Sezession
1. August 2007

Grass & Co. Dimensionen einer politischen Farce

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 19/August 2007

sez_nr_192von Günter Scholdt

Auf einen, der, von allen geschunden, am Boden liegt, auch noch einzudreschen, gilt zu Recht als unfein. Aber das Bild ist schief. Denn Günter Grass wurde zwar letztes Jahr vom obersten Podest deutscher Moralhüter eine Stufe heruntergedrängt, aber schutzlos im Straßengraben liegt er mitnichten. Dafür sorgten schon zahlreiche seiner Kampfgenossen, von Klaus Staeck bis Johano Strasser, von Ralph Giordano bis Norbert Frei, von Wolfgang Thierse bis Franz Müntefering oder Gregor Gysi. Auch Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker wiegelte ab, und selbst Lech Walesa hat nach Grass' Bittbrief nun endlich die richtige Einsicht. Andere sitzen im gleichen Boot wie Walter Jens, und im übrigen gibt es gewiß mit Grass noch einiges (moralisch) zu verdienen. Auch die Nutznießer am Bau seines archivalischen Mausoleums haben lebhaftes Interesse an der Aufrechterhaltung des Imagewerts ihres „Brotgebers", und zu viele Personen im Inund Ausland ergingen sich jahrzehntelang in hymnischen Lobreden, so daß ein allzu starker Schwenk auch auf sie zurückfallen könnte.

Wohl sah sich Grass in der ihn kennzeichnenden Larmoyanz, die ihn überhaupt nicht verstehen läßt, was die bösen Leute denn von ihm wollen, eine Zeitlang verfolgt und hat vielleicht sogar wieder die Auswanderung erwogen, wie seinerzeit, als ihn der Spiegel gar zu karikieren wagte. Aber spätestens neuerliche Preisverleihungen und Beifallsbekundungen bei Talkshows haben ihn seiner weiteren treuen Anhängerschaft versichert, der er zur allgemeinen Beruhigung versprechen konnte, er werde sich dem „entarteten" deutschen Journalismus nicht beugen und „auch weiterhin den Mund aufmachen". Kurz: Wir sollten uns nicht allzusehr um ihn sorgen. Was hätte er wohl auch anderes verdient als schärfste Kritik, selbst wenn sie von Personen kommt, die nun schwerlich die Befähigung zum moralischen Richteramt besitzen: von selbstgerechten Parteikarrieristen etwa, die üblicherweise bei jeder sich bietenden Opportunität sogenannte Vergangenheitsbewältigung zum Zielschießen auf mißliebige Meinungen nutzen oder von jenen Vertretern im vermeintlich konservativen Lager, die dann ebenso alert wie hasenherzig ihre früheren politischen „Freunde" dem Rufmord preiszugeben pflegen.
Im Himmel herrscht zwar größere Freude über einen reuigen Sünder als über neunundneunzig Gerechte. Aber ein klein wenig Vergnügen mag man selbst dort empfinden über den Stolpertritt eines Scheinheiligen. Wer Wasser predigt, sollte nicht Wein trinken. Wer sich als Sittenapostel der Nation aufspielt, sollte nicht schwüle Kokainparties feiern. Wer den Rechtsstaat seinerzeit so vorgeführt hat wie ein prominenter Strafverteidiger von „engagierten", nur leider ein wenig raubenden und mordenden „Volksbefreiern", spielt als staatlicher Terroristenjäger eher eine groteske Rolle, es sei denn, er werde Innenminister der Bundesrepublik Deutschland. Und wer sich als Praeceptor Germaniae so mitleidlos anderen gegenüber geriert, muß sich an eigenen Scharfrichter-Maßstäben messen lassen.


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