Sezession
6. Januar 2013

Ulrich Seidls obszöner Film Paradies:Liebe

Ellen Kositza / 46 Kommentare

paradies liebe

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nun habe ich mir also Ulrich Seidls gerade angelaufenen Kinofilm Paradies:Liebe angeschaut. Martin Lichtmesz´ großes Porträt anläßlich Seidls 60. Geburtstag sowie vor allem seine Filmkritik in der jüngsten Jungen Freiheit haben mich verlockt. Ich hatte Grund zur Hoffnung auf einen grandiosen Film. Erstens liegen mir realistische, gern auch „naturalistische“ Filme näher als romantische, zweitens interessiert mich das Sex-Tourismus-Thema, drittens schätze ich mich als wenig empfindlich ein bezüglich politischer Unkorrektheit, viertens stimme ich mit Lichtmesz ohnehin meist überein. Jedoch: Der Film war ein Grauen.

Der Spielfilm zeigt die alleinerziehende, mittelalte Teresa, die während eines Urlaubs in Kenia den Liebesverheißungen junger Autochthoner auf den Leim geht. Diese Version des Sextourismus, die die altbekannte Thaiversion geschlechtermäßig umkehrt, ist noch nicht allzu lange ein Massenphänomen. Sie ist es bis heute in vergleichsweise bescheidenen Ausmaßen.

Teresa also, eine biedere Frau der mittleren bis unteren Mittelschicht, hat traurige Erfahrungen mit Männern gemacht. Die offensive Schwärmerei ihrer Freundin vom Liebesspiel mit jungen schwarzen Gigolos wehrt sie genauso ab wie die Zudringlichkeiten der Kenia-Boys. Erst als da einer kommt, der rudimentäre Gesten der Höflichkeit beherrscht und „ernsthaft“ behauptet, in Teresa verliebt zu sein, wird sie schwach. Stutzig wird sie, als Munga um immer mehr Geld für „soziale Zwecke“ bittet: Das Kind seiner Schwester sei schwer krank, der Vater brauche medizinische Hilfe. Als Teresa dann Munga mit „Schwester“ und Kind in inniger Umarmung zufällig am Strand sieht, reagiert sie denkbar erbittert.

Ein verständnisvoller Tröster ist bald gefunden. Dabei sind weder sie noch die jungen Schwarzer eigentlich auf sexuelles Vergüngen aus. Sie sucht jemanden, der in ihr Herz, in ihre Seele vorstößt, die Männer benötigen Geld; für ihre Familien, vielleicht auch für ein fesches Mofa.

Eine tragische Konstellation, die natürlich vielerlei altbekannte und daueraktuelle Fragen tangiert: den Marktwert des Körpers und des Gefühls, die Attitüde des weißen Herren, der hier und jetzt eine Dame ist, die Rolle des Tourismus als Wirtschaftsfaktor, die Emanzipation der Frauen wie die der Schwarzen.

Und was macht nun Seidl daraus? Lichtmesz zitiert Werner Herzog, der in Seidls Filmen „eine tiefe Utopie, eine Sehnsucht“ erkennen will. Er, Lichtmesz selbst, sieht eine „durchaus christlich durchtränkte Melancholie, eine Sensibilität der Desillusionierung und des Gefallenseins“. Seidls Paradies-Trilogie - Paradies:Liebe ist deren erster Teil, der zweite, Paradies:Glaube sei wegen einer angedeuteten Masturbationsszene mithilfe eines Kruzifixes bereits auf Empörung gestoßen – formuliere einen „Anschluß an christliche Bedeutungsfelder", weshalb er die drei separat anlaufenden Filme nach den Kardinaltugenden betitelt habe: Glaube, Hoffnung, Liebe. Lichtmesz lobt, daß Seidl das „letztendliche Urteil“ dem Betrachter selbst überlasse. Daß er seine Protagonisten „nicht denunziere“. Vor allem: daß hier „mit Erbarmen“, „auf eine subtile, respektvoll distanzierte Weise“ auf diese Welt geblickt.werde

Gut: der Film war nie langweilig, immerhin. Dennoch habe ich nichts von all dem gesehen, das Lichtmesz euphemistisch bennent, von der christlichen Melancholie, schon gar nicht von Respekt, Distanz , Subtilität und Erbarmen, auch nichts von einer moralischen Offenheit. Was ich sah, war das exakte Gegenteil: Bloßstellung, Zynismus, Erbarmungslosigkeit. Der Film, dessen Anfangsszene wenig subtil geistig Behinderte (von Teresa betreut) in ekstatischen Zuständen zeigt, kennt - mit einer Ausnahme, einem Schwarzen, der die erotische Annäherung an Teresa voller Skrupel verweigert – nur Menschen in ihrer niedrigsten Gestalt.

Sämtliche Frauen, die man sich in würdig bekleidetem Zustand als wohlbeleibt vorstellen darf, treten im Film großteils halb- oder vollends nackt auf. Selbst wo sie es nicht tun – Teresas Teenager-Tochter und ihre Bekannte, die sich um Kind und Katze kümmert- werden sie als heillos monströse Figuren gezeichnet. Faul, behäbig, dumm, banal, hochkompliziert, kichernd, in jedem Fall unmäßig. Die Nacktheit der geistig-seelisch verwahrlosten Keniatouristinnen nutzt Seidl aus, um seinen Streifen letztlich zum Horrorfilm zu verwandeln: Unter dem biederen Angestelltengesicht der einen Urlauberin baumeln Speckmassen in Zentnern, Teresa selbst wird in schonungslosen Langeinstellungen als Fleischhaufen unterm Moskitonetz gezeigt, man sieht sie bei hygienischen Verrichtungen, bei grotesk anmutenden „erotischen“ Annäherungen und wieder und wieder bei der traurigen Vorführung gegenüber ihrem Liebhaber, wie segensreich ihr Büstenhalter wirke: „up“- der BH wird gelöst- „down!“ Das gesunkene Fleisch, das down erscheint Teresa als ihr Schicksal, sie quittiert es selbst mit bleiernem Gelächter, und wir erinnern uns ungut an die ausgelassenen Menschen mit Down-Syndrom aus der Eingansszene. Und wir fragen uns beklommen, ob nicht diese gnadenlos sich entblößenden Schauspielerinnen eine Form der Prostitution vorexerzieren.

Überhaupt, diese bestialische Bildersprache! Seidl zeigt uns die bettelnden, nicht loszuwerdenden Affen auf Teresas Balkon, und zeigt hernach die prekären Schwarzen am Strand, die nichts anderes tun: Lästig sein wie die Schmeißfliegen, sich weder abwimmeln noch kraß verscheuchen lassen und akrobatische Turnübungen vorführen, affengleich eben.

Die Weiber hingegen gleichen ebensowenig feinsinnig dem nackten toten Huhn, nach dem bei einer touristischen Vorführung die Krokodile schnappen. Als Tiere zeichnet Seidl die Kenianer ebenso wie die Frauen. Lichtblicke: nirgends.

Banale Vermutung: Wurde da jemand, ein gewisser Regisseur vielleicht, schnöde sitzengelassen, eventuell zugunsten eines Minderzivilisierten? Nein, Seidl ist seit langem fest liiert, seine Frau hat sogar das Drehbuch mitgeschrieben. Einerlei: Mag die von sozialutopischen Schnulzen und politisch korrekten Romanzen zugekleisterte Welt des Standardfilms langweilig und ärgerlich sein – Ulrich Seidls Welt ist haßerfüllt und gott- und hoffnungslos. Ist sie es wirklich? Man kann beim Blick auf den Menschen dessen Gloriole herbeiahnen oder in seinen Anus hineinfilmen. Die Wahrheit, oder wenigstens die Sublimierungsaufgabe eines Regisseurs, wäre ein Mittleres.

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (46)

Toni München
6. Januar 2013 15:00

Eindrucksvolle Worte, Frau Kositza. Sie veranlassen mich (als Mann), mal wieder seit längerer Zeit einen eigenen Kommentar zu formulieren. Ich kenne den kommentierten Film von Ulrich Seidl nur aus Rezensionen und von ein paar Fotos, aber ich spüre aus Ihren bitteren Worten, dass Sie selber eine hoffnungsvolle utopische Welt in sich tragen, in die man gerne seine Kinder setzen würde.

Ich mag ja Lichtmesz sonst auch, aber möglicherweise hat er selber keine eigenen Kinder, da könnte der Unterschied liegen. Ich selber habe vier. Lichtmesz zitiert in seiner Rezension in der Jungen Freiheit Werner Herzog mit: "Nie möchte man in eine Welt geboren sein, die Ulrich Seidl zeigt". - Schon, aber wir sind nun mal da. Die Welt ist leider so. Und man muss wenigstens nicht bei allem mitmachen. Obwohl der Zugriff dieser Drecks-Welt umfassend ist.

Doch ich möchte den Herzog-Spruch abwandeln: "Nie möchte man Kinder in eine Welt setzen, die Ulrich Seidl zeigt." Vielleicht liegt auch darin das deutsche Geburten/Nachwuchs-Problem begründet. Es schaut ja, wohin man blickt, alles wirklich ziemlich hoffnungslos, versaut und apokalyptisch aus. Und ich weiß nicht, ob ich vor den kalten Zynikern und schamlosen Hedonisten oder vor den diktatorischen Gutmenschen mehr Angst haben muss.

Couperinist
6. Januar 2013 15:03

Kann man das nicht als Metapher der heutigen Ersten und Dritten Welt deuten ? Das weiße Europa ist wenig kultivierter als seine ehemaligen Kolonien. Um 1900 wäre kaum ein/e Europäer/in in Badesachen und Schlappen durch die Gegend geschlurft und außerehelicher Sex wurde wenigstens weggeheuchelt. Materieller Überflüss bei spiritueller Leere ? Binsenweisheiten.

So selten ist weiblicher Sextourismus i.ü. gar nicht, wenn man an "Bezness" denkt. Es gibt ja eine Menge Seiten, in denen Geschichten zum Haare raufen stehen, von naiven Frauen, oft aber nicht immer jenseits der 40, die von ihren orientalischen "Traumprinzen" routiniert abgezockt und gedemütigt wurden

Kurt Schumacher
6. Januar 2013 15:57

Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber mir fällt spontan ein: wie wäre es mit einem Vergleich zu Leni Riefenstahls "Nuba"? Sicher, ein Film und Fotografien sind nicht dasselbe. Aber mir geht es um das Neger-Bild im deutschen Künstler-Auge. Kann man sagen, hier liegt ein Komplementärverhältnis vor? Wo ist der authentische Neger? Muß man die Bilder von Leni Riefenstahl als ästhetisch überhöhtes Ideal mit dem gefühlten Gegenteil bei Ulrich Seidl zusammendenken? So wie man dreidimensionale Bilder durch leicht verschobene Einzelaufnahmen erzeugen kann? "Stereoskopisch" sehen, nennt das Ernst Jünger.

Kommentar E.K.:
Nein, der Film nimmt in keiner Weise auf Riefenstahls Nuba Bezug. Auch nicht komplementär. Seidls Afrikaner sind übrigens nicht häßlich, keinesfalls, sie sind allenfalls seelisch entstellt wie die Weißen im Film. Und, Mann, Sie werfen wieder Fragen auf: "Der authentische Neger"- bin ich eigentlich eine "authetische Weiße"? Sind Sie einer?

Turmkönig
6. Januar 2013 16:31

"Ulrich Seidls Welt ist haßerfüllt und gott- und hoffnungslos."

Es ist diese seine begreifbare schwarze Weltsicht, die auf seine Filme abfärbt. Mögen andere Leute eine bunte, graue, mittlere oder weiße Sicht auf die Dinge haben und sich beschweren, nur ihre eigene habe maßgebend zu sein für einen guten Filmemacher und die Gütet seiner Werke; er muß seine Sache durchziehen, tun, was ihm Kopf und Herz geheißen, nicht was fremde Geschmäcker, Maßstäbe und Hoffnungen von einem "guten Film" verlangen. Verbiegen soll er sich nicht.

So scheint Ulrich Seidl die Frage

Ist sie [die Welt] es [haßerfüllt und gott- und hoffnungslos] wirklich?

bestimmt weniger nachvollziehbar als die: wie man annehmen könnte, daß sie es nicht sei.
Sein Glas ist nicht halb leer und nicht halb voll, sondern so gut wie leer. Also sind seine Filme näher an seiner Wahrheit dran als die auf Ausgleich oder Vieldeutigkeit angelegten Filme.

Nun kann man sich diesem Welt- und Menschenbild anschließen, ihm tendenziell zustimmen oder es rundheraus ablehnen.
Aber die Qualität und den Wert eines Kunstwerks danach bemessen? Ist es ein Zeichen von zuviel Subjektivismus und Relativismus, wenn das für falsch gehalten wird?

Ein Fremder aus Elea
6. Januar 2013 18:07

Ich habe mir nur einige Minuten der "Hundstage" angesehen und dann ausgeschaltet.

Seidl ist nichts für mich. Und ich fand Lichtmesz' Katholizismusbezug etwas verschwurbelt, aber nicht ganz falsch. Dadurch, daß wir uns ständig selbst belügen, verdrängen, was uns nicht gefällt, verlieren wir unsere Menschlichkeit an all die nützlichen Helfer, welche sich um all das kümmern: Schlachter, Behindertenpfleger, Ärzte, zum großen Teil... Denken Sie, es fände heute keine Eugenik statt? Warum denken Sie werden ständig neue Urteile gegen Leute gefällt, welche private Verträge zur Samenspende geschlossen haben?

Wer zeigt, was ist, soll haßerfüllt sein?

Wir leben in dieser Welt, in diesen Mechanismen. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Lösung. Künstlerisch gesehen ist es eine Frage der Subtilität. Ich mag so etwas in dieser Konzentration nicht sehen, weil ich es bereits sehe, wenn es homöopathisch verdünnt auftritt.

Aber auf gröbe Klötze gehören grobe Keile, nicht wahr?

Was macht die SPD denn? Sagt einerseits, daß sie alle Menschen gleich achtet, und verlangt, daß alle Kinder in die Kinderkrippe kommen, weil man den immigrantischen Untermenschen nicht die Erziehung ihrer Kinder überlassen darf.

Das ist ein Paradebeispiel dafür zu verdrängen, was man nicht sehen will. Weil einem bereits der kleinste Hinweis auf eine kulturelle Inkompatibilität übel aufstößt, fährt man im Anschluß mit der Planierwalze drüber.

So ist es überall.

Nochmal, das zu zeigen, und damit eine Alternative zur Planierwalze überhaupt erst möglich zu machen, ist alles andere als haßerfüllt.

Biobrother
6. Januar 2013 18:57

Hab nur einen Ausschnitt auf YouTube gesehen, dieser war in der Tat recht gruselig (besonders die Stelle mit dem Intimspray), andererseits sind Filme, die dieses allzu menschliche Thema betreffen, ja selten der Rubrik "durchgeistigt und erhebend" zuzurechnen (und letztlich finde ich Filme, in denen Mord und Totschlag verklärt werden, schlimmer). Mal abgesehen davon, dass bestimmte Ausreißer ins Kriminelle (Sex mit Minderjährigen, Vermischung von Sex und Gewalt) wohl eher bei Männern als bei Frauen anzutreffen sind, kann ich an männlichem und weiblichem Kauf sexueller bzw. allgemeiner Zuwendung keinen großen Unterschied erkennen; beides ist traurig (auch wenn EMMA es natürlich anders sieht und die Frauen auch hier – in krassem Gegensatz zu männlichen Freiern - unverdrossen verteidigt). Übrigens gibt es auch einen Film aus dem Bereich Homosexualität, der sich dem Thema widmet: Hier geht es um reiche Schweizer, die sich in Tanger (Marokko) die Liebesdienste junger Männer erkaufen. Nicht fiktiv, sondern im Grunde eine Dokumentation. Aufgrund des zu erwartenden deprimierend-peinlichen Inhalts aber nicht selbst gesehen, daher kann ich zur Qualität dieses Films nichts sagen. Titel: "Mon beau petit cul - Mein süßer kleiner Arsch".

Kommentar E.K.: Einspruch! Da verkleinern Sie den Unterschied zwischen Männlein und Weiblein aber unangemessen! Es soll ja eine Handvoll Escortdienste und Gigoloservices für Frauen geben hierzulande, aber die Zahlen lassen sich doch gar nicht vergleichen! Wieviele Bordelle/Laufhäuser/FKK-Clubs/"Striche" für Männer finden Sie bundesweit? Und umgekehrt, für Frauen? Auch entsprechende Telefondienste u.ä. für Frauen werden Sie kaum finden. Nee, nee, der Markt ist da schon eindeutig ausgerichtet. Ich kreide aber Seidls Film gar nicht an, daß er weiblichen Sextourismus thematisiert. Auch, daß er zeigt, daß bei den Frauen nicht der eigentliche Lustgewinn im Vordergund steht, sondern die romantische Illusion oder das Gefühl, diejenige zu sein, die das Sagen hat, halte ich im Film für nah an der Wahrheit. Daß die Emma die Indienstnahme sexueller Leistungen weiblicherseits verteidigt, wäre mir übrigens neu! Wo/wann denn?

apollinaris
6. Januar 2013 20:21

Ich glaube, Ulrich Seidl ist ein Getriebener. Einerseits zeigt er uns eine gott- und hoffnungslose Welt, so wie in "Hundstage", "Import Export" oder nun in "Paradies: Liebe". Andererseits präsentiert uns Seidl eine hoffnungsvolle, von christlicher Aufopferung und Nächstenliebe gekennzeichnete Umgebung, wie in dem wirklich wunderbaren, bewegenden Streifen "Jesus, Du weißt", der sogar meinen atheistischen Vater wieder zu seinen katholischen Wurzeln brachte.

Ich glaube, Seidl ist insoweit Provokateur, als er uns klarmachen will, dass eine individuelle Glückssuche ohne Transzendenz zum Scheitern verurteilt ist, weil der Mensch nun einmal ein mangelhaftes Wesen ist, moralisch und ästhetisch. Dass er sich in "Paradies: Liebe"" diesbezüglich als mangelhafte Wesen Frauen, Behinderte und Kenianer (sic: "Neger") aussucht, setzt der Provokation natürlich die Krone auf. Aber ich verstehe das auch als Aufschrei Seidls gegen dieses furchtbare Straflager, genannt Welt, aus dem es ohne den lieben Gott, den Mensch gewordenenen Jesus Christus, kein Entrinnen und keine Erlösung gibt.

Das ist meine subjektive Deutung von Seidls Gesamt-Opus und ich gestehe, diese ist überwältigend positiv beeinflusst von jenem großartigen Werk "Jesus, Du weiß", das mich zutiefst erschüttert hat und bei jedem Wiedersehen in einen fantastischen Bann zieht. Amen.

Fenris
6. Januar 2013 21:14

Der Film ist obszön? Ist das die Wahrheit nicht auch?

Die Frage ist doch eher, wen oder was Seidl damit noch erreichen will oder kann.

Diejenigen, die wissen, daß die Realität die Fiktion zumindest teilweise bereits überholt hat, sicher nicht. Realitätsverweigerer und andere Schöngeister bestimmt auch nicht. Ein paar durchgeknallte Freaks und Perverse, die sich daran aufgeilen? Vielleicht, aber reicht das?

Jeder Künstler will etwas mitteilen. Dieser Film ist aber, von welchem Standpunkt auch immer betrachtet, eine völlig sinnlose Botschaft. Und Kunst schon gar nicht.

Nihil
6. Januar 2013 21:16

(1) *Diesen* Film von Seidl habe ich *noch* nicht gesehen (allerdings viele andere). (2) Ich danke Martin Lichtmesz nachhaltig, dass er der "Rechten" - insbesondere "Bürgerlichen" - immer wieder "Linksanrüchiges" unter die Nase reibt.

Zu Ulrich Seidl: Wie Ellen Kositza sehe ich in Seidls Werken keinerlei christliche Regung wie Mitleid oder Versöhnung. Ich habe Lichtmesz darin bereits widersprochen und tue es weiterhein. Seidl ist vielmehr gnadenlos - und zwar von A-Z. Seidl ist brutal, praktisch ohne Kompromiss. *Und dafür liebe ich ihn!* Es ist Seidls Hyperrealismus, der den Menschen eiskalt sieht wie er "ist" ... wie man ihn sehen kann, wenn man ihn so sehen will. Wollt Ihr die totale Realität? Wollt ihr Sie totaler? Ja, wir wollen! Die Seidlschen Werke brechen jeglichem Anflug von egalitaristischer Sentimentalität das Genick. Die Brutalität Seidls sprengt das was Linke aushalten können - so es denn wirklich Linke sind, die ihm beipflichten. Seidl ist kein Christ und kein Linker, auch wenn er sich anders verkauft. Vielleicht hat er dies nicht einmal selbst erkannt, unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Danke, Ulrich Seidl! Danke, Ulrich Seidl! Gegen Stillleben und Plüsch, runter mit der Temperatur, warm wird uns beim Tanzen. Für Meese und Seidl!

Ellen Kositza
6. Januar 2013 21:49

An Turmkönig und den Fremden aus Elea: Zeigen, was ist; totale Realität - diesen Argumenten zu entgegnen diente der letzte Abschnitt meiner Filmkritik. Was ist denn der "objektive Blick" auf die Dinge? Auf die Frage "wie ist der Mensch?" kann man seine Darmbakterien und eventuellen- parasiten vorführen, man könnte Mörder zeigen, Ehebrecherinnen, Kinderschänder und Versicherungsbetrügerinnen. Keine Frage, sehr einfach, ein Horrorpanoptikum, sogar ein Alltägliches. Oder man könnte das alles als Reaktion von Gedemütigten verbrämen, oder gleich nur den Blick auf die reinen Wohltäter und Asketen richten. Die gibts immerhin auch, selten zwar.
Auch ich halte die Frage "Aber wo bleibt denn das Positive?" für naiv und unberechtigt kulturoptimistisch. Aber Seidl versteht sich doch wohl als Künstler, und von einem Kunstwerk will ich weder angekotzt noch vollgerotzt werden. Die künstlerische Leistung besteht für mich nicht im Herausschreien und Betonen einer Krassheit, sondern im Wahrnehmen der Grautöne, des Dazwischen, der Möglichkeit. Kubitschek und ich nennen das den hamsunschen Blick (weil Knut Hamsun das mit seinen Leuten so mustergültig vorexerzierte): Den Menschen sehen, wie er ist. Meist ein Sünder. In Rechnung stellen, daß seine Schönheit/Häßlichkeit auch eine Frage der Beleuchtung ist. Änderung für möglich halten. Gnade walten lassen.
Was ist gewonnen für den, der den Teufel an die Wand malt? Gut, pragmatisch gesagt, der Verlust aller Illusion. Bravo. Der wird kein Haus mehr bauen, kein Kind zeugen, keinen Baum pflanzen. Na, Prost Neujahr!

Martin Lichtmesz
6. Januar 2013 22:16

Auf einer gewissen Ebene sind Reaktionen auf Seidl auch eine Art Lacmus-Test, inwiefern man noch Abwehrkräfte gegen die uns alle umspülende „Dekadenz“ in sich trägt, oder ob man sich schon so weit an die „Hölle“ akklimatisiert hat, daß sie nur mehr wie ein etwas zu heißer Badeort wirkt. Das heißt, wenn niemand mehr die Filme anstößig oder entsetzlich fände, wäre das ein alarmierendes Zeichen.

Es gibt bei Seidl ohne Zweifel eine Zwiespältigkeit und Fragwürdigkeit, die sich niemals ganz auflösen läßt. Das ist aber der Haken, an dem man, so wie ich, nachhaltig hängen bleibt. Die wesentliche Frage wäre: wozu nun dieser Blick in den Abgrund, in die „Hölle“? In seiner glaube-, liebe- und hoffnungslosen Welt sehe ich auch immer das Loch, das ihre Abwesenheit hinterläßt, mitinszeniert, und hier scheint eben die „Utopie“ durch, von der Herzog spricht.

Lassen wir ihn selbst auch noch zu Wort kommen. Wenn man das ernst nimmt, sieht vieles dann doch etwas anders aus, als nach dem ersten Initialschock.

Pornografie ist eines der ersten Schlagwörter die zu Seidl Filmen kursieren. Jetzt halten manche sie für vollkommen unmoralisch. Andere nennen sie einen großen Romantiker, wieder andere behaupten sie sind zu katholisch. Ich selbst schwanke zwischen den Stühlen hin und her. Darum muss ich fragen: wie sehen sie sich eigentlich selbst?

Meine Filme werten ja nicht. Ich hab keine Moral die ich einer Figur meiner Filme aufdrücke. Ich werte nicht das Gute oder das Böse. Aber es steckt dahinter natürlich schon eine Lebensanschauung. Es geht natürlich schon darum Dinge widerzuspiegeln. Es geht immer um die menschliche Existenz, um die Würde des Menschen, um die Würde des Einzelnen. Auch um die Einsamkeit und die Sehnsucht. Dabei spielt die Intimität eine große Rolle. Ich versuche das alles immer über die Intimität des Menschen darzustellen. Also über die Persönlichkeit und natürlich auch über die Nacktheit.

Sie haben das, also ihre Art der Darstellung, einmal als einen „Schrei nach Liebe“ bezeichnet. Andere Worte, die immer wieder in der Beschreibung eines Seidl Filmes aufkommen und mir auch mit als erstes in den Sinn gekommen sind, wären: obsessiv und pervers. Seidl Filme lassen mich eigentlich immer erschüttert zurück. Da sind Momente dabei die mich ganz subjektiv verstören. Was haben sie eigentlich in ihrer Schaffenszeit über den Menschen herausgefunden? Ist der Mensch jetzt ein verstörendes und verstörtes Wesen? Oder ist er ein Liebe-Suchender?

Ich sehe darin überhaupt keinen Widerspruch. Die Filme sind in vielerlei Hinsicht ein Schrei nach Liebe. Und oft sind sie, wenn man so will, pornografisch, entblößend, verstörend. Das Eine hat mit dem Anderen ja auch zu tun. Was ich versuche ist schon die Abgründe des Menschen zu zeigen. Das macht letztendlich auch das Leben aus. Ich versuche Menschen zu zeigen, die etwas suchen und sich nach Erfüllung sehnen. Wenn man jetzt in das Private geht, dann ist das für viele Zuschauer ganz automatisch verstörend, weil man sich selber oft nicht sehen möchte. Die Wahrheit ist oft nicht zu ertragen – wie wir wissen. Wahrheiten leben oft sehr versteckt und diese Wahrheiten versuche ich zu zeigen. Zum Beispiel, dass der Mensch sich mitunter auch gegenseitig die Hölle bereitet.

https://www.kultur-vollzug.de/article-0659/2010/08/05/nachster-halt-holle-2/

AT: Bei manchen Ihrer Filme hat man den Eindruck, dass es nur das gibt, also wenn ich zum Beispiel „Hundstage“ nehme. Da kommen die Leute ja eigentlich nicht raus, die sind ja eigentlich völlig gefangen in dieser Verstrickung der Einsamkeit und Unterdrückung und Entwürdigung. Werner Herzog hat ja mal über Ihre Filme gesagt, das wäre ein Blick in die Hölle, und es kommt einem fast so vor, als würden Sie konsequent nur das Gegenteil vom Paradiesischen zeigen, als wäre Gott wirklich weggelaufen aus dieser Welt oder wäre schon lange gestorben …

US: Darauf kann ich Ihnen eines sagen: Erstens einmal bin ich davon überzeugt, dass die Wirklichkeit noch viel ärger ist, als es je ein Film überhaupt zeigen kann. Alles, was ich im Film zeig′, ist, glaub ich, auch abgeschwächt oder nur ein Teil der Wirklichkeit. Das ist das Eine, was ich drauf sagen will, das andere ist: Warum ich so was zeige, ist ja, weil ich sozusagen dem Zuschauer einen Spiegel vorhalte, damit man sich die Dinge bewusst macht, man ist ja auch ein Teil von dem, was man hier auf der Leinwand sieht, als Zuschauer. Und der Ansatz ist ja immer nach Veränderung und … Würde des Menschen. Es geht nicht darum, auf etwas zu beharren: „Es ist ja alles so fürchterlich!“, sondern man zeigt das Fürchterliche, wenn Sie so wollen, damit es weniger fürchterlich wird. Sonst würd′ man das ja gar nicht machen.

Aufschlußreich auch diese Reaktion des Interviewers:

AT: Trotzdem, als ich „Hundstage“ vor zehn Jahren zum ersten Mal sah, hatte ich damals spontan geschrieben, da hätte man das Bedürfnis zu beten. Ich muss dazu über mich sagen, ich habe zwar ein christliches Elternhaus, mein Vater war Pastor, aber ich habe mich auch radikal davon abgewandt, also ich bin auch sehr kritisch mit der Kirche, und habe auch einige Phasen durchgemacht, um mich davon zu emanzipieren – aber trotzdem kam mir nach dem Sehen von „Hundstage“ die Idee: „Entweder verzweifeln oder beten“ – da hatte ich die Assoziation: Das ist eine von Gott verlassene Welt, und da gibt es gar keine Möglichkeit, rauszukommen … Und das widerspricht vielleicht doch Ihrer Idee, die Sie da eben formuliert haben, die besagt, okay, wenn man es zeigt, dann kann man es auch verändern. Ich hatte gerade bei dem Film den Eindruck, dass es gar nicht veränderbar ist, es sei denn, ein Gott schreitet ein.

US: Ja, das mag bei Ihnen so sein, oder gewesen sein, das ist bei jedem auch anders, nicht? Ich seh′ es eben anders, aber selbst wenn Sie beten, dann gibt es ja auch Hoffnung.

AT: Wobei ich das nicht machen würde …

US: Ich weiß schon, wie′s gemeint ist. Aber Sie verstehen: Das kann nicht sein, dass man solche Filme macht, um irgendwas zu bestätigen, was fürchterlich ist, sondern man zeigt das Fürchterliche, damit man irgendwie Wege sucht, es zu verändern. Also den Pessimismus, der mir ja oft vorgehalten wird, den finde ich ja erstens a priori überhaupt nicht abwertend, weil genauso könnte ich den Optimismus abwerten, weil der Optimismus beschönigt alles. Und den Pessimismus empfinde ich, in dem Sinn, dass man ja was anderes sucht, eigentlich als den richtigen Ansatz. Wenn man wachen Auges und Geistes durch die Welt geht, ist Optimismus ja nicht wirklich möglich, nicht?

https://www.filmgazette.de/index.php?s=essaytext&id=52

Ellen Kositza
6. Januar 2013 22:33

Martin, das nehm ich nicht für bar, wenn der Seidl sagt, "meine Filme werten nicht". Ja, in welchem Fall werten Filme dann überhaupt je? Wenn ein Fußnotentext mitläuft, der das Gezeigte noch mal erläutert und interpretiert?
Also, der Film zeigt Frauen, die sich in zwei ausführlichen Szenen derart ekelhaft - und das wird kein Mensch anders "bewerten" - über je einen Afrikaner lustig machen, das ist so eine Holzhammermethode, die nicht mal ein Vollprolet als "Gaudi" verstehen würde. Da gibts gar keinen Bewertungsspielraum, ebensowenig in vielen anderen Szenen.

Ach ja, dies also sei die Utopie: Daß er Menschen zeige, die etwas suchen und sich nach Erfüllung sehnen. Ja, wer fühlte sich da nicht angesprochen? Seidl zeigt aber Frauen, die mit Sterilspray die ganze pikobellosaubere Ferienwohung erneut desinfizieren, den Mann vor der erotischen Annäherung sich gründlich waschen lassen und demselben dann eine peinliche Gebrauchsanleitung für Hängebrüste und europäisch kompatible Zungenküsse lehren (eine der wenigen wirklich nicht authentischen, wenig glaubhaft wirkenden Szenen). Er zeigt keine Erfüllungssehnsucht, dann wären die Bilder milder und offener, er desavouiert die Frauen, genau wie er die Afrikaner bloßstellt. Ich hab nicht einen einzigen Anhaltspunkt dafür gesehen, daß er "was anderes sucht". Pessimismus? In Ordnung, aber ich empfand den Film als Kaputtmacher, das ist noch mal was anderes.

Molderson
6. Januar 2013 23:09

Der Film zeigt nur die Parallelwelt beleibter Touristinnen, die sich aus dem relativen Geldüberschuss heraus in Afrika abzocken lassen. Den Bogen zu schlagen, zu all den einsamen Frauen, die hier in Europa - fett und bräsig - keinen Partner finden und durch die Diskotheken mäandern, in der Hoffnung, wenigstens bei schwarzen Männern Liebe und Respekt zu finden, ist nicht schwer. Mir sind immer wieder die Mütter schwarzer, bi-nationaler Kinder aufgefallen, deren Mütter mit einem jesusverblüffenden Body-Mass-Index auffallen. Wenn eine weiße Frau ein schwarzes Kind hat, dann korreliert das wuchtig mit ihrem Leibesumfang. Man möchte nicht über die Gründe spekulieren, aber der Film verlagert diese Eindeutigkeit lediglich in den Urlaub.

Biobrother
6. Januar 2013 23:39

@ E.K.

Ich meinte diesen Artikel hier:

https://www.emma.de/ressorts/artikel/prostitution/paradies-liebe/

Im Tenor der fettgedruckten Einleitung/Zusammenfassung (direkt unter dem Titel) ist auch der restliche Text gehalten: Wenn Männer Sex kaufen, wollen sie (grundsätzlich nur) Macht ausüben, wenn Frauen Sex kaufen, suchen sie (nichts anderes als romantische) Liebe. Zusätzlich werden Frauen bei derlei Handel grundsätzlich nur verachtet (sowohl als Prostituierte als auch, hier, als Freierinnen), während die Verachtung in beiden Fällen natürlich von den Männern ausgeht. Wenn das nicht eine grobe Pauschalisierung und Verteidigung von Sextouristinnen im Poesiealbumstil ist, weiß ich es auch nicht. Mag ja sein, dass Frauen teilweise andere Erwartungen haben, aber das Ergebnis (geschäftsmäßiger Sex mit einer unbekannten, oftmals eher mäßig attraktiven Person) ist für den Dienstleister doch so ziemlich dasselbe, oder? Zumal ich mir kaum vorstellen kann, dass alle Frauen mit der naiven Vorstellung, dort "echte Liebe" zu finden, hinreisen. Immerhin: Gewaltsame Zwangsprostitution dürfte es in diesem Fall kaum geben. Das ist immerhin ein deutlicher Unterschied.

Biobrother
6. Januar 2013 23:46

Zu Ihrem obigen Einspruch: Auch das Zahlenverhältnis ist natürlich ein völlig anderes, das stimmt selbstverständlich. Allerdings dürfte das auch ein Stuck weit an kultureller Prägung liegen, die besagt, dass "Frau" so etwas nun mal nicht macht. Bei Männern findet man es wohl mehr oder weniger normal.

Georg Mogel
6. Januar 2013 23:49

..."eine tiefe Utopie, eine Sehnsucht..“

Ist die Jugend einmal vorüber, wird Keuschheit
weniger zum ethischen Problem als zur
Frage des guten Geschmacks.

Davila

Nihil
7. Januar 2013 01:11

Zustimmung, Seidl ist ein Kaputtmacher. Er macht alles "Kleine" und "Kranke" am Menschen, das "Allzumenschliche" kaputt in dem er es ausnahmslos vor die Kamera zerrt. Viele rennen dann weg. Er zerstört damit die Illusion des Gegenwärtigen und der Utopien (vor denen auch wir nicht gefeit sind) gleichermaßen. Was soll daran schlecht sein? Das "Große", das "Authentische", das passt ja gar nicht in Seidls Bilderrahmen ("Bewegtbild" -> Seidls Stil).Ich behaupte, die Deutschen haben zu viel Angst vor Zerstörung, aber das Festhalten an Reformen wird uns noch umbringen.

Martin Lichtmesz
7. Januar 2013 01:35

@ Ellen

Natürlich kann man das nicht 1:1 für bare Münze nehmen - aber das liegt meiner Meinung nach vor allem in der Natur des "Wertens" selbst begründet, weniger in den Intentionen des Regisseurs, der sich da wohl wie viele Künstler, die vorrangig aus der Obsession heraus arbeiten, in ein selbstgewähltes produktives Zwielicht hüllt, was manche Dinge betrifft. In meinem Portrait schrieb ich apropos zur Unmöglichkeit des Nicht-Wertens, Seidl würde

... sich zweifellos mit Händen und Füßen dagegen sträuben, die künstlerische oder auch „humanistische“ Schwebe des „Nicht-Urteilens“ auch nur theoretisch verlassen, bzw. gerade theoretisch nicht zu verlassen, als Schutzschild, Gefäß der Utopie und produktive Fiktion.

Nun: im Gegensatz zur Meinung von Kommentator Nihil ist diese "Utopie" letztlich schon eine radikal-egalitäre oder auch säkular-christliche. Wenn man die Interviews liest, dann bekommt man den Eindruck, es ginge ihm eben doch um die unmögliche, aber ersehnte Idee einer absoluten Bejahung des Menschen abgesehen von seinem Wert, um das Ende aller Wertungen. Darum ist die Sache mit der "Würde" bei ihm auch so zwiespältig.

Es gibt bei ihm einen ständigen Konflikt zwischen dieser Absicht, dem fast schon religiös-linken Festhalten an dieser Haltung und zwischen der harten Evidenz der Dinge, die er zeigt. Der "linke" und "rechte" Seidl sind in einem ständigen Konflikt, und so kommt er auch zu seiner paradoxen Ästhetik: beispiellose Entblößung und Intimität im Inhalt, kalte Distanzierung und strenge Stilisierung in der Form (im Optischen vor allem).

Jedenfalls, wenn Seidl nun nirgends sagt, daß er diese Frauen und die Gigolos für verdammenswerten Dreck und Abschaum hält, obwohl er all diese Dinge über sie weiß, sondern im Gegenteil explizit erklärt, daß er nach dem Menschlichen, Einsamen, Verzweifelten und Sehnsüchtigen in ihnen sucht, dann kann man das wohl für bare Münze nehmen, es gibt gar keinen Grund, ihm das nicht zu glauben. Und wenn man damit im Hinterkopf den Film sieht, erscheinen die Dinge vielleicht doch in einem anders akzentuierten Licht.

Also, der Film zeigt Frauen, die sich in zwei ausführlichen Szenen derart ekelhaft – und das wird kein Mensch anders „bewerten“ – über je einen Afrikaner lustig machen, das ist so eine Holzhammermethode, die nicht mal ein Vollprolet als „Gaudi“ verstehen würde. Da gibts gar keinen Bewertungsspielraum, ebensowenig in vielen anderen Szenen.

Natürlich, das ist absolut und unzweideutig erbärmlich, was hier geschieht, und erzwingt geradezu gewaltsam eine Reaktion des Zuschauers, aber diese Szenen sind ja Teile eines Ganzen, haben ein Vor- und Nachspiel. Ich kann ja nun auch sehen, wieviel Frust, Selbsthaß und Rachegefühle die Frauen hier ablassen. Wieviel passive Aggression und unterdrückte Verachtung der unheimlich stumme schwarze Tänzer ausstrahlt. Wie eine Frau mehr zynisch, eine mehr dumm-ungeniert-selbstherrlich, eine mehr verzweifelt-frustriert ist. Wie sie sich in der Gruppe immer tiefer in die gemeinsame Regression hinabziehen. Wie sie ihre gefühlte Minderwertigkeit und faktische Machtlosigkeit (der Mann will partout keinen "hochkriegen", sie begehrlich finden) mit immer gröberen Zoten kaschieren. Wie sie sich letztlich die Zähne ausbeißen an dem Projektionsobjekt, das eben doch nicht hergibt, was sie dachten, kaufen und verfügen zu können. Wie der Sex als Marktartikel, der uns heute Wert und Selbstwert geben soll (ähnlich von Houellebeq kritisiert), ad absurdum geführt wird.

Die Szene erzählt mir auf diese Weise viel mehr über die menschliche Verfassung, als wenn ein bloßes "Denunzieren" à la "Huh, ist ja widerlich, was die widerlichen Weiber tun, alles nur Untermenschenabschaum und Sextourismus ist wirklich unmoralisch und schlecht" das Ziel gewesen wäre. Nur aufgrund dieser einen Szene kann ich die Figur Teresa nicht beurteilen oder verstehen. Ich als Zuschauer kann sie nicht als Ganzes verdammen, und sie rührt mich stellenweise richtig an. Auch Seidl verdammt sie nicht, er identifiziert sich sogar bis zu einem erheblichen Grad mit ihr, daran lassen seine Interviewaussagen keinen Zweifel, obwohl er in aller Schärfe sieht, was hier geschieht. Und wo ist nun der "Holzhammer"? Ist es das Gezeigte, oder die Art, wie es, oder überhaupt, dass es gezeigt wird? Und wen oder was soll er treffen? Darauf kommt es doch an.

Das "Nicht-Urteilen" meint hier filmisch gesehen, daß all dies ungerührt und "dokumentarisch" registrierend so gezeigt wird, wie es ist, ohne daß irgendein merklicher Einspruch erfolgt. Niemand in dem Film, keine "positive Figur" tritt stellvertretende für Regisseur oder Zuschauer dagegen auf und sagt explizit, daß das nun alles schrecklich und verwerflich sei, und der Regisseur sagt es letztendlich auch nicht, er wirft den Zuschauer komplett auf sich selbst zurück. Er würde dann auch sagen: ich zeige nur die harte Realität, so etwas geschieht genauso, wie man es hier sehen kann, ich untertreibe noch und habe es genau recherchiert, alles weitere ist nun euer Problem, wenn ihr das nicht verkraften könnt... wenn ich Seidlfilme sehe, gefriert mein Blick, und ich bin schnell auf einer dritten Ebene jenseits sowohl von Mitleid als auch Verachtung. Es ist in der Tat keine Gaudi, was da geschieht, aber auch kein zynisch-nihilistisches Schwelgen als Selbstzweck, es tut weh, das anzusehen, aber was genau ist es, das da weh tut?

neocromagnon
7. Januar 2013 04:07

Mal ne Frage: Hätte es diesen oder sonst einen Film von Seidl ohne staatliche Filmförderung gegeben?
Vielleicht ist er ja auch ganz einfach nur laut und ekelhaft, damit man die mangelnde Fähigkeit nicht sieht. Wie beim staatlich europäischen Film üblich. Wer auf staatliche Förderung angewiesen ist, weil ihm die Fähigkeit fehlt genügend Menschen anzusprechen um deren Unterstützung zu gewinnen, der macht aus der Not eine Tugend und erklärt seine Unfähigkeit zur Kultur, die das niedere Volk eh nicht verstehe.

Martin
7. Januar 2013 07:47

Auf einer gewissen Ebene sind Reaktionen auf Seidl auch eine Art Lacmus-Test, inwiefern man noch Abwehrkräfte gegen die uns alle umspülende „Dekadenz“ in sich trägt, oder ob man sich schon so weit an die „Hölle“ akklimatisiert hat, daß sie nur mehr wie ein etwas zu heißer Badeort wirkt. Das heißt, wenn niemand mehr die Filme anstößig oder entsetzlich fände, wäre das ein alarmierendes Zeichen. (Martin Lichtmesz)

Und wenn es um einen "Lacmus-Test" geht, daher jetzt mal "Butter bei die Fische":

Jeder frage sich doch einmal ernsthaft, ob ihm bei diesem Seidl Film nicht nur hauptsächlich ein rein ästhetischer Ekel kommt, oder ob es wirklich das Sujet und seine moralischen Hintergründe sind.

Einfach sich einmal vorstellen, wie man zu dem Film stehen würde, wenn statt dicker, älterer Frauen, junge, hübsche Frauen mitspielen würden ... und dann sich fragen, ob man genauso reagieren würde ...

rosenzweig
7. Januar 2013 08:17

Hier in Marburg lief dieser Film in der Sneak Preview. Und die Reaktionen der Zuschauer waren einen längeren Artikel in der Lokalzeitung wert. Das wird der Kinobetreiber nicht wieder machen. Dann schon lieber "Django unchained" oder so. Den Seidl Film finden selbst Leute eklig, die Pornos nicht eklig finden. Und für die ist er auch genau richtig. Ich habe von Seidl bisher "Hundstage" und "Models" gesehen. "Hundstage" fand ich überflüssig aber „entweder verzweifeln oder beten“ ist auch keine schlechte Wahl. "Models" hatte ein paar schöne Momente, weil er die Verlorenheit der Protagonisten aber auch Sehnsucht, dieser Verlorenheit zu entkommen in überwiegend nicht ekliger Weise zeigte. Man konnte Sympathie mit ihnen haben und ein wenig Hoffnung. Der einzige Film von Seidl, den ich mir noch anschaue, ist "Jesus, du weißt". Und ich weiß jetzt schon, das ich ihn nicht in der von Seidl beabsichtigten Weise rezipieren werde. Alles weitere von Seidl ist, im Sinne von Davila, jenseits des guten Geschmacks und toxisch. Ich muß mich nicht vergiften.

Rumpelstilzchen
7. Januar 2013 08:48

Je älter ich werde, desto weniger bin ich gewillt, mir solche Filme "reinzuziehen". Ich will keine älteren fetten Weiber beim rum machen mit jungen Schwarzen sehen.
Ich will auch keine alten Menschen beim Sex sehen (Wolke 9) und auch nicht junge Menschen, wenn das zum Sinn des Filmes nichts beiträgt.
Die Realität ist öder und heilloser als jeder Film.
Warum sollte man die Realität toppen wollen ?
Eine Ausnahme ist der Film "Liebe" mit J.L. Trintignant.
Der russische Regisseur Andrej Tarkowskij schreibt in seinem Buch
"Die versiegelte Zeit": "Eines der traurigsten Kennzeichen unserer Zeit ist meiner Meinung nach die Tatsache, daß der Durchschnittsmensch heute endgültig von all dem abgeschnitten wird, was mit einer Reflexion des Schönen und Ewigen zusammenhängt.......das Ziel der Kunst besteht darin, den Menschen auf seinen Tod vorzubereiten, ihn in seinem tiefsten Inneren betroffen zu machen."
Tarkowskij hätte 2012 übrigens seinen achzigsten Geburtstag gefeiert.

Rumpelstilzchen
7. Januar 2013 08:55

P.S. Vielleicht tat der Schauspieler Gerad Depardieu ja doch gut daran, Russe zu werden. Vielleicht täte uns ja auch etwas Russe gut, die unausrottbare Sehnsucht nach der Ewigkeit, und sei es im Suff.

Ein Fremder aus Elea
7. Januar 2013 09:31

Frau Kositza,

ich habe nicht die beste Grundlage, um das zu beurteilen, aber auf den ersten Blick scheint mir Seidl Hamsun durchaus ähnlich: beide beginnen mit einer Bestandsaufnahme und versuchen sich, mehr oder weniger erfolglos, an einer Wiederverwurzelung des Menschen. Ob man letztere nun ausbuchstabiert oder unausgesprochen läßt, scheint mir gar nicht so wichtig zu sein.

Im übrigen sollte niemand über einem Kinofilm seinen Lebenswillen verlieren.

Wenn das Ihre Sorge ist, fürchten Sie sich mehr vor der geschickt eingefädelten Lüge als vor dem frontalen Angriff.

Neocromagnon,

der gesamte Kunstbetrieb sähe ohne Förderung gänzlich anders aus, auch Seidl. Philip K. Dick hat sich darüber umfangreich erklärt, über die Notwendigkeit das Publikum auch gegen kleine Gage zu suchen, über die notwendige Bescheidenheit für einen Künstler, daß er Vielschreiberei und einfachen Lebensstil doch als Glück empfinden sollte, da er seine Ideen umsetzen kann und so weiter.

Mit Sicherheit wüßte jeder Künstler ohne Förderung sehr genau, was er anzubieten hat. Und aus dieser Grundhaltung erwüchse sein ganzes Werk.

Aber so war es nie in Europa. So hätten wir Bach, Mozart, Beethoven und Wagner nie gehabt. Künstler wurden angestellt, um sich mit ihnen zu schmücken, und sei es als Kapellmeister. Eine Kunst des Massenmarktes sieht anders aus. Nicht immer schlecht, wie Philip K. Dick zeigt, aber ohne jeden Zweifel anders. (Ein Beispiel für fürchterlich schlechte Marktkunst ist durch Frau Rowling gegeben. Hängt mit der erwähnten Bescheidenheit zusammen, wer zu beliebt ist, ist mit Sicherheit wertlos - spiegelt auch irgendwo Gier wieder.)

Übrigens, wo ich gerade davon schreibe, es ist ein Merkmal des kulturellen Verfalls seit dem Zweiten Weltkrieg, daß man Leute in den westlichen Ländern, insbesondere in England und Deutschland, nicht mehr anstellt, um ihnen die Freiheit zu geben, etwas ganz anderes zu machen.

Das war ein Zeichen der menschliche Größe, und zugleich des Vertrauens auf sie. Aber diese Kultur wurde unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten (Was macht der denn schon in dieser Funktion? Das könnte ich auch machen!) und allgemeiner Knauserei begraben.

Gast
7. Januar 2013 09:43

@Rumpelstilzchen

sie haben mir aus dem Herzen gesprochen, auch ich kann mir heutige zeitgenössische Filmer nicht mehr anschauen, da ist der Seidl-Film keine Ausnahme, weil ich einen tiefen Widerwillen gegen alles Obszöne und Eklige entwickelt habe, auch wenn es als Realismus dargestellt wird. Den einzigen Film, den ich noch akzeptabel fand war Hanami-Kirschblüten mit Elmar Wepper und Hannelore Elsner mit dem Thema Tod.

Es gibt übrigens einen russischen Film, den ich allen Konservativen wärmstens empfehlen möchte, und bei dessen Anblick sie sehr viel an Resonanz spüren werden, den russischen Film "Abschied von Matjora" von Elem Klimow. Vodergründig geht es um ein sibirisches Dorf, welches einem Staudamm weichen soll, in Wirklichkeit geht es um den Verlust der eigenen Wurzeln. Der Film und die Menschen darin sind ein himmelweiter Gegensatz zu den heutigen abgestumpften, künstlichen und nichtssagenden Filmprodukten und hat eine Bildersprache von ernormer Eindringlichkeit und großer poetischer Kraft.

Rumpelstilzchen
7. Januar 2013 10:18

@ Nihil
Verstehe ich richtig ?
Sie mögen Kaputtmacher ? Sie wollen die totale Realität ? Sie wollen sie totaler ?
Da wollte sich ein Kaputtmacher die Rechte an dem Thema "der Kannibale von Rothenburg" sichern, um einen Film daraus zu machen.
Verstehen Sie so was unter totaler ? Am besten als Theaterstück mit anschließender Verkostung der Häppchen ?
Und das, um einer "egalistischen Sentimentalität das Genick zu brechen".
Ich gestehe, ich bin sentimental, so wie ein besoffener Russe.

"Die Schönheit wird die Welt retten"( Dostojewskij)

Aber ich bin nicht egalistisch, sondern Hierarchist:

"Das Gute kommt vor dem Bösen, die Wahrheit vor der Lüge, das Schöne vor dem Hässlichen. Das ist meine ganze Philosophie.- Das Höhere kann das Niedere erklären, niemals das Niedere das Höhere." (Theodor Haecker)

Biobrother
7. Januar 2013 10:28

Wobei die geringe Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen durch Frauen neben der kulturellen Prägung des idealen Frauenbildes (sanft, mütterlich, rein, etc. - letztlich also am biblischen Vorbild Marias orientiert) zum Teil auch auf die schlichte Tatsache zurückgehen dürfte, dass Frauen damals kaum die Geld- und Machtmittel gehabt hätten, sich solche Dienste angedeihen zu lassen und die zu erwartende gesellschaftliche Ächtung viel größer gewesen wäre als bei Männern, wo man das eher als Kavaliersdelikt ansah. Die historischen Beispiele, wo Frauen nicht diesen Einschränkungen unterworfen waren, zeigen, dass dann oft ein ähnlich schlechtes Benehmen resultiert wie bei Männern (man denke hier nur mal an die große Katharina). Bin mal gespannt, ob die weibliche Nachfrage nach solchen Diensten mit zunehmender Vermännlichung und zunehmendem wirtschaftlichem Erfolg von Frauen auch zunimmt. Und natürlich, wie die Emmas das dann im Rahmen ihrer Anti-Prostitutionsbemühungen erklären. ;-)

Gottfried
7. Januar 2013 10:49

@ Martin

"Einfach sich einmal vorstellen, wie man zu dem Film stehen würde, wenn statt dicker, älterer Frauen, junge, hübsche Frauen mitspielen würden … und dann sich fragen, ob man genauso reagieren würde …"

M.E. besteht die Dekadenz ganz genau und in ihrem Wesenskern darin, unter den herrschenden Paradigmen lebensfeindlicher Religionen wie denen des Humanismus und des Idealismus nebst entsprechenden blutleeren Herumvernünfteleien, sich unter der Zugrundelegung des seltsamen universalistischen Konstruktes "Menschen" (mit wie auch ohne Menstruationshintergrund) bestimmte müßige Fragen zu stellen, um vor dem verkümmerten Instinkt und dem Sinn für das Schöne und Erhabene noch ein Stück weiter entfliehen zu können.

Rumpelstilzchen
7. Januar 2013 11:41

@ gast
Ja, auch das Buch von valentin rasputin "Abschied von Matjora" ist für mich konservative Pflichtlektüre. Danke

Meyer
7. Januar 2013 12:09

An der Kunst aus vergangener Zeit, was ist uns in Erinnerung geblieben, was sollte in Erinnerung bleiben? Das Vorbildhafte, das Leithafte: Seien es griechische Heldenstatuen, Homers Odysse, das Niebelungenlied, das Hermann-Standbild, die zahllosen Bismarcktürme oder Riefenstahls Filme.

Scheinbarer Themenwechsel:
1995 - gute Sprengfallen-Sensibilierungsausbildung.
2000 - Geiselnahmensensibilisierungsausbildung. Katastrophe.
2005 - einsatzbezogene Wehrrechjtsausbildung für Soldaten aller Dienstgrade. Katastrophe.
Was war der Unterschied: 1995 - Erfolg: Nahezu alle Soldaten und Gruppen absolvierten mehrere, sehr schwere Parcours mit großem Erfolg.
2000 und 2005, alle Soldaten wurden "sensibilisiert" und verängstigt! Handlungsunfähig!
Warum: Nach der zutreffenden Sensibilisierung in der Sache wurden weder Lösungstrategien aufgezeigt, erbrobt und eingeübt. Die Soldaten waren völlig verschüchtert. Dabei wäre es völlig einfach gewesen!

Das läßt sich auf den Film übertragen. Er zeigt auf. Damit wird er wohl (etwas überrealistisch) grob richtig liegen. Aber wo ist die Lösung aus der Situation. Natürlich gibt es sie. Mehrere. Aber sie werden nicht aufgezeigt.

Wie die schlechte Soldatenausbildung macht dieser Film die Zuschauer, zumindest jene, die vor ähnlichen Problemen stehen, kaputt. Nur für ganz starke Charaktere liegt dem Problem die Lösung schon bei, der Wille sich selbst zu verändern, verbessern, eine jener Statuen oder Helden zu gleichen. Aber sind diese diejenigen diesen Problemen ausgesetzt sind. Ist ein guter Offizier oder Feldwebel nicht derjenige, dessen Teileinheit gar nicht erst in eine solche Lage gerät und wenn doch, die Lage selbst gestaltet und wenn doch völlig überrascht eben auch gnadenlos, sofort und geradlinig reagiert? und wenn es nicht zu verhindern gewesen wäre, sich während der Gefangensc haft ein Vorgehen entwickelt, befohlen und durchgesetzt hätte?

Eine einsame Person kann dies selbst beheben. In ihr selbst liegt der Schlüssel, sei es nun Einsamkeit, armut, in Grenzen auch Krankheit und ganz gewiß Machtlosigkeit. Niemand sagt, daß es nur einen, den Weg gibt, der für alle Personen gehbar ist. Aber der Drehbuchautor hätte seinen Weg zu seinem aufgezeigten Phänomen darstellen können/müssen.
Wie auch "die Rechte" sich nicht darauf beschränken darf, ob geistreich oder nicht, die Lage zu beschreiben, sondern GANGBARE Wege zu entwickeln und aufzuzeigen. Und dies gewiß nicht im Sinne von: "Eine/Die Bundesregierung müßte ...".
Sondern: "Wie erreicht wer welches Ziel." Ein Blick in die Vergangenheit und hier stehen viele Beispiele auf dem Denkmals-Sockel.

eulenfurz
7. Januar 2013 12:10

Schlimm genug ist die Globalisierung sexualistischer Dekadenz; kaum besser ihre karikierende Überzeichnung in voyeuristischen Doku-Soaps für das Massenpublikum. Übersicht kann man sich auch auf Youtube verschaffen. Aber ist es nicht etwas zuviel der Beschäftigung, über den künstlerischen Gehalt von Voyeurfernsehen zu streiten?

Carsten
7. Januar 2013 13:12

Verehrte Frau Kositza,
Sie haben sich den ganzen Film angetan? Puh! Wozu?
Das ist Regietheater, nur auf der Leinwand:
Pisse, Kacke, Kotze, Hauptsache »tabubrechend«.
Kann ich mir nicht anschauen. Ich kann mir nicht mal
die Documenta angucken.
Willi 2 meinte, der Künstler soll nicht die Gosse darstellen,
er soll etwas Schönes schaffen, an dem sich die Betrachter
im Alltag aufrichten können.
Meine Meinung.

Inselbauer
7. Januar 2013 14:15

Liebe Frau Kositza, das ist ein österreichischer Film, und seine Bildersprache ist extrem traditionalistisch. Die ungeheuren Fettmassen sind (wie zum Beispiel auch bei Manfred Deix) die Heimat, das "Eigene" in seiner unkontrollierten, angstmachenden Form. Die Beziehungen dieses Eigenen zum Fremden sind ganz andere als im nördlicheren Deutschland, geprägt von Selbsthass und der tiefen Überzeugung, dass man in der Gemeinschaft der Viecher und im Dreck aufgeht, wenn man das Eigene an das Fremde ausliefert. Es ist ein Heimatfilm, daher auch das Schwelgen in den Fettmassen, wie ein Schwelgen in Hochgebirgs-Landschaften. Statt dem scheuen Reh taucht halt das Äffchen am Waldesrand auf (...)
Ich finde, es ist einfach ein Heimatfilm, der den "Verkauf" der Heimat thematisiert, diesmal als negativen Kauf. Wie immer ist der brutale Rassismus einer solchen Darstellung symbolisch, ähnlich wie die Wahlen in Österreich, bei denen Strache als Schlanker (Fremder!) Erfolge feiert.
Verstehen kann man es schon, dass Sie sich grausen ----

Nihil
7. Januar 2013 14:50

@Rumpelstilzchen:

Der Vergleich mit der Rothenburg-Geschichte hinkt völlig. Rothenburg war eine Ausnahme und insofern nicht politisch. Seidl führt uns die charakterliche Kleinheit von Millionen (meiner europäischen Verwandten) vor, da wirds zwangsweise politisch. Er zerstört jedes optimistische Menschenbild, dh. jenes Bild, das a priori annimmt, der Mensch sei edel und gut oder könne dahin erzogen werden (sehr behavioristisch)! Der Kannibale hat keine gesellschaftspolitische Bedeutung - er ist zu jeder Epoche vorstellbar. Außerdem war seine Tat monströser (sie haben es offenbar gerne "moralisch", daher dieses Wort) und damit zwangsweise größer. Er hätte nicht in Seidls Format gepasst. Und überhaupt hat das "Opfer" eingewilligt, ich wäre vorsichtig darin ein Verbrechen zu sehen.

Ich will kein "besoffener Russe" sein, sondern wahrhaftig. Ich will keine kranke Seele, keine gespaltene Persönlichkeit sein. Ich bin kein Idealist im philosophisch-politischen Sinn, auch kein Moralist. In mir werden sie keinen Parteigänger des "Guten, Wahren und Schönen" finden und sollte ich mich selbst einmal dabei ertappen, werde ich versuchen vorbehaltlos zu therapieren. Das verspreche ich.

Nihil
7. Januar 2013 14:57

Nochmals anders formuliert: Seidl etikettiert die Mittelmäßigkeit als obszön. Der ganz normale Wahnsinn der Kleinheit, die Mittelmäßigkeit ist die neue Todsünde. Ich bleibe dabei: Danke, Ulrich Seidl!

MCPH1
7. Januar 2013 15:14

Erstens: nach dieser Rezension habe ich beinahe schon Lust bekommen den Film zu sehen. Ich hatte befuerchtet er wuerde die Situation lediglich veherrlichen, nun klingt es aber so, dass die Tatsache dass sich die europaeischen Frauen nach afrikanischen Maennern sehen eher ablehnend behandelt wird. Tatsaechlich werde ich mir ihn aber wohl doch nicht anschauen, da mich diese Dinge zu sehr aergern. Ich konnte mir ja noch nicht einmal "ziemlich beste Freunde" ganz angucken, nachdem die westafrikastaemmige Hauptfigur zuerst mit der europaeischaetmmigen Assisten seines neuen Arbeitsgebers flirtete recihte es mir als er dann eine ostasienstaemmige Prositituierte zu sich kommen ließ. Ich hatte verstanden, schwarzer Mann steht ueber allem und habe ausgeschaltet.
Zweitens: auch hier muss mal wieder die gelegenheit ergriffen werden auf die Doppelzuengigkeit des mainstream Diskurses ueber Antirassismus und Human Biological Diversity hinzuweisen.
Es wird ueberhaupt nicht mehr hinterfragt dass die Hauptfigur - so wie es in der Realitaet auch stattfindet - selbstverstaendlich nach Kenia faehrt,. Obwohl nach mainstream Lesart "hautfarbe keine rolle spielt" und gilt "wo die liebe hinfaellt" ist es kein Zufall dass die westlichen Frauen nicht in arme chinesische Landstriche fahren um einen Mann fuer gewisse Stunden zu finden, oder nach Indien, oder in von Indios bewohnten Gebieten in Suedamerika in denen die wirtschaftlichen Anreize fuer eine Beziheung zu reichen Auslaendern ebenso bestehen, sondern vor allem in die Karibik, nach Nordbrasilien, nachn Westafrika - ueberall dort wo sie westafrilkastaemmige Maenner finden, die nunmal als die attraktivsten weil maennlichsten gelten. Und Kenia mit seiner stark durch die Bantuexpansion gepraegten Bevoelkerung hat in dieser Hinsicht eindeutig gegenuber den nicht weit entfernten ebenso armen Laendern Aethiopien und Somalia Vorteile, leben dort doch die grazileren Ostafrikaner.
Ob die Attraktivitaetsunterschiede nun tatsachlich HBD (Human Biological Diversity, aka "Rassenunterschiede") geschuldet sind oder den sozial konstruierten Rollen die die verschiedenen Gruppen im Welttheater einnehmen, ist nebensaechlich - es wird beides mit reinspielen. Fakt ist die Unterschiede in Bezug auf Partnerwahl bestehen, sind extrem stark ausgebildet und werden gleichwohl tabuisiert.
Dabei ist es mir im Grunde egal was postmenopausale Frauen in bezug auf ihr Liebesleben alles so anstellen - weitaus beunruhigender ist die Tatsache dass die gleichen Muster auch auf die Partnerwahl von Mittzwanzigern in westlichen Laendern zutrifft. In meiner Heimatstadt bekommen deutschen Frauen wenn ich das hochrechne was man auf der Straße so sieht in mindestens 10 Prozent der Faelle Kinder von westafrikastaemmigen, das heißt African Americans, Leuten aus der Karibik, Ghanaaern, Kamerunern etc. und nicht von Tuerken, nicht von Indern, schon gar nicht von Ostasiaten. Und die gleichen Muster finden sich in der gesamten westlichen WElt, sowohl in Laendern in den die verschidenen Gruppen schon lange zsuammenleben wie den USA als auch in Laendern in denen die Zuwanderung und Vermischung erst jung ist.
Was mich daran stoert ist zum einen dass man zumindest darueber diskutieren sollte ob es sinnvoll ist wenn die Welt immer afrikanischer wird. Waehrend manche sich ueber die hohe Fertilitaet der Muslime aufregen ist das entscheidene demograpohische Faktum unserer Zeit die TFR von etwa 6 in Subsahara afrika vs TFR von 2-3 außerhalb von Subsaharaafrika, inklusive der muslimischen Laender mit 1-2 in westlichen Laendern und Ostasien.
Zum anderen ist es die unerhliche Handhabung dieser Tatsachen. Einerseits wird im Einklang der Geschwisterideologien Antirassismus/Feminismus die Verbdinung schwarzer Mann weiße Frau als ultimative "in your face" Niederwerfung des weißen Patriarchats und endgueltige sexuelle Emanzipation der Frau gefeiert - augenzwinkernd oder durchaus explizit; das aber nur solange alle applaudieren. Sobald Kritik kommt wird umgeschaltet auf die altbekannten Taschenspielertricks a la Lewontins Fallacy "Rasse ist eine soziales Konstrukt" und auf die Einmaligkeit jeder Beziehung zwischen Mann und Frau auf dieser Erde verwiesen, denn waehrend 200000 jahren menschheitsgeschichte jede ehe auf reproduktion ausgreichtet war und ein politischer Akt (sei es im Rahmen des Stammes, der Sippe, arranded marriage, wie auch immer) gilt das ja seit den 68ern nicht mehr.

Martin Lichtmesz
7. Januar 2013 15:43

@ apollinaris:

Ihre Reaktion auf den "Jesus"-Film finde ich bemerkenswert, denn damals gab es nicht wenige Stimmen, die dachten, Seidl wolle damit die "die Katholiken fertigmachen" (einige mit nicht wenig Genugtuung). Ich denke, daß seine Filme in der Tat eine Vielfalt an Reaktionen provozieren, kalt lassen sie aber keinen.

Mein Debütartikel in der JF war eine Rezension von "Jesus, Du weißt":
https://www.jf-archiv.de/archiv05/200536090247.htm

Damals habe ich auch geschrieben:

Spätestens jedoch seit Seidls furiosem Spielfilmdebüt "Hundstage" (2001), einer gewalttätigen Szenenfolge aus der niederösterreichischen Provinz, kann der 1952 geborene Regisseur getrost als der vielleicht bedeutendste Chronist der zeitgenössischen Dekadenz gelten. Seine Themen findet er mit der traumwandlerischen Sicherheit eines Besessenen und erschafft mit ihnen seinen eigenen, unverwechselbaren Kosmos. Dabei verleiten seine beispiellos realistischen "Sittengemälde" (Seidl) leicht zu "reaktionären" Schlußfolgerungen.

Ich denke eben doch, daß seine drastischen Darstellungen auch einen moralischen Impuls provozieren wollen und nicht als nihilistisches Suhlen im Dreck gedacht sind.

Kurt Schumacher
7. Januar 2013 16:09

@ Inselbauer

Umso schlimmer. Der Rückzug aufs "Eigene" ist gerade in "Österreich" das Ende. Übrigens schon seit 1918, und dann noch einmal verschärft nach 1945. Denn wenn Sie an die Geschichte denken, war das dortige Deuschtum immer ein Herrentum. Denken Sie an die Zeit, als die Habsburger die deutschen Kaiser gestellt haben. Denken Sie aber auch an die k.u.k. Monarchie. Damals waren es die Deutschen der Ostmark, die mit lässiger Hand über ein Dutzend fremder Völkerschaften herrschten, und dieses Herrengefühl, diese Sicherheit im Ordnen und Anordnen fehlt heute. All die Polen, Ungarn etc. waren früher daran gewohnt, den Deutschen als den Überlegenen anzuerkennen, aber heute kann davon keine Rede mehr sein. Der österreichische Herrschaftsstil war ein ganz anderer als der preußische Stil, Samthandschuh und Kaffeegeplauder statt Hackenzusammenschlagen und Kategorischem Imperativ. Sicher, für uns Norddeutsche war "Österreich" schon immer fast so etwas wie Ausland. Aber es funktionierte. - Bis 1918. Dann aber, als das Vielvölkerreich in Versailles von den Alliierten zerschlagen wurde, stand der Deutsche da unten ganz alleine da. Den Anschluß an Kerndeutschland verboten die Alliierten. Und nun...? Was sollte man anfangen mit dem lächerlichen Fetzen Land in den Alpen, von dem sogar die Italiener (!) sich Südtirol abgebissen hatten?! Das Herrentum starb, und der grantelnde "Österreicher" im Deixschen Sinne war geboren. Wie eine Frau, die keine Kinder bekommen kann, zur Xanthippe entartet, so entartete der Österreicher ohne sein Kaiser- und Königreich zur Karikatur. Das Land war plötzlich einfach zu klein! Und so wurde auch seine deutsche Seele klein. Inzwischen haben sie sich resigniert daran gewöhnt. Eigentlich alles ganz wie in der Bundesrepublik, aber weil das Rest-Land kleiner und der Balkan sogar geographisch näher ist....den Rest können sie sich selber denken.

Fahrnheit451
7. Januar 2013 18:36

„Nie möchte man Kinder in eine Welt setzen, die Ulrich Seidl zeigt"

Es gab immer Krebs auf der Welt. Was in Deiner Gegengesellschaft gezeigt wird, bestimmst Du alleine. Wenn Du lieber sterben willst, als leben, es sei.
Aber predige nicht den Selbstmord, sondern den Mord. Denn ich liebe es in einer Welt zu leben, in der man sowas als zu entfernenden Abszess wahrnimmt.

Raskolnikow
7. Januar 2013 19:57

Als Genie in Wartestellung,

verspüre ich keine geringe Lust, so manchem Kommentator die Nase zu stüben, sintemalen unter den Hiesigen ein Potpourri an grotesquen Auffassungen von Kunst im Schwange zu sein scheint. Aber das soll diesmal nicht Gegenstand meiner Auslassungen sein ...

Erstaunt var. entsetzt var. erzürnt muss ich mich aber zeigen, wie schmählich das Runde und Reife als Bestandteile des Weiblichen abgewertet werden.

Gerade als Genius (in Latenz!) sollte man sich nicht an die Mädchen verschwenden, die den Mann in die banalen Sachen verwickeln. Sachen wie Broterwerb, Familie, Haus, Garten etc... denn das wollen sie am Ende doch alle. Wollen wir Höherstehende (präsumptiv!) uns dahingehend verschwenden? Die reife, wohlhabende Frau (Witwe?) hat das alles schon hinter sich und erwartet diesbezüglich nichts; wir können also unsere Folianten wälzen, tagelang über Cognac fabulieren und Karten spielen.

Und das Runde; nun ja, dass sich manche Sezessionisten vor ihm "ekeln", wirft kein gutes Licht auf die selbsternannten Männer von Morgen! Es ist kein weiter Weg von den heutigen Sportgirls und ihren musculösen Leibern zu den sumpfigen Gefilden des sodomitischen Lasters und zur Päderasterie ... Scheinbar müssen einige von Nubiern an diese Wahrheit erinnert werden: Denn tatsächlich ist es das Urtümlich-Ur-Weibliche - das Runde ...

Losung: Hoch die dicken Weiber! Für die Männer von Morgen die Weiber von Gestern!

Randnotiz: Habe Film nicht gesehen, nur Photographien im Internet beschaut.

Adeps vobiscum,

R.

Ein Fremder aus Elea
7. Januar 2013 21:42

Nihil,

alles in Maßen. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, aber wir sind, evolutionsbiologisch bedingt, gespaltene Persönlichkeiten, unsere Seele, unser Wille, besteht aus recht unterschiedlichen Schichten, welche nicht sonderlich gut an einander angepaßt sind, so daß wir, wohl oder übel, die entstehenden Spannungen zu meistern haben.

Tarkowski mit Depardieu in einem Atemzug zu nennen, fand ich jetzt ein bißchen unglücklich. Für ihn war Sibirien eben seine Wüste und er predigt die Einsamkeit, nun, zum Teil wenigstens. Das ist sehr wahrhaftig. Und, was nichts mit Tarkowski zu tun hat, aber es sei hier erwähnt, "das Schöne, Wahre, Gute" ist eine sehr milde Form der Überhöhung der Ratio, es geht viel schlimmer. Und es geht auch schlimmer umgekehrt, man kann die Ratio nicht nur überhöhen, sondern auch verleugnen.

Gottfried,

ich denke, MCPH1 hat recht schön demonstriert, daß Martins Frage gar nicht so müßig war. Aber Seidl wählt den Ton selbstverständlich so, um frei von Haß über aufgeladene Themen sprechen zu können. Ist vielleicht Schopenhauers Erfindung, oder Senecas, das weiß ich nicht im Detail. Eine Art künstliches Mitleid, welches weder heuchelt, noch an konkreter Hilfe interessiert ist, sondern daran, Zusammenhänge unter pessimistischen Prämissen überhaupt einmal besprechen zu können.

Und das ist sogar angebracht, wenn man es mit Leuten zu tun hat, welche unter starken Minderwertigkeitskomplexen leiden, naja, so der Typ Nero, geht wahrscheinlich wirklich auf Seneca zurück.

Tja, gibt genug Nero-Typen im öffentlichen Dienst, keine Frage. Seidl hat schon Recht damit, den Ton so zu wählen.

Fahrnheit451,

die Erfahrung lehrt nur leider, daß es am Ende immer die Falschen trifft. Das Spiel wird auch schon seit Jahrtausenden gespielt. Man darf den Menschen nicht den Freibrief geben, gegen ihre verhaßten Nachbarn (wortwörtlich zu verstehen) vorzugehen.

Kurt Schumacher
7. Januar 2013 21:44

... einen ganz dicken Daumen hoch für Raskolnikow!

Götz Kubitschek
7. Januar 2013 21:54

und damit: ende der diskussion.
gruß! kubitschek

Doris Wolff
13. Januar 2013 08:26

Ich habe noch nie einen so verächtlichen, rassistischen, frauenfeindlichen Film gesehen, wie diesen. Unglaubwürdig, beschämend, langweilig und auch noch dumm. Der Film weicht scheinbar in Skurilität und Absurditäten aus, wo einfach die Charaktäre und Szenen nicht stimmig sind. Ich habe mich gefragt, ob Seidl Frauen haßt? Ob er Menschen haßt? Nichts davon hat mich zu kritischen Gedanken über den Sextourismusses angeregt, lediglich warum ein Regisseur seine Mittel nutzt, alle miteinander zu beleidigen. Auch habe ich mich gefragt, warum die Schauspielerinnen sich für solche fürchterlichen Darstellungen hergeben.
Warum die schwarzen Darsteller es getan haben, erklärt am ehesten, worum es für sie in der Tat am dringensten geht. Um Geld eben. Und das ist noch besonders schrecklich an diesem Film.

Klaus Deiss
4. Februar 2013 20:22

Ich komme gerade aus Gambia und habe dort zig Theresas aus allen Ländern Europas wirken sehen.
Das war nicht schön anzuschaun. Der Film war (für mich von daher völlig einleuchtend) auch nicht besonders schön.
Aber frauenfeindlich, rassistisch und verächtlich ?
Sorry - komme ich nicht mit - da will eine Frau einfach nicht wahrhaben. Der Film ist wirklich ein Schocker, fürchterlich und monströs, aber sehr sehr nah dran.

Spayda_Pikin
17. Februar 2013 10:22

Vielen Dank, Herr Seiss, Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Vermutlich bin ich unter all den Kommentatoren und Kommentatorinnen die Juengste hier, aber ich wage mal zu behaupten, dass die Realitaet genauso aussieht, wie von Seidl dargestellt. Das sage ich, weil ich schon mehrere Male sowohl in Ost- als auch in Westafrika war und das nicht nur fuer zwei, drei Wochen und auch nicht, um dort Urlaub zu machen. Vielleicht sollte mal der ein oder andere sich auch direkt vor Ort ein Bild verschaffen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie das in den Laendern tatsaechlich so zwischen weissen Frauen und schwarzen Maennern ablaeuft, anstatt hier in der Theorie lang und breit ueber "Unglaubwuerdigkeit, Rassismus etc." zu palavern. Ich war oft in sogenannten local bars und war teilweise regelrecht schockiert, wie sich manche gutaussehenden, jungen einheimischen Maenner voellig unattraktiven, mitunter ueberreifen und ja- auch durchaus sehr korpulenten Frauen angebiedert haben, nur um an etwas Geld zu kommen. Natuerlich funktioniert dasselbe auch zwischen jungen, huebschen, weissen Frauen und einheimischen Maennern und ist damit auch nicht viel besser. Und auch die Art und Weise, wie sich an die Frauen "rangemacht" wird, habe ich selbst so oft schon erlebt. Was soll also daran bitte so verachtend und unglaubwuerdig sein, wenn es nun einmal so ist, wie es ist?! Mir hat einmal ein junger Beachboy erklaert, dass aehnlich wie in der Marktwirtschaft, auch hier der Mechanismus von Angebot und Nachfrage greift. Er fuegte ausserdem hinzu, ihm sei es lieber, sich fremden, weissen Frauen "hinzugeben" und ihnen Geld dafuer abzuverlangen, als mitsamt seiner Familie verhungern zu muessen. Andersherum ist mir auch ein Fall von einer ca. 65jaehrigen Dame, alleinstehend, bekannt, die regelmaessig nach Kenia reist, dort ihren wesentlich juengeren Liebhaber besucht, bei ihm die langersehnte sexuelle Befriedigung findet und im Gegenzug dafuer ihm und seiner Familie (die uebrigens anfangs auch nur aus einer angeblichen Schwester und deren Kindern bestand, sich spaeter jedoch natuerlich als die Ehefrau mit dem gemeinsamen Nachwuchs herausstellte) Hausbau, Schul- und Krankenhausgebuehren usw. finanziert und das sogar ueber Jahre hinweg. Dass dies natuerlich in gewisser Weise erniedrigend fuer beide Seiten ist, steht auf einem anderen Blatt und dass die Wurzel dieses entwicklungspolitischen Problems sehr viel tiefer sitzt, als es ein Film in 120 Minuten darstellen kann, darueber muss man nicht diskutieren. Mein Fazit also ist: bei "Paradies:Liebe" habe ich mich ganz sicher nicht wie im falschen Film gefuehlt. Im Gegenteil!

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