Grass & Co. Dimensionen einer politischen Farce

pdf der Druckfassung aus Sezession 19/August 2007

sez_nr_192von Günter Scholdt

Auf einen, der, von allen geschunden, am Boden liegt, auch noch einzudreschen, gilt zu Recht als unfein. Aber das Bild ist schief. Denn Günter Grass wurde zwar letztes Jahr vom obersten Podest deutscher Moralhüter eine Stufe heruntergedrängt, aber schutzlos im Straßengraben liegt er mitnichten. Dafür sorgten schon zahlreiche seiner Kampfgenossen, von Klaus Staeck bis Johano Strasser, von Ralph Giordano bis Norbert Frei, von Wolfgang Thierse bis Franz Müntefering oder Gregor Gysi. Auch Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker wiegelte ab, und selbst Lech Walesa hat nach Grass' Bittbrief nun endlich die richtige Einsicht. Andere sitzen im gleichen Boot wie Walter Jens, und im übrigen gibt es gewiß mit Grass noch einiges (moralisch) zu verdienen. Auch die Nutznießer am Bau seines archivalischen Mausoleums haben lebhaftes Interesse an der Aufrechterhaltung des Imagewerts ihres „Brotgebers", und zu viele Personen im Inund Ausland ergingen sich jahrzehntelang in hymnischen Lobreden, so daß ein allzu starker Schwenk auch auf sie zurückfallen könnte.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.


Wohl sah sich Grass in der ihn kenn­zeich­nen­den Lar­moy­anz, die ihn über­haupt nicht ver­ste­hen läßt, was die bösen Leu­te denn von ihm wol­len, eine Zeit­lang ver­folgt und hat viel­leicht sogar wie­der die Aus­wan­de­rung erwo­gen, wie sei­ner­zeit, als ihn der Spie­gel gar zu kari­kie­ren wag­te. Aber spä­tes­tens neu­er­li­che Preis­ver­lei­hun­gen und Bei­falls­be­kun­dun­gen bei Talk­shows haben ihn sei­ner wei­te­ren treu­en Anhän­ger­schaft ver­si­chert, der er zur all­ge­mei­nen Beru­hi­gung ver­spre­chen konn­te, er wer­de sich dem „ent­ar­te­ten” deut­schen Jour­na­lis­mus nicht beu­gen und „auch wei­ter­hin den Mund auf­ma­chen”. Kurz: Wir soll­ten uns nicht all­zu­sehr um ihn sor­gen. Was hät­te er wohl auch ande­res ver­dient als schärfs­te Kri­tik, selbst wenn sie von Per­so­nen kommt, die nun schwer­lich die Befä­hi­gung zum mora­li­schen Rich­ter­amt besit­zen: von selbst­ge­rech­ten Par­tei­kar­rie­ris­ten etwa, die übli­cher­wei­se bei jeder sich bie­ten­den Oppor­tu­ni­tät soge­nann­te Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung zum Ziel­schie­ßen auf miß­lie­bi­ge Mei­nun­gen nut­zen oder von jenen Ver­tre­tern im ver­meint­lich kon­ser­va­ti­ven Lager, die dann eben­so alert wie hasen­her­zig ihre frü­he­ren poli­ti­schen „Freun­de” dem Ruf­mord preis­zu­ge­ben pflegen.
Im Him­mel herrscht zwar grö­ße­re Freu­de über einen reui­gen Sün­der als über neun­und­neun­zig Gerech­te. Aber ein klein wenig Ver­gnü­gen mag man selbst dort emp­fin­den über den Stol­per­tritt eines Schein­hei­li­gen. Wer Was­ser pre­digt, soll­te nicht Wein trin­ken. Wer sich als Sit­ten­apos­tel der Nati­on auf­spielt, soll­te nicht schwü­le Koka­in­par­ties fei­ern. Wer den Rechts­staat sei­ner­zeit so vor­ge­führt hat wie ein pro­mi­nen­ter Straf­ver­tei­di­ger von „enga­gier­ten”, nur lei­der ein wenig rau­ben­den und mor­den­den „Volks­be­frei­ern”, spielt als staat­li­cher Ter­ro­ris­ten­jä­ger eher eine gro­tes­ke Rol­le, es sei denn, er wer­de Innen­mi­nis­ter der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Und wer sich als Prae­cep­tor Ger­ma­niae so mit­leid­los ande­ren gegen­über geriert, muß sich an eige­nen Scharf­rich­ter-Maß­stä­ben mes­sen lassen.

Dabei ist – fast scheut man sich, das noch eigens zu erwäh­nen – das eigent­lich Anstö­ßi­ge natür­lich nicht die SS-Mit­glied­schaft eines Sieb­zehn­jäh­ri­gen. Auch nicht das jahr­zehn­te­lan­ge Ver­heim­li­chen. Selbst die­se Art von Schwei­gen kann eine respek­ta­ble Hal­tung sein. Denn wer über frü­he­res Tun oder Emp­fin­den ver­stummt, weil er es mit zuneh­men­dem Abstand, ent­blößt vom umhül­len­den Man­tel des dama­li­gen Zeit­geists, fast selbst nicht mehr (völ­lig) ver­steht und schon gar nicht einem von rück­schau­en­den Kli­schees beherrsch­ten Nach­ge­bo­re­nen erklä­ren kann, zeigt gewiß nicht weni­ger Ein­sicht als der­je­ni­ge, der durch wohl­fei­le nach­träg­li­che Ver­dam­mungs­ur­tei­le oder Ent­schul­di­gungs­flos­keln glänzt. Das tat­säch­lich Skan­da­lö­se liegt in der lan­ge geleb­ten Dop­pel­mo­ral des Herrn Grass, genau­er: in sei­nem für einen reprä­sen­ta­ti­ven Sozi­al­ty­pus kenn­zeich­nen­den Pha­ri­sä­er­tum, gemäß dem 68er-Slo­gan: „Die größ­ten Kri­ti­ker der Elche waren frü­her sel­ber welche.”
Es wird Grass’ Geheim­nis blei­ben, wie er seit Jahr­zehn­ten so ent­schie­den gegen die „Ver­drän­ger” wet­tern konn­te – gegen Kohl und Bit­burg als Höhe­punkt der Infa­mie – und sich selbst dabei völ­lig aus­blen­de­te. Es ist dies ein Trep­pen­witz der Zeit­ge­schich­te, denn was Grass und Genos­sen der viel­be­läs­ter­ten Ade­nau­er­schen Restau­ra­ti­on vor­war­fen, war just die­je­ni­ge Nach­sicht, deren Man­gel er heu­te so mit­leid­hei­schend beklagt. Auch war­um Grass jetzt gestand, kann nur er allei­ne beant­wor­ten. Waren es PR-Moti­ve, Angst vor frem­der Ent­lar­vung oder Erpres­sung, der per­ver­se Kit­zel, im Zen­trum eines Medi­en­tai­funs zu ste­hen, oder tat­säch­lich spä­te Scham- und Buß­fer­tig­keit? Als Spie­ler hat er jeden­falls mit höchs­tem Risi­ko gepo­kert und fast alles gewon­nen. Aber gera­de das wirft Pro­ble­me auf, die uns end­lich vom unschö­nen Ein­zel­fall zum Grund­sätz­li­chen bringen.
War­um nur wur­de Grass nicht von ande­ren ent­tarnt, wo es doch sicher noch wei­te­re Mit­wis­ser gab? Zwei­fel­los stand dem eine mas­si­ve Inter­es­sen­kon­stel­la­ti­on ent­ge­gen, und wir ken­nen ja auch ande­re Fäl­le, in denen das jour­na­lis­ti­sche Jus­te Milieu jah­re­lang etwa die „Putz­grup­pen”- Fotos eines spä­ter hoch­re­pu­tier­li­chen Außen­mi­nis­ters und Hoch­schul­leh­rers gegen alle gän­gi­ge Skan­dal­pra­xis igno­rier­te. Natür­lich gehör­te auch eine Rie­sen­por­ti­on Glück dazu. Aber daß unse­re sonst so gut infor­mier­ten ver­gan­gen­heits­po­li­ti­schen Dos­sier­samm­ler alle­samt gar nichts gewußt oder geahnt haben soll­ten, will mir nicht so recht in den Kopf.
Plau­si­bler erscheint mir der Umstand, daß sich Hoch­stap­ler und Publi­kum gegen­sei­tig bedin­gen. Von Karl May bis Erich von Däni­ken gilt schließ­lich, daß die Über­zeu­gungs­kraft des jewei­li­gen „Meis­ters” dann am stärks­ten ist, wenn wir genau die­se Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur und Bot­schaft her­bei­seh­nen. Und da ging es eben offen­bar nicht bil­li­ger als mit einem mora­li­schen Sau­ber­mann. Ein biß­chen Flak­hel­fer war gera­de noch tole­ra­bel, SS-Mann hin­ge­gen jen­seits von Eden, mit der Kon­se­quenz, daß sich die Rea­li­tät halt ein wenig unse­ren gestie­ge­nen mora­li­schen Ansprü­chen anpas­sen muß­te. So ist das häu­fig bei Geschichts­schrei­bung, die bekannt­lich, wo sie uns nahe­steht, zum über­wie­gen­den Teil aus Geschichts­po­li­tik besteht.

Wenn ein­und­sech­zig Jah­re nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs das Geständ­nis einer poli­ti­schen „Jugend­sün­de” zur tau­send­fach ver­brei­te­ten inter­na­tio­na­len Top­nach­richt wird, die wahr­lich bedeut­sa­me­re aktu­el­le The­men schlag­ar­tig aus der Spit­zen­po­si­ti­on ver­drängt, wenn die­ser Hype wochen­lang anhält und auch höchs­te Reprä­sen­tan­ten des Staats oder der ver­öf­fent­lich­ten Moral zu Erklä­run­gen nötigt, zeigt dies jen­seits der ent­fach­ten Medi­en­hys­te­rie, welch hoher Grad an (glo­ba­ler) Gleich­schal­tung von Infor­ma­tio­nen und Ansich­ten bereits erreicht wur­de. Die Mei­nungs­in­dus­trie zum Drit­ten Reich hat nicht nur ihre eige­ne Dyna­mik, son­dern auch Kohä­renz und Nach­hal­tig­keit, die einen nai­ven Beob­ach­ter ver­blüf­fen könn­te: Unse­re täg­li­che NSGru­sel­sto­ry gib uns heute!
Es ist zwar uner­quick­lich, die in Tau­sen­den von Text­zei­len ver­brei­te­te Feuil­le­ton-Sua­da jener Tage erneut zu mus­tern. Ins­be­son­de­re Grass’ zwei­sei­ti­ges (!) Inter­view in der FAZ, das die Recht­fer­ti­gung in eine dreis­te Pole­mik klei­de­te, war nur mit Ekel­ge­füh­len zu Ende zu lesen. Aber die eine oder ande­re lesens­wer­te Poin­te war denn doch dabei, auch man­che Trou­vail­le einer wun­der­schö­nen Phra­sen­samm­lung, die nach einem Fackel-Kraus unse­rer Tage ruft. Ich den­ke stell­ver­tre­tend an Wal­ter Jens. Der nennt Grass’ Bekennt­nis „abge­wo­gen, prä­zi­se und ver­nünf­tig” und vom Zeit­punkt her rich­tig gewählt: „Vor­her wäre man­ches bes­ser­wis­se­risch erschie­nen.” (FAZ, 14. August 2006) Tat­säch­lich? Dar­auf wäre ich nie gekom­men. Auch Heinz Budes Urteil in der Süd­deut­schen Zei­tung (17. August 2006) hat etwas Apar­tes und zugleich unfrei­wil­lig Iro­ni­sches, erst Grass’ „Geheim­nis sei­ner jugend­li­chen sol­da­ti­schen Begeis­te­rung” mache ihn „zu einem ech­ten Reprä­sen­tan­ten der Bun­des­re­pu­blik”, ja ver­lei­he „sei­ner Per­son ihre spe­zi­fi­sche his­to­ri­sche Glaub­wür­dig­keit (…) Des­halb ist Gün­ter Grass ein wür­di­ger Nobel­preis­trä­ger aus Deutsch­land.” Eine wei­te­re schö­ne Blü­te prä­sen­tiert uns Hans Momm­sen in der Frank­fur­ter Rund­schau. Die Kri­tik an Grass sei „schein­hei­lig” und die Vor­hal­tung „absurd”, daß er sich spä­tes­tens zum Bit­burg-Anlaß hät­te offen­ba­ren sol­len. „Das öffent­li­che Geheul wäre um kei­nen Grad gerin­ger gewesen.”
Wirk­lich nicht? War denn nicht der Rund­um­schlag gegen Ver­drän­ger samt „Haltet-den-Dieb”-Pose aus­ge­rech­net an die­sem Tag die wohl größ­te Unge­heu­er­lich­keit? Und was ist das plötz­lich für eine Moral, was für ein Mora­list, der sich um Zustim­mung oder Ableh­nung schert? Been­den wir dies Pot­pour­ri der Ver­wir­rung mit Adolf Muschg, der in der FAZ nun wirk­lich alle Ver­ant­wor­tung ver­tausch­te: „Sieht sie so aus, die Scham eines spät ertapp­ten Sün­ders? Oder könn­te es auch die Scham eines Men­schen sein, der ange­sichts so vie­ler ertapp­ter Pha­ri­sä­er ein­se­hen muß­te, daß sei­ne Lebens­ar­beit wir­kungs­los gewe­sen ist? Denn: Frei­en Men­schen müß­te er jetzt nichts erklä­ren; sie wür­den an sei­ne Sei­te tre­ten, wenn er von ahnungs­lo­sen Mora­lis­ten erle­digt wer­den soll.” (18. August 2006)
Vor allem den ers­ten Kom­men­ta­ren merkt man eine gewis­se Panik, auch Rat­lo­sig­keit an, wie man den poli­ti­schen Flur­scha­den im Lager der pro­fes­sio­nel­len Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­ger begren­zen kön­ne. Schon bald kris­tal­li­sier­ten sich zwei grund­sätz­li­che Stra­te­gien her­aus: Die ers­te lief, solan­ge der Aus­gang der Affä­re noch nicht abseh­bar war, auf strik­te Abna­be­lung hin­aus, auf schnel­les Liqui­die­ren einer Schwach­stel­le, bevor sie mög­li­cher­wei­se die gan­ze Art der Geschichts­schrei­bung à la Grass madig machen könn­te. Das gilt etwa für Rolf Hoch­huth, der den Vor­gang „ekel­haft” oder „wider­lich” nann­te, Maxim Bil­ler oder den Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land, wäh­rend Hen­ryk M. Bro­ders geschäfts­för­dern­de Nei­gung zum Anti­ger­ma­nis­mus hier­in eher sar­kas­ti­sche Bestä­ti­gung erfuhr. Die ande­re Stra­te­gie wie­gel­te ab. Was sei denn schon dabei?

Wer erregt sich denn noch über sol­che Jugend­sün­den? Mäßi­gen wir uns, denn das sei doch nur Was­ser auf die Müh­len der Ewig­gest­ri­gen! Hat Grass denn nicht genug gesühnt durch sein vor­bild­li­ches Werk? Auch wenn er in die­sem Fall gefehlt habe, blei­be doch unbe­streit­bar sein Bei­trag zur Auf­klä­rung und mora­li­schen Sanie­rung Nachkriegsdeutschlands.
Bei die­ser geläu­fi­gen Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur wol­len wir etwas ver­wei­len. Denn wirk­li­che Auf­klä­rung ist viel­leicht doch etwas mehr als die Gei­ße­lung von poli­ti­schem Unrecht, Ver­sa­gen und Mas­sen­mord. Und so not­wen­dig es war, Ver­tu­schun­gen und Beschö­ni­gun­gen zurück­zu­wei­sen, so auf­klä­rend im umfas­sen­den Sinn ist es eben­so, die jewei­li­gen Moti­ve ernst­haft zu rekon­stru­ie­ren, die aus den Betei­lig­ten an Krie­gen und Bür­ger­krie­gen Sozi­al­ty­pen form­ten, die ihre gemein­sa­me mensch­li­che Basis zeit­wei­se ver­leug­ne­ten. Dies aber leis­ten von Abscheu und Haß gepräg­te Abrech­nun­gen gera­de nicht. Indem Grass & Co. nur das Ver­bre­che­ri­sche, Häß­li­che, Gemei­ne trak­tier­ten, teils zusätz­lich kari­ka­tu­ris­tisch ver­zerrt, ver­stell­ten sie die sub­s­tanz­rei­che­re Ein­sicht, daß jene Zeit nicht nur als mora­li­sches Hor­ror­ka­bi­nett, son­dern zugleich als Epo­che per­ver­tier­ter Uto­pien zu kenn­zeich­nen war. Indem sie all das demen­tier­ten und als grund­sätz­lich fal­sches Bewußt­sein äch­te­ten, was an dama­li­gen Über­zeu­gun­gen und Wer­ten teil­wei­se auch jen­seits der spe­zi­fi­schen NS-Ideo­lo­gie exis­tier­te (Nati­on, „Volks­ge­mein­schaft”, Mut, Kame­rad­schaft, Gemein­sinn, Opfer­be­reit­schaft), schu­fen sie gera­de jenes Kli­ma von rück­schau­en­dem Unver­ständ­nis, das auch für sie selbst die Chan­ce mini­mier­te, künf­tig ein ehr­li­che­res und freie­res Leben zu füh­ren. Wo das Per­so­nal im Drit­ten Reich angeb­lich nur noch aus Dämo­nen, Lemu­ren, Feig­lin­gen oder klein­bür­ger­li­chen Oppor­tu­nis­ten bestand, war es für Nach­ge­bo­re­ne schlicht unmög­lich sich vor­zu­stel­len, wie man bei einem sol­chen Hexen­tanz hat­te mit­sprin­gen können.
Der wah­re Auf­klä­rer und Roman­cier Grass hät­te nun aber gera­de das leis­ten sol­len, uns die jugend­li­che Fas­zi­na­ti­on zu ver­an­schau­li­chen, die bedau­er­li­cher­wei­se nicht nur Jugend­li­che ergriff. Er hät­te dies als Vor­aus­set­zung sei­ner Pro­duk­ti­on in einem selbst­ana­ly­ti­schen Pro­zeß tun sol­len, jen­seits der öffent­li­chen Schau­stel­lun­gen oder Ritua­le einer zwei­fel­haf­ten Ree­du­ca­ti­on. Im Ide­al­fall wäre so ein Pan­ora­ma der Zeit ent­stan­den, das nicht kopf­schüt­teln­de oder selbst­zu­frie­de­ne Distanz des Lesers, son­dern par­ti­el­le ein­sicht­lei­ten­de Iden­ti­fi­ka­ti­on her­vor­ge­ru­fen hät­te. Die poli­ti­sche Ver­füh­rung wäre anschau­lich gewor­den, aber auch der Umstand, daß man letzt­lich ver­führt wer­den woll­te, die unheim­li­che Attrak­ti­on, sich gesell­schaft­lich oder gar anthro­po­lo­gisch neu zu gebä­ren, aber auch die Bru­ta­li­tät ande­ren gegen­über, der Hang zur gro­ßen Ver­ein­fa­chung, die Lizenz zum Töten, die bei der Gele­gen­heit en pas­sant ver­lie­hen wur­de, der Lust­ge­winn, in einem Genera­tio­nen- wie Natio­nen­kon­flikt end­lich ein­mal rei­nen Tisch zu machen.
All dies wäre wahr­lich eines gro­ßen Schrift­stel­lers oder His­to­ri­kers wert. Statt des­sen pro­du­zier­ten Grass und vie­le sei­ner Kol­le­gen poli­tischmo­ra­li­sche Papp­ka­me­ra­den in der Tra­di­ti­on von Hein­rich Manns Unter­tan. Den reprä­sen­ta­ti­ven Roman, der auf­klä­re­ri­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on tat­säch­lich ermög­licht, gibt es nicht im Nach­kriegs­deutsch­land, oder er ist von der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung so igno­riert wor­den, daß wir kaum zu ihm fin­den. Daß Die­ter Meichs­ner, Wal­ter Kol­ben­hoff oder Wal­ter Kem­pow­ski es wenigs­tens ver­sucht haben, wur­de kaum ange­mes­sen gewür­digt. Das feuil­le­to­nis­ti­sche und thea­ter­mä­ßi­ge Unver­ständ­nis, das einer Figur wie Harras in Zuck­may­ers Des Teu­fels Gene­ral ent­ge­gen­schlägt, spricht Bände.

„Ja, aber”, höre ich die Grass-Freun­de sagen, „konn­te man die­sen not­wen­di­gen ideo­lo­gi­schen Exor­zis­mus denn anders voll­zie­hen als mit rigo­ro­ses­ten Mit­teln?” Gab es über­haupt ver­tret­ba­re Alter­na­ti­ven zur völ­li­gen Ver­dam­mung? Gewiß nicht als Beschö­ni­gung der Unta­ten, aber um des tie­fe­ren Begrei­fens wil­len ange­sichts welt­wei­ter Moral­ver­dik­te als etwas stär­ke­re Ein­füh­lung in die Schul­di­gen und ihr Fehl­ver­hal­ten. Die poli­ti­sche Kom­ple­xi­tät jener Zeit, die poli­ti­sche Ver­wor­ren­heit durf­te nicht volks­päd­ago­gisch sim­pli­fi­ziert wer­den, selbst wenn man sich dadurch dem Ver­dacht der Apo­lo­gie aus­setz­te. Die Kata­stro­phe war in ihren viel­fäl­ti­gen Ursa­chen ins Bild zu set­zen, statt ledig­lich geschichts­po­li­ti­sche Instru­men­te zu prä­pa­rie­ren für mora­li­sche Erpres­sun­gen im Sin­ne des „kor­rek­ten” Tugend­ter­rors unse­rer Tage. Und nicht zuletzt hät­te Grass, wenn es ums Drit­te Reich ging, „ich” sagen sol­len, nicht nur „die”, was ihn zudem sogar noch beson­ders befä­higt hät­te, die Din­ge anschau­lich wer­den zu las­sen. Dies wäre der schwe­re­re, ehr­li­che­re, aller­dings auch stei­ni­ge­re Weg zur tat­säch­li­chen Auf­klä­rung gewe­sen. Nicht gera­de das, was welt­weit nach­ge­fragt wur­de, wo man in der Regel nur einen Schind­ler gegen­über zehn­tau­send Schin­dern akzep­tiert. Für Grass hät­te die­se Hal­tung etwas weni­ger an Ruhm ver­spro­chen. Nobel- oder Frie­dens­prei­se wären wohl nicht dabei­ge­we­sen. Es hät­te ein täg­li­ches Opfer erfor­dert, nicht zuletzt die Zurück­nah­me der eige­nen Per­son gegen­über der Sache. Aber wo man gera­de die­ser Genera­ti­on den Hero­is­mus so gründ­lich aus­ge­trie­ben hat­te, war offen­sicht­lich auch ein Moment der Zivil­cou­ra­ge mit verlorengegangen.
Daß Grass mit sei­nem Geständ­nis so end­los gezö­gert hat, irri­tier­te auch Gleich­ge­sinn­te wie Hans-Ulrich Weh­ler: „Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß ihm damals, Ende der fünf­zi­ger, Anfang der sech­zi­ger Jah­re, jemand einen Strick dar­aus gedreht hät­te. Sei­nem Schrei­ben sel­ber hät­te das nicht gescha­det.” (FAZ, 14. August 2006) Die­se Ein­schät­zung ist – mit Ver­laub, Herr Weh­ler – ein wenig zu naiv, um seri­ös zu sein. Eher schon trifft Mar­tin Walsers Dia­gno­se, hier herr­sche seit Jahr­zehn­ten nun wahr­lich „kein Kli­ma, das ein­lädt, mit sich selbst frei­mü­tig abzu­rech­nen”, eher eines „der Ver­gif­tun­gen, der schnel­len Ver­däch­ti­gun­gen und des Ruf­mor­des”. Wal­ser ver­gißt in sei­ner kol­le­gia­len Schüt­zen­hil­fe nur, daß es aus­ge­rech­net Inqui­si­to­ren wie Grass waren, die wesent­lich zu die­ser neu­ro­ti­schen Atmo­sphä­re bei­getra­gen haben. Denn wer im bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Bewäl­ti­gungs­kli­ma eine ech­te lite­ra­ri­sche Chan­ce haben woll­te, durf­te, von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen, offi­zi­ell kei­nen Ver­gan­gen­heits­ma­kel aufweisen.
Exem­pla­risch zeigt dies der Fall Hans Bau­mann, der, als Hit­ler an die Macht kam, gan­ze acht­zehn Len­ze zähl­te. Es half ihm nichts, daß er nach dem Krieg völ­lig auf die Linie christ­li­cher Tole­ranz umschwenk­te und in einem ent­spre­chen­den anonym ein­ge­sand­ten Thea­ter­stück sogar zunächst den Ger­hart-Haupt­mann-Preis gewann. Der wur­de ihm nach Auf­de­ckung sei­ner wah­ren Iden­ti­tät flugs aberkannt, und Reich-Rani­cki per­sön­lich exe­ku­tier­te dann das Stück nach Strich und Faden. Das war die Regel. Die Ver­strick­ten jener Jahr­gän­ge wur­den von den nach­drän­gen­den Eli­ten des Kul­tur­be­triebs über die Moral­schie­ne aus der Lite­ra­tur­ge­schich­te hin­aus­ka­ta­pul­tiert. Ja, selbst das blo­ße Fak­tum der Nicht-Emi­gra­ti­on erwies sich für den Nach­ruhm vie­ler deut­scher Autoren als kaum zu meis­tern­des Handicap.
Nein, wir dür­fen die Pro­ble­ma­tik nicht retro­spek­tiv ent­schär­fen. Denn im gro­ßen und gan­zen hat­te die­se (schul­di­ge wie beschul­dig­te) Genera­ti­on zunächst nur eine Chan­ce, wenn sie die (voll­stän­di­ge) Wahr­heit ver­schwieg. Vie­le flüch­te­ten in Lebens­lü­gen, aber das gilt auch für heu­ti­ge Kri­ti­ker, die nicht wahr­ha­ben wol­len, daß es für sol­ches Ver­hal­ten mas- Autoren sive Grün­de gab. Völ­lig auf­rich­tig zu sein, hät­te für die­se Zwan­zig- bis Drei­ßig­jäh­ri­gen bedeu­tet, ihre beruf­li­che Zukunft weit­ge­hend abschrei­ben zu müs­sen, bevor sie nach einer fremd­be­stimm­ten Jugend erst rich­tig begann. Das mag man als gera­de­zu reli­giö­se Süh­neleis­tung begrü­ßen, ob man es vom Groß­teil die­ser Jahr­gän­ge schlicht ein­for­dern konn­te, über­las­se ich dem Urteil von Nach­ge­bo­re­nen mit ver­min­der­ter Nei­gung zum Pharisäertum.

Das öffent­li­che Ver­ständ­nis ist übri­gens mit dem Abstand von Jahr­zehn­ten kei­nes­wegs grö­ßer gewor­den, son­dern durch eine flä­chen­de­ckend zur Ersatz­re­li­gi­on erho­be­ne Monu­men­ta­li­sie­rung der Schuld eher gerin­ger. Inso­fern über­rascht es, wenn nun plötz­lich für Jens Jes­sen die „Unta­de­lig­keit des Autors” für die mora­li­sche oder ästhe­ti­sche Über­zeu­gungs­kraft sei­nes Werks kei­ne Rol­le mehr spie­len soll (Zeit, 17. August 2006), oder Ste­fan Chwin dem Künst­ler Grass kon­ze­diert, sei­ne Bio­gra­phie nach Belie­ben zu „kre­ieren”: „Ein ech­ter Schrift­stel­ler trägt sein Leben lang in sei­nen Ärmeln ein schwar­zes As, das er nie­mals auf den Tisch wer­fen wird” (FAZ, 25. August 2006). Gegen­tei­li­ge Vor­wür­fe beträ­fen laut Fritz Rad­datz ledig­lich „außer­li­te­ra­ri­sche” Kate­go­rien, „geeig­net für den Leit­ar­ti­kel, nicht die Lite­ra­tur­kri­tik” (Zeit, 17. August 2006). Kunst­wer­ke tran­szen­dier­ten ihren Schöp­fer, meint Feli­ci­tas von Loven­berg (FAZ, 16. August 2006) und so wei­ter. Sol­che Auf­fas­sun­gen sind mir nicht unsym­pa­thisch, nur haben sie lei­der gar nichts mit den gän­gi­gen Nach­kriegs­ge­pflo­gen­hei­ten zu tun, vie­les hin­ge­gen mit einer schnells­tens erlas­se­nen ästhe­ti­schen Lex Grass. Denn übli­cher­wei­se haben Ver­öf­fent­li­chun­gen zur Kul­tur im Drit­ten Reich nur eine domi­nie­ren­de Ziel­rich­tung: den Nach­weis per­sön­li­chen Fehl­ver­hal­tens mit umge­hend nega­ti­ven Fol­gen für die künst­le­ri­sche Bewer­tung. Gan­ze Biblio­the­ken las­sen sich fül­len mit sol­cher­art nach­träg­li­chen „Spruch­kam­mer­ver­fah­ren”, die viel­fach genu­in phi­lo­lo­gi­sche Text­be­trach­tun­gen zu erüb­ri­gen scheinen.
Zurück zur unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit und den „Flakhelfer”-Jahrgängen. Sie such­ten einen Aus­weg aus ihrer Klem­me, und eini­ge fan­den ihn schnells­tens. Er lag dar­in, sich nicht län­ger als Teil der „ver­lo­re­nen Jugend” gegen kol­lek­ti­ve Inkri­mi­nie­rung zu weh­ren, son­dern die­se offen­siv mit­zu­ma­chen, in der Regel auf Kos­ten ande­rer. So mutier­ten zahl­rei­che kol­lek­tiv Ver­däch­tig­te durch radi­ka­len Front­wech­sel zu emsi­gen „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gern”, akzep­tier­ten auch pau­scha­le Ankla­gen, ohne dafür (jen­seits all­ge­mei­ner Reue­flos­keln) per­sön­lich ein­zu­ste­hen, wit­ter­ten über­all ideo­lo­gi­sche Erz­übel oder neo­na­zis­ti­sche Umtrie­be oder wet­ter­ten gegen Ver­drän­ger und Ver­schwei­ger. Ein wahr­lich attrak­ti­ves Rein­wa­schungs­ver­fah­ren. Denn es bot ein­fa­che Ret­tung aus dem demü­ti­gen­den Unter­wor­fen­sein unter einen Schuld­vor­wurf und, nach­dem es mit­tels neu­er Eli­ten inthro­ni­siert war, sogar die will­kom­me­ne Chan­ce eige­ner Macht­aus­übung. Ein ein­zi­ger ent­so­li­da­ri­sie­ren­der Schritt ins Lager der Sie­ger genüg­te. Schon wur­den aus depri­mier­ten Geschla­ge­nen – (dop­pel­te) Moral macht’s mög­lich! – ein­fluß­rei­che Inqui­si­to­ren, aus Ver­fem­ten „mora­li­sche Gewis­sen”. Ihr Pha­ri­sä­er­tum eig­ne­te sich bes­tens als (lite­ra­ri­sches) Kapi­tal, zumal sich sol­che Bot­schaf­ten auch inter­na­tio­nal ver­mark­ten ließen.

In der SBZ war dies offi­zi­el­le Leit­li­nie. Wer nicht zur NS-Pro­mi­nenz gehört hat­te und jung war, durf­te nach einer kur­zen Pha­se sozia­lis­ti­scher Gehirn­wä­sche nun sofort für die „rich­ti­ge” Sache strei­ten: Franz Füh­mann etwa oder Erich Loest. Aber auch im Wes­ten lern­te man prompt hin­zu. Einer der ers­ten, der das Prin­zip begriff, war Wolf­gang Wey­rauch, der noch im April 1945 in Goe­b­bels’ Reich den Höl­der­lin­schen Tod fürs Vater­land besun­gen hat­te. Nach Kriegs­en­de „bewäl­tig­te” er jedoch zunächst ein­mal die Ver­gan­gen­heit von Ernst Jün­ger, der immer­hin im Gegen­satz zu ihm viel vor­aus­schau­en­der gewe­sen war und den sei­nem Kom­man­do unter­ste­hen­den Volks­sturm nach Hau­se geschickt hat­te. Auch für Wolf­gang Staud­te war es gewiß vor­teil­haf­ter, sich bereits 1946 mit Fil­men wie Die Mör­der sind unter uns an der ideo­lo­gi­schen Säu­be­rung zu betei­li­gen oder im Unter­tan den deut­schen Volks­cha­rak­ter auf­zu­spie­ßen, als über sei­ne Rol­le in Jud Süß zu reden. Und mir ste­hen Dut­zen­de ver­gleich­ba­rer Kar­rie­ren vor Augen.
Vie­le Bücher lie­ßen sich dar­über schrei­ben. Doch man hüte sich, nun gleich­falls einem bil­li­gen Mora­lis­mus ex post zu ver­fal­len, wo es nur dar um geht, ein genera­ti­ons­ty­pi­sches Ver­hal­tens­sche­ma zu ver­deut­li­chen. Denn die Koep­pen, Andersch, Eich oder Staud­te, die Jens, Jauß, Schö­ne, Höfer, Fritz Fischer, Schwer­te, Höl­le­rer, Haber­mas oder Wapnew­ski hat­ten alle ihre spe­zi­fi­sche Ver­gan­gen­heit. Mal war es eine kur­ze jugend­li­che Berau­schung, mal etwas mehr, mal eine Mit­glied­schaft, die dann ver­ges­sen wur­de, mal war’s nur eine Unter­las­sung, die man spä­ter als schuld­haft emp­fand. Man soll­te es kei­nes­wegs über­be­wer­ten, auch nicht den Umstand, daß die meis­ten spä­ter ein biß­chen von ihrer Bio­gra­phie ver­ga­ßen, falls sie sol­che Amne­sie nicht dazu nutz­ten, umso kräf­ti­ger auf ande­re einzuprügeln.
Nun mag man ein­wen­den, daß der Haß die­ser Genera­ti­on auf ein Umfeld, das ihre Jugend rui­niert, sie mit welt­wei­ter Schuld oder zumin­dest ent­spre­chen­den Vor­wür­fen bela­den hat und ihre unmit­tel­ba­re Zukunft für Jahr­zehn­te zu ver­bau­en schien, doch wohl mehr als ver­ständ­lich sei. Wel­chen Grund hät­ten sie gehabt, die­je­ni­gen zu scho­nen, die ihnen das alles ein­ge­brockt hat­ten? Wel­che Soli­da­ri­tät soll­ten sie für eine Gemein­schaft auf­brin­gen, die sie zuneh­mend als wider­wär­ti­ges Kol­lek­tiv emp­fan­den? In die­ser Pha­se des tota­len Ideo­lo­gie­ver­dachts war sich wohl jeder selbst der nächs­te, und mit der Pau­schal­kri­tik traf man immer­hin häu­fig genug auch wirk­lich Ver­ant­wort­li­che. Zur Erklä­rung ihrer Moti­ve reicht das aus, nicht aber zur gene­rel­len Recht­fer­ti­gung, und schon gar nicht soll­te man die­se Fremd­be­zich­ti­gun­gen mit ehr­li­cher Auf­ar­bei­tung ver­wech­seln. Was Grass & Co. näm­lich völ­lig dabei ver­lo­ren­ging, war ein Gefühl für das Mecha­ni­sche oder auch „Unmo­ra­li­sche” die­ser neu­en Moral. Denn nicht sel­ten kam es zum blo­ßen Aus­tausch von Freund- und Feind­bil­dern, zur abrup­ten Deser­ti­on ins Lager der jewei­li­gen (ideo­lo­gi­schen) Sie­ger. Statt Faschis­mus nun eben Anti­fa­schis­mus, statt Anti­se­mi­tis­mus nun eben Phi­lo­se­mi­tis­mus, statt Anti­kom­mu­nis­mus nun Kom­mu­nis­mus, statt Lob der Dik­ta­tur nun Teil einer Gesin­nungs­po­li­zei im Dienst radi­ka­ler „wehr­haf­ter” Demo­kra­tie. Brechts Mann ist Mann dient für sol­che Meta­mor­pho­sen als lehr­haf­tes Modell.

Man könn­te Mit­leid mit jenen Men­ta­li­tä­ten haben, wären die Fol­gen ihres Zelo­ten­tums nicht so lang­wie­rig und selbst heu­te noch geis­tig stran­gu­lie­rend. Auch ein lin­ker McCar­thy­is­mus dient nicht der Polithy­gie­ne. Aber sol­cher Eifer war eben einer zwei­ten Sozia­li­sa­ti­on geschul­det, die mit Umer­zie­hung eher beschö­ni­gend umschrie­ben wird. Wer sich gegen Lebens­mit­tel­kar­ten gefilm­te KZ-Greu­el anse­hen muß­te, hat die Lek­ti­on ein für alle­mal begrif­fen. Auch in sol­chen maka­bren Zusam­men­hän­gen gilt: „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’ ”, was schließ­lich sogar wört­lich zutraf, als der Kal­te Krieg ganz neue Optio­nen bot.
Gab es eine bes­se­re Alter­na­ti­ve? Ver­mut­lich ange­sichts des mil­lio­nen­fa­chen Leids und ent­spre­chen­der Süh­ne­be­dürf­nis­se nur eine poli­tisch nicht durch­setz­ba­re, etwa in der Art, wie Zuck­may­er sei­ne mora­li­sche Wie­der­auf­bau­ar­beit ver­stand: eine, die auf Ver­ständ­nis setz­te und zu einem nicht risi­ko­lo­sen Ver­trau­ens­vor­schuß bereit war. Wer die­ser Jugend (öko­no­misch wie ideell) noch­mals eine wirk­li­che Chan­ce gege­ben, wer ihr Zeit gelas­sen hät­te, zu sich selbst zu fin­den, und sie nicht gleich wie­der durch bestell­te Reue­be­kennt­nis­se oder neue Front­stel­lun­gen mora­lisch ver­ein­nahm­te und über­for­der­te, hät­te wohl auch ihre See­le geret­tet. Denn wer von den Jun­gen die­sen gigan­ti­schen kon­kret erleb­ten Zusam­men­bruch ideel­ler Wel­ten ohne Zwang hät­te auf­ar­bei­ten dür­fen, wäre – davon bin ich über­zeugt – mehr­heit­lich für tota­li­tä­re Fas­zi­na­tio­nen lebens­lang immu­ni­siert wor­den. Man hät­te sie aller­dings auch nicht so leicht in die­se oder jene Rich­tung hin mani­pu­lie­ren kön­nen, selbst nicht durch Ver­füh­run­gen soge­nann­ter „Gut­men­schen”.
Auch ihnen hät­te sich scham­voll das Unrecht ihrer Zeit erschlos­sen. Doch wenn sie öffent­lich die Leh­ren dar­aus zogen, hät­ten sie nicht nur von ande­ren gespro­chen oder geschrie­ben. Und wenn sie sich dem ver­sag­ten, dann, weil es ein Letz­tes gibt, das manch­mal viel­leicht doch bes­ser unge­sagt bleibt. Oder auch schlicht aus einer alt­mo­di­schen Hem­mung her­aus: „Wer unter euch ohne Sün­de ist, der wer­fe den ers­ten Stein”. Auch dies wäre ein (Ver-)Schweigen gewe­sen, aber eben ein ande­res als das­je­ni­ge von Gün­ter Grass.

 Gastbeitrag

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