Deutsche Sprache, deutsches Bier

von Heino Bosselmann

Als Deutschlehrer könnte ich keine Adresse benennen, die sich um unsere Sprache verdienter gemacht hätte...

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als der ver­gleichs­wei­se klei­ne „Ver­ein für Sprach­pfle­ge (VfS)“ und die ihm ange­schlos­se­ne Zeit­schrift „Deut­sche Sprach­welt“, bei­de maß­geb­lich geführt durch den uner­müd­li­chen Tho­mas Paulwitz.

Wer sich so fach­lich ver­sier­ter wie enga­gier­ter Ver­bün­de­ter gegen die unsäg­li­che Banau­sig­keit der admi­nis­tra­tiv durch­ge­drück­ten Recht­schreib­re­form, gegen so ver­hee­ren­de Lehr­me­tho­den wie jener von Jür­gen Rei­chen („Lesen durch Schrei­ben“) oder gegen die jetzt for­ciert betrie­be­ne Abschaf­fung der Schreib­schrift ver­si­chern woll­te, kommt an dem rüh­ri­gen Ver­ein nicht vorbei.

Mit sei­nem jüngs­ten Vor­ha­ben folgt er sinn­voll und geschickt der belieb­ten bil­dungs­tou­ris­ti­schen Idee, Orte von ein­schlä­gi­ger Bedeu­tung zu einer the­ma­ti­schen Rou­te zusam­men­zu­fas­sen, gemäß sei­ner Inten­tio­nen also zur „Stra­ße der Deut­schen Spra­che“.

Gegen die­ses Ansin­nen beck­mes­ser­te im Feuil­le­ton der „Süd­deut­schen Zei­tung“ vom 3. Janu­ar  Burk­hard Mül­ler, ein auf sym­pa­thisch unmo­der­ne Wei­se durch­ge­bil­de­ter Jour­na­list und Buch­au­tor, der noch über Spek­trum ver­fügt, dem man als auf­merk­sa­mer Leser eine Men­ge ver­dankt und der zu jenen weni­gen Skri­ben­ten gehört, deren Stil und Dik­ti­on selbst ohne Autoren­an­ga­be erkenn­bar sind – ein mar­kan­ter Schrei­ber, immer kri­tisch, stets poin­tiert, dabei unei­tel auf eine klas­si­sche Bil­dung zurück­grei­fend, die nir­gend­wo mehr ver­mit­telt wird.

Jetzt aller­dings meint er, daß die bereits eta­blier­te „Stra­ße des Bie­res“ ihm sinn­vol­ler erschei­ne als eine „Stra­ße der Deut­schen Spra­che“, die zwei Dut­zend Orte in Mit­tel­deutsch­land ver­bin­det. Mit­tel­deutsch­land! Schon allein die­ser gefähr­lich miß­ver­ständ­li­che Begriff, der ent­we­der rein geo­gra­phisch das Gebiet mit­tel­deut­scher Mund­ar­ten umfaßt, gele­gen zwi­schen der nord­deut­schen Tief­ebe­ne und der Main­li­nie, oder der eben, wie Mül­ler mut­maßt, eine „pre­kä­re Mit­te“ bezeich­net, „bei der eine längst weg­ge­bro­che­ne öst­li­che Peri­phe­rie still­schwei­gend mit­ge­dacht wird.“ Womit für Burk­hard Mül­ler offen­bar der hin­läng­li­che Beweis dafür erbracht ist, daß es sich mit der „Stra­ße der Deut­schen Spra­che“ um ein Unter­fan­gen unver­bes­ser­li­cher Reak­tio­nä­re und Revan­chis­ten han­delt, für die die Orte Kants, Gry­phi­us’, Hoff­manns und Eichen­dorffs nicht an der “Peri­phe­rie” lagen, die gewis­ser­ma­ßen aus sta­ti­schen Grün­den so “weg­brach”.

Abge­se­hen davon, daß Mül­ler die Stre­cken­füh­rung bemän­gelt, daß er meint, Geburts­or­te sag­ten kaum etwas über Dich­ter aus und daß es kein zu ver­mark­ten­des Inter­es­se der Deut­schen an einer sol­chen Stra­ße gäbe, ver­steigt er sich in eine sprach­phi­lo­so­phi­sche Exege­se der eige­nen Art:

„Aber eine Stra­ße der Deut­schen Spra­che – das tut so, als gäbe es für sie pri­vi­le­gier­te Zonen, die sich im Land ver­tei­len wie in der Welt des alten Glau­bens die Orte der Hei­lig­keit, zu denen man pil­gert, weil man dort beson­de­ren Segen und sogar Gene­sung zu emp­fan­gen sucht. Das aber hie­ße das Wesen der Spra­che ver­ken­nen, die das all­ge­meins­te und gleich­mä­ßigs­te Gut der Mensch­heit über­haupt dar­stellt. Jeder Spre­cher hat die Spra­che ganz und hängt über die­se Nabel­schnur in einem direk­ten Ver­hält­nis mit dem ver­dun­kel­ten Ursprung unse­rer Gat­tung zusam­men (…) ‚Was du ererbt von dei­nen Vätern hast,/Erwirb es, um es zu besit­zen!’ – die­sen Satz aus dem ‚Faust’ kann man wohl ohne Abstri­che als Devi­se aller Sprach­pfle­ger bezeich­nen. Aber wozu erwer­ben, was man schon besitzt?“

Was man schon besitzt? Jeder Spre­cher hat die Spra­che ganz? Ja, er mag spre­chen kön­nen, not­falls mit limi­tier­tem Wort­schatz, aber die Ver­lus­te sind spä­tes­tens im Schrift­sprach­li­chen signifikant.

Weiß Burk­hard Mül­ler, daß er mitt­ler­wei­le in einem Land publi­ziert, in dem nach Fest­stel­lung des Rates für deut­sche Recht­schrei­bung zwan­zig Pro­zent aller Fünf­zehn­jäh­ri­gen funk­tio­na­le Analpha­be­ten sind und in dem das Abitur im Fach Deutsch nur des­we­gen in so hoher Zahl bestan­den wer­den kann, weil die Kor­rek­tur auf Feh­ler­quo­ten zu ver­zich­ten hat und nur bei gra­vie­ren­den Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten bis zu zwei Noten­punk­te abzieht? Weiß er um die gro­ße Unver­bind­lich­keit des Lite­ra­tur­un­ter­richts nach Rück­nah­me der Kano­ni­sie­rung und über­haupt um das Pro­blem, daß für vie­le Her­an­wach­sen­de Spra­che ganz offen­bar kei­nen kul­tu­rel­len Wert dar­stellt, wenn man sich nur irgend­wie rudi­men­tär noch über das Wich­tigs­te zu ver­stän­di­gen weiß? Ahnt Mül­ler, daß sei­ne geist­rei­che Essay­is­tik von einem gro­ßen Teil der Abitu­ri­en­ten lei­der kaum ver­stan­den wür­de und daß denen das Feuil­le­ton der deut­schen Qua­li­täts­pres­se ein ganz unbe­kann­tes Gelän­de ist?

In eige­ner Sache: Spä­tes­tens seit den Neun­zi­gern habe ich bei aller Mühe im Üben und ver­zwei­fel­ten Anre­gen eine Men­ge Schü­ler mit gutem bis sehr gutem Abitur ent­las­sen, von denen klar war, daß sie nicht auf qua­li­fi­zier­tem, geschwei­ge denn aka­de­misch erfor­der­tem Niveau lesen und schrei­ben kön­nen! Dies geschah nicht, weil ich ein sehr kulan­ter Leh­rer und Prü­fer bin, son­dern ein­fach ent­lang der völ­lig auf­ge­weich­ten minis­te­ri­el­len Vor­schrif­ten und Erwar­tungs­bil­der! Es ist in Deutsch­land mitt­ler­wei­le über­haupt kein Pro­blem, ein Deutsch-Abitur abzu­le­gen, ohne von der deut­schen Spra­che eine hin­läng­li­che Ahnung zu haben, einer­lei ob im Ele­men­tar­be­reich, im Sti­lis­ti­schen oder Lite­ra­ri­schen. Nein, man muß dafür kaum mehr auch nur eine funk­tio­nie­ren­de Sprach­lich­keit nachweisen.

Noch bekla­gen die Pro­fes­so­ren die wach­sen­de Zahl agram­ma­ti­scher Stu­den­ten; aber sie wer­den eben­so reagie­ren müs­sen, wie es die Schu­le seit Jahr­zehn­ten prak­ti­ziert: Niveau sen­ken, Bewer­tun­gen infla­tio­nie­ren, Abschlüs­se ein­fach zuer­ken­nen. Die Poli­tik will es so: Mehr Abi – mehr Jobs! Mög­lichst per Dekret.

Eine „Stra­ße der Deut­schen Spra­che“ wird Deutsch­land nicht real­pha­be­ti­sie­ren, aber sie ist das rich­ti­ge Signal, um über­haupt wie­der dar­auf hin­zu­wei­sen, daß die Spra­che engs­tes Geschwis­ter­teil des Den­kens und somit des Füh­lens und Han­delns ist. Wenn es der Poli­tik rhe­to­risch schon immer um die Ent­wick­lung von Frei­heit und um die Ent­fal­tung von Per­sön­lich­keit und Indi­vi­dua­li­tät zu tun ist, so wird dies ohne akti­ve Sprach­pfle­ge nicht mög­lich sein. Aber die soge­nann­te poli­ti­sche Klas­se agiert so geschichts- wie sprach­ver­ges­sen. Mitt­ler­wei­le dürf­ten die ers­ten von der Schu­le selbst zu ver­ant­wor­ten­den Sprach­ver­sehr­ten in den Par­la­men­ten, Minis­te­ri­en und viel­leicht gar im Fach­be­reich Deutsch­un­ter­richt der Ger­ma­nis­tik ange­kom­men sein. Daß die poli­ti­sche Rede­kul­tur litt, wird viel­fach beklagt; von der dazu­ge­hö­ri­gen Schreib­kul­tur sieht man dage­gen weni­ger. Es dürf­te ihr nicht bes­ser gehen.

Die „Stra­ße des Bie­res“ von Pas­sau nach Bad Fran­ken­hau­sen hat sicher ihre all­tags- und sogar kul­tur­ge­schicht­li­che Berech­ti­gung. Aller­dings: Gäbe es sie nicht, müß­te man sich um den Bier­kon­sum kaum sor­gen. Auf die noch immer fas­zi­nie­ren­de deut­sche Brau­kunst brauch­te man nicht eigens auf­merk­sam machen, auf den Nie­der­gang der Spra­che jedoch wäre uner­läß­lich hin­zu­wei­sen. Vie­len Dank, Ver­ein für Sprach­pfle­ge, vie­len Dank an Herrn Paul­witz und des­sen Mitstreiter.

Das von Mül­ler bemüh­te gro­ße Faust­wort stand in Anti­qua-Let­tern über dem Por­tal mei­ner alten Schu­len, einer “Erwei­ter­ten Ober­schu­le” der DDR. Siche­res Sprach­ver­mö­gen war dort Eingangs‑, heu­te ist es nicht mal mehr Ausgangsbedingung.

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Kommentare (24)

Gottfried

8. Januar 2013 08:41

"Das aber hieße das Wesen der Sprache verkennen, die das allgemeinste und gleichmäßigste Gut der Menschheit überhaupt darstellt."

Es gibt ja so eine Irrlehre der "Sprachwissenschaftler" (Linguisten) die "Sprache" (ohne Artikel im zeitgenössischen BERTELSMANN-Jargon am besten) für ein autonomes Subjekt halten, wie den z.B. Löwenzahn, der sich nachweisbar über die Aussaat selber tradiert.
"Sprache prägt Kultur. Kultur begegnet Politik. Politik trifft Kirche ..."
Unsere Kultur, die vom Humanismus nicht aufrechterhalten werden kann und als ein Feind betrachtet muß, weil sie Unterschiede ("Diskriminierungen") abbildet, ist nichts anderes als die Summe aller Repressionen, die dem aufwachsenden Einzelnen entgegengesetzt werden beim Bestreben der freien Entfaltung seiner kreatürlichen und narzißtischen Augenblickswünsche.
Der Humanismus vergötzt in weiblicher Art und Weise den Präsens, das Gerade-so-sein, die männliche Kultur hingegen ist das Futur, das Werden.

Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wenn der ewigheutige "Kommunikations"-Romantiker lehrt, daß die Sprache ein Medium der Nachrichtenübertragung sei und Verbindung schaffe.
Auch das kann mitunter passieren, jedoch ist der jeweilige Wortschatz des Einzelnen in sehr hohem Maße auch dazu da, Distinktion zu schaffen, niemand erträgt es in seiner Lebenswirklichkeit, nur einer der sieben Millarden Gleichen des Götzen der Humanisten, der "Mensch"heit zu sein, seiner Identität beraubt, auf sein nacktes Menschsein reduziert.

Forscht man länger nach, dann bemerkt man auch, daß der Linguist ja auch nichts gegen die Subkulturen verschiedener primitiver Jugendsprachen hat, ganz im Gegenteil. Er bekämpft nur jede Bemühung, die für die Pflege unserer deutschen Standardsprache oder gehobener Sprachformen geleistet wird.
So mag der Linguist eigentlich auch nicht von Literatur sprechen, er zieht den Terminus "Texte" vor, um alles einzuplanieren, so daß den gleichen "Menschen" schließlich die gleichen Güter zur Verfügung stehen.

Nee, also wirklich, "die Sprache ganz haben", gerade, wenn man weit überdurchschnittlich sprachbegabt ist, wälzt man doch immer wieder einmal seine Nachschlagewerke, oder nicht?
Oder man ist reich mit Sprache ausgerüstet und stellt dann jedoch fest, daß immer mehr Jetztsassen bei immer mehr Begriffen nicht mehr verstehen, worum es geht.
Im DUDEN wurden mal, und zwar wegen der Doppeleintragungen "Sonntagsfahrer" bzw. "Sonntagsfahrerin", unzählige Eintragungen gestrichen, damit der Band nicht zu dick ausfiel.

Heino Bosselmann

8. Januar 2013 10:00

Sehr geehrter Gottfried, bei allem, was Sie in Ihrer markanten Weise richtig wahrnehmen: Ich beobachtete vor allem, daß meine Schüler, insbesondere ein großer Teil der Abiturienten, wie mit einem engen ptolemäischen Weltbild leben, obwohl ihnen mit jedem iPhone das gesamte Weltwissen zur Verfügung stände. So sie das überhaupt zu etwas benötigen, sicher. Wenn sie es aber benötigen, fällt ihnen der Zugang rein sprachlich, semantisch, begrifflich so schwer, daß es den wacheren Teil zur eigenen Verzweiflung treibt. Selbst kurze Texte, selbst solche zu gefälligen Lifestyle-Themen, werden m. E. viel schwieriger erschlossen als noch vor ein paar Jahren; und das eigene Schreiben stelzt mit einer Syntax daher, die an frühe Fresken erinnert, ganz abgesehen davon, daß das Geschriebene neuerdings tatsächlich wieder wie Keilschrift aussieht. Wer nur irgend etwas miteilt, meint, er spräche oder schriebe schon. Jeder, der nur eine Tatstatur zu bedienen versteht, einerlei wie agrammatisch, produziert allüberall neuerdings „Print“. Zweite Gutenbergische Revolution? Das heißt, Sprache wird als kultureller Akt und Wert weniger erkannt. Deshalb fand ich die Idee, einer „Straße der Deutschen Sprache“ mindestens sinnvoll, wenngleich sie die Schulen nicht vorm praktizierten Analphabetismus retten wird.

Raskolnikow

8. Januar 2013 10:27

Eine nothwendige Discussion, ohne Frage;

nur, das sei gestattet zu bemerken, liegen die Dinge nicht gar so glatt, wie es hier scheint.

Dass es eine Verflachung aller Lebensbereiche zu beklagen giebt, zweifelt keiner an; das ist eben die Folge der allgemeinen Bildung. Wenn man Bauern und Hausfrauen Lesen und Schreiben beibringt, werden sie eben nicht, wie die Aufklärer postulierten, zu irgendwie höheren Wesen, sondern sie bleiben, das was sie sind und waren und immer sein werden - einfache Leute.

Hausfrauen mit Studium können hier und heute Ministerinnen sein und bleiben doch nur die kleinen Dummchen, die Märchen geschlechterneutralisieren wollen ...

Vielleicht, Herr Bosselmann, ist Analphabetismus für weite Theile des Volkes nicht die schlechteste Mahnung zu Bescheidenheit. Man unternehme zu diesem Behufe eine Excursion an die Aborte der verschiedenen academischen Facultäten in irgendeiner Großstadt!

Weiters stellte die deutsche Einheitsrechtschreibung bereits keine geringe Verflachung und Einstampfung cultureller Eigenheiten dar - und zwar zum Zwecke der gesteigerten öconomischen Verwertbarkeit - also gesenkter Transaktionskosten! Ich beklage diesen Verlust an Reichthum zuvörderst, denn er war vor dem Strudel da, in dem wir jetzt versinken!

Übrigens, um das verbindende Scharnier zu dieser Bierstrasse - was es alles giebt! - einrasten zu lassen: das so bejubelte "Deutsche Reinheitsgebot" hatte eine ähnliche Function; nämlich die Heraushaltung wesentlich "unterhaltsamerer" Ingredenzien und die Bewahrung der Arbeitskraft der ehrlichen Trinker. Man beschaue zum Beweise den mittelalterlichen Festkalender (ein Drittel des Jahres Feiertag!) und recherchiere die alten Bierrezepte ...

Trunken wie eh und jeh,

R.

Zadok Allen

8. Januar 2013 11:11

Es erhärtet sich angesichts der rasend schnell fortschreitenden Destandardisierung der Literatursprache der Verdacht, die gute alte Faustregel der Germanistik sei weiterhin anwendbar:

Man setzt gewöhnlich den Beginn der deutschen Sprachgeschichte auf etwa 750 an und addiert dann für die Abgrenzung der Epochen immer 300 Jahre: 750-1050 Althochdeutsch, 1050-1350 Mittelhochdeutsch, 1350-1650 Frühneuhochdeutsch, 1650-1950 Neuhochdeutsch. Vielleicht wird es einst in Sprachgeschichten, verfaßt von Gelehrten künftiger Völker, heißen: 1950-... Späthochdeutsch?

Das Auseinanderklaffen von tradierter Literatursprache und Alltagssprache der bildungsfernen Massen war jedenfalls auch charakteristisch für die Spätantike. Bemerkenswert lange hat es gedauert, bis nach dem Zusammenbruch der Latinität (um 400-500) wieder neue Literatursprachen aufkamen (um 1000 in den Provence).

Wie dem auch sei, ich teile die Eindrücke, die Herr Bosselmann skizziert hat. Wer noch klar denkt, muß sich darauf einstellen, sich das Land in Zukunft nicht nur mit Einwanderern, sondern auch mit einer großen Masse illiterater, hedonistischer und von aller Tradition abgeschnittener Volksgeschwister zu teilen.

Gottfried

8. Januar 2013 11:22

@ Raskolnikow

"Man unternehme zu diesem Behufe eine Excursion an die Aborte der verschiedenen academischen Facultäten in irgendeiner Großstadt!"

Unkritisch weiß, wie ich nun einmal bin, von keinem hybriden Heymat-Konzept so recht überzeugt nicht, der "gender"-Hauptverströmung mit List und Tücke entkommen, fällt mir bei Lektüre Ihrer Kommentierung als erstes ein, daß der Reaktionär Nicolas Gomez Davila dereinst mal angemerkt hatte, daß die eigentliche grenzenlose Dummheit erst aufgetreten sei, als man die allgemeine Schulpflicht eingeführt hat.

Man vergleiche doch nur irgendein lebenskundiges und ganz passables Ausschankmädchen in einer beliebigen schlechteren Gastwirtschaft mit einem modernen Bildungsfräulein in Dozentenpositition an einer sozialwissenschaftlichen Fakultät.

Wie recht er doch hatte, der Kolumbianer.

ene

8. Januar 2013 12:00

@ Gottfried

Der Humanismus vergötzt in weiblicher Art und Weise den Präsens, das Gerade-so-Sein, die männliche Kultur hingegen ist das Futur, das Werden.

Diese Auffassung halte ich für bizarr- um nur das Mindeste zu sagen...
Ich dachte immer, für das "Werdende" sei nun gerade - auch und gerade sehr traditionell gedacht- das Weibliche zuständig.

Im übrigen: blicken Sie mal auf die modernen Sprachen: da finden Sie (zumindest im Deutschen, Französischen, Italienischen - in anderen modernen Sprachen mag das ähnlich sein) eine sehr gebräuchliche Ersetzung des Futurs durch das Präsens: wir fahren im Juli nach Italien.

George Steiner interpretiert den Verlust des Futurums so: wir haben keine Zukunft mehr.
Ob eine solche spekultative Schlußfolgerung von einem versierten Sprachhistoriker mitgetragen würde, erscheint mir fraglich.

Gottfried

8. Januar 2013 13:06

@ ene

"Ich dachte immer, für das „Werdende“ sei nun gerade – auch und gerade sehr traditionell gedacht- das Weibliche zuständig."

Die körperliche Überlieferung unserer species dürften ohne die Mitwirkung der Frauenwelt wohl nicht zu leisten sein, das ist schon richtig.

Traditionell war es über Jahrtausende so, daß die Frau das Neugeborene im Hier-und-Jetzt, in seinem So-Sein, wie es eben gerade ist, gewärmt und geborgen hat. Diese Bemutterung blieb dem kleinen Kinde noch bewahrt, wobei dann aber zunehmend der Vater hinzutrat, der auch schon einmal einen kritischen Blick auf den Sprößling warf, getrieben von der männlichen Frage, was aus dem Bengel mal werden kann.

Nach meinen Beobachtungen wird heute jedoch an den Schulen ein männliches Fordern, daß die Zukunft im Blick hat - auch in manchen Familien, die mir bekannt sind - viel eher von den Lehrerinnen geleistet, da Männlichkeit bei den Männern selber tabuisiert worden ist.

"... eine sehr gebräuchliche Ersetzung des Futurs durch das Präsens: wir fahren im Juli nach Italien..."

Als einem Reaktionär ist es mir immer reichlich unangenehm, irgendeinen Text zur Kenntnis zu nehmen, der von Jetzsassen in moderner Sprache formuliert worden ist. Doch bleibt das freilich nicht gänzlich aus und so ist mir der von Ihnen hier beigefügte Alltagsgebrauch der Zeitformen durchaus vertraut.

Mir war bei meinen Erwägungen einzig und allein das Sinn-Futur (Inhalts-Futur) von Bedeutung.

"George Steiner interpretiert den Verlust des Futurums so: wir haben keine Zukunft mehr."

Dieser Steiner (siehe "Sprache und Schweigen"), das war auch so einer ...
Man gehe der Frage doch einmal nach: Warum - früher wurden wir noch auf der ganzen Welt adoriert wegen unserer Kultur und unserer Bildung - gedeiht nichts mehr so recht auf den hiesigen Feldern und Wiesen? Grund dürfte hier wohl die unsere ganz besondere Geschichte sein - so erklärt man es uns Deutschen.

Das "wir" Steiners finde ich ein wenig vage. Der Deutsche jedoch, alleine betrachtet, hat in der Tat unter seiner Schuldkultigkeit nicht die allergeringste Hoffnung auf eine Zukunft mehr.
(Es sei denn, er überdenkt sich selbige noch einmal sehr gründlich.)

Rumpelstilzchen

8. Januar 2013 15:23

Ja, das mit der Verschluderung der Sprache ist so eine Sache:
Vielleicht sollte man es nicht ganz so akademisch angehen.
"Die Menschen da abholen, wo sie stehen" (warum empfinde ich diese Formulierung z. b. als saublöd ?)
Etwa eine Straße der deutschen Dialekte in Kombiation mit Bier- oder Weinverkostung der jeweiligen Region. Manchmal ist es nur eine Frage der richtigen Vermittlung, was übrigens alle Bildungsinhalte betrifft. Stichwort: Teilnehmerorientierung.
Man könnte ganz praktisch ja auch mal ein Diskussionsforum starten, wo sich die Teilnehmer gegenseitig auf ihre Sprache, Formulierungen usw. ansprechen. Es fehlt in diesen Foren ja ein Gegenüber aus Fleisch und Blut und ich fände es interessant zu erforschen, was durch Sprache in weitestgehend anonymem Raum eigentlich transportiert wird.

Zadok Allen

8. Januar 2013 16:03

@ Raskolnikow & Gottfried

Davila hatte sicher recht, was die allgemeine kulturgeschichtliche Tendenz anbetrifft. Doch gab es auch Phasen blühender Massenbildung, gerade und besonders in Deutschland.

In dem ehemaligen Dorf, aus dem ich stamme, gab es vor 100 Jahren bei ca. 700 Einwohnern, die durchweg biederen und einfachen Berufen nachgingen, gut zwei Dutzend (!) prosperierende Vereine - vom Kulturverein, etlichen Gesangsvereinen, allein zwei Theatervereinen bis hin zu diversen Turn- und Schützenvereinen und dergleichen mehr. Und andernorts sah es damals kaum anders aus.

Selbstredend war auch damals der Unterschied zwischen Hoch- und Massenkultur gegeben. Doch die Massenkultur stand viele Stufen über allem, was heute im entferntesten denkbar ist, und sie orientierte sich an den noch halbwegs unstrittigen und klaren Maßstäben der Hochkultur.

Im 19. Jahrhundert waren selbst hinter dem Mond gelegene deutsche Kleinstädte Horte der Kunst und Kultur, zumindest, wenn man die heutige Lage dagegenhält. (Unfreiwillig sehr schön dokumentiert in dem von dem Unsympathen Rolf Hochhuth herausgegeben Bildband: "Kaiserzeit. Bilder einer Epoche".) Das hat offenbar immer auch etwas mit der inneren Dynamik einer kulturtragenden Ethnie zu tun, nicht zuletzt auch mit demographischen Gegebenheiten.

Werner B.

8. Januar 2013 16:56

@ Zadok Allen

Möchte Ihnen ausdrücklich zustimmen.
Man mache sich einmal die Mühe und lese alte Briefe aus Großvaters Zeiten und wird entdecken, dass auch sog. einfache Leute eine schriftliche Ausdrucksfähigkeit und Grammatiksicherheit hatten, die heute selbst an Gymnasien nicht mehr selbstverständlich ist.

DrSchneider

8. Januar 2013 17:02

Bosselmanns Appelle laufen ein wenig ins Leere. Der SZ-Skribent wird schon wissen, wie schlecht es um die Sprachkompetenz der Schüler und Studenten bestellt ist, und ich tippe, er weiß deshalb auch sehr genau, weshalb er versucht, die "Straße der deutsche Sprache" schlechtzuschreiben.

Auch unter national gesinnten Bürgern hat sich mittlerweile die Auffassung durchgesetzt hat, daß die Nation als rassische Gemeinschaft ein Konstrukt ist, und ein schlechtes dazu.
Was aber gewisser Tendenzen der Linguistik zum Trotz noch nicht ganz ausgedient hat, ist die kultur- d.h. vor allem sprachbasierte Definition von Volk und Nation.
Volksgemeinschaft läßt sich über die politischen Lager hinweg immer noch sehr gut als Sprachgemeinschaft denken, ohne daß derjenige, dem das nicht paßt, ein wirklich stichhaltiges Argument dagegen bringen könnte. Sprache ist gegeben. Sie ist da. Jeder hat sie. Und sie bildet Völker. Sprachkultur ist die stärkstmögliche Formulierung von Nationalkultur.

Insofern hängt der Sprachverfall natürlich mit unserem Identitätsverfall zusammen. Beides bedingt sich und steigert sich bis zum Untergang von Volk und Sprache in einer mittlerweile schon absehbaren Resonanzkatastrophe.
Und das kommt, so vermute ich mal, einem SZ-Skribenten gerade recht, weshalb er das Ganze noch befeuert. Die Politik handelt ja nicht anders.

Ganz abgesehen davon schützt auch die geschliffenste Bildung nicht vor Identitätsschwäche und Selbsthaß.

Gottfried

8. Januar 2013 17:29

@ Rumpelstilzchen

„Die Menschen da abholen, wo sie stehen“ (warum empfinde ich diese Formulierung z. b. als saublöd ?)

Persönlich habe ich noch nie an den Unterschied von Form und Inhalt geglaubt. Wäre das hier lediglich ein Beispiel äußerlicher Liederlichkeit - Schwamm drüber.
Ganz einfaches Bespiel: Ein kleiner gesunder Steppke geht zum Bolzplatz, auch wenn dort nur ältere Buben kicken und dem jungen Mann keine besondere freundliche Beachtung schenken.
Und am nächsten Tag geht der Junge wieder dorthin. Ganz alleine. Niemand "holt ihn ab". Nach zwei, drei Jahren schätzt man ihn womöglich wegen seines Geschickes auf dem Fußballplatz.

Was dieser Steppke kann, kann ein Säugling aber noch nicht. Der Säugling braucht eine ganz andere Art der Fürsorge.

Es gab auch schon - auf eine unmodernere Art - andere humanistische Herrschaftssysteme, z.B. in der UdSSR, unter denen man die "Menschen dort abgeholt hat, wo diese sich gerade befanden".

Waren diese Systeme sehr grausam, so wurden sie doch immerhin vom Volke erkannt. Heute ist die Totalität sehr viel tiefer in die Köpfe und Herzen eingedrungen, erst unter der Wahlfreiheit der verschiedensten bunten "shopping"- und Life-Steil-Angebote ist die Maus endgültig in die Falle geraten.

@ Zadok Allen

Das stimmt alles. Ich bewundere es immer wieder, wie gut doch die heute 70- oder 80-jährigen schreiben können, wenn sie auch nur acht Jahre die Volksschule besucht haben.
Meine Bezugnahme gilt der BERTELSMANN-Bildung unserer Tage, die hier am besten durch die Vokabel "Sensibilisierung" beschrieben sein soll.
"Klima"sensililität, "Gender"-Sensibilität, von interkulturellen Sensibilitäten gar nicht zu reden.

Heino Bosselmann

8. Januar 2013 17:47

Absolut! Noch die Nachkriegszeit wies dem regelkonformen Schreiben und Sprechen allerhöchsten kulturellen Wert zu! Es wurde offenbar ein Akt geistiger Hygiene darin gesehen, richtige Worte und Sätze formulieren zu können und die Schrift der Form nach zu beherrschen. Mit Sicherheit schreibt die Generation meiner Eltern, gerade auch die "einfachen Leute", souveräner als jene meiner Schüler. Obwohl ich mir redlich Mühe gab, begriff ich mich als Deutschlehrer am sog. Gymnasium als Teil eines kulturellen Betruges, indem ich Regularien folgte, die ungedeckte Schecks über Bildungsqualifikation ausstellen ließen.

Heino Bosselmann

8. Januar 2013 18:04

Zunächst: Ihre und Gottfrieds Bemerkungen sind von geradezu literarischem Wert! – Kennzeichen moderner Pädagogik ist es, sich aller anthropologischen oder gar physiologischen Betrachtungen zu enthalten. Jeder gilt als Talent, per se. Ganz abgesehen davon, was genetisch oder nach früher Prägung so vermacht ist, gäbe es, heißt es, für jeden die richtigen Förderinstrumente. Selbst im Milieu tendenziell sinkender Forderungen sind viele Gymnasiasten so überfordert, daß man das gesamte Spektrum psychosomatischen Leids in der Schule erleben kann. "Bildung" soll offenbar Härten kompensieren, die sich die Wachstumsgesellschaft anderswo meint leisten zu müssen. (Dennoch ist ausgewiesenermaßen leider die Schule nach wie vor der Ort für Amokläufe.) – Bedenken Sie: In Hamburg druckt schon jede Schulart Abiturzeugnisse aus. Was nicht erworben werden kann, wird juristisch deklariert. Daß zwischen so hohen Studentenzahlen wie noch nie und so wenigen MINT-Absolventen bzw. dem mystifizierten Fachkräftemangel – ebenfalls so extrem wie noch nie – ein direkter sachlicher Zusammenhang besteht, ging der Kultusbürokratie nicht auf. – Das am Gymnasium zweifelsohne im Verlaufe der letzten drei Jahrzehnte am erheblichsten degradierte Fach ist das Fach Deutsch.

Rumpelstilzchen

8. Januar 2013 18:15

@ Zadok @ Bosselmann
Das stimmt .
Nach einem Sturm 2010 entdeckte ich auf dem Dach meines über 80-jährigen Nachbarn (sog. einfacher Mann) einen losen Dachziegel und setzte ihn telefonisch darüber in Kenntnis.
Er schrieb mir folgenden Dankbrief und legte ein kleines Büchlein bei:
" Liebe Frau R.
Für die wohltuende Aufmerksamkeit, die Sie mir in Anbetracht des Sturmschadens erwiesen haben, bedanke ich mich nochmals herzlich. Fassen Sie bitte das meinen Zeilen Beigefügte als kleines Zeichen der Anerkennung auf.
Meinen nachbarschaftlichen Gruß verbinde ich mit dem Wunsch, daß das Heim Ihrer Familie von den Auswirkungen der Naturgewalten und von anderem Unheil verschont bleiben möge.
P.S.ihr unerwarteter Anruf irritierte mich, denn das kurz vor dem Abflauen des Sturms inspizierte, noch unversehrte Dach hatte mich in eine trügerische Sicherheit versetzt....."

Und dieser Text in einer wunderbaren klaren Schrift.
Ich war gerührt und habe das Brieflein aufgehoben.
W. B. 2012

Fahrnheit451

8. Januar 2013 18:32

Auch unter national gesinnten Bürgern hat sich mittlerweile die Auffassung durchgesetzt hat, daß die Nation als rassische Gemeinschaft ein Konstrukt ist, und ein schlechtes dazu?

Wer so denkt ist kein Nationaler und erst recht kein Deutschnationaler sondern ein egophober Spinner.

Natürlich hat jede Nation wie jede andere Kultur auch eine biologische Grundlage. Ohne diese, die Hardware im Genotyp, wird das nichts mit der geistigen Komponente der Kultur. Denen ergeht es sonst wie jenem Maulesel beim Kunstreiten , der sich wegen des Geburtsstalles in Piber für einen Lipizzaner gehalten hat. Er macht sich zuerst lächerlich, und dann war er weg.

Kurt Schumacher

8. Januar 2013 19:08

Wirklich passiert! Als ich eben bei Google "Straße der deutschen Sprache" eintippte, bekam ich die Fehlermeldung: "Did you mean Strasse der deutsch-sowjetischen Freundschaft"?

Den Artikel von Burkhard Müller, den Herr Bosselmann zitiert, konnte Google leider auch nicht finden. Ich selbst "händisch" auf der Netzseite der "Süddeutschen Zeitung" übrigens auch nicht. - Aber nach den Zitaten zu urteilen, würde ich sagen, Müller will absichtlich provozieren. Er weiß es garantiert besser. "Jeder Mensch hat die ganze Sprache schon verinnerlicht" - da lachen ja die Hühner!

Ich befürworte das Projekt "Straße der deutschen Sprache", habe aber wenig Hoffnung, daß es außerhalb der Kreise der ohnehin Gebildeten viel bewirkt.

Fahrnheit451

8. Januar 2013 19:48

Gerade dort. Die vom Regime Verbildeten sind verloren. Die von diesen Einflüssen nicht Betroffenen waren Deutsch, sind Deutsch und bleiben Deutsch. Auch Dank jener Helden, die sich in Ekel vom Regime abgewandt haben und Gegenmedien geschaffen haben. Der Tausch von wahren Kulturmedien über das Netz ist inzwischen Endbenutzersicher.

Es ist wie ich sehen durfte, normalen Menschen nicht mehr möglich, Regimepropaganda ohne berechtigte Unmutsäußerungen länger als 5min zu ertragen. Das erfreut mein Herz

D. L.

8. Januar 2013 21:07

Ich bin in den neunziger Jahren auf einem traditionsreichen angesehenem Gymnasium in der südlichen Hälfte Deutschlands gewesen.

Ein kleiner Einwurf zur Klage, der Niveauabfall sei im Fach Deutsch besonders zu beobachten:

Was auch immer die Anforderungen sein mögen, die ein Kultusministerium stellt - meine Erfahrung ist, daß die Qualität einer Schule stark mit der Menge anspruchsvoller Lehrer und dem Engagement der Elternschaft korreliert. Mir ist erst rückblickend und im Vergleich mit Kommilitonen klar geworden, daß manche unserer Lehrer - gerade in den Fächern Deutsch, Latein und Religion - uns überdurchschnittlich viel "zugemutet" hatten.

Und (auch wenn es immer gefährlich ist, von sich auf die Allgemeinheit zu schließen) mein Eindruck ist, daß der größte Niveauverlust sich in modernen Fremdsprachen (quasi keine klassische Lektüre), Erdkunde (von mir als reines Füllfach ohne relevanten Inhalt erlebt) und leider und vor allem auch im Fach Sport (Spiel & Spaß statt Fitness, Kraft, Bewegungslehre, Kondition, Körperbeherrschung, etc.).

Insbesondere was das Fach Sport betrifft, gibt es empirische Untersuchung, die den Abfall der Leistungsfähigkeit über die letzten 50 Jahre eindeutig belegen. Hier gibt es auch die Notentabellen, die den Abfall - gewissermaßen auf Centimeter und Sekunde genau - abbilden.
Nicht mehr gebildet sprechen und schreiben zu können ist ein dramatischer Verlust an Kultur. Die sportlichen Defizite sind meiner Meinung nach Ausdruck einer viel fundamentaleren Degeneration.

Wenn man sich übrigens die entsprechenden Lehramtsstudenten einmal ansieht, ist das Phänomen schon fast erklärt. Angehende Latein- und Mathelehrer sind ein anderer Menschenschlag als angehende Sport- und Erdkundelehrer.

Schopi

8. Januar 2013 22:42

Erst vor ein paar Tagen stand in der hiesigen Lokalpresse, es gebe mittlerweile in NRW so viele "1.0" Abiturienten wie noch nie.

Remo

9. Januar 2013 01:59

Das sind doch alles keine unlösbaren Probleme.

In Deutschland gibt es zum Glück einen Wolfgang Schäuble, welcher völlig neue Lösungsansätze bringt:

https://spottlight.ch/?p=1537

Die Nivellierung nach unten, wie sie in der EU immer mehr praktiziert wird, ist in vielerlei Hinsicht von großem Vorteil.

Man sollte die kreativen - und zusammen mit anderen CDU-Politikern (Öttinger / Oettinger) gleich selbst praktizierten - Vorschläge für ein neues EU-Englisch auch am besten auf die deutsche Sprache und den Deutschunterricht übertragen. Die Rechtschreibreform kann hierbei nur der erste Schritt in die richtige Richtung gewesen sein.

Die Anpassung des Standards an weniger intelligente, weniger begabte und weniger aus-gebildete Schüler bringt zahlreiche Glücksfälle mit sich.
Man muß nicht soviel nachdänken (denken kann man auch - das Wortstammprinzip läßt grüßen - von danken herleiten, ähnlich wie der Duden für Schänke als Schreibweise Schenke empfiehlt - weil das ja nichts mit Ausschank zu tun hat, sondern man in der Schenke etwas geschenkt bekommen (kann)).

Überflüssiges, hinderliches Grübeln oder gar Logik sollte man sich schänken und pragmatisch wie die Vorbilder Scheuble und Co. vorgehen.

Das brächte doch nicht nur hinsichtlich der Ortografi eine große Erlaichtärung für uns alle.

Raskolnikow

9. Januar 2013 07:50

Fräulein Luise Honzbreiter,

eine Frauensperson von leidlicher Geistigkeit, scharfer Intelligenz, nicht unerheblicher Leibesfülle und belangloser Persönlichkeit; die mich gelegentlich mit Nachrichten von "da draußen" versorgt, hat an ihrem naturwissenschaftlichen Institut regelmäßig mit dem Auswurf der hier besprochenen Gymnasien zu tun.

Wenn sie morgens gegen sechs Uhr das Gebäude und ihr darin eingeschachteltes Büro betritt, setzt sie sofort ein kleines Kofferradio mit geradezu obszöner Marschmusik in Gang, um sich etwaigen Besuch wissbegieriger Studenten vom wallenden Leibe zu halten. Erst danach hängt sie ihre Exuvien an die vorgesehen Wandhaken ... Die Märsche hallen bis zum Dienstschluss ununterbrochen!

Fräulein Honzbreiters Fachgebiet publiciert übrigens recht ordentlich was das Quantum anbelangt, aber - und jetzt kommt´s - seit Jahren nicht in deutscher Sprache! Ja die Honzbreiter hat in der Zeit an ihrem Institut überhaupt noch gar nicht auf Deutsch irgendetwas veröffentlicht. Der ganze Naturwissenschafts- und Ingenieursbetrieb kommt ohne unsere eigene Sprache aus ... (Aber, und das sei hier ohne Triumph gesagt, das Englische erodiert ebenfalls rasant! Millionenfacher Radebruch scheint tatsächlich die Sprache zu unterminieren ...)

Scheint also alles bedarfsgerecht eingerichtet ... Denn gesucht wird der intelligente Specialist mit verhandlungssicheren Englischkenntnissen und der nötigen Fähigkeit auf der Klaviatur der Informationstechnologien herumzufingern. Darüberhinausgehendes ist nicht erforderlich, ja wird sogar als irgendwie störend empfunden.

Die Honzbreiter erzählt manchmal ihren Collegen von mir, sie will wohl zeigen, dass es doch jemanden giebt, der sich für ihre ausufernden Landschaften interessiert - sie erzählt also von mir und meinen Studien und gilt allein schon deswegen als sonderlich. Gott, Tod, Ich, Literatur (Du meine Güte!); das sind Dinge, die ein Naturwissenschaftler ("Ich als Wissenschaftler ...") nicht mehr für reflectionswürdig befindet ...

Die habilitierte Blödigkeit! Herr Bosselmann, die Dämchen und Herrlein, die Sie in die Welt entlassen (haben), sind hervorragend präpariert! Sie werden alle avancieren und vielleicht, wer weiß?, wird eine Ihrer Schülerinnen mal Ministerin ...

Sincerely,

R.

Heino Bosselmann

9. Januar 2013 08:19

Ich vermute in den südlichen Bundesländern Refugien konservativ-verbindlicher Vorstellungen zur Bildung, selbst für das Fach Deutsch. Die mir zugänglichen Abituraufgaben Bayerns rechtfertigen diesen Eindruck. Im Norden kann man ein schriftliches Deutschabitur problemlos ablegen, ohne des Lesens und Schreibens in einem besonders qualifizierten Sinne kundig zu sein. In Mecklenburg-Vorpommern ist ein schriftliches Abitur im Fach Deutsch gar nicht mehr zwingend; man muß dort nur obligatorisch eine Prüfung ablegen, also gern auch mündlich. Ihre übrigen Beobachtungen, gerade zum Bereich Sport, kann ich nur bestätigen. Immer abgesehen von ein paar echten Talenten, die es vorm Hintergrund des Mittelmaßes zu fördern gilt, sprechen meine Sportlehrerkollegen direkt von zu beobachtenden körperlichen Degenerationsphänomenen. Diese beträfen nicht nur Kraft und Ausdauer, sondern Kordinationsvermögen und Motorik: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts - schon schwierig, Kopfstand, Handstand - fast schon Angebote ans Schicksal.

Götz Kubitschek

9. Januar 2013 10:19

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gruß! kubitschek

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