Sezession
28. Dezember 2012

Die Intelligenz und ihre Feinde

Gastbeitrag

51pdf der Druckfassung aus Sezession 51 / Dezember 2012

von Andreas Vonderach

Als Schulkind in der DDR fragte Volkmar Weiss seinen Geschichtslehrer, was denn nach dem Kommunismus käme. Er erhielt darauf keine Antwort. Wie der Kommunismus so begreift sich auch die egalitäre, an universalistischen Werten wie den Menschenrechten ausgerichtete Demokratie als das Ziel der Geschichte.

In seinem neuen Buch, Die Intelligenz und ihre Feinde. Aufstieg und Niedergang der Industriegesellschaft (Ares Verlag, Graz 2012, 544 S., 34.90 €), wirft der Leipziger Humangenetiker Volkmar Weiss einen Blick auf die Zukunft der westlichen Zivilisation. Er zeigt, daß sie mittlerweile jene Grundlagen verzehrt, die sie groß gemacht haben, mit anderen Worten: daß sie endlich ist.

In traditionellen Gesellschaften besteht ein positiver Zusammenhang von Begabung, wirtschaftlichem Erfolg und der Zahl der Nachkommen. Das galt bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts auch für Europa. Durch den zunehmenden Wohlstand, den medizinischen Fortschritt und die Renten- und Krankenversicherung hat sich dieser Zusammenhang in sein Gegenteil verkehrt. Seit gut sechs Generationen haben die intelligenteren, gebildeten und wirtschaftlich erfolgreichen Menschen deutlich weniger Kinder als die unteren Schichten der Bevölkerung. Zugleich werden die unteren Schichten durch die Aufhebung der Klassenschranken und die Durchsetzung des Leistungsprinzips immer mehr ihrer intelligenten Menschen beraubt, die sozial aufsteigen und ihr Fortpflanzungsverhalten an das der oberen Schichten anpassen. In der Praxis heißt das zum Beispiel, daß Akademikerinnen sehr viel weniger Kinder bekommen als andere Frauen. Auf diese Weise findet in den westlichen Gesellschaften seit Generationen eine Selektion gegen die Intelligenz statt, das heißt, die genetischen Grundlagen für eine gute Begabung werden immer seltener.

Dem schien lange Zeit die Tatsache zu widersprechen, daß die empirisch gemessene Intelligenz in den westlichen Ländern immer mehr zunahm. Dieser sogenannte Flynn-Effekt, eine Folge der verbesserten Umweltbedingungen auch der unteren Schichten, ist jedoch in den letzten Jahrzehnten zum Stillstand gekommen. Weiss zeigt anhand von Testergebnissen und der PISA-Daten, daß der genetische Rückgang der Intelligenz nun auch phänotypisch faßbar wird. So hat in Deutschland der durchschnittliche IQ deutlich abgenommen. Lag er vor zehn Jahren noch bei 102, so beträgt er derzeit nur noch 97. In den anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Dies bedeutet, daß die Zahl der Hochbegabten – bei einem Durchschnitts-IQ von 100 sind das etwa fünf Prozent der Bevölkerung – abnimmt, mithin jener Anteil, der für die Bewältigung der anspruchsvolleren Tätigkeiten in der Gesellschaft, vom Wissenschaftler über den Techniker bis zum Manager, zur Verfügung steht.

Dieser gesellschaftlichen Entwicklung könnte man indes mit politischen Mitteln begegnen. Volkmar Weiss führt als ein erfolgreiches Beispiel die Förderung von Studentinnen mit Kindern in der DDR an. Solchen Konzepten entgegen steht, daß sich in den Sozialwissenschaften und in der Politik in den letzten Jahrzehnten eine egalitäre Ideologie durchgesetzt hat, die die genetische Ungleichheit der Begabungen grundsätzlich leugnet. Die alte, wissenschaftlich längst widerlegte kommunistische Vorstellung, daß Begabungsunterschiede in der Gesellschaft nur durch ungleiche Umweltbedingungen zustande kämen und bei gleicher Förderung verschwänden, hat in Frankreich während der achtziger Jahre mit der sogenannten »Soziologischen Wende« einen neuen Aufschwung genommen. Damals prägte der konstruktivistische Philosoph Michel Foucault, der zeitweise auch Mitglied der Kommunistischen Partei war, den Begriff des »Rassismus der Intelligenz«. Man dürfe sich auf Intelligenztests gar nicht erst einlassen, da die gemessenen Unterschiede selbst das Ergebnis eines »Rassismus der Eliten« seien.

Mit diesem Argument gelang es der modisch-postmodernen, konstruktivistischen Linken, in den Sozialwissenschaften ein wirksames Tabu gegen die biologische Grundlage der Intelligenzunterschiede zu errichten. Selbst in den viele hundert Seiten dicken, offiziellen Berichten über die PISA-Untersuchungen tauchen aus diesem Grund nirgends der Begriff der Intelligenz und der Gedanke auf, Leistungsunterschiede bei Schülern könnten genetische Ursachen haben. Die mit PISA dokumentierten Unterschiede erscheinen so als das Ergebnis sozialer »Ungerechtigkeit«, behebbar durch entsprechende Förderung.


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