Sezession
11. Januar 2013

Ernst Nolte wird heute 90

Gastbeitrag

von Siegfried Gerlich, übernommen aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012

nolteMit dem Namen Ernst Noltes verbindet sich eine einzigartige historische Durchdringung des „Faschismus in seiner Epoche“, aber auch jene als „Historikerstreit“ firmierende geschichtspolitische Kontroverse, die seither eine unbefangene Sicht auf das imposante Lebenswerk verstellt hat. Im Zentrum des Nolteschen Geschichtsdenkens, welches bei aller wissenschaftlichen Solidität nicht zuletzt durch seine philosophischen Valenzen besticht, steht jedoch unbestreitbar der Nationalsozialismus.

Immerhin fielen Noltes Kindheitsjahre mit denen der nationalsozialistischen Bewegung weitgehend zusammen, und die frühe Erfahrung, in einem Zeitalter großer ideologischer Auseinandersetzungen zu leben, sollte für sein Denken wegweisend sein. War zunächst ein großdeutscher Katholizismus pazifistischer Prägung „die geistige Welt, in der ich aufgewachsen war“, so wurde für den Freiburger Studenten die Begegnung mit Martin Heidegger bestimmend, dessen philosophische Lehre ihm das geläuterte Erbe nicht nur des Katholizismus, sondern der abendländischen Metaphysik insgesamt anzutreten schien.

Während der Kriegsjahre allerdings empfand Nolte das unverdiente Privileg, studieren zu dürfen, während die Schulkameraden an allen Fronten kämpften und sein jüngerer Bruder in der Nähe von Sedan fiel, als eine schwere Last, die er fortan durch die selbstauferlegte Verpflichtung zur geistigen Auseinandersetzung mit den tieferen Ursachen der deutschen Katastrophe abzutragen suchte. So betrieb Nolte nach Kriegsende - neben seiner regulären Tätigkeit als Gymnasiallehrer für Deutsch und alte Sprachen - umfangreiche zeitgeschichtliche Studien, als deren Ergebnis er 1963 seine grundlegende Arbeit Der Faschismus in seiner Epoche präsentierte, mit der er sich an der Universität Köln habilitierte. Von 1965 ab lehrte Nolte an der Universität Marburg Neuere Geschichte, bis er 1973 an die Freie Universität Berlin berufen wurde, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1991 wirken sollte. Zwischenzeitlich führten ihn zahlreiche Gastaufenthalte nach Holland, England, Frankreich, USA, Israel und nicht zuletzt nach Italien, welches für den Wahlberliner gleichsam zur zweiten Heimat geworden ist.

Der Faschismus in seiner Epoche bildete den Grundstein für Noltes ebenso eigenständigen wie eigenwilligen Denkweg. Alle Leitmotive, die in späteren Werken weiterentwickelt und abgewandelt werden, finden sich hier bereits keimhaft angelegt. Mit seiner europäischen Generalisierung des Begriffs Faschismus und dessen ideologiehistorischer Definition als Antimarxismus eröffnete Nolte eine neue wissenschaftliche Perspektive vergleichender Forschung, und mit seiner Verortung insbesondere der radikalfaschistischen Ideologie des Nationalsozialismus in der französischen Tradition der Gegenrevolution wiederum überwand er das negativ nationalistische Paradigma des deutschen Sonderwegs. In den folgenden Büchern Deutschland und der Kalte Krieg (1974) und Marxismus und Industrielle Revolution (1983) faßte Nolte sodann das welthistorische Nachspiel sowie die ideologiehistorische Vorgeschichte der faschistischen Epoche in den Blick. So rundeten sich die ersten großen Werke zu einer Trilogie, die nicht weniger bot als „eine Geschichte der Entstehung, des Praktischwerdens und des Scheiterns der großen modernen Ideologien“.


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