Autorenportrait Ezra Pound

pdf der Druckfassung aus Sezession 19/August 2007

sez_nr_19von Till Kinzel

„Wenn ein Mann nicht bereit ist, etwas für seine Meinungen zu riskieren, taugen entweder seine Meinungen oder er selbst nichts" waren Ezra Pounds Worte, als er von den Amerikanern in Gewahrsam genommen wurde, 1945, unter dem Verdacht des Hochverrats. Ganz zweifellos riskierte Pound etwas für seine Meinungen, doch taugten auch er selbst oder seine Meinungen etwas? War Pound schließlich nicht neben seiner anerkannten Stellung als Protagonist der modernen Lyrik ein rabiater Antisemit, Parteigänger Mussolinis, dilettierender Ökonom, Faschist, Kollaborateur? Ein konfuser Spinner, mit dem zu beschäftigen sich deshalb nicht lohne? Handelte es sich um „eine Blindheit im Leben des Menschen, die sich nicht ausloten läßt", die Pound überkam (Cibulka)? Hebt nicht seine politische Verirrung seine dichterische Leistung auf, infizierte gar die Politik unausweichlich die Lyrik? Können beide Aspekte seines Wesens miteinander in Einklang gebracht werden? Darf, ja sollte man das eine von dem andern trennen?

 Gastbeitrag

Gastbeitrag


Als Pound kur­ze Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg, 1949, den neu gestif­te­ten Bol­lin­gen-Preis für Lyrik für sei­ne in ame­ri­ka­ni­scher Gefan­gen­schaft ent­stan­de­nen Pisaner Can­tos erhielt, bra­chen die Kon­tro­ver­sen auf, wur­de aufs hef­tigs­te debat­tiert, wie man nun mit einem mög­li­cher­wei­se zwar guten, aber eben poli­tisch unlieb­sa­men Dich­ter ver­fah­ren soll­te. Pounds Fall ist als Signa­tur des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ver­gleich­bar etwa dem von Thor­kild Han­sen so fas­zi­nie­rend geschil­der­ten „Fall Ham­sun”. Pound hat­te sich in den Augen der Welt durch sei­ne Unter­stüt­zung der Ach­sen­mäch­te im Krieg poli­tisch kom­pro­mit­tiert, er hat­te unzäh­li­ge Radio­sen­dun­gen für den ita­lie­ni­schen Rund­funk auf­ge­nom­men, die dann nach Ame­ri­ka aus­ge­strahlt wur­den. Pound hat­te in die­sen zuge­ge­be­ner­ma­ßen viel­fach wir­ren und unver­ständ­li­chen Anspra­chen ver­sucht, die Ame­ri­ka­ner davon zu über­zeu­gen, daß sie sich nicht am Krieg betei­li­gen soll­ten und daß sei­ne – Pounds – Ideen der Welt Ret­tung brin­gen wür­den. Reprä­sen­ta­tiv für Stil und Rhe­to­rik sei­ner Anspra­chen ver­kün­de­te er bei­spiels­wei­se am 10. Dezem­ber 1943: „Jeder Mensch, der nicht ein hoff­nungs­lo­ser idio­ti­scher Wurm ist, soll­te erken­nen, daß der Faschis­mus in jeg­li­cher Hin­sicht der rus­si­schen Juden­herr­schaft über­le­gen ist und daß der Kapi­ta­lis­mus zum Him­mel stinkt.” War das Hoch­ver­rat? Kol­la­bo­ra­ti­on? War er voll­kom­men ver­rückt gewor­den, ein Fall für die Psych­ia­trie? Letzt­end­lich wur­de Pound wegen sei­ner Anspra­chen nie der Pro­zeß gemacht, zu einer straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung wegen Hoch­ver­rats kam es nicht. Da auf Hoch­ver­rat die Todes­stra­fe stand, wur­de Pound für ver­rückt erklärt, um den Pro­zeß zu umge­hen. Er wur­de statt im Gefäng­nis in der psych­ia­tri­schen Kli­nik St. Eliza­beths unter­ge­bracht. Dort blieb er, ent­mün­digt, zwölf Jah­re lang, bis es dem ver­ein­ten Bemü­hen sei­ner Dich­ter­freun­de Eli­ot, Heming­way, MacLeish und Frost gelang, ihn herauszuholen.

In sei­nem größ­ten Gedicht, den Can­tos, gibt uns Pound ein „Log­buch sei­ner Irr­fahr­ten und sei­nes Schei­terns” (Eva Hes­se), der Irr­fahr­ten eines Poe­ten-Odys­seus durch die Tur­bu­len­zen und Stür­me des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, die uns noch (und nur?) in sei­nem Schei­tern eine Leh­re sein kön­nen. Pound zu lesen ist ein Akt der Selbst­er­kennt­nis des moder­nen Men­schen, ein unge­mein for­dern­des und anspruchs­vol­les Unter­fan­gen zwar, doch nicht ver­geb­lich. Pound wirft die Fra­ge nach der Mög­lich­keit eines „para­di­so ter­rest­re”, eines irdi­schen Para­die­ses auf, danach, ob und wie der Mensch in sei­nem Leben zur Erfül­lung gelan­gen kann, und er ver­sucht, die­ser Fra­ge mit poe­ti­schen Mit­teln bei­zu­kom­men. Die Leh­re des Schei­terns ist wesent­lich eine nega­ti­ve Leh­re: Ein poli­ti­sches Leit­bild kann Pound uns nicht bie­ten, denn dazu hat­te er zu viel Anteil an den Irr­tü­mern die­ses Jahr­hun­derts: „Ob mei­ne Irr­tü­mer ande­ren von Nut­zen sein kön­nen, weiß allein Gott.”
1885 in den USA gebo­ren (und daher als ame­ri­ka­ni­scher Dich­ter in den Lite­ra­tur­ge­schich­ten ver­bucht), stu­dier­te Pound zunächst Lite­ra­tur an der Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia und in New York, sein Spe­zi­al­ge­biet war Roma­nis­tik, spa­ni­sche Dich­ter und fran­zö­si­sche Trou­ba­dou­re, wor­über er sein Buch The Spi­rit of Romance schrieb. 1908 sie­delt er nach Euro­pa über, unter­nimmt Rei­sen, lebt bis 1920 in Lon­don, macht die Bekannt­schaft Wil­liam But­ler Yeats’ und Wynd­ham Lewis’, geht dann nach Paris. 1924 zieht er nach Ita­li­en, wo er bis zu sei­ner Ver­haf­tung blei­ben wird, meist in Rapal­lo. Er wid­met sich, wenn man den Nach­rich­ten über ihn Glau­ben schen­ken darf, den Frau­en, vie­len Frau­en, wor­aus ein für Pounds Dich­tung bezie­hungs­wei­se Dich­tungs­theo­rie zen­tra­les Merk­mal erwuchs: Pound sah wie Wynd­ham Lewis eine enge Ver­bin­dung zwi­schen Kunst und Sexua­li­tät, Sexua­li­tät und Krea­ti­vi­tät, ihm galt der Koitus als Weg der Erkennt­nis. Wenn es auf einen Dich­ter zutrifft, so war sicher­lich Pound ein (wie es im Jar­gon der Dekon­struk­ti­on heißt) „phal­lo­zen­tri­scher” Dich­ter, ein „Phal­lo­go­zen­trist”, der das schöp­fe­ri­sche Prin­zip mit dem männ­li­chen Prin­zip iden­ti­fi­zier­te. Sexu­el­le Frei­heit und eine gro­ße Abnei­gung gegen Aske­se ver­ban­den ihn in Sym­pa­thie mit den Trou­ba­dou­ren des Mit­tel­al­ters, die wegen eben die­ser Hal­tung von der Kir­che bekämpft wor­den waren. Des­car­tes’ cogi­to ergo sum wur­de bei Pound ersetzt durch „J’ay­me donc je suis” – Ich lie­be, also bin ich.
Ezra Pound war ein „musi­ka­li­scher Dich­ter”, ein Dich­ter, dem Musik, dem die Musi­ka­li­tät von Dich­tung viel bedeu­te­te. „Dich­tung muß als Musik, nicht als Rhe­to­rik gele­sen wer­den.” Wie aber liest man Musik? Mit einem Ohr für das, was Pound die „Eigen­mu­sik des Dich­ters” nennt. „Lite­ra­ri­sches” Gespür allein reicht kei­nes­falls aus. „Ein Dich­ter, der nichts für Musik übrig hat, ist, bezie­hungs­wei­se wird, ein schlech­ter Dich­ter.” Dich­tung, die der Musi­ka­li­tät erman­gelt, ist schlech­te Dich­tung, gute Dich­tung braucht die Musi­ka­li­tät der Wor­te. Sie erschließt sich, wie Musik über­haupt, nur dem inten­si­ven und wie­der­hol­ten Stu­di­um, zu dem uns die Ahnung des im Kunst­werk ent­hal­te­nen Reich­tums ver­lockt. Pounds Dich­tung besitzt die­se stark aus­ge­präg­te Eigen­mu­sik. Es könn­te sich also loh­nen, Pound zu lesen, ihm ein Ohr zu leihen.

Pounds Dich­tung erfüllt gera­de­zu ide­al­ty­pisch Harold Bloo­ms idio­syn­kra­ti­sches Kri­te­ri­um der Kano­ni­zi­tät eines lite­ra­ri­schen Wer­kes: stran­geness, Befremd­lich­keit, Selt­sam­keit, Fremd­heit. In der Tat ist Pounds Leben wie Werk von einer gera­de­zu befremd­li­chen Fremd­heit. Und es ist eine der Eigen­tüm­lich­kei­ten die­ser stran­geness, daß sie auch bei zuneh­men­der Ver­traut­heit nicht ver­schwin­det, son­dern auf einer höhe­ren Ebe­ne erhal­ten und immer anwe­send bleibt. Pound war aber nicht nur ein moder­ner Lyri­ker, son­dern besaß ein unge­wöhn­lich brei­tes und viel­sei­ti­ges kul­tu­rel­les Inter­es­se. Pounds Anmer­kun­gen und Strei­chun­gen waren für die end­gül­ti­ge Gestal­tung des Gedichts der Moder­ne schlecht­hin, T. S. Eli­ots The Was­te Land, ohne Fra­ge hoch­be­deut­sam und stel­len nicht sein gerings­tes Ver­dienst dar. Zudem mach­te er sich um die Wie­der­ent­de­ckung der Musik Vival­dis und die För­de­rung zahl­rei­cher ande­rer Künst­ler, Dich­ter und Musi­ker ver­dient. Pound half unei­gen­nüt­zig, wenn er vom Wert einer Sache über­zeugt war, und wirk­te uner­müd­lich in der Künst­ler­sze­ne sei­ner Zeit, eine lite­ra­ri­sche Bewe­gung nach der ande­ren kre­ierend (Vor­ti­zis­mus, Ima­gis­mus). Pound ver­such­te erfolg­reich, sei­nem eige­nen Rat­schlag für Dich­ter und Künst­ler zu fol­gen: „Las­se Dich von so vie­len gro­ßen Künst­lern wie mög­lich beein­flus­sen, doch besit­ze den Anstand, Dei­ne Schuld ent­we­der offen zu beken­nen oder ver­su­che, sie zu ver­ber­gen.” Die gro­ßen Künst­ler, von denen Pound, durch kei­ne Theo­rie der Ein­fluß­angst beküm­mert, sich beein­flus­sen ließ, waren Legi­on: Homer, Sex­tus Pro­per­ti­us, Ovid, Dan­te, Li Po, Whit­man, Brow­ning, Yeats, Cavalcanti …
Pound wand­te sich gegen die aris­to­te­li­sche Höher­be­wer­tung der vita con­tem­pla­ti­va gegen­über der vita acti­va; das Risi­ko des poli­ti­schen Han­delns als Dich­ter nahm er auf sich – mit dem Erfolg, daß er zum Para­dig­ma für das gro­ße The­ma des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts wur­de: das Ver­hält­nis der Künst­ler, der Dich­ter, der Intel­lek­tu­el­len zur Poli­tik und der Ver­rat der Intel­lek­tu­el­len. Hät­te er dem Rat sei­nes Freun­des Hen­ry Mencken fol­gen sol­len? Die­ser hat­te ihm wegen Ver­nach­läs­si­gung der Dich­tung zuguns­ten der Poli­tik vor­wurfs­voll am 29. Novem­ber 1936 geschrie­ben: „Sie haben Ihren gro­ßen Feh­ler began­gen, als Sie sich vom Geschäft der Lyrik abwand­ten und sich als eine Art Wun­der­hei­ler der Gesell­schaft betä­tig­ten.” Wie aber sah dies aus? Wie sah Pounds poli­ti­sche Visi­on in den zwan­zi­ger und drei­ßi­ger Jah­ren aus? Nach­dem er in den Jah­ren um den Ers­ten Welt­krieg sei­ne poli­ti­sche Bil­dung durch die sozia­lis­ti­sche Zei­tung New Age im anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sin­ne erhal­ten hat­te, spiel­ten öko­no­mi­sche Fra­gen in sei­nem Den­ken eine immer grö­ße­re Rol­le, was sich schließ­lich auch in sei­ner dich­te­ri­schen Pro­duk­ti­on zei­gen soll­te. Zen­tral waren für Pound vor allem zwei Pro­ble­me: die Aner­ken­nung des Künst­lers durch die Gesell­schaft und die Bekämp­fung des Wuchers. Was das ers­te anbe­langt, so kam er schnell zu der Über­zeu­gung, daß der Faschis­mus mehr als ande­re Sys­te­me die Künst­ler schätz­te und wür­dig­te, und Mus­so­li­ni war in Pounds Augen ein Künst­ler (ein gutes Bei­spiel für Wal­ter Ben­ja­mins zeit­wei­se über­stra­pa­zier­tes Wort vom Faschis­mus als Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik). Auch mach­te er sich – ver­geb­li­che – Hoff­nun­gen, die faschis­ti­sche Poli­tik in sei­nem Sin­ne beein­flus­sen zu können.

Im Wucher aber sah Pound das Übel, „das Krebs­übel der Welt, das nur vom Chir­ur­gen­mes­ser des Faschis­mus aus dem Leben der Völ­ker her­aus­ge­schnit­ten wer­den kann”. Wie schon der Titel sei­nes Buches Jef­fer­son and / or Mus­so­li­ni andeu­tet, ging es Pound um eine – sicher­lich sehr eigen­wil­li­ge – Kom­bi­na­ti­on von Jef­fer­son­scher Demo­kra­tie und Faschis­mus: „Jef­fer­so­ni­an Fascism” als Fort­set­zung der Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on von 1776. Zwar lehn­te Pound die Über­nah­me des Mus­so­li­ni-Faschis­mus in Ame­ri­ka ab, doch sah er star­ke Affi­ni­tä­ten zwi­schen den grund­le­gen­den Ideen Jef­fer­sons und Mus­so­li­nis. Ezra Pound ver­stand sich als Links­fa­schist und befür­wor­te­te daher die nach dem Sturz Mus­so­li­nis errich­te­te kurz­le­bi­ge Repu­blik von Salò, die in Pounds Augen mit dem posi­ti­ven Gehalt des Faschis­mus Ernst zu machen schien. Was welt­po­li­ti­sche Zusam­men­hän­ge betrifft, so schien Pound in jener Zeit der Wirk­lich­keits­sinn immer mehr abhan­den zu kom­men. Ans Gro­tes­ke grenzt sein wohl zumin­dest hal­berns­ter Vor­schlag (der zudem unge­mein cha­rak­te­ris­tisch für Pounds Vor­stel­lung einer kul­tu­rel­len Reform ist), die USA soll­ten Guam an Japan über­ge­ben – und zwar im Aus­tausch für 300 Fil­me von Nô-Spie­len; die­se soll­ten dann der Erzie­hung und Bil­dung begab­ter ame­ri­ka­ni­scher Stu­den­ten dienen!
Sein unleug­ba­rer Anti­se­mi­tis­mus ist in hohem Maße bestimmt durch sei­ne ent­schie­den heid­ni­sche (eleu­si­ni­sche) Ableh­nung des Mono­the­is­mus. Domi­nier­te spä­ter der Wucher sei­ne Vor­stel­lungs­welt, so hielt er anfangs die Reli­gi­on für die Wur­zel allen oder doch fast allen Übels, wes­halb er denn auch bereits 1914 das „Ende des christ­li­chen Zeit­al­ters” pro­kla­mier­te. Er scheu­te sich nicht, in sei­nen Radio­an­spra­chen im Zwei­ten Welt­krieg wie auch wäh­rend sei­ner Inter­nie­rung in St. Eliza­beths ande­ren die Lek­tü­re der infa­men Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion zu emp­feh­len sowie den Ku-Klux-Klan zu unter­stüt­zen, wobei er pein­lich dar­auf ach­te­te, daß sei­ne ihn häu­fig besu­chen­den Künst­ler- und Dich­ter­freun­de von die­sen Akti­vi­tä­ten nichts bemerk­ten. Er lehn­te die Zehn Gebo­te radi­kal ab („Das Juden­buch ist Gift …”). Den Tal­mud hielt er für „eine Art Gangs­ter-Hand­buch” (ein Urteil, das kaum als Ergeb­nis eige­ner Lek­tü­re ange­se­hen wer­den kann), die Vor­stel­lung von der Erb­sün­de war ihm eine jüdi­sche Erfin­dung zwecks Unter­jo­chung der Natur des Men­schen. Pound mach­te sich zudem das anti­se­mi­ti­sche Ste­reo­typ vom Juden als Wuche­rer zu eigen und iden­ti­fi­zier­te so „den Juden” mit dem aus einer Sicht größ­ten aller Übel.
Die zen­tra­le Rol­le, die der Wucher in Pounds öko­no­mi­schen Vor­stel­lun­gen spiel­te, war abge­lei­tet aus den­je­ni­gen Theo­rien, aus denen Pound sei­ne Ideen bezog: Clif­ford H. Dou­glas’ Social Credit und Sil­vio Gesells an Proud­hon ori­en­tier­ter Frei­geld- bezie­hungs­wei­se Schwund­geld­theo­rie. Sil­vio Gesell, Finanz­mi­nis­ter der Epi­so­de geblie­be­nen anar­chis­ti­schen Münch­ner Räte­re­pu­blik, hat­te in sei­nem Haupt­werk Die natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung durch Frei­land und Frei­geld eine der Natur des Men­schen angepaß­te Ord­nung ent­wor­fen, die sich auf den Wett­streit als grund­le­gen­des Prin­zip stützt und anar­cho-libe­ra­le Züge trägt. Im Anschluß an das posi­tiv ver­stan­de­ne Man­ches­ter­tum und vor allem an die Ideen Pierre-Joseph Proud­hons rich­te­te sich Gesell schroff gegen die Marx­sche Leh­re, die er für grund­ver­kehrt hielt.

Pound griff den Gedan­ken Gesells auf, Proud­hon habe im Gegen­satz zu Marx die Rie­gel- oder Sperr­na­tur des Gel­des erkannt. Um den Zins und den Mehr­wert zu ver­hin­dern und abzu­schaf­fen, schlug Gesell die Ein­füh­rung des soge­nann­ten Frei­gel­des vor, durch das Geld und Ware voll­kom­men gleich­wer­tig wer­den soll­ten. Der unna­tür­li­che Cha­rak­ter des Gel­des gegen­über allen ande­ren Waren soll­te dadurch auf­ge­ho­ben wer­den, daß das Geld regel­mä­ßig einen bestimm­ten Pro­zent­satz sei­nes Nomi­nal­wer­tes ver­liert und durch Kauf von Wert­mar­ken wie­der auf den ursprüng­li­chen Wert gebracht wer­den kann. Gesell erhoff­te sich davon eine ste­te Zir­ku­la­ti­on des Gel­des, da das Schwund­geld im Gegen­satz zu übli­chem Geld nicht gewinn­brin­gend akku­mu­liert wer­den kann.
Pound war denn auch hoch­be­geis­tert als er erfuhr, daß Anfang der drei­ßi­ger Jah­re im öster­rei­chi­schen Wörgl ein zunächst erfolg­rei­cher Ver­such mit Gesells Frei­geld unter­nom­men wur­de, der nur durch Inter­ven­ti­on der Zen­tral­bank been­det wer­den konn­te. Pounds Geld­theo­rien und Anspie­lun­gen auf finanz­ge­schicht­li­che Zusam­men­hän­ge tau­chen immer wie­der leit­mo­ti­var­tig in den Can­tos auf. Der Wucher (usu­ry, usura, neschek) steht im Mit­tel­punkt der zu Recht geprie­se­nen Usura-Can­tos 45 und 51, die ein­drucks­voll zei­gen, wie das öko­no­mi­sches Übel des Wuchers in das Leben der Men­schen ein­greift und sie ihrer Natur ent­frem­det, sie dar­an hin­dert, ein ihrer Natur gemä­ßes Leben zu füh­ren. Der Wucher ist eine „Sün­de wider die Natur”: Con­tra Naturam. Die gan­ze Kul­tur krankt an die­ser Sün­de, die Künst­ler wer­den an ihrer Arbeit gehin­dert, den Lie­ben­den wird ihre Lie­be zer­stört durch usura: „Der Wucher bringt Ver­kal­kung in die Jugend, legt sich zwi­schen Braut und Bräu­ti­gam ins Bett”. Erst in einer spä­ten Notiz vom 4. Juli 1972 über den Wucher übt Pound vier Mona­te vor sei­nem Tod Selbst­kri­tik, mit dem Wucher habe er ein Sym­ptom für eine Ursa­che gehal­ten: „Die Ursa­che ist Hab­gier.” Damit aber konn­te das Pro­blem nicht mehr „den Juden” ange­las­tet wer­den, son­dern es erwies sich als ein all­ge­mein-mensch­li­ches, womit er sich zugleich zum Miß­fal­len man­cher Kri­ti­ker auch vom Mar­xis­mus distanzierte.
Nach 1945 wird Pound von den ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­trup­pen in Ita­li­en ver­haf­tet und im bei Pisa gele­ge­nen Disci­pli­na­ry Trai­ning Cen­ter gefan­gen­ge­hal­ten, zunächst in einem „Affen­kä­fig”. Spä­ter kann er sich dort sei­ner Dich­tung wid­men und der Lek­tü­re des Kon­fu­zi­us. Das Pro­dukt die­ser Zeit sind die berühm­ten Pisaner Can­tos, ein Doku­ment eines mensch­li­chen Schick­sals in unse­rer Zeit von anrüh­ren­der Ein­dring­lich­keit, ver­gleich­bar-unver­gleich­bar viel­leicht mit Carl Schmitts Glos­sa­ri­um und Knut Ham­suns Auf über­wach­se­nen Pfa­den. „Pull down thy vani­ty”, laß ab von Eitel­keit, so klingt es dem Leser die­ser odyss­ei­schen Gesän­ge in den Ohren, in die­sen Gesän­gen, die wie weni­ge von einer Irr­fahrt berich­ten, von der Irr­fahrt des Ezra Pound durch die­ses zwan­zigs­te Jahr­hun­dert. „Ich bin Nie­mand, mein Name ist Nie­mand.” Pull down thy vani­ty, I say pull down. Pound wuß­te um sei­ne gro­ße Schwä­che, und im Ein­ge­ständ­nis sei­nes Schei­terns liegt der viel­leicht größ­te Tri­umph über die Eitelkeit.

Pound war ein gro­ßer Anre­ger und Leh­rer, der der stump­fen, dum­men Welt mit allen Mit­teln sei­ne Ein­sich­ten ver­mit­teln woll­te, um dem zum Durch­bruch zu ver­hel­fen, was er als rich­tig erkannt hat­te („Let us take arms against a sea of stu­pi­di­ties” – „Zu den Waf­fen gegen eine See von Dumm­hei­ten!”). Die­ses Bedürf­nis nach Beleh­rung der Mensch­heit und sei­ner ame­ri­ka­ni­schen Mit­bür­ger brach­te ihn wohl zu sei­nen berüch­tig­ten „Radio spee­ches” wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges, aber auch zur Abfas­sung sei­nes ABC des Lesens. Das erzie­he­ri­sche Motiv scheint aber auch noch in sei­ner anspruchs­vol­len und daher nicht immer leicht ver­ständ­li­chen Lyrik auf, die zudem vie­le fremd­sprach­li­che Zita­te ent­hält, grie­chi­sche, chi­ne­si­sche, fran­zö­si­sche, ita­lie­ni­sche, latei­ni­sche. Pound erwar­te­te von sei­nen Lesern etwas zumal heut­zu­ta­ge kei­nes­wegs Selbst­ver­ständ­li­ches, näm­lich daß sie von ihrer Intel­li­genz Gebrauch mach­ten. „Wenn wir nie­mals etwas ande­res schrie­ben als was bereits ver­stan­den wur­de”, so ant­wor­tet er in Can­to 96 auf Kri­tik, „wür­de der Bereich des Ver­stan­des nie­mals erwei­tert wer­den. Manch­mal nimmt man für sich das Recht in Anspruch, für eine klei­ne Zahl von Leu­ten mit beson­de­ren Inter­es­sen zu schrei­ben, deren Neu­gier sich bis in die Details erstreckt.” Ein sol­ches Kul­tur­ver­ständ­nis ist eli­tär, doch wer wür­de ernst­haft bestrei­ten, daß es Din­ge gibt, die nur „für eine klei­ne Zahl von Leu­ten mit beson­de­ren Inter­es­sen” wirk­lich von Belang sind? „Man braucht unge­fähr sechs­hun­dert Leu­te, um eine Zivi­li­sa­ti­on ins Werk zu set­zen” – das ist Pounds aris­to­kra­ti­sches Cre­do. Nur, wel­cher klar­den­ken­de Mensch wür­de bereit sein, sich der aris­to­kra­ti­schen Herr­schaft der Schrift­stel­ler, Künst­ler (und womög­lich der Intel­lek­tu­el­len) zu unter­wer­fen? Die roman­tisch-revo­lu­tio­nä­re, vom Dich­ter Per­cy B. Shel­ley gepräg­te Vor­stel­lung von den Dich­tern als den „gehei­men Gesetz­ge­bern der Welt” setz­te sich bei Pound um in den Traum von der wirk­li­chen Herr­schaft der Kunst, und das heißt der Künst­ler, im Faschis­mus. Nach Pound weiß der Künst­ler, „daß er dazu gebo­ren wird zu herr­schen, aber er hat kei­ne Absicht zu ver­su­chen, mit­tels des all­ge­mei­nen Wahl­rech­tes zu herr­schen.” Inmit­ten all der Stu­pi­di­tät und des Schwach­sinns der Mas­sen, den Pound um sich wahr­zu­neh­men mein­te, war für ihn das Pro­blem, eine Grup­pe vor­an­schrei­ten­der Dich­ter am Leben zu erhal­ten, „die Küns­te in den ihnen zuste­hen­den Rang als aner­kann­te Füh­rer und Leuch­ten der Kul­tur einzusetzen”.

Daß Pound trotz oder auch wegen sei­nes Schei­terns einer der gro­ßen Dich­ter der Moder­ne ist, von sei­nen frü­hen Gedich­ten mit ihren vie­len Glanz­stü­cken bis zu man­chen der Can­tos, kann ernst­haft kaum mehr bestrit­ten wer­den, und es hat nur noch – frei­lich erhel­len­den – Kurio­si­täts­wert, daß Ende 1945 der Ver­lag Ran­dom House erklär­te, Pounds Gedich­te wür­den aus der Antho­lo­gy of Famous Eng­lish and Ame­ri­can Poe­try ent­fernt. Begrün­dung: „Ran­dom House wird kei­nen Faschis­ten ver­öf­fent­li­chen. Außer­dem glau­ben wir nicht, daß Ezra Pound gut genug oder wich­tig genug ist, um ihn auf­zu­neh­men”. 1958 kann Ezra Pound die USA in Rich­tung Ita­li­en ver­las­sen, wo er die letz­ten Jah­re sei­nes Lebens ver­bringt. In Vene­dig stirbt er am 1. Novem­ber 1972 im Alter von sie­ben­und­acht­zig Jahren.
Erst spät, so sehen es die Bio­gra­phen, habe er sei­nen Irr­tum, sei­ne Irr­tü­mer ein­ge­se­hen, als er dem zu Besuch in Vene­dig wei­len­den Allen Gins­berg gegen­über, zu einer Zeit, in der er fast gänz­lich ver­stummt war und in sich gekehrt, bekann­te: „Was immer ich an Gutem getan habe, ist durch böse Absich­ten ver­dor­ben wor­den – die Beschäf­ti­gung mit irrele­van­ten und dum­men Sachen.” Und mit beson­de­rem Nach­druck setz­te er hin­zu: „Aber mein schlimms­ter Feh­ler war die­ses dum­me spie­ßi­ge Vor­ur­teil des Anti­se­mi­tis­mus”. Der ver­stum­men­de Dich­ter war zuletzt sei­nes Feh­lers gewahr gewor­den. Die Suche nach dem irdi­schen Para­di­so war miß­lun­gen, zumin­dest der rech­te Weg nicht gefun­den. Die Can­tos spie­geln in ihrer Unvoll­end­etheit die­se Bilanz des Pound­schen Schaf­fens. Im Schei­tern, im schmerz­lich bewuß­ten Schei­tern zumal, in die dich­te­ri­sche Form der Can­tos gegos­sen („the­se frag­ments shored against ruin” – „die­se Frag­men­te gegen den Ruin gestützt”), erkann­te Pound den viel­leicht letz­ten Sinn sei­ner Exis­tenz: „Doch daß man tat statt nicht zu tun / dies ist nicht Eitel­keit / … / Zu lesen aus der Luft leben­di­ge Über­lie­fe­rung / und aus dem Grei­sen­aug die unbe­sieg­te Flam­me / Dies ist nicht Eitel­keit. / Der Feh­ler liegt im Nicht-tun / Und in dem Klein­mut, der nichts wag­te …”. Am Ende sei­nes Lebens gab Pound der Nach­welt zu Pro­to­koll, was zu den­ken gibt: „Tu was du kannst, um die Unschuld zu ret­ten. Ver­hin­de­re, daß die­ser Pound-Ein­fluß sich wei­ter verbreitet.”

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