Sezession
1. August 2007

Autorenportrait Ezra Pound

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 19/August 2007

sez_nr_19von Till Kinzel

„Wenn ein Mann nicht bereit ist, etwas für seine Meinungen zu riskieren, taugen entweder seine Meinungen oder er selbst nichts" waren Ezra Pounds Worte, als er von den Amerikanern in Gewahrsam genommen wurde, 1945, unter dem Verdacht des Hochverrats. Ganz zweifellos riskierte Pound etwas für seine Meinungen, doch taugten auch er selbst oder seine Meinungen etwas? War Pound schließlich nicht neben seiner anerkannten Stellung als Protagonist der modernen Lyrik ein rabiater Antisemit, Parteigänger Mussolinis, dilettierender Ökonom, Faschist, Kollaborateur? Ein konfuser Spinner, mit dem zu beschäftigen sich deshalb nicht lohne? Handelte es sich um „eine Blindheit im Leben des Menschen, die sich nicht ausloten läßt", die Pound überkam (Cibulka)? Hebt nicht seine politische Verirrung seine dichterische Leistung auf, infizierte gar die Politik unausweichlich die Lyrik? Können beide Aspekte seines Wesens miteinander in Einklang gebracht werden? Darf, ja sollte man das eine von dem andern trennen?

Als Pound kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, 1949, den neu gestifteten Bollingen-Preis für Lyrik für seine in amerikanischer Gefangenschaft entstandenen Pisaner Cantos erhielt, brachen die Kontroversen auf, wurde aufs heftigste debattiert, wie man nun mit einem möglicherweise zwar guten, aber eben politisch unliebsamen Dichter verfahren sollte. Pounds Fall ist als Signatur des zwanzigsten Jahrhunderts vergleichbar etwa dem von Thorkild Hansen so faszinierend geschilderten „Fall Hamsun". Pound hatte sich in den Augen der Welt durch seine Unterstützung der Achsenmächte im Krieg politisch kompromittiert, er hatte unzählige Radiosendungen für den italienischen Rundfunk aufgenommen, die dann nach Amerika ausgestrahlt wurden. Pound hatte in diesen zugegebenermaßen vielfach wirren und unverständlichen Ansprachen versucht, die Amerikaner davon zu überzeugen, daß sie sich nicht am Krieg beteiligen sollten und daß seine - Pounds - Ideen der Welt Rettung bringen würden. Repräsentativ für Stil und Rhetorik seiner Ansprachen verkündete er beispielsweise am 10. Dezember 1943: „Jeder Mensch, der nicht ein hoffnungsloser idiotischer Wurm ist, sollte erkennen, daß der Faschismus in jeglicher Hinsicht der russischen Judenherrschaft überlegen ist und daß der Kapitalismus zum Himmel stinkt." War das Hochverrat? Kollaboration? War er vollkommen verrückt geworden, ein Fall für die Psychiatrie? Letztendlich wurde Pound wegen seiner Ansprachen nie der Prozeß gemacht, zu einer strafrechtlichen Verurteilung wegen Hochverrats kam es nicht. Da auf Hochverrat die Todesstrafe stand, wurde Pound für verrückt erklärt, um den Prozeß zu umgehen. Er wurde statt im Gefängnis in der psychiatrischen Klinik St. Elizabeths untergebracht. Dort blieb er, entmündigt, zwölf Jahre lang, bis es dem vereinten Bemühen seiner Dichterfreunde Eliot, Hemingway, MacLeish und Frost gelang, ihn herauszuholen.


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