Keine Krise ohne Werte

In der gestrigen FAZ-Beilage "Natur und Wissenschaft" hat der Ideenhistoriker Ulrich Sieg einen erhellenden Beitrag über ...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

… die “Geburt der Wert­phi­lo­so­phie aus der Ter­ro­ris­ten­furcht” ver­öf­fent­licht. Er nimmt dabei die bei­den Atten­ta­te auf Wil­helm I. im Jah­re 1878 als Anstoß für die Wert­phi­lo­so­phie und belegt damit, daß der Ruf nach Wer­ten immer dann erfolgt, wenn der Angriff bereits statt­ge­fun­den hat:

Sie illus­trie­ren die Ver­letzt­bar­keit eines Gemein­we­sens im Moment eines Angriffs auf sein sym­bo­li­sches Zen­trum. Die Kar­rie­re des Wert­be­griffs ver­dankt sich auch dem Sta­bi­li­täts­be­dürf­nis einer ver­un­si­cher­ten Gesellschaft.

Die Ver­un­si­che­rung des Jah­res 1878 rühr­te vor allen Din­gen von der Tat­sa­che her, daß das zwei­te Atten­tat nicht vom Rand, son­dern der Mit­te (mit Bezug zur Spit­ze) der Gesell­schaft aus­ging. Dr. Karl Nobi­ling, der Atten­tä­ter, stamm­te aus einer preu­ßi­schen Offi­ziers­fa­mi­lie. Sieg zitiert dazu aus einem Brief von Theo­dor Fon­ta­ne an sei­ne Frau:

Mas­sen sind immer nur durch Furcht oder Reli­gi­on, durch welt­li­ches oder kirch­li­ches Regi­ment in Ord­nung gehal­ten wor­den, und der Ver­such, es ohne dies gro­ße Welt­pro­fos­se leis­ten zu wol­len, ist als geschei­tert anzu­se­hen. Man dach­te, in “Bil­dung” den Ersatz gefun­den zu haben, und glo­ri­fi­zier­te den “Schul­zwang” und die “Mili­tär­pflicht”. Jetzt haben wir den Salat.

Die Wert­phi­lo­so­phen, ins­be­son­de­re Wil­helm Win­del­band, behaup­te­ten in die­ser Situa­ti­on, daß die Phi­lo­so­phie als kri­ti­sche Wert­wis­sen­schaft in der Lage sei, die zum Erhalt der Gesell­schaft not­wen­di­gen Wer­te zu bestim­men. Dazu brauch­ten sie die Annah­me eines “Nor­mal­be­wußt­seins”, das die­se Wer­te gleich­sam garan­tie­ren sollte.

Bis­marck dach­te da ungleich rea­lis­ti­scher: Er emp­fahl die Beschrän­kung der Stu­den­ten­zah­len, da die ter­ro­ris­ti­schen Ideen vor allem bei unzu­frie­de­nen Aka­de­mi­kern auf frucht­ba­ren Boden fie­len. Wenn man an Dos­to­jew­skis Roma­ne denkt, lag Bis­marck damit gar nicht so falsch. Im Zeit­al­ter des Nihi­lis­mus ist auch auf das “Nor­mal­be­wußt­sein” kein Ver­laß mehr.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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