zum größten Teil unser eigen nennen, wenn alle Handlungsentscheidungen nur aus Notwendigkeiten entsprängen? Der Dämon der Kausalität, der Dialektik, des Behaviorismus und all dieser Sachen, mit denen man die Erscheinungen und Probleme der Welt ausrechnen kann, hat da wohl seine gierigen Finger im Spiel!
Das Problem ist die Idee. - Wer wie Benn eine Alternative ausmacht, wer sich eine erdenkt, wer eine propagiert, der bringt seine eigene traumbeladene und bisweilen verzweifelte Existenz in Worten und Ideen unter, denn groß ist die Unzufriedenheit bei vielen und war es auch zu allen Zeiten, groß auch der Drang alles zum Guten und Richtigen zu verändern, nun endlich mal die ganze Sache in die richtigen Bahnen zu lenken.


 Gastbeitrag

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