Die Intelligenz und ihre Feinde

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

von Andreas Vonderach

Als Schulkind in der DDR fragte Volkmar Weiss seinen Geschichtslehrer, was denn nach dem Kommunismus käme. Er erhielt darauf keine Antwort. Wie der Kommunismus so begreift sich auch die egalitäre, an universalistischen Werten wie den Menschenrechten ausgerichtete Demokratie als das Ziel der Geschichte.

 Gastbeitrag

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In sei­nem neu­en Buch, Die Intel­li­genz und ihre Fein­de. Auf­stieg und Nie­der­gang der Indus­trie­ge­sell­schaft (Ares Ver­lag, Graz 2012, 544 S., 34.90 €), wirft der Leip­zi­ger Human­ge­ne­ti­ker Volk­mar Weiss einen Blick auf die Zukunft der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on. Er zeigt, daß sie mitt­ler­wei­le jene Grund­la­gen ver­zehrt, die sie groß gemacht haben, mit ande­ren Wor­ten: daß sie end­lich ist.

In tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten besteht ein posi­ti­ver Zusam­men­hang von Bega­bung, wirt­schaft­li­chem Erfolg und der Zahl der Nach­kom­men. Das galt bis in die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts auch für Euro­pa. Durch den zuneh­men­den Wohl­stand, den medi­zi­ni­schen Fort­schritt und die Ren­ten- und Kran­ken­ver­si­che­rung hat sich die­ser Zusam­men­hang in sein Gegen­teil ver­kehrt. Seit gut sechs Genera­tio­nen haben die intel­li­gen­te­ren, gebil­de­ten und wirt­schaft­lich erfolg­rei­chen Men­schen deut­lich weni­ger Kin­der als die unte­ren Schich­ten der Bevöl­ke­rung. Zugleich wer­den die unte­ren Schich­ten durch die Auf­he­bung der Klas­sen­schran­ken und die Durch­set­zung des Leis­tungs­prin­zips immer mehr ihrer intel­li­gen­ten Men­schen beraubt, die sozi­al auf­stei­gen und ihr Fort­pflan­zungs­ver­hal­ten an das der obe­ren Schich­ten anpas­sen. In der Pra­xis heißt das zum Bei­spiel, daß Aka­de­mi­ke­rin­nen sehr viel weni­ger Kin­der bekom­men als ande­re Frau­en. Auf die­se Wei­se fin­det in den west­li­chen Gesell­schaf­ten seit Genera­tio­nen eine Selek­ti­on gegen die Intel­li­genz statt, das heißt, die gene­ti­schen Grund­la­gen für eine gute Bega­bung wer­den immer seltener.

Dem schien lan­ge Zeit die Tat­sa­che zu wider­spre­chen, daß die empi­risch gemes­se­ne Intel­li­genz in den west­li­chen Län­dern immer mehr zunahm. Die­ser soge­nann­te Flynn-Effekt, eine Fol­ge der ver­bes­ser­ten Umwelt­be­din­gun­gen auch der unte­ren Schich­ten, ist jedoch in den letz­ten Jahr­zehn­ten zum Still­stand gekom­men. Weiss zeigt anhand von Test­ergeb­nis­sen und der PISA-Daten, daß der gene­ti­sche Rück­gang der Intel­li­genz nun auch phä­no­ty­pisch faß­bar wird. So hat in Deutsch­land der durch­schnitt­li­che IQ deut­lich abge­nom­men. Lag er vor zehn Jah­ren noch bei 102, so beträgt er der­zeit nur noch 97. In den ande­ren Län­dern sieht es nicht bes­ser aus. Dies bedeu­tet, daß die Zahl der Hoch­be­gab­ten – bei einem Durch­schnitts-IQ von 100 sind das etwa fünf Pro­zent der Bevöl­ke­rung – abnimmt, mit­hin jener Anteil, der für die Bewäl­ti­gung der anspruchs­vol­le­ren Tätig­kei­ten in der Gesell­schaft, vom Wis­sen­schaft­ler über den Tech­ni­ker bis zum Mana­ger, zur Ver­fü­gung steht.

Die­ser gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung könn­te man indes mit poli­ti­schen Mit­teln begeg­nen. Volk­mar Weiss führt als ein erfolg­rei­ches Bei­spiel die För­de­rung von Stu­den­tin­nen mit Kin­dern in der DDR an. Sol­chen Kon­zep­ten ent­ge­gen steht, daß sich in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und in der Poli­tik in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine ega­li­tä­re Ideo­lo­gie durch­ge­setzt hat, die die gene­ti­sche Ungleich­heit der Bega­bun­gen grund­sätz­lich leug­net. Die alte, wis­sen­schaft­lich längst wider­leg­te kom­mu­nis­ti­sche Vor­stel­lung, daß Bega­bungs­un­ter­schie­de in der Gesell­schaft nur durch unglei­che Umwelt­be­din­gun­gen zustan­de kämen und bei glei­cher För­de­rung ver­schwän­den, hat in Frank­reich wäh­rend der acht­zi­ger Jah­re mit der soge­nann­ten »Sozio­lo­gi­schen Wen­de« einen neu­en Auf­schwung genom­men. Damals präg­te der kon­struk­ti­vis­ti­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault, der zeit­wei­se auch Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei war, den Begriff des »Ras­sis­mus der Intel­li­genz«. Man dür­fe sich auf Intel­li­genz­tests gar nicht erst ein­las­sen, da die gemes­se­nen Unter­schie­de selbst das Ergeb­nis eines »Ras­sis­mus der Eli­ten« seien.

Mit die­sem Argu­ment gelang es der modisch-post­mo­der­nen, kon­struk­ti­vis­ti­schen Lin­ken, in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ein wirk­sa­mes Tabu gegen die bio­lo­gi­sche Grund­la­ge der Intel­li­genz­un­ter­schie­de zu errich­ten. Selbst in den vie­le hun­dert Sei­ten dicken, offi­zi­el­len Berich­ten über die PISA-Unter­su­chun­gen tau­chen aus die­sem Grund nir­gends der Begriff der Intel­li­genz und der Gedan­ke auf, Leis­tungs­un­ter­schie­de bei Schü­lern könn­ten gene­ti­sche Ursa­chen haben. Die mit PISA doku­men­tier­ten Unter­schie­de erschei­nen so als das Ergeb­nis sozia­ler »Unge­rech­tig­keit«, beheb­bar durch ent­spre­chen­de Förderung.

Wer etwas von den Siebungs­pro­zes­sen in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft ver­steht, weiß, daß die­se For­de­rung illu­sio­när ist. Die sozia­len Unter­schie­de wer­den sich viel­mehr sogar noch ver­stär­ken, weil die unte­ren Schich­ten durch den Auf­stieg ihrer begab­te­ren Kin­der ihr noch aus der Zeit der Klas­sen­schran­ken stam­men­des rest­li­ches Bega­bungs­po­ten­ti­al immer wei­ter einbüßen.

Der Rück­gang der Intel­li­genz bedeu­tet für die Gesell­schaft jedoch nicht nur, daß es immer schwie­ri­ger wird, geeig­ne­te Bewer­ber für anspruchs­vol­le Tätig­kei­ten zu fin­den, son­dern auch, daß die Zahl der Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger und die der sozi­al Auf­fäl­li­gen und Kri­mi­nel­len sowie die durch die­se ver­ur­sach­ten gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me und Kos­ten stei­gen. Ver­schärft wird das durch die Ein­wan­de­rung, die in ers­ter Linie nicht etwa begab­te und gut inte­grier­ba­re Ost­asia­ten in unser Land bringt, son­dern bei­spiels­wei­se ana­to­li­sche Tür­ken mit einem Durch­schnitts-IQ von 85 – allei­ne die­ser Umstand behin­dert die Assi­mi­la­ti­on einer sol­chen Grup­pe in eine so aus­dif­fe­ren­zier­te und spe­zia­li­sier­te Gesell­schaft wie die unsere.

Anders als in sei­nem Buch Die IQ-Fal­le (Graz 2000, der­zeit ver­grif­fen) bet­tet Weiss den Intel­li­genz­rück­gang in sei­nem neu­en Buch in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang ein, der durch die ener­ge­ti­schen Grund­la­gen der Zivi­li­sa­ti­on gege­ben ist. Die agra­ri­schen Gesell­schaf­ten, zu der alle Hoch­kul­tu­ren vor der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on gehör­ten, beruh­ten in ers­ter Linie auf der Ener­gie, die die Son­ne zur Ver­fü­gung stell­te, die die Äcker und Wäl­der beschien. Der Auf­stieg der euro­päi­schen Indus­trie­ge­sell­schaft wur­de erst mög­lich mit der Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger wie Koh­le und Öl, und der in ihr gespei­cher­ten Son­nen­en­er­gie. Erst jetzt stand genü­gend Ener­gie zur Ver­fü­gung, um den zunächst kost­spie­li­gen wis­sen­schaft­li­chen und tech­nisch Fort­schritt zu ermög­li­chen. Der Zugang zu bil­li­ger Ener­gie ermög­lich­te das explo­si­ons­ar­ti­ge Bevöl­ke­rungs­wachs­tum in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren. Die moder­ne Indus­trie­ge­sell­schaft ist in exis­ten­ti­el­ler Wei­se von der Koh­le und beson­ders vom Öl abhän­gig, Ener­gie­trä­ger, die nur in begrenz­tem Maße vor­han­den sind und immer teu­rer wer­den. Umwelt­freund­li­che Ener­gien sind weit ent­fernt davon, eine wirk­li­che Alter­na­ti­ve dar­zu­stel­len, und auch die Atom­kraft kann höchs­tens eine Über­gangs­lö­sung sein, denn auch sie ist von den Uran­vor­kom­men abhängig.

Anders als oft kol­por­tiert, sind die Vor­her­sa­gen des Club of Rome für die »Gren­zen des Wachs­tums« bis­her in bemer­kens­wert prä­zi­ser Wei­se ein­ge­trof­fen. Der Club of Rome hat den Zusam­men­bruch der Welt­wirt­schaft für die Zeit ab 2030 vor­her­ge­sagt. Für den Zeit­raum von 2035 bis 2050 pro­gnos­ti­ziert auch Weiss das »gro­ße Cha­os«. Die Indus­trie­ge­sell­schaf­ten wer­den auf­grund der stei­gen­den Ener­gie­kos­ten nicht mehr in der Lage sein, Indus­trie­pro­duk­ti­on und Sozi­al­sys­te­me auf­recht­zu­er­hal­ten. Die Fol­ge: dras­tisch sin­ken­der Lebens­stan­dard, Zusam­men­bruch der Infra­struk­tur und des Gesund­heits­we­sens und wahr­schein­lich auch des staat­li­chen Gewalt­mo­no­pols, wozu die fort­ge­schrit­te­ne eth­ni­sche Frag­men­tie­rung durch die Ein­wan­de­rung das Ihre beiträgt.

Die Wohl­ha­ben­den wer­den sich in mit Sta­chel­draht bewehr­te und bewach­te Sied­lun­gen zurück­zie­hen wie heu­te schon in Süd­afri­ka und man­chen Tei­len Ame­ri­kas. In den übri­gen Gebie­ten wird es zu einer Refeu­da­li­sie­rung kom­men, zu Über­le­bens­stra­te­gien inner­halb von Per­so­nal­ver­bän­den. Anders als 1945 wer­den die meis­ten Men­schen nicht wis­sen, wie man auf Äckern und in Gär­ten anbaut. Ob in eini­gen Welt­ge­gen­den Inseln der moder­nen Zivi­li­sa­ti­on als mög­li­che Zen­tren eines spä­te­ren Wie­der­auf­stiegs über­le­ben wer­den, oder ob es welt­weit zu einem zwei­ten Mit­tel­al­ter mit einem Abrei­ßen der wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Über­lie­fe­rung kom­men wird, läßt Weiss offen.

Weiss’ neu­es Buch ist das bis­her fun­dier­tes­te und infor­ma­tivs­te Buch zum The­ma Intel­li­genz und Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung. Die Rich­tig­keit der ener­gie­po­li­ti­schen Vor­her­sa­gen ist schwer zu beur­tei­len. Mit 484 eng­be­druck­ten Text­sei­ten kon­zen­trier­ter Infor­ma­ti­on stellt Weiss’ Buch beträcht­li­che Anfor­de­run­gen an den Leser. Die zahl­rei­chen lan­gen Exkur­se und Zita­te erleich­tern das Lesen auch nicht gera­de. Man ver­liert leicht den roten Faden und fragt sich, wie­so man jetzt gera­de etwas über Bra­si­li­en, Süd­afri­ka, Böh­men im 18. Jahr­hun­dert oder jüdi­sche Ärz­te in Ber­lin vor 1933 liest.

Zu wün­schen wäre, daß Weiss sei­ne wich­tigs­ten Über­le­gun­gen noch ein­mal in einem schma­le­ren Buch prä­sen­tier­te. Die jet­zi­ge Form des Buches ist ein ech­tes Rezeptionshindernis.

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