Kritik der Kritik der Islamkritik

von Manfred Kleine-Hartlage

In Sezession Nr. 51 sind zwei Artikel zur Islamkritik erschienen.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Auf Karl­heinz Weiß­manns Islam­kri­tik – Leit­ideen und Ein­wän­de erfolgt hier eine Ant­wort, deren not­wen­di­ge Aus­führ­lich­keit den Rah­men der Druck­aus­ga­be spren­gen wür­de. Ich ver­öf­fent­li­che sie des­halb hier im Blog:

Karl­heinz Weiß­mann geht es um die Fra­ge, ob „der Islam unser Feind“ sei, und er faßt nach­voll­zieh­ba­rer­wei­se unter dem Titel „Islam­kri­ti­ker“ alle Kräf­te zusam­men, die die­se Fra­ge beja­hen. Unge­ach­tet der von ihm durch­aus gese­he­nen Hete­ro­ge­ni­tät der islam­kri­ti­schen Sze­ne iden­ti­fi­ziert er fünf

bestimm­te Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren …, mit denen man sich aus­ein­an­der­set­zen muß, wenn man ein­schät­zen will, ob ihre Feind­be­stim­mung trag­fä­hig ist oder nicht

und unter­zieht die­se Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren einer nuan­cier­ten Kri­tik, auf­grund deren er zu dem Ergeb­nis gelangt, die Islam­kri­tik sei ein Konzept,

das im Grun­de unpo­li­tisch ist, weil es eine Feinder­klä­rung abgibt, die sich gegen eine Grö­ße rich­tet, die als sol­che gar nicht exis­tiert: der Islam.

Um es vor­weg­zu­neh­men: Die­se Kri­tik über­zeugt mich nicht, weil sie auf einer Fehl­ein­schät­zung sowohl des Islam selbst als auch der Islam­kri­tik beruht. Aber der Rei­he nach:

Die ers­te von Weiß­mann genann­te islam­kri­ti­sche The­se lautet:

1. Das Problem ist der Islam

Weiß­mann refe­riert zutref­fend, daß Islam­kri­ti­ker bereits im Islam selbst – nicht erst im Isla­mis­mus und schon gar nicht in exter­nen Fak­to­ren wie Armut, Ras­sis­mus, Unter­ent­wick­lung und der­glei­chen – die tiefs­te Ursa­che für Unter­drü­ckung und Gewalt in der isla­mi­schen Welt wie auch für die Anpas­sungs­un­fä­hig­keit vie­ler mus­li­mi­scher Migran­ten in Euro­pa sehen, und ergänzt:

Vie­le Islam­kri­ti­ker beschrän­ken sich dar­auf, dem Islam ein Ent­wick­lungs­de­fi­zit vor­zu­wer­fen, das im Prin­zip auf­hol­bar sei, wenn er die Anpas­sungs­be­mü­hun­gen ver­stär­ke und sich kon­se­quen­ter am Wes­ten aus­rich­te­te. Geert Wil­ders steht aber auch nicht allein, wenn er … den Koran mit Hit­lers Mein Kampf vergleicht …

Die Posi­ti­on, wonach der Islam sich zu einem libe­ra­len „Euro-Islam“ wei­ter­ent­wi­ckeln müs­se – gewis­ser­ma­ßen zu einer isla­mi­schen Vari­an­te des Käß­mann­chris­ten­tums – gibt es zwar, aber wenn man deren Prot­ago­nis­ten, etwa den aus Syri­en stam­men­den Poli­to­lo­gen Bassam Tibi, der islam­kri­ti­schen Sze­ne zurech­nen woll­te, müss­te man deren Gren­zen schon sehr weit­läu­fig zie­hen – jeden­falls wei­ter, als Weiß­mann selbst sie zieht: Die Ver­fech­ter eines „Euro-Islam“ sind sicher­lich Islamismuskri­ti­ker, wür­den aber die The­se vehe­ment zurück­wei­sen, „der“ Islam sei unser Feind.

Des­halb hängt auch Weiß­manns Mah­nung an die Adres­se der Islam­kri­tik in der Luft, es müsse

kla­rer dif­fe­ren­ziert wer­den zwi­schen der Auf­fas­sung, daß der Islam kor­ri­gier­bar sei, wenn er sich moder­ni­sie­re und säku­la­ri­sie­re wie das Chris­ten­tum, und der ande­ren, daß er das aus prin­zi­pi­el­len Grün­den gar nicht könne.

Tat­säch­lich ist die­se letz­te­re Auf­fas­sung in der islam­kri­ti­schen Sze­ne Kon­sens; des­we­gen stimmt es auch nicht, wenn Weiß­mann schreibt, letzt­lich neige

die Mehr­zahl der Islam­kri­ti­ker doch dem nai­ven west­li­chen Ent­wick­lungs­dog­ma zu, dem­ge­mäß alle Gesell­schaf­ten sich am Mus­ter des Geschichts­ver­laufs ori­en­tie­ren (müs­sen), den Eng­land, Frank­reich oder die USA genom­men haben.

Rich­tig ist, daß die star­ke libe­ra­le Strö­mung inner­halb der Islam­kri­tik den Islam sei­ner Unver­ein­bar­keit mit west­lich-libe­ra­len Wert­mus­tern wegen ablehnt und dazu neigt, die­se Wer­te für das schlecht­hin „Gute“ zu hal­ten. Impe­ria­lis­ti­sche Impli­ka­tio­nen kön­nen sich mit einer sol­chen Posi­ti­on durch­aus ver­bin­den, geschichts­de­ter­mi­nis­ti­sche aber nicht.

Die Vor­stel­lung eines line­ar ver­lau­fen­den Geschichts­pro­zes­ses, der min­des­tens eine Refor­ma­ti­on beinhal­ten müs­se, um von dort aus zu Auf­klä­rung und Libe­ra­lis­mus vor­zu­sto­ßen, ist aus islam­kri­ti­scher Sicht bereits des­halb nicht halt­bar, weil es Refor­ma­tio­nen in der isla­mi­schen Welt durch­aus schon gege­ben hat, nur mit völ­lig ande­ren Ergeb­nis­sen als in Europa:

„Der Islam wur­de … bereits in Medi­na sowohl theo­re­tisch (im Koran) als auch in der Pra­xis zu einem sozia­len Nor­men­sys­tem mit deut­li­chen juris­ti­schen und poli­ti­schen Akzen­ten, ja zu einer Gesell­schafts­ideo­lo­gie ausgebaut.

In die­sem Sach­ver­halt liegt der Grund dafür, dass isla­mi­sche Erneue­rungs­be­we­gun­gen regel­mä­ßig ande­re Akzen­te set­zen als christ­li­che. Zwar geht in bei­den Reli­gio­nen Erneue­rung, Re-form, Re-for­ma­ti­on mit dem Ver­such ein­her, einen als kor­rupt erleb­ten jeweils gegen­wär­ti­gen Zustand durch Rück­be­sin­nung auf einen als ide­al gedach­ten Anfang zu über­win­den. Führt die­ser Ver­such im Chris­ten­tum zur Beto­nung der sprich­wört­li­chen „Frei­heit eines Chris­ten­men­schen“, … so kann ein Mus­lim, der im Pro­phe­ten und sei­ner medi­nen­si­schen Gemein­de das Ide­al sieht, gar nicht umhin, den Islam in des­sen Eigen­schaft als sozia­les Nor­men­sys­tem … zu stär­ken und zu erneu­ern. Der in Sau­di-Ara­bi­en herr­schen­de Wah­ha­bis­mus, der vie­len west­li­chen Beob­ach­tern als Inbe­griff eines rück­stän­di­gen, tra­di­tio­na­lis­ti­schen Islam gilt, ver­steht sich selbst, und dies durch­aus begrün­det, als eine Reformbewe­gung!“ (M.K.-H., Das Dschi­had­sys­tem. Wie der Islam funk­tio­niert. Resch-Ver­lag Grä­fel­fing 2010, S.145 f.)

Weiß­manns zen­tra­ler Kri­tik­punkt an der The­se, der Islam selbst sei das Pro­blem, ist aller­dings ein ande­rer, näm­lich daß es

unter Islam­kri­ti­kern eine über­star­ke Nei­gung [gebe], den Islam von sei­nen nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben her zu inter­pre­tie­ren. Aber auch hier besteht wie sonst auf der Welt eine Dis­kre­panz zwi­schen Vor­schrift und All­tags­rea­li­tät. Fak­tisch waren die Vor­ga­ben des Koran oder der isla­mi­schen Rechts­re­geln nur in bestimm­ten Epo­chen in dem Maße und der Tota­li­tät bestim­mend, die hier als übli­cher Fall pos­tu­liert werden.

Also vier Thesen:

1. Islam­kri­ti­ker inter­pre­tier­ten den Islam von sei­nen nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben her.
2. Des­halb unter­stell­ten sie eine rigi­de und tota­le Durch­set­zung der Scha­ria als Nor­mal­fall in isla­mi­schen Gesellschaften.
3. Die­se Unter­stel­lung sei falsch, da sie der tat­säch­lich vor­han­de­nen Viel­falt isla­mi­scher Staats‑, Gesell­schafts- und Lebens­mo­del­le wider­spre­che und zudem ahis­to­risch die Unter­schie­de zwi­schen ver­schie­de­nen Epo­chen zuguns­ten eines sta­ti­schen und fik­ti­ven Modell-Islam ver­nach­läs­si­ge und damit fak­ten­wid­rig Norm und Rea­li­tät gleichsetze.
4. Da die­se Kon­se­quen­zen falsch sei­en, sei die Prä­mis­se wider­legt und die von Islam­kri­ti­kern bevor­zug­te Inter­pre­ta­ti­on des Islam von sei­nen nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben her „über­stark“.

Ad 1: In der Tat ist der Aus­gangs­punkt islam­kri­ti­scher Ana­ly­sen regel­mä­ßig die Beob­ach­tung, daß das empi­ri­sche Ver­hal­ten mus­li­mi­scher Gemein­schaf­ten (Völ­kern, Staa­ten, Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, Orga­ni­sa­tio­nen) in hohem Maße mit dem Nor­men- und Wer­te­sys­tem kor­re­spon­diert, das im Koran ver­an­kert, vom Pro­phe­ten exem­pla­risch vor­ge­lebt, von der isla­mi­schen Rechts­tra­di­ti­on zu einem aus­ge­klü­gel­ten Sys­tem ver­dich­tet und in die­ser Form für Mus­li­me sozi­al ver­bind­lich gemacht wur­de – und daß es in dem Maße, wie es damit kor­re­spon­diert, den Erwar­tun­gen zuwi­der­läuft, die wir vom Stand­punkt eines euro­päi­schen – christ­lich bzw. libe­ral gepräg­ten – Wer­te­sys­tems an Mus­li­me richten.

Die­se Beob­ach­tung ist schlicht und ein­fach zutref­fend, und sie wird nicht dadurch wider­legt, daß ja nicht alle Mus­li­me sich in glei­cher Wei­se und im glei­chen Maße an die­sen Nor­men ori­en­tie­ren. Die­ser belieb­te Ein­wand ist des­we­gen irrele­vant, weil die erkennt­nis­lei­ten­de Fra­ge­stel­lung nicht lau­tet, ob die Mus­li­me unse­re Fein­de, son­dern ob der Islam unser Feind sei. Die­ser Gesichts­punkt wird wei­ter unten noch ver­tieft werden.

Zur Erklä­rung die­ser weit­ge­hen­den Über­ein­stim­mung von Ver­hal­tens­norm und tat­säch­li­chem Ver­hal­ten kön­nen prin­zi­pi­ell zwei Model­le die­nen: Das eine, das ich hier­mit etwas respekt­los das nai­ve nen­nen möch­te, lau­tet, daß Mus­li­me sozu­sa­gen Allahs Mario­net­ten sei­en, weil sie an die isla­mi­sche Leh­re glaub­ten; wor­aus die For­de­rung resul­tiert, ihnen die­sen Glau­ben auszutreiben.

Das ande­re Erklä­rungs­mo­dell, das von wei­ten Tei­len der islam­kri­ti­schen Sze­ne min­des­tens impli­zit geteilt wird, habe ich so umschrieben:

„Nie­mand, der mit der Mate­rie ver­traut ist, und schon gar kein Mus­lim, wird abstrei­ten, dass der Islam ein Sys­tem ist, dass für alle Berei­che des pri­va­ten und gesell­schaft­li­chen Lebens glei­cher­ma­ßen ver­bind­lich ist. (…)

Dar­aus ergibt sich frei­lich, dass die Rol­le der Reli­gi­on im Gesamt­ge­fü­ge isla­mi­scher Gesell­schaf­ten eine ande­re ist als im Wes­ten … . Der Islam setzt den Men­schen nicht nur in Bezie­hung zum Jen­seits und defi­niert, was Gut und Böse ist – das tun ande­re Reli­gio­nen auch -, er defi­niert auch, was im lega­len Sin­ne Recht und Unrecht, im poli­ti­schen Sin­ne legi­tim und ille­gi­tim, im empi­ri­schen Sin­ne wahr und unwahr ist.

Indem der Islam die von ihm domi­nier­ten Gesell­schaf­ten in die­ser Brei­te und Tie­fe durch­dringt, prägt er not­wen­dig auch das Sys­tem der kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, d.h. die Vor-Annah­men über Wahr­heit, Gerech­tig­keit, Moral, Ethik, Logik, Gewalt, Geschich­te und Gesell­schaft – also jene Prä­mis­sen, die im Sozia­li­sie­rungs­pro­zess ver­in­ner­licht wer­den und dem eigent­lich poli­ti­schen Den­ken vor­aus­ge­hen. Die­se Vor­an­nah­men ver­dich­ten sich zu einer in isla­mi­schen Gesell­schaf­ten sozi­al erwünsch­ten Mentalität.“
(Dschi­had-Sys­tem, S. 283)

Die­ses Erklä­rungs­mo­dell schiebt der Illu­si­on einer „Re-edu­ca­ti­on“ von Mus­li­men, gleich ob gut­mensch­lich durch „Dia­log“ oder islam­kri­tisch durch auto­ri­tä­ren Oktroi durch­ge­setzt, einen Rie­gel vor. Es führt zu der For­de­rung, die Bil­dung bzw. Aus­wei­tung isla­mi­scher Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten durch eine geeig­ne­te Ein­wan­de­rungs­po­li­tik – oder viel­mehr Aus­sper­rungs­po­li­tik – zu verhindern.

Ad 2: Bei­de Model­le füh­ren aller­dings – wenn auch auf theo­re­tisch etwas unter­schied­li­chen Wegen – zu dem Befund, daß die Frei­heit von Nicht­mus­li­men, den For­de­run­gen der Scha­ria zuwi­der­zu­han­deln, in dem Maße schrumpft, wie das isla­mi­sche Nor­men­sys­tem an gesell­schaft­li­cher Durch­set­zungs­macht gewinnt, und daß ein für uns uner­träg­li­ches Maß an Unter­drü­ckung und Gewalt nicht erst dann erreicht wird, wenn die Scha­ria for­mal eta­bliert und in „Tota­li­tät“ durch­ge­setzt wird, son­dern bereits dann, wenn Mus­li­me auf der All­tags­ebe­ne ihre Spiel­re­geln dik­tie­ren, die von eben die­sem Nor­men- und Wer­te­sys­tem geprägt sind.

Ad 3: Die beob­acht­ba­ren Unter­schie­de zwi­schen ver­schie­de­nen mus­li­mi­schen Gesell­schaf­ten unter­schied­li­cher Län­der und Epo­chen spie­len unter die­sem Gesichts­punkt kei­ne Rol­le, weil die Islam­kri­tik eben nicht von der Fra­ge aus­geht, ob jeg­li­che Isla­mi­sie­rung zugleich eine Tali­ba­ni­sie­rung sei, son­dern ob der Islam unser Feind ist, und was sein Vor­drin­gen für uns bedeu­tet. Für uns wäre aber bereits eine ver­dünn­te Scha­ria uner­träg­lich, und zwar auch dann, wenn sie nicht vom Staat, son­dern von einer mus­li­misch domi­nier­ten Gesell­schaft durch­ge­setzt würde.

Ad 4: Die „Nei­gung [von Islam­kri­ti­kern], den Islam von sei­nen nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben her zu inter­pre­tie­ren“, ist daher alles ande­re als „über­stark“: Der Zusam­men­hang von Norm und Ver­hal­ten wird nicht nur als sol­cher rich­tig gese­hen, son­dern auch hin­sicht­lich sei­ner Kon­se­quen­zen kor­rekt eingeschätzt.

Die zwei­te Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur, die Weiß­mann aufs Korn nimmt, lautet:

2. Es besteht kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus

Er prä­zi­siert die­se The­se – die in die­ser Grob­schläch­tig­keit in der Tat von kaum jeman­dem ver­tre­ten wird – dahin­ge­hend, daß Islam­kri­ti­ker auf die star­ke Anfäl­lig­keit selbst äußer­lich gut inte­grier­ter Mus­li­me für isla­mis­ti­sche Indok­tri­na­ti­on bis hin zur Gewalt­be­reit­schaft hin­wei­sen. Er fährt fort,

Deren Erfolg kann man [nach Mei­nung der Islam­kri­ti­ker] nur erklä­ren, wenn man davon aus­geht, daß Isla­mis­ten im Prin­zip nichts ande­res tun, als den Islam selbst ernst zu nehmen.

und wen­det dage­gen ein:

Selbst eine ihrem Gegen­stand so kri­tisch gegen­über ste­hen­de Islam­wis­sen­schaft­le­rin wie Chris­ti­ne Schirr­ma­cher beharrt dar­auf, den Isla­mis­mus als eine in ers­ter Linie poli­ti­sche, nicht reli­giö­se, Kon­zep­ti­on zu definieren.

Wenn das Wort „kri­tisch“ in die­sem Zusam­men­hang nur bedeu­ten soll, daß Chris­ti­ne Schirr­ma­cher zur offi­ziö­sen Schön­fär­be­rei Distanz hält, bin ich ein­ver­stan­den. Frei­lich wird damit nur etwas umschrie­ben, was sich für Wis­sen­schaft­ler von selbst ver­ste­hen soll­te; eine Gewähr für die Rich­tig­keit ihrer The­sen oder auch nur für die Frucht­bar­keit und Erkennt­nis­träch­tig­keit ihres Begriffs­sys­tems liegt dar­in noch lan­ge nicht. Tat­säch­lich folgt Weiß­mann Schirr­ma­cher in eine begriff­li­che Fal­le, näm­lich die unre­flek­tier­te Anwen­dung west­li­cher Begriffs­sys­te­me auf nicht­west­li­che Gesellschaften:

„Die Schwie­rig­kei­ten, den Islam auf den sozio­lo­gi­schen Begriff zu brin­gen, haben weni­ger mit der Viel­schich­tig­keit des zu beschrei­ben­den Phä­no­mens, also des Islam zu tun, als viel­mehr mit der Unzu­läng­lich­keit der ihn beschrei­ben­den Begrif­fe. Wir sind es gewöhnt, ‚Reli­gi­on‘, ‚Poli­tik‘, ‚Kul­tur‘ und ‚Recht‘ als Bezeich­nun­gen von­ein­an­der getrenn­ter und gegen­ein­an­der auto­no­mer Lebens­be­rei­che auf­zu­fas­sen. Die­se Begrif­fe sind aber nicht in einem his­to­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Vaku­um ent­stan­den, und ob sie uni­ver­sell anwend­bar sind, ist durch­aus fraglich.

Sie sind dazu ent­wi­ckelt wor­den, eine ganz bestimm­te Gesell­schaft zu beschrei­ben – unse­re eige­ne, funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­te west­li­che Gesell­schaft -, wes­we­gen sie deren Ange­hö­ri­gen, also uns, auch ohne wei­te­res ein­leuch­ten. Es gibt aber a prio­ri kei­nen Grund zu der Annah­me, dass die­ses Begriff­sys­tem zwangs­läu­fig eben­so gute Diens­te bei der Ana­ly­se nicht­west­li­cher Gesell­schaf­ten leis­ten müs­se; es gibt sogar erst­klas­si­ge Argu­men­te dage­gen:

Die Unter­schei­dung von Reli­gi­on und Poli­tik etwa, die uns so selbst­ver­ständ­lich erscheint, dass wir nicht mehr dar­über nach­den­ken, spie­gelt sich beim Reden über den Islam in dem anti­the­ti­schen Gebrauch der Begrif­fe ‚Islam‘ und ‚Isla­mis­mus‘: das eine eine Reli­gi­on, das ande­re etwas (nach unse­rem Ver­ständ­nis) voll­kom­men ande­res, näm­lich eine poli­ti­sche Ideo­lo­gie, die den Islam bloß ‚miss­braucht‘, und zwar als Arse­nal, aus dem sie sich mit Pro­pa­gan­daslo­gans ver­sorgt. Dass der Isla­mis­mus zum Islam in der­sel­ben Wei­se gehö­ren könn­te wie der Rüs­sel zu besag­tem Ele­fan­ten, ist für vie­le Men­schen buch­stäb­lich un-denk­bar, weil es in ihrem Begriffs­sys­tem nicht vor­ge­se­hen ist.

(…)

Kein erst­zu­neh­men­der Isla­m­ex­per­te (und noch weni­ger die Mus­li­me selbst) wür­de bestrei­ten, dass der Islam sich selbst als umfas­sen­de Lebens­ord­nung ver­steht – also nicht etwa als Reli­gi­on, wie wir sie uns vor­stel­len, die man auch im stil­len Käm­mer­lein prak­ti­zie­ren könn­te, deren Befol­gung Pri­vat­sa­che wäre, und die sich vor allem auf die Got­tes­be­zie­hung des Ein­zel­nen aus­wirkt. Der Islam durch­dringt – sei­nem eige­nen Anspruch nach – auch Recht, Poli­tik, Kul­tur, Wis­sen­schaft und über­haupt jeden Lebens­be­reich. Es gibt im Islam kei­nen Vor­be­halt nach Art des neu­tes­ta­ment­li­chen ‚So gebt dem Kai­ser, was des Kai­sers ist, und Gott, was Got­tes ist.‘ (Mt 22,21) Es gibt kei­ne islam­freie Zone, zumin­dest soll es kei­ne geben.

Dies, wie gesagt, wird auch zuge­stan­den, und dass der Islam kei­ne Säku­la­ri­sie­rung erlebt hat, gehört mitt­ler­wei­le fast schon zur All­ge­mein­bil­dung. Bis­her fühl­te sich aber kaum einer beru­fen, die sozio­lo­gi­schen Kon­se­quen­zen die­ses unbe­strit­te­nen Sach­ver­hal­tes zu ana­ly­sie­ren. Es scheint auch nie­man­dem auf­zu­fal­len, wie inkon­se­quent es ist, das Feh­len der Säku­la­ri­sie­rung isla­mi­scher Gesell­schaf­ten fest­zu­stel­len, die­se Gesell­schaf­ten aber in Begrif­fen zu beschrei­ben, die eine sol­che Säku­la­ri­sie­rung gera­de voraussetzen.“

(a.a.O., S. 10 f., 13)

Eine Gesell­schaft, deren lei­ten­des Nor­men- und Wer­te­sys­tem die reli­giö­se Ver­an­ke­rung auch von Poli­tik und Recht for­dert, bringt mit Not­wen­dig­keit regel­mä­ßig Kräf­te her­vor, die damit Ernst machen – in einem moder­nen Kon­text also Isla­mis­ten –, und zwar typi­scher­wei­se dann, wenn der Islam als Grund­la­ge der gesell­schaft­li­chen Ord­nung noch nicht eta­bliert ist, oder wenn er in die­ser Hin­sicht ange­foch­ten wird. Dies ist nicht nur ein deduk­tiv gewon­ne­ner theo­re­ti­scher, son­dern auch ein empi­ri­scher Befund: Die Into­le­ranz gegen­über Nicht­mus­li­men und „schlech­ten“, d.h. non­kon­for­men Mus­li­men, und die Rigi­di­tät, mit der die isla­mi­schen Nor­men durch­ge­setzt wer­den, ist regel­mä­ßig dann am größten,

  • wenn die gesell­schaft­li­che Ord­nung zusam­men­ge­bro­chen ist und rekon­sti­tu­iert wer­den muss, wie heu­te in den geschei­ter­ten Staa­ten Afgha­ni­stan und Soma­lia, oder
  • wenn Mus­li­me noch in der Min­der­heit, aber bereits mäch­tig genug sind, die Isla­mi­sie­rung nicht­mus­li­mi­scher Gesell­schaf­ten zu erzwin­gen, wie es in den frü­hen Pha­sen sowohl der ara­bi­schen als auch der tür­ki­schen Expan­si­on der Fall war (ein Aspekt, der uns zu den­ken geben soll­te, zumal wenn wir sehen, daß der Islam in Tei­len der mus­li­mi­schen Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten in Euro­pa um eini­ges rigi­der inter­pre­tiert wird als in den meis­ten Her­kunfts­län­dern der Migran­ten), oder
  • wenn die isla­mi­schen Gesell­schaf­ten von außen durch nicht­mus­li­mi­sche Mäch­te bedroht wer­den, mili­tä­risch etwa wäh­rend der Kreuz­zü­ge, wirt­schaft­lich, kul­tu­rell und mili­tä­risch durch die west­li­che Expan­si­on seit dem 19.Jahrhundert.

Vom Stand­punkt einer ganz bestimm­ten Ideo­lo­gie kann Isla­mis­mus frei­lich nichts mit dem Islam und der mit ihm zusam­men­hän­gen­den sozio­lo­gi­schen Eigen­ge­setz­lich­keit mus­li­mi­scher Gesell­schaf­ten zu tun haben, weil sie miß­lie­bi­ge gesell­schaft­li­che Erschei­nun­gen, eben auch den Isla­mis­mus, bereits aus ideo­lo­gi­schem Prin­zip auf „Unter­drü­ckung, Armut und Not“ zurück­führt. Weiß­mann faßt Schirr­ma­chers Aus­füh­run­gen zu den Ursa­chen des Isla­mis­mus so zusammen:

Er [der Isla­mis­mus] sei eine „tota­li­tä­re Ideo­lo­gie“ mit einem im Kern „uto­pi­schen Welt­bild“, die auf die Unter­drü­ckung, die Armut und die Not in den Gebie­ten des Nahen Ostens seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts mit dem Ange­bot eines „ganz­heit­li­chen Islam“ reagierte.

Wie sie mit die­sem Modell den Erfolg von Isla­mis­ten in Euro­pa erklä­ren will, wo Mus­li­me weit­aus mehr Rech­te und mehr Wohl­stand genie­ßen als in den meis­ten ihrer Her­kunfts­län­der, wird wohl Schirr­ma­chers – und, da er sie zustim­mend zitiert, auch Weiß­manns – Geheim­nis blei­ben. Ich geste­he, daß ich die Beden­ken­lo­sig­keit und Nai­vi­tät eini­ger­ma­ßen befremd­lich fin­de, mit der Weiß­mann, ein pro­fi­lier­ter Kon­ser­va­ti­ver, anschei­nend im Ver­trau­en auf „die Wis­sen­schaft“, ein Erklä­rungs­mus­ter über­nimmt, das erkenn­bar in den Prä­mis­sen lin­ker Ideo­lo­gie ver­wur­zelt ist.

Weiß­mann zufol­ge, der ihr auch hier folgt, weist Schirr­ma­cher die Argu­men­ta­ti­on der Islam­kri­ti­ker, wonach der Isla­mis­mus nur kon­se­quent prak­ti­zie­re, was der Islam schon immer gefor­dert habe, (näm­lich die Ein­heit von Reli­gi­on und Poli­tik unter dem Gesetz der Scha­ria) und des­halb not­wen­dig aus ihm her­vor­ge­he, mit dem Argu­ment zurück,

daß die Mehr­zahl der Mos­lems … von die­sem Kon­zept weit ent­fernt sind.

Das isla­mis­ti­sche Poten­zi­al sei mit cir­ca 10 Pro­zent der Her­an­wach­sen­den zwar erheb­lich, aber den­noch nur minoritär.

Abge­se­hen davon, daß schlech­ter­dings nicht zu erken­nen ist, inwie­fern Fest­stel­lun­gen die­ser Art die The­se wider­le­gen sol­len, der Islam brin­ge den Isla­mis­mus als sol­chen mit Not­wen­dig­keit her­vor, ist der zen­tra­le Denk­feh­ler die­ses Argu­ments die Gleich­set­zung von Quan­ti­tät und Qua­li­tät – so, als hin­ge die Durch­schlags­kraft radi­ka­ler ideo­lo­gi­scher Posi­tio­nen vom Bevöl­ke­rungs­an­teil ihrer Anhän­ger ab; neben­bei gesagt ein Denk­feh­ler, der einem nur vom typisch libe­ra­len Stand­punkt eines indi­vi­dua­li­sie­ren­den Den­kens unter­lau­fen kann, das die Dyna­mik sozia­ler Bezie­hun­gen aus­blen­det (und des­halb aus Weiß­manns Feder merk­wür­dig inkon­sis­tent wirkt):

Allein ihre eige­ne nicht abrei­ßen­de Ket­te von Nie­der­la­gen in den letz­ten fünf­zig Jah­ren soll­te deut­sche Kon­ser­va­ti­ve hin­rei­chend dar­über belehrt haben, daß klei­ne radi­ka­le Min­der­hei­ten sehr wohl in der Lage sind, ihre Vor­stel­lun­gen auch gegen eine wider­stre­ben­de Mehr­heit durch­zu­set­zen, wenn die­se Mehr­heit nicht aktiv gegen­steu­ert, weil und sofern sie, die Min­der­heit, dabei einen bestehen­den ideo­lo­gi­schen Kon­sens zu ihren Guns­ten umdeu­tet und aus­nutzt. Ein sol­cher Grund­kon­sens, und zwar über die Gel­tung isla­mi­scher Nor­men, besteht in den mus­li­mi­schen Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten aber sehr wohl; die­se Gemein­schaf­ten bil­den den Reso­nanz­bo­den, ohne den die Isla­mis­ten in der Tat nicht erfolg­ver­spre­chend agie­ren könn­ten; und fata­ler­wei­se liegt zudem die Defi­ni­ti­ons­macht, was „die Mus­li­me“ wol­len und „der Islam“ for­dert, in den Hän­den von Orga­ni­sa­tio­nen, die meist selbst isla­mis­tisch sind (und selbst die, die das nicht sind, weil sie zum Bei­spiel eth­nisch defi­nier­te Inter­es­sen ver­tre­ten, las­sen sich mühe­los vor den Kar­ren der Isla­mis­ten spannen).

Des wei­te­ren hängt die Durch­set­zungs­fä­hig­keit gera­de von Isla­mis­ten nicht zuletzt von ihrer Gewalt­be­reit­schaft ab, die als hem­men­der und ein­schüch­tern­der Fak­tor ins Kal­kül nicht­mus­li­mi­scher Akteu­re – etwa von Poli­zei­be­am­ten oder Poli­ti­kern, aber auch von ein­fa­chen Bür­gern – einfließt.

Und schließ­lich wer­den isla­mi­sche Stan­dards – etwa, Mus­li­me nicht zu „pro­vo­zie­ren“, als Frau oder Mäd­chen isla­mi­schen Vor­stel­lun­gen von „Sitt­lich­keit“ zu ent­spre­chen, Mus­li­men Tri­bu­te zu ent­rich­ten, gewalt­sa­me Macht­de­mons­tra­tio­nen von Mus­li­men zu dul­den – durch­aus nicht nur und nicht ein­mal über­wie­gend von Isla­mis­ten durch­ge­setzt, son­dern vor allem von Kri­mi­nel­len, denen dabei aber jedes Unrechts­be­wußt­sein fehlt, weil ihr Ver­hal­ten ja „nur“ gegen das Recht der „Ungläu­bi­gen“ ver­stößt und daher in ihrer mus­li­mi­schen Umge­bung auf­grund von deren sozia­li­sa­to­ri­scher Prä­gung kei­ne ener­gi­sche sozia­le Miß­bil­li­gung erfährt.

Drit­te von Weiß­mann ange­foch­te­ne These:

3. Es gibt eine Kontinuität der islamischen Aggression

Weiß­mann zitiert in die­sem Zusam­men­hang Ber­nard Lewis, der die fort­schrei­ten­de Isla­mi­sie­rung Euro­pas als „drit­te Angriffs­wel­le der isla­mi­schen Expan­si­on“ (nach der ara­bi­schen und der tür­kisch-osma­ni­schen) deu­tet, und wen­det dage­gen ein,

daß die Migra­ti­on kein Teil einer isla­mi­schen Stra­te­gie war. Wer als Arbei­ter oder als Flücht­ling in den Wes­ten ging, tat das aus einer indi­vi­du­el­len Moti­va­ti­on, kaum je mit dem Ziel, die umma aus­zu­wei­ten. (…) Die Isla­mi­sie­rung Euro­pas erweist sich inso­fern als Neben­ef­fekt eines Bevöl­ke­rungs­aus­tauschs, nicht als Ergeb­nis einer lang­fris­ti­gen Kon­zep­ti­on. Es soll damit gar nicht bestrit­ten wer­den, … daß vom tür­ki­schen Staats­is­lam bis zu dschi­ha­dis­ti­schen Grup­pen alle mög­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen sich die Schwä­che des libe­ra­len Sys­tems zu Nut­ze machen … , aber die Annah­me, es gäbe dahin­ter so etwas wie einen Mas­ter­plan, geht an den Rea­li­tä­ten offen­sicht­lich vorbei.

Weiß­mann behaup­tet also, die mus­li­mi­sche Mas­sen­mi­gra­ti­on sei nicht als Dschi­had zu wer­ten, und begrün­det dies unter ande­rem damit, dass es an ihrem Beginn, also um 1960, kei­nen isla­mi­schen „Mas­ter­plan“ zur Isla­mi­sie­rung Euro­pas gege­ben habe. Die­ses Argu­ment ist inso­fern eine glat­te The­ma­ver­feh­lung, als es bes­ten­falls die Fra­ge beant­wor­tet, ob der Islam 1960 unser Feind war, nicht aber die, um die es geht, näm­lich, ob er es jetzt ist.

Tat­sa­che ist, dass das Ziel der Isla­mi­sie­rung Euro­pas schon in den sieb­zi­ger Jah­ren offen ver­kün­det wor­den ist, daß in die­ser Zeit isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen, spe­zi­ell aus dem Dunst­kreis der Mus­lim­bru­der­schaft, aus­ge­klü­gel­te Stra­te­gien zur Unter­wan­de­rung der euro­päi­schen Gesell­schaf­ten vor­ge­legt haben, und daß heu­te unter prak­tisch allen maß­geb­li­chen isla­mis­ti­schen Stra­te­gen und ihren Orga­ni­sa­tio­nen Kon­sens über die Grund­zü­ge die­ser Stra­te­gie besteht. Dabei agie­ren die­se Orga­ni­sa­tio­nen aber nicht im luft­lee­ren Raum, son­dern kal­ku­lie­ren das auf­grund isla­mi­scher Sozia­li­sa­ti­on erwart­ba­re Ver­hal­ten (ohne das ihre Stra­te­gien gar nicht funk­tio­nie­ren könn­ten) ihrer Glau­bens­brü­der an der Basis als selbst­ver­ständ­li­che Vor­ga­be ein.

Gera­de die­ses Ver­hal­ten von Ali Nor­mal­mus­lim ist der Dreh- und Angel­punkt die­ser Stra­te­gien, und dies nicht etwa des­halb, weil alle Mus­li­me glü­hen­de Dschi­ha­dis­ten wären, son­dern gera­de des­halb, weil sie das gar nicht zu sein brau­chen, um den gewünsch­ten Effekt zu erzie­len. Weiß­manns Über­le­gun­gen, sofern sie auf die indi­vi­du­el­len Moti­ve von mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rern abstel­len, tau­gen schwer­lich als Argu­ment gegen eine Islam­kri­tik, deren Poin­te gera­de dar­in liegt, daß der Dschi­had im Islam struk­tu­rell ver­an­kert und damit von den Kon­tin­gen­zen indi­vi­du­el­ler Motiv­la­gen unab­hän­gig ist.

Kon­kre­ti­sie­ren wir dies an eini­gen Beispielen:

Es ist all­ge­mein bekannt, daß tür­ki­sche Ein­wan­de­rer sich ihre Ehe­part­ne­rin­nen sehr häu­fig in der Tür­kei suchen und sie dann nach Deutsch­land holen, weil sie davon aus­ge­hen, daß sol­che Frau­en ein tra­di­tio­nell isla­mi­sches Wer­te­mus­ter mit­brin­gen und nicht von west­li­chen Ideen ange­krän­kelt sind. Mit Dschi­ha­dis­mus hat dies auf den ers­ten Blick nichts zu tun; das indi­vi­du­el­le Motiv, das hin­ter einem sol­chen Ver­hal­ten steht, dürf­te in den meis­ten Fäl­len der ver­ständ­li­che Wunsch sein, eine har­mo­ni­sche Ehe zu füh­ren, wozu eben auch gemein­sa­me sitt­lich-reli­giö­se Wer­te gehö­ren. Dies bedeu­tet frei­lich zugleich, daß ein ande­res Motiv, näm­lich der Wunsch, in Har­mo­nie mit den Erwar­tun­gen der (deut­schen) Gesell­schaft zu leben, kei­ne wesent­li­che Rol­le spielt.

Die­se Ableh­nung sozia­ler Erwar­tun­gen, die von Nicht­mus­li­men an Mus­li­me gerich­tet wer­den, ist als Norm kul­tu­rell ver­an­kert und nicht zwangs­läu­fig vom indi­vi­du­el­len Glau­ben abhän­gig. Daß nicht jeder Ein­zel­ne von sol­chen Nor­men glei­cher­ma­ßen stark und in glei­cher Wei­se geprägt ist (wie oben schon erwähnt), ändert nichts an dem Resul­tat, das sich ergibt, wenn wir nicht den ein­zel­nen Mus­lim, son­dern die isla­mi­sche Gemein­schaft als Gan­ze in den Blick neh­men. Wir haben es hier mit der unmit­tel­ba­ren Wir­kung kul­tu­rell ver­in­ner­lich­ter isla­mi­scher Nor­men zu tun, ins­be­son­de­re dem Gebot, zu Nicht­mus­li­men kei­ne „sozia­len Bezie­hun­gen zu unter­hal­ten, die die Gefahr des Abfalls vom oder des Ver­rats am Islam mit sich brin­gen, ganz gleich, ob die­se Gefahr auf emo­tio­na­ler Nähe, poli­ti­scher Abhän­gig­keit oder recht­li­cher Bin­dung basiert“ (Dschi­had-Sys­tem, S.116).

Es soll also alles unter­las­sen wer­den, was die inner­mus­li­mi­sche Soli­da­ri­tät im Ver­hält­nis zu Nicht­mus­li­men beein­träch­tigt, und dies gilt auch und gera­de für die poli­ti­sche Soli­da­ri­tät. Für Mus­li­me, auch die kri­ti­schen unter ihnen, ist es dem­ge­mäß nahe­zu unmög­lich, eine nicht­mus­li­mi­sche Nati­on als ihre eige­ne in dem Sin­ne zu betrach­ten, daß sie sich in poli­ti­schen Fra­gen an deren Lebens­in­ter­es­sen (und nicht an den Inter­es­sen ihrer jewei­li­gen mus­li­mi­schen Her­kunfts­na­ti­on) ori­en­tier­ten. Dies ist mit­nich­ten eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, wie das Bei­spiel der Nach­kom­men von Huge­not­ten und pol­ni­schen Migran­ten lehrt; es ist eine mus­li­mi­sche Besonderheit.

Dort aber, wo Mus­li­me im Wes­ten sich einen nicht­mus­li­mi­schen Ehe­part­ner suchen, also bei gemischt­re­li­giö­sen Paa­ren, die es ja auch gibt, ist der mus­li­mi­sche Part­ner in der Regel der Mann. Wie­der­um ein Sach­ver­halt, bei dem man über indi­vi­du­el­le dschi­ha­dis­ti­sche Moti­ve bes­ten­falls frucht­los spe­ku­lie­ren kann, des­sen Ver­wur­ze­lung im isla­mi­schen Nor­men­sys­tem aber offen zuta­ge liegt:

„Ein häu­fig über­se­he­ner Aspekt des isla­mi­schen Rechts liegt in den Regeln dar­über, wer wen hei­ra­ten darf: Frau­en dür­fen näm­lich unter kei­nen Umstän­den ‚Ungläu­bi­ge‘ hei­ra­ten, wäh­rend Män­ner das durch­aus dür­fen. Zumin­dest, soweit die ‚Ungläu­bi­gen‘ zu den ‚Schrift­be­sit­zern‘ gehö­ren, also Chris­tin­nen oder Jüdin­nen sind.“ (Dschi­had-Sys­tem, S.129)

Die­se Norm ist eine Dschi­had-Norm, hat his­to­risch auch in die­sem Sin­ne funk­tio­niert und ihren Teil zur Ver­drän­gung nicht­mus­li­mi­scher Gemein­schaf­ten beigetragen:

„Eine Gemein­schaft wie die isla­mi­sche …, die [das] Exo­ga­mie­ver­bot für Män­ner auf­hebt, für Frau­en aber nicht, betreibt nicht Kon­so­li­die­rung, son­dern demo­gra­phi­sche Expan­si­on … : Wer die eige­nen Mäd­chen nur inner­halb der eige­nen Gemein­schaft ver­hei­ra­tet, die der ande­ren Grup­pen aber weg­hei­ra­tet und dafür sorgt, dass deren Kin­der die Reli­gi­on des Vaters anneh­men (was mit einer gewis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit unter­stellt wird), sorgt dafür, dass die ande­ren Grup­pen durch Osmo­se lang­sam, aber sicher ver­schwin­den.“ (Dschi­had-Sys­tem, S.130)

Ich zitie­re die­se Bei­spie­le, um zu illus­trie­ren, wie irre­füh­rend es ist, von „Dschi­had“ nur dort zu spre­chen, wo irgend­wel­che „Mas­ter­plä­ne“ ver­folgt werden:

„Wer … in einem ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Sin­ne nach dem gro­ßen Strip­pen­zie­her sucht, wird ent­täuscht wer­den. Der Islam hat der­glei­chen nicht nötig, weil die Strip­pen schon vor ein­tau­send­vier­hun­dert Jah­ren vom Pro­phe­ten Moham­med – Mus­li­me glau­ben frei­lich: von Allah selbst – gezo­gen wor­den sind.“ (Dschi­had-Sys­tem, S.287).

Der Islam ist nicht des­halb ein Dschi­had­sys­tem, weil alle Mus­li­me Isla­mis­ten wären und im Kampf für die Aus­brei­tung des Islam ihren Lebens­sinn suchen wür­den – dies ist offen­sicht­lich nicht der Fall, auch wenn der Islam auch sol­che Men­schen mit Not­wen­dig­keit her­vor­bringt, sie eine wich­ti­ge Rol­le im Dschi­had spie­len und ihre Anzahl erschre­ckend hoch ist –, son­dern weil die isla­mi­schen Sozi­al­nor­men so auf­ein­an­der abge­stimmt sind, daß selbst ihre im Ein­zel­fall viel­leicht halb­her­zi­ge Befol­gung, sofern sie nur als Nor­mal­fall unter­stellt wer­den kann, die isla­mi­sche umma in die Lage ver­setzt, nicht­mus­li­mi­sche Völ­ker unter Druck zu set­zen und gege­be­nen­falls auch zu verdrängen.

Eine libe­ral-indi­vi­dua­li­sie­ren­de Betrach­tungs­wei­se frei­lich, die den Islam nicht als Grund­la­ge einer Gesell­schafts­ord­nung betrach­tet, son­dern als ledig­lich indi­vi­du­el­len Glau­ben, der folg­lich nur in den Köp­fen von Mus­li­men exis­tie­ren, nicht aber in sozia­len Struk­tu­ren objek­ti­viert sein kann – eine sol­che Betrach­tungs­wei­se kann „den Islam“ als sozia­les Sys­tem und sei­ne Dyna­mik gar nicht in den Blick bekom­men. Wo aber bereits Prä­mis­se ist, daß es den Islam im Grun­de nicht gibt, son­dern nur vie­le Mus­li­me, kann als Schluß­fol­ge­rung auch nichts ande­res herauskommen.

Genau dies ist auch der Punkt, an dem Weiß­manns Kri­tik an der vier­ten islam­kri­ti­schen The­se scheitert:

4. Der Islam bildet eine Einheit

Die Annah­me eines beson­de­ren isla­mi­schen Gefah­ren­po­ten­ti­als bezieht ihre Plau­si­bi­li­tät selbst­ver­ständ­lich auch aus der Vor­stel­lung, daß der Islam als Ein­heit agiert. Soweit die­se Annah­me nicht ein­fach auf Igno­ranz beruht, spielt vor allem die Geo­po­li­tik eine Rol­le für ent­spre­chen­de Argu­men­te. (…) Aus der Sicht der Geo­po­li­tik erschei­nen selbst­ver­ständ­lich auch die Hypo­the­sen Samu­el Hun­ting­tons in bezug auf den „Kampf der Kul­tu­ren“ beson­ders plausibel.

Es ist zutref­fend, daß ins­be­son­de­re die libe­ra­len Tei­le der islam­kri­ti­schen Sze­ne, die sich beson­ders mit „dem Wes­ten“ und des­sen Füh­rungs­macht USA iden­ti­fi­zie­ren, Hun­ting­tons The­se viel abge­win­nen kön­nen. Weiß­mann scheint aber nicht Betracht zu zie­hen, daß man die Akteurs­ei­gen­schaft des Islam auch ohne Rück­griff auf geo­po­li­ti­sche Denk­fi­gu­ren beja­hen kann. Wer sol­ches tut, ist laut Weiß­mann nicht etwa Ver­fech­ter einer alter­na­ti­ven Theo­rie, son­dern schlicht ein Igno­rant. Da ich selbst der Geo­po­li­tik eher abhold bin, muß mei­ne Nei­gung zur Islam­kri­tik daher wohl auf mei­ne noto­ri­sche Igno­ranz zurück­zu­füh­ren sein.

Weiß­mann weist Theo­rien, die den Islam als Ein­heit auf­fas­sen, mit zwei zen­tra­len Argu­men­ten zurück:

Ers­tens gebe es auch zwi­schen mus­li­mi­schen Makro­ak­teu­ren man­nig­fa­che Konflikte:

Unbe­streit­bar ist es jeden­falls so, daß die drei Haupt­trä­ger der isla­mi­schen Renais­sance – zuerst die Ira­ner, dann die Ara­ber, zuletzt die Tür­ken – unter­schied­li­che Gene­ral­li­ni­en ver­fol­gen und in einem, gele­gent­lich zu mili­tä­ri­schen Kon­flik­ten füh­ren­den, Kon­kur­renz­ver­hält­nis zuein­an­der stehen.

Zwei­tens ver­fü­ge der Islam über kein ent­schei­dungs­fä­hi­ges Zen­trum, des­sen es aber bedürf­te, damit er eine Feinder­klä­rung aus­spre­chen und durch­fech­ten könne:

Tat­säch­lich ist der Islam seit den Tagen der ers­ten Kali­fen kein Gan­zes mehr gewe­sen, er besitzt kei­ne Kir­chen­struk­tur und kei­nen Kle­rus, und es gibt per­ma­nent mas­si­ve Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen isla­mi­schen Kon­fes­sio­nen und Fraktionen …

Weil dies so sei, so fol­gert Weiß­mann wei­ter unten in sei­nem Fazit, kön­ne er auch nicht sinn­vol­ler­wei­se Gegen­stand einer Feinder­klä­rung sein, weil eine sol­che sich

gegen eine Grö­ße [rich­ten müß­te], die als sol­che gar nicht exis­tiert: der Islam. Feind kann aber nur sein, wer, mit Carl Schmitt, als eine „der rea­len Mög­lich­keit nach kämp­fen­de Gesamt­heit von Men­schen auf­tritt“… Und das ist nicht der Fall.

Hal­ten wir zunächst fest, daß die­se Argu­men­ta­ti­on, sofern sie auf die Nicht­exis­tenz einer kir­chen­ar­ti­gen Hier­ar­chie und über­haupt eines Ent­schei­dungs­zen­trums abstellt und bereits des­we­gen dem Islam die Akteurs­ei­gen­schaft abspricht, an der­sel­ben Schwä­che krankt, die uns bereits oben im Zusam­men­hang mit den The­sen Schirr­ma­chers auf­ge­fal­len ist, näm­lich der unre­flek­tier­ten Über­tra­gung west­li­cher Begrif­fe und Ord­nungs­vor­stel­lun­gen auf eine Gesell­schaft, die auf ganz ande­ren kul­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen basiert, und die daher nicht unbe­dingt in unse­ren Begrif­fen sinn­voll zu beschrei­ben ist. Wir sind es – zwei­fel­los auch vor dem Hin­ter­grund unse­rer libe­ra­len Rechts­tra­di­tio­nen, bei Weiß­mann auch einer kon­ser­va­ti­ven Nei­gung zum Eta­tis­mus – gewöhnt, als „Akteu­re“ (neben Ein­zel­per­so­nen) nur sol­che sozia­len Sys­te­me auf­zu­fas­sen, die ein rela­tiv hohes Maß an for­ma­ler Orga­ni­sa­ti­on auf­zu­wei­sen haben, also etwa Staa­ten, Kir­chen, Par­tei­en, Unter­neh­men etc., und hier­ar­chisch orga­ni­siert sind.

Dabei ist bereits mit Blick auf unse­re eige­ne Gesell­schaft durch­aus frag­lich, ob sich die in ihr exis­tie­ren­den Macht­struk­tu­ren und Kon­flikt­la­gen auf der Basis eines sol­chen Vor­ver­ständ­nis­ses noch sinn­voll beschrei­ben las­sen: Nach des­sen Logik näm­lich wären auch die poli­ti­sche Lin­ke, die glo­ba­len Eli­ten, die poli­ti­sche Klas­se oder das Sys­tem der eta­blier­ten Medi­en nicht als Akteu­re (und dem­ge­mäß auch nicht als Fein­de) anzu­spre­chen, da sie in sich jeweils nicht zen­tra­lis­tisch und hier­ar­chisch, son­dern netz­ar­tig struk­tu­riert und zudem durch star­ke inter­ne Kon­kur­renz­ver­hält­nis­se geprägt sind. Wer sich frei­lich nur auf die­se Kon­kur­renz­me­cha­nis­men und inter­nen Inter­es­sen­kon­flik­te kon­zen­triert, wird immer wie­der über­rascht sein, wie sehr die­se angeb­li­chen Nicht-Akteu­re im Ver­hält­nis zu ihrer Umwelt zu koor­di­nier­tem Han­deln in der Lage sind, das kaum weni­ger effek­tiv ist, als wenn es durch eine zen­tra­le Instanz gesteu­ert wür­de. Gera­de die poli­ti­sche Rech­te, die von all die­sen Sys­te­men als Feind mar­kiert und erfolg­reich bekämpft wird, hat wenig Anlaß, die Feind­fä­hig­keit sol­cher Kol­lek­tiv­ak­teu­re von der Exis­tenz jeweils zen­tra­ler Ent­schei­dungs­in­stan­zen abhän­gig zu machen.

Dar­über­hin­aus bedarf Carl Schmitts Defi­ni­ti­on, wonach Feind nur sein kön­ne, wer als „der rea­len Mög­lich­keit nach kämp­fen­de Gesamt­heit von Men­schen auf­tritt“, der Prä­zi­sie­rung und Erläu­te­rung: Damit ist näm­lich nicht gemeint, daß etwa buch­stäb­lich jeder Staats­bür­ger einer krieg­füh­ren­den Macht, womög­lich ein­schließ­lich der Säug­lin­ge und Grei­se, auch fak­tisch kämp­fen müs­se, und nicht ein­mal, daß jeder Sol­dat ein Kämp­fer sein müs­se. Die Exis­tenz etwa von Befehls­ver­wei­ge­rung, Sabo­ta­ge, Spio­na­ge, Feig­heit, Deser­ti­on etc., all­ge­mein gespro­chen die indi­vi­du­el­le Miß­ach­tung von kampf­be­zo­ge­nen Ver­hal­tens­er­war­tun­gen beein­träch­tigt zwar den Kampf­wert einer Streit­macht, stellt aber ihre Fähig­keit, eine Feinder­klä­rung durch­zu­fech­ten, nicht prin­zi­pi­ell in Fra­ge, solan­ge die Erfül­lung als Nor­mal­fall unter­stellt wer­den kann und daher koor­di­nier­tes Han­deln mög­lich ist. Dies hat auch nichts mit indi­vi­du­el­len Moti­va­tio­nen zu tun: Es spielt kei­ne Rol­le, ob der Sol­dat kämpft, weil er den Sieg sei­ner Armee wünscht, oder weil er sicher­stel­len möch­te, daß ihm sein Sold regel­mä­ßig aus­ge­zahlt wird, oder weil er Kar­rie­re machen möch­te (Ganz all­ge­mein sind sozia­le Sys­te­me in dem Maße erfolg­reich, wie sie indi­vi­du­el­le Moti­ve vor den Kar­ren des Gemein­wohls span­nen kön­nen und sich damit von der Gemein­wohl­ori­en­tie­rung des Ein­zel­nen unab­hän­gig machen.). Und schließ­lich ver­steht es sich von selbst, daß nur dort gekämpft wird, wo auch gekämpft wer­den kann, im Zwei­fel also an der Front.

Nach Carl Schmitt ist eine poli­ti­sche Ein­heit, wer eine Feinder­klä­rung aus­spre­chen und durch­fech­ten kann. Theo­rie­im­ma­nent ist es kei­nes­wegs erfor­der­lich, daß die Feinder­klä­rung stets kon­kret und situa­ti­ons­be­zo­gen aus­ge­spro­chen wird; eine abs­trak­te und kon­di­tio­nier­te Feinder­klä­rung genügt voll­kom­men, sofern sicher­ge­stellt ist, daß bei Ein­tritt der Bedin­gun­gen der Kampf auch tat­säch­lich sinn­voll koor­di­niert geführt wird. Dies ist beim Islam der Fall, des­sen lei­ten­der Gedan­ke die Feinder­klä­rung gegen alle Ungläu­bi­gen ist (die frei­lich nur dort kon­kret wer­den kann, wo mus­li­mi­sche mit nicht­mus­li­mi­schen Akteu­ren tat­säch­lich in der Wei­se in Berüh­rung kom­men, daß sie sinn­vol­ler­wei­se kämp­fen kön­nen – wo also so etwas wie eine Front exis­tiert), und des­sen gesam­tes Nor­men­sys­tem dar­auf hin opti­miert ist, mus­li­mi­sche zur Ver­drän­gung von nicht­mus­li­mi­schen Grup­pen zu befä­hi­gen, mit denen sie im sel­ben sozia­len Raum zusam­men­tref­fen; auf eine aus­ge­prägt dschi­ha­dis­ti­sche Moti­va­ti­on jedes ein­zel­nen Mus­lims kommt es dabei genau­so wenig an wie auf die strik­te Norm­be­fol­gung aller Muslime.

Die Nicht­exis­tenz eines Ent­schei­dungs­zen­trums ist dabei sogar ein Vor­teil, weil der Islam dadurch in sei­ner Eigen­schaft als poli­ti­sche Ein­heit nicht durch die Kor­rup­ti­on eines sol­chen Zen­trums in der Wei­se kom­pro­mit­tiert wer­den kann, wie es den euro­päi­schen Natio­nen durch den Ver­rat ihrer Eli­ten zur Zeit wider­fährt. Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch in der isla­mi­schen Welt zuhauf kor­rup­te Macht­ha­ber, deren Ver­hal­ten weit ent­fernt von einem isla­mi­schen Ide­al ist, indem sie zum Bei­spiel west­lich inspi­rier­te Refor­men durch­set­zen, sich mit west­li­chen Mäch­ten ver­bün­den, Frie­den mit Isra­el schlie­ßen oder die Gleich­be­rech­ti­gung von Ange­hö­ri­gen reli­giö­ser Min­der­hei­ten garan­tie­ren; damit stür­zen sie aber ihre Herr­schaft in tie­fe Legi­ti­mi­täts­kri­sen. Allein das Aus­maß an dik­ta­to­ri­scher Gewalt, die sie anwen­den müs­sen, um die Oppo­si­ti­on der Gesell­schaft gegen die­sen Ver­rat am Islam unter Kon­trol­le zu hal­ten, doku­men­tiert frei­lich die Stär­ke des Islam und gera­de nicht sei­ne Nicht­exis­tenz als poli­ti­sche Einheit.

Was die­se Ein­heit kon­sti­tu­iert und auf­recht­erhält, ist nicht der dar­auf gerich­te­te Wil­le eines Zen­trums, son­dern die gemein­sa­me, reli­gi­ös fun­dier­te, aber kul­tu­rell und sozia­li­sa­to­risch ver­in­ner­lich­te Bezug­nah­me der isla­mi­schen Gemein­schaft auf ein Nor­men­sys­tem, das die wech­sel­sei­ti­gen Ver­hal­tens­er­war­tun­gen inner­halb mus­li­mi­scher Gesell­schaf­ten struk­tu­riert, dadurch zu einer objek­ti­ven sozia­len Gege­ben­heit wird, zu der mus­li­mi­sche Akteu­re sich ver­hal­ten müs­sen, und ihrem Ver­hal­ten im Zwei­fel die Rich­tung weist, die der Kon­so­li­die­rung der poli­ti­schen Ein­heit und ihrer Kon­flikt­fä­hig­keit nach außen dient.

Wenn wir hier­zu­lan­de beob­ach­ten, daß Mus­li­me häu­fig und sogar typi­scher­wei­se ein Ver­hal­ten zei­gen, das dem Dschi­had im Sin­ne der Ver­drän­gung nicht­mus­li­mi­scher Völ­ker und Nor­men­sys­te­me för­der­lich ist (wäh­rend prak­tisch nie­mand von ihnen ein Ver­hal­ten zeigt, das die­sem Ziel direkt zuwi­der­lie­fe), so erweckt dies nicht zufäl­lig den Ein­druck koor­di­nier­ten Han­delns, son­dern weil die im ein­zel­nen unter­schied­li­chen Hand­lungs­mus­ter im Sys­tem der isla­mi­schen Nor­men einen gemein­sa­men Bezugs­punkt haben.

„Der Dschi­had spielt sich des­halb auf zwei mit­ein­an­der ver­schränk­ten und wech­sel­wir­ken­den Ebe­nen ab: Auf der Ebe­ne bewuss­ten ziel­ge­rich­te­ten Han­delns begeg­nen wir den eigent­li­chen Dschi­ha­dis­ten, auf der All­tags­ebe­ne der mal mehr, mal min­der tra­di­ti­ons­ori­en­tier­ten Lebens­wei­se von Mus­li­men, deren schein­bar unzu­sam­men­hän­gen­de pri­va­te Hand­lun­gen sich wie von selbst zu einer mäch­ti­gen gesell­schaft­li­chen Kraft ver­dich­ten, die die nicht­is­la­mi­schen Gesell­schaf­ten unter Druck setzt. Der Islam ist ein Dschi­had-Sys­tem, weil er bei­des not­wen­dig her­vor­bringt.“ (a.a.O., S.184)

Kom­men wir nun zur fünf­ten und letz­ten von Weiß­mann kri­ti­sier­ten The­se der Islamkritik:

5. Das Ziel des Islam ist die Islamisierung Europas beziehungsweise der Welt

Dabei bestrei­tet Weiß­mann nicht, daß dies tat­säch­lich das Ziel ist, glaubt aber Ent­war­nung geben zu dür­fen. Zwar besteht auch nach sei­ner Auf­fas­sung ein erns­tes Problem:

Aller­dings bleibt es dabei, daß in eini­gen Län­dern – wie Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich oder Schwe­den – die mos­le­mi­sche Grup­pe deut­lich stär­ker wach­sen wird. Daß es kei­nen Grund zur Ent­span­nung gibt, hat aber vor allem damit zu tun, daß man die Alters­struk­tur in den Blick neh­men muß. Es gibt eine star­ke Frak­ti­on jun­ger, vor allem jun­ger männ­li­cher Mos­lems, den soge­nann­te youth bul­ge, aus­ge­stat­tet mit einer „Hyperiden­ti­tät“ (Chris­to­pher Cald­well); es gibt die regio­na­le Kon­zen­tra­ti­on, vor allem in den Metro­po­len; es gibt die Mög­lich­keit wei­te­rer mas­si­ver Zuwan­de­rung – etwa in Fol­ge der Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men der Euro­päi­schen Uni­on und der nord­afri­ka­ni­schen Län­der; und es gibt über­haupt das Pro­blem der Bil­dung eth­ni­scher Brückenköpfe.

Den­noch wür­den Mus­li­me wei­ter­hin eine pro­ble­ma­ti­sche, aber doch ver­gleichs­wei­se klei­ne Min­der­heit bleiben:

Ohne Zwei­fel wächst die Zahl der Mos­lems in den Bal­lungs­zen­tren nicht nur Deutsch­lands, son­dern auch Euro­pas teil­wei­se dra­ma­tisch. Aber die meis­ten Pro­gno­sen gehen davon aus, daß die­ser Pro­zeß in abseh­ba­rer Zeit zum Still­stand kommt und dann auf einem mehr oder weni­ger hohen Niveau sta­gniert, daß aber der Bevöl­ke­rungs­an­teil der Mus­li­me in Euro­pa auch im Jahr 2030 ledig­lich acht Pro­zent (an Stel­le der heu­ti­gen sechs Pro­zent), in Deutsch­land 8,6 Pro­zent (an Stel­le der heu­ti­gen 6 Pro­zent) betra­gen wird. Das hängt wesent­lich mit der fal­len­den Gebur­ten­ra­te in mos­le­mi­schen Fami­li­en zusammen.

Wie aus der IfS-Stu­die (Fuß­no­te 96) her­vor­geht, stützt Weiß­mann sich hier aus­schließ­lich auf die Ver­öf­fent­li­chun­gen des Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lers Micha­el Blu­me, die expli­zit das Ziel ver­fol­gen, „isla­mo­pho­ben Popu­lis­ten“ (s. S.1 der pdf-Datei, die von Weiß­mann als Quel­le ange­führt wird) ent­ge­gen­zu­tre­ten, und der sei­ne Behaup­tung einer „fal­len­den Gebur­ten­ra­te in mos­le­mi­schen Fami­li­en“ zumin­dest in die­ser Quel­le mit ledig­lich einer ein­zi­gen Gra­fik unter­mau­ert (S.16), deren Quel­len sum­ma­risch ange­ge­ben wer­den, und deren Berech­nungs­me­tho­den nicht über­prüf­bar sind. Hier­zu nur drei kur­ze Anmerkungen:

Ers­tens: Es gibt eine neue­re Stu­die der Uni­ver­si­tät Ros­tock (Nad­ja Milew­ski, „Fer­ti­li­ty of Immi­grants. A Two-Genera­tio­nal Approach in Ger­ma­ny“), die zwar just zu dem Ergeb­nis kommt, die Gebur­ten­ra­ten von Migran­tin­nen wür­den sich denen der Deut­schen annä­hern, die­ses Ergeb­nis aber mit so hals­bre­che­ri­scher Rechen­akro­ba­tik erzwingt (begrün­det habe ich das in einem Arti­kel in mei­nem Blog „Kor­rekt­hei­ten“), daß der Umkehr­schluß unab­weis­bar ist, daß man die The­se mit sau­be­ren Mit­teln nicht hät­te unter­mau­ern kön­nen, daß sie also falsch ist.

Zwei­tens: Selbst wenn es ihn gäbe, wür­de ein even­tu­el­ler Rück­gang der Gebur­ten­ra­ten ein­ge­wan­der­ter Mus­li­min­nen die Ten­denz zur demo­gra­phi­schen Isla­mi­sie­rung kei­nes­wegs stop­pen; die Poli­tik wür­de die­ses „demo­gra­phi­sche Pro­blem“ ohne jeden Zwei­fel auf die­sel­be Wei­se „lösen“, wie sie es auch bis­her schon getan hat, näm­lich durch ver­stärk­te Mas­sen­ein­wan­de­rung, die nach Lage der Din­ge über­wie­gend aus isla­mi­schen Län­dern käme. In quan­ti­ta­ti­ver Hin­sicht wür­de sich die Isla­mi­sie­rung also kei­nes­wegs ver­lang­sa­men, in qua­li­ta­ti­ver sich sogar noch verstärken.

Drit­tens: Da die poli­ti­sche Moti­va­ti­on hin­ter sol­chen Stu­di­en mit Hän­den zu grei­fen ist, soll­te es sich von selbst ver­ste­hen, daß man ihnen als Kon­ser­va­ti­ver mit einem gewis­sen gesun­den Miß­trau­en gegen­über­tritt. Weiß­manns ver­trau­ens­se­li­ge Über­nah­me von „For­schungs­er­geb­nis­sen“, die pene­trant nach poli­tisch moti­vier­ter Des­in­for­ma­ti­on rie­chen, mutet an die­ser Stel­le so befremd­lich an wie oben die zustim­men­de Zitie­rung von Schirr­ma­chers „Erklä­rung“ für die Exis­tenz von Islamismus.

In sei­ner „Bilanz“ kri­ti­siert Weiß­mann die Islam­kri­tik vom stra­te­gi­schen Stand­punkt. Nach­dem er ihr vor­ge­wor­fen hat, ihre Feinder­klä­rung gegen eine nicht exis­tie­ren­de Grö­ße zu rich­ten und damit ein im Grun­de unpo­li­ti­sches Kon­zept zu ver­fol­gen, fährt er fort:

Inso­fern bin­det die Islam­kri­tik, soweit sie das und nichts ande­res ist, fata­ler­wei­se Kräf­te, die an ande­rer Stel­le ein­ge­setzt wer­den müß­ten: zur Bekämp­fung des wei­ßen Maso­chis­mus und eines Estab­lish­ments, das sich sei­ner bedient; …

Es ver­steht sich von selbst, daß der Islam nicht der ein­zi­ge und nicht ein­mal der Haupt­feind ist, weil es ihn als kämp­fen­den Feind gar nicht gäbe, wenn der inne­re Feind, also vor allem das Estab­lish­ment, ihm nicht die Tür geöff­net hät­te. Dar­aus aber zu schlie­ßen, er sei kei­ner, ist eine fal­sche Analyse.

… vor allem aber zur Stär­kung der natio­na­len und euro­päi­schen Identität.

Die Wahr­neh­mung, erst recht die Stär­kung der eige­nen Iden­ti­tät setzt vor allem vor­aus, daß man das Nicht­iden­ti­sche als fremd wahr­nimmt. Vie­len Euro­pä­ern ist die Ein­zig­ar­tig­keit ihrer Kul­tur in kei­ner Wei­se bewußt; sie ten­die­ren zu der Auf­fas­sung, alle Men­schen und Kul­tu­ren sei­en im Wesent­li­chen gleich, d.h. so wie sie selbst. Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Islam, der im Gegen­satz zu ande­ren frem­den Kul­tu­ren auf einer aus­ge­feil­ten Ideo­lo­gie basiert und daher nicht nur „irgend­wie“, son­dern in einer kon­kre­ten und benenn­ba­ren Wei­se fremd und anders ist, wirkt hier als heil­sa­me Roß­kur. „Wir“ ler­nen uns selbst ken­nen, indem wir „sie“ ken­nen­ler­nen – zumal „sie“ uns auch noch täg­lich ihre Kriegs­er­klä­run­gen ins Gesicht schreien.

Dabei scha­det es über­haupt nicht, daß nicht alle Islam­kri­ti­ker rechts sind, und daß man den Islam außer von einem kon­ser­va­ti­ven auch von einem lin­ken oder libe­ra­len Stand­punkt kri­ti­sie­ren kann und sogar muß: Die Fremd­ar­tig­keit des Islam tritt gera­de dadurch grell zuta­ge, daß es buch­stäb­lich kei­ne ein­zi­ge euro­päi­sche Geis­tes­tra­di­ti­on gibt, die nicht islam­kri­ti­sche Impli­ka­tio­nen hät­te, zumin­dest soweit der Islam bei uns einwandert.

Auf der ande­ren Sei­te ist Islam­kri­tik ein Quer­schnit­the­ma, an dem man prak­tisch jedes kon­ser­va­ti­ve oder rech­te The­ma auf­hän­gen kann. Dies nicht zu sehen und die dar­in lie­gen­den Chan­cen nicht wahr­zu­neh­men, ist so töricht wie (vom Stand­punkt ihrer eige­nen stra­te­gi­schen Inter­es­sen) die Hal­tung man­cher Sieb­zi­ger­jah­re-Lin­ker, die von Öko­lo­gie nichts wis­sen woll­ten, weil damit ja vom Klas­sen­kampf abge­lenkt wer­de und das The­ma über­haupt kon­ser­va­tiv besetzt war. Es ist durch­aus plau­si­bel, daß Islam­kri­tik für die Rech­te das wer­den könn­te, was das Öko­lo­gie­the­ma für die Lin­ke war, zumal sie bereits jetzt mit­nich­ten Kräf­te „gebun­den“, son­dern der Rech­ten ganz im Gegen­teil Kräf­te zuge­führt, zumin­dest aber in Ruf­wei­te gebracht hat, die sonst für sie uner­reich­bar gewe­sen wären.

Die dar­in lie­gen­den Chan­cen zu nut­zen, setzt frei­lich die Bereit­schaft vor­aus, sich mit neu­en The­men und Per­spek­ti­ven aus­ein­an­der­zu­set­zen. Die­se Offen­heit mag läs­tig sein und inso­fern auch „Kräf­te bin­den“ – eine Tugend, und zwar eine, die sich aus­zahlt, ist sie trotz­dem: eine Tugend übri­gens, die in der islam­kri­ti­schen Sze­ne deut­lich ver­brei­te­ter ist als in der kon­ser­va­ti­ven – ich ken­ne bei­de aus eige­ner Anschau­ung –, und durch die sich ers­te­re von letz­te­rer äußerst vor­teil­haft unterscheidet.

 Gastbeitrag

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