25. Januar 2013

Zwangsneurose Ironie

von Gastbeitrag / 56 Kommentare

images-1von Heino Bosselmann

Ohne je als Sauertopf gelten zu mögen: Die Selbstverpflichtung zu Humor, Bonmot und Pointierung erscheint schon in Alltagsrunden signifikant. Erstmal einen Lacher landen, sich als geistreich gewitzt ausweisen, notfalls oder bestenfalls zu Lasten der anderen. Vermutlich läßt sich das Phänomen gar tiefer fassen und ermöglicht so Rückschlüsse auf die kulturelle Pathologie der modernen Hipster- und Mediengesellschaft.

Hinsichtlich der allgegenwärtigen Witzigkeiten wird seit November letzten Jahres der aufschlußreiche Essay einer jungen Assistenzprofessorin der Universität Princeton, Christy Wampole, diskutiert. Er erschien in der Online-Ausgabe der "New York Times". Eine prägnante deutschsprachige Wiedergabe ihrer Position findet sich im Interview mit Deutschlandradio Kultur.

Wampole beobachtet, daß Ironie in den USA und zunehmend in Europa permanent und übertrieben eingesetzt wird: „Unsere Ironie-Sensoren sind überreizt, deshalb plädiere ich (…) für die Nacheichung dieser Sensoren.“ Eigentlich liebe sie zwar Ironie und sei insbesondere eine Freundin des politischen Witzes, registriere aber, daß diese Formen intellektuellen Ausdrucks im „weißen Rauschen allgegenwärtiger Ironie“ untergingen.

Die Hipster, so Wampole, hielten sich insbesondere in Deutschland für politisch links: „Alles, was sie tun, ist ironisch gemeint. Alles, was sie kaufen, ist ironisch gemeint. Sie konsumieren weiter, verstecken sich aber hinter der Ironiemaske.“ Also der alte Spießer im neuen Narrenkleid, „links“ aus unklaren Gefühlslagen heraus oder weil es angesagt ist oder weil „rechts“ überhaupt das ganz andere ist, was man nicht sein will, schon gar nicht sein darf, wenn alle doch wissen, wie böse und gefährlich das ist – und vor allem so schlimm kulturkritisch ernst.

Die Szene reagierte in ihren Blogs aber vor allem deswegen gereizt, weil Wampole in der Verspaßung und Witzelei das Unvermögen ausgedrückt sieht, überhaupt noch Positionen beziehen zu können. Sie beklagt die augenfällige Infantilität junger Erwachsener, die an Haltung nichts vorzuweisen haben, schon gar nicht an Urteilskraft. Große Kinder, die zunehmend unfähig sind, für die eigenen Entscheidungen, geschweige denn für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, und die solche Lebens-Inkompetenz ironisch verbrämen. Es regiert ein inszenierter Spaß. Man rufe sich rein optisch den lustig gemeinten Kita-Charme von Parteitagen der Grünen auf. Wer dort unironisch ernst bleibt, ist out oder sehr, sehr erzürnt.

Interessant: Ihren verblüffend heftige Kontroversen auslösenden Beitrag schrieb die amerikanische Romanistin im Hause ihres deutschen Freundes in Berlin-Neukölln. Sie las dort gerade Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot“, dessen Held, Fürst Myschkin, ihr als – sehr nachvollziehbar! – ausgemacht unironischste Figur der Weltliteratur erschien, und verfolgte gleichzeitig mit Blick aus dem Fenster als leibhaftiges Kontrastprogramm das bunte Schauspiel der Hipster in Berlin, dieser für sie „coolsten Stadt der Welt“.


Kichershows mit eingespielten Lachsalven, die den blassen Pointen kollektiv aufhelfen, gibt es in den USA seit den Fünfzigern; heute haben „The Colbert Report“ und die „Daily Show“ Jon Stewarts solche Formate standardisiert. Für sich gebildet wähnende Stände gibt es alle Sorten Talk-Shows, insbesondere am Freitagabend im zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen – nichts anderes als Jahrmärkte ironisierter Eitelkeiten sich selbst und allen anderen gegenüber.

Der SZ-Autor Marco Felix Serrao geht dem Spaß-Komplex in einem interessanten Panorama-Beitrag seiner Zeitung mit folgender Spur nach: Wem das choreographierte Gut-drauf-Gelaber mit den immer wieder neu geladenen Dampfplauderern noch zu anspruchsvoll ist, der reiht sich bei den mittlerweile sieben Millionen Zuschauern des RTL-Dschungelcamps ein, wo eine Form aggressiver Brachialironie zum Hauptprinzip avancierte. In der „Welt am Sonntag“ bejubelt Ulf Poschradt den Trash in höchsten Tönen als „genialisch“ gehandhabt und meint, RTL käme jetzt der „anspruchsvolleren Klientel“ sogar mit „postmoderner Doppelcodierung“ entgegen. Bild.de assistiert mit Begleitmaterial und „Spiegel-Online Kultur“ (!) schreibt das Tagebuch dazu.

Das paßt: "Der Spiegel" gerierte sich spätestens seit den Siebzigern als frech-ironisches Politikorgan mit der passend kalten Diktion des überheblich oberschlauen Beobachters. Nicht nur „Sturmgeschütz der Demokratie“, sondern vor allem gut zu handhabende Hauspostille der saturierten Linken, die den vermeintlich immer freudlosen, bärbeißigen und bierernsten Konservativen wöchentlich eins drüberzog.

Tatsächlich ist es anstrengend, allüberall dem verordneten Prinzip Ironie ausgeliefert zu sein. Es dringt in dezenter Gestalt bis in die Radio-Morgenandachten der Kirche vor. Obwohl echte Ironie nun mal selten ist. Eine stilistische und literarische Kunstform, die, wo sie nur nachgeäfft wird, zur Posse, zur Farce, zum Sarkasmus, mithin zur Peinlichkeit verkommt. Ließe sich das tiefenpsychologisch fassen? Eine große Verschiebung? Obwohl man schreien möchte oder müßte, ironisiert man sich, beläßt es lieber beim eingeklemmten Dauergrinsen und kompensiert dadurch, daß man den anderen der Lächerlichkeit preisgibt?

Ein ausgestorbener Begriff lautete "Herzensbildung". Auf diese mittlerweile voll und ganz zu verzichten erscheint der Hipster-Kultur obligatorisch. Nicht nur in der Kommunikation und in den Medien, sondern insbesondere in den Wortschwällen all der hinter Nicknames verborgenen Internet-Akteure.

Kommentare (56)

Rumpelstilzchen
25. Januar 2013 10:08
Na,das ist ja mal ein Thema. Danke Herr Bosselmann.
Das meine ich nicht ironisch!
Alle ideologischen Systeme verstehen keinen Spaß. Und wo die Ideologie des Konsums herrscht "amüsieren wir uns zu Tode" ( Neil Postman) oder haben "unendlichen Spaß" (David Foster Wallace) bis zur "Erschöpfung unseres Selbsts" (Alain Ehrenberg".
Und was die Herzensbildung betrifft. Da denke ich doch glatt an den wunderbaren Romano Guardini und sein Buch "Briefe über Selbstbildung", geschrieben 1930, ein Dokument der Jugendbewegung um Burg Rothenfels.
Im ersten Brief über die Freudigkeit des Herzens heißt es :
"Gott selbst ist die Quelle der wahren Freudigkeit....unabhängig von den äußeren Ereignissen. Was uns äußerlich zustößt, kann uns nichts mehr anhaben, wenn wir innerlich froh sind. Wer freudig ist, hat zu allen Dingen den RECHTEN Stand".
In diesem Sinne einen rechten Gruß Monika
Taurec
25. Januar 2013 10:39
Vermutlich läßt sich das Phänomen gar tiefer fassen und ermöglicht so Rückschlüsse auf die kulturelle Pathologie der modernen Hipster- und Mediengesellschaft.


„Der Feind [Napoleons Truppen] kam immer näher an Moskau heran; die Auffassung der Moskauer über ihre Lage wurde aber keineswegs ernster, sondern im Gegenteil nur noch leichtsinniger, so wie das immer bei Menschen der Fall ist, die eine große Gefahr heranziehen sehen. Bei Annäherung einer Gefahr sprechen in der Seele des Menschen immer zwei Stimmen gleich stark: die eine mahnt verständig, der Mensch soll das eigentliche Wesen der Gefahr erwägen und Mittel zur Rettung ersinnen; die andere sagt noch verständiger, es sei schwer und quälend, an die Gefahr zu denken, da es ja doch nicht in der Macht des Menschen stehe, alles vorauszusehen und sich vor dem allgemeinen Lauf der Dinge zu retten, und es sei deshalb besser, sich von dem Schweren abzuwenden, solange es noch nicht da sei, und lieber an Angenehmes zu denken. Ist der Mensch einsam, so hört er meist auf die erste Stimme, in Gesellschaft hört er dagegen auf die zweite. So war es auch jetzt mit den Einwohnern Moskaus. Schon lange hatte man in Moskau kein so lustiges Leben geführt wie in diesem Jahr.“

Leo Tolstoi, Krieg und Frieden, II/1/17

Der Nihilismus des verordneten Lebens ist kaum zu leugnen. Die Leere wird von den Zeitgenossen zumindest wohl unbewußt empfunden. Ob sich mit der daraus erwachsenden Furcht auch die Gewißheit des dräuenden Zusammenbruch verbindet, ist eine andere Frage. Jedenfalls dürften mit dessen zunehmender (objektiven) Offensichtlichkeit die Zeiten eher noch lustiger werden, was uns wiederum als Barometer dienen kann. Daß wir uns in Gefahr befinden, ist ohne Zweifel.
Gottfried
25. Januar 2013 12:10
@ Rumpelstilzchen

"Alle ideologischen Systeme verstehen keinen Spaß."

Öhmm ... Unter einem System verstehe ich eine Ordnung. Diese wird von einem politischen Subjekt bestimmt, sei es nun ein einziger Tyrann, eine herrschende Clique oder sei der Einfluß sehr vieler Beteiligter möglich. Das politische Subjekt ist nun durch eine ganz bestimmte Sicht der Welt geprägt, erst diese subjektive Betrachtung kann ja erst eine willentlich gekürte Ordnung aus dem Chaos erschafffen.

Aus einer subjektiven Sicht von einem bestimmten Standpunkt auf dieser Welt in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit wird ein Fundus von Ideen abgeleitet, diese dann verknüpft zu einer Ideenlehre, einer Ideologie.

Böse Zungen behaupten nun - auch hier kann ich mir den Sarkasmus leider nicht verkneifen - daß solche Ideenlehren mitunter durchaus der Beförderung des Eigeninteresses des maßgeblichen politischen Subjektes dienen könnten.

Somit halte ich z.B. die Nebelkerze der Humanisten, die Ideologie des Gegners frisch und flott als etwas Böses zu kennzeichnen, einfach nur für einen doch reichlich schlichten Scherz am Rande.

Ansonsten ist es sicher richtig, daß es in manchen Kreisen, das können Pietisten sein, das können Humanisten unter jakobinischen Eifer sein, Anhäufungen von Temperamentern gibt, die vor einem drohenden eventuellen Schmunzeln zunächst doch lieber in den entsprechenden Parteirichtlinien nachlesen, ob das Vorgetragene auch mit dem Dogmensystem vereinbar ist.

Oder mal so formuliert: Das Einverlangen von "Ideologiefreiheit" ist eine unaufrichtige Heuchelei von Brillenträgern.
Importprimat
25. Januar 2013 12:57
Auf der einen Seite wird Fair-Trade Kaffee aus Kolumbien getrunken, auf der anderen Seite schweigt man, wenn Kolumbianerinnen als Zwangsprostituierte neben an vergewaltigt werden. Bordelle tragen zur Buntheit des Viertels bei und sind ein Zeichen von Weltoffenheit. Drogendealer versorgen mit dem, was zum selbstbestimmten Leben gehört, obwohl man weiß, was der Drogenhandel in den Herkunftsländern bewirkt und was man dem Dealer selbst da gerade antut. Patchwork-Familien sind ein Zeichen der Selbstbestimmung, der Schmerz jeder zerbrochenen Familie, die dem Patch-Work vorangeht, wird ignoriert. Alleinstehenden Müttern wird mit Kitas geholfen, niemand fragt, wo die selbstbestimmten Väter sind. Heiraten ist spießig. Großeltern, die bewunderte fitte Rentner sind, aber denen Enkel zu anstrengend sind. Und, und, und. Selbstbestimmung bedeutet leider auch, für andere nicht da zu sein. Mit Herzensbildung geht das nicht so leicht. Da braucht man eine gewisse Herzenskälte. Selbstbestimmt bedeutet stark sein, kein Opfer. Aber was sagen und nicht wie ein Opfer weinen? Also sind wir ironisch und lachen im Dauerbetrieb. Notfalls lassen wir uns vom Fernseher anlachen. Kulturelle Pathologie - guter Begriff.

Ein ausgestorbener Begriff lautete „Herzensbildung“. - Ich musste tatsächlich googeln.
rosenzweig
25. Januar 2013 13:22
Sie haben natürlich recht, diese Zwangsironie als Teil einer kulturellen Pathologie zu begreifen, Herr Bosselmann. Trotzdem sehe ich im konservativen, reaktionären (oder wie immer man es nennen will) Lager eine Art Blindheit oder Ignoranz angesichts bestimmter Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften vorherrschen. Ich vermute, man hat sich zu sehr an die Niederlagen gewöhnt.
Wenn sich reaktionäres Handeln durch progressives Sprechen ironisch tarnt, könnte dies auch der erste Schritt sein, um irgendwann mal ganz unironisch zu seinen Taten zu stehen. Der Hipster und der grüne Bourgeois merken, das sich die Mehrheitsverhältnisse wandeln und bereiten sich vor. Sichern sich ab. Unbewusst. Das progressive Lager stirbt. Nicht im übertragenen, ideologischen Sinne, sondern ganz buchstäblich. Das das hier oder in der Jungen Freiheit nicht registriert wird, wundert mich. Könnte es sein, das die Leser und Autorschaft überwiegend gar nicht zu dem demographischen Milieu gehört das lebt und leben will und welches sich z. B. auf Lebensschutz Demos tummelt?
Zwei Beispiele: In der Jungen Freiheit von dieser Woche gibt es einen Bericht über eine Veranstaltung des Berliner Familienplanungszentrums: „Lebensrechtler als Feindbild“. Der Artikel geht nicht darüber hinaus sich über die altbekannten Meinungen radikaler Abtreibungsbefürworter in altbekannter Art und Weise zu mokieren. Aber warum sich hier eine Jutta Ditfurth und andere Damen aus der pro familia Ecke über ein „Rollback, einen Rückfall in konservative Denkmuster der fünfziger Jahre“ überhaupt beklagen können, nach ihrem totalen Sieg in den letzten Jahrzehnten, wird nicht hinterfragt. Auf den Lebensschutz Demos findet man heute frische und fröhliche Frauen, die Jutta Dithfurts Töchter sein könnten. Sind sie aber nicht, weil Jutta dreimal abgetrieben hat. Das heißt, das progressive Lager wird Jahr für Jahr seniler und toter, egal ob es heute noch die Gesellschaft dominiert. In der Alterskohorte von Juttas nicht vorhandenen Töchtern ist das schon zu fühlen. Und bei den Töchtern der Töchter noch viel mehr. Zweites Beispiel: Ob in Frankreich vor zwei Wochen 500.000, eine oder 1,5 Millionen gegen die Homoehe demonstriert haben; es war die größte Demo in Frankreich seit 20 Jahren und hat alle Kundgebungen der Befürworter deklassiert. Hollande spricht abwertend von dem „weißen, katholischen Frankreich“. Auch das wird mit empörten Unterton in rechten Medien kolportiert. Nirgendwo habe ich aber gelesen, das es das weiße, katholische Frankreich noch geben wird, wenn das weiße, säkulare Frankreich sich zu seinen abgetriebenen Kindern gelegt hat.
Was jetzt kommt ist kein Rollback sondern ein Comeback. Dafür braucht es keinen Aktionismus, keine Partei; nur Geduld und die Kraft der Lenden.
Kurt Schumacher
25. Januar 2013 13:45
Herr Bosselmann, was haben wir mit so einer Cindy zu schaffen? Ich lese das Gequieke so einer Mickymaus nicht. "Wissenschaftlerin Cindy Walmart" my foot. Wenn ich in einer beliebigen Nachrichtenmeldung lese "Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden...", klicke ich sofort weg.

In der Sache hat die Mickymaus zwar recht; aber dafür brauchen wir sie nicht. Ernst Jünger hat über die Dekadenz der liberalen Ironie im "Abenteuerlichen Herzen" bereits 1929 das nötige gesagt. Ich zitiere aus dem Gedächtnis:

"Die liberale Ironie ist der Ausdruck des unfruchtbaren Zweifels um jeden Preis - ausgenommen der eigenen Haut. Diese Leute haben das peinliche Bedürfnis, wie ein Straßenköter sich an jedem Rinnstein erleichtert, alles und jeden mit ihrer Ironie zu übergießen. Aus geistiger Sauberkeit gehen wir solchen Kreaturen aus dem Weg."

Wie gesagt, aus dem Gedächtnis zitiert.
Steffen
25. Januar 2013 13:47
Ganz im Einklang zur Thematik gehört auch das Phänomen immer eine Meinung über alles zu haben, ohne eine zumindest spärlich gesäte Grundbildung über die Thematik zu besitzen.
Was einem besonders ins Auge fällt, sind bspw. die Leser und Kommentatoren von PI News. Dort werden bei manchen Themen keine hilfreichen oder ergänzenden Kommentare gegeben, ja nicht einmal Wertungen des Artikels, sondern einfach nur unbeholfene zynische Ausspeiungen. Diese passen perfekt in das oben definierte Suchmuster: dumm, zynisch, auch leicht ironisch und peinlich sowieso: für den Schreiber, den Leser und die Seite - oft hat solch ein Schreibsel auch eine sehr resignierende Wirkung.
Ohne viel Fantasie und mit Grundkenntnissen der Psychoanalyse und Logik lässt sich hier ein Schaubild jener kreieren, die am anderen Ende der Leitung sitzen und aus einem einfachen Fundus an Nörgeleien, ein wenig schlechtem Witz und hochbeflügelten, aber dennoch restlos ausgelutschten Wortspielen, einen übel riechenden Haufen von Kommentaren hinsetzen.
Dem bisher ungeneigten Leser entschlüsselt sich dies meist als völliger Unsinn oder jämmerliches Gequatsche wenn eigentlich ironische oder sarkastische Neologismen dermaßen inflationär verbraucht werden. Die Vorstellung eines solchen Schreibers, wie er sich nach vollendeter Tat zurücklehnt und heimlich schmunzelt lässt schaudern.
Zumindest bei der "Sezession im Netz" kann man ohne Angstzustände und Wutanfälle einigermaßen flüssig die Kommentare durchfließen.
Zadok Allen
25. Januar 2013 14:21
Einspruch, vehementer Einspruch! Was Sie, Herr Bosselmann, hier als Ironie präsentieren, ist gar keine, sondern sie rubrizieren ganz disparate Dekadenzphänomene unter einen völlig unpassenden Titel - wohl aufgrund der traditionellen Ablehnung jeder Form von Ironie auf der "Rechten".

Ad 1.:
Man rufe sich rein optisch den lustig gemeinten Kita-Charme von Parteitagen der Grünen auf. Wer dort unironisch ernst bleibt, ist out oder sehr, sehr erzürnt.


Das meinen Sie doch nicht ernst?! Die verspießerten Gestalten auf Grünen-Parteitagen, Realkarikaturen ihrer selbst, sind doch sternenweit von allem entfernt, was man im Ansatz als Ironie bezeichnen kann! Vielmehr ist es gerade kennzeichnend für die herrschende Ideologie, daß sie - wie jede sich totalitarisierende geistige Bewegung - echte Ironie rundweg ablehnt und zurückweist. Wie reagieren denn die Lautsprecher des Zeitgeistes, wenn man ihren Götzen ("Menschheit", "Klima", "soziale Gerechtigkeit"...) mit gelassener Ironie begegnet?

Ad 2.: Sicher hat sich wirkliche Ironie schon immer in ein ganzes Spektrum von nur lose zusammenhängenden Stilformen differenziert. In ihren Hochblüten allerdings diente sie dem vor der Unzulänglichkeit der Welt resignierenden Geist, als jene Haltung heiterer Gelassenheit, die in geschichtlichen Endzeiten allein ein würdiges Dasein ermöglicht. (Sie ist aus meiner Sicht insofern auch eine exemplarisch männliche Haltung. Claudia Roth oder irgendwelche Piratenpartei-Nerds als Ironiker? Ich bitte Sie!)

Die zwei bisherigen Gipfelpunkte der Ironie:

a) Der Sokrates der platonischen Dialoge; wer ihn noch nicht kennt, lerne ihn rasch kennen. Diese Texte sind unauslotbar, weil sich ihr Autor in die Ironie wie in den Schleier der Isis hüllt. Dennoch ist darin im Prinzip alles enthalten, was die abendländische Philosophie je sein würde.

b) Das Werk des frühen Thomas Mann, vor dessen späterer Umnachtung. Namentlich der Zauberberg. Dessen Ironie hat der Schweizer Germanist Beda Allemann auf folgende kaum zu überbietende Formel gebracht:

In ihr erscheint die Distanzierung weniger schroff, und vor allem herrscht nicht der Abstand eines überlegenen Subjektes zu seinen Spielobjekten, sondern die ironische Distanz zeigt sich als Durchlichtet- und Gelöstheit einer dichterischen Welt, in der alle Dinge in herbstlich mildem Licht und klarer Luft stehen.


Wie, wenn nicht in dieser Haltung, soll man der Gegenwart trotzen?
antihunkebunk
25. Januar 2013 14:28
Bravo, HB! Seit langem geht mir auf den Senkel vor allem die bemühte Witzischkeit der Werbung; dies als Ergänzung zur "gut-drauf"-Gegenwart.
Ein Fremder aus Elea
25. Januar 2013 15:53
Ach ja, der Verlust des Exquisiten in Zeiten der Massenkultur.

Das Lied könnte man auf tausend Weisen singen.

Ironie zu beklagen ist doch nichts anderes als Sonnenschein zu beklagen. Das Wetter hat seine Launen, der Mensch auch.

Die Verstellung, die Unaufrichtigkeit, sich einzureden, das Ernste sei es nicht, wenn es einem nicht in dem Kram paßt, das allgegenwärtige Wegschauen, das sind Dinge, die man beklagen sollte. Die Klage über den Verschleiß der Ironie lenkt nur davon ab.
Heino Bosselmann
25. Januar 2013 15:53
Ja, ich gebe Ihnen recht. Der Ironie-Begriff wird durch mich – oder eher Christy Wampole – verkürzt und fände sich wohl besser als "Witzigkeit" übertragen. Immerhin ist für echte, nicht billige Ironie eine Doppeldeutigkeit charakteristisch, die im offenbar gemachten Widerspruch zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten liegt. Wenigstens als "sokratische Ironie", die im Anschein eigener Unwissenheit Fragen stellte, um Eingebildete ihres Nichtwissens zu überführen. Die romantische Ironie, etwa E.T.A. Hoffmanns, verwebt Traum und Wirklichkeit, spielt mit Einbildungskraft, subjektiver Stimmung und dem launigen Augenblick, so daß Unbewußtes und Spontanes in der Phantasie ästhetischen Reiz gewinnen. Und, ja, Thomas Mann: Sein und Schein bei "Felix Krull", die ganze Weltanschauungen besetzenden Figuren des "Zauberbergs" . – Insofern ist die Semantik hier eine andere, blassere.
Heino Bosselmann
25. Januar 2013 15:57
Verstehe. Ich relativierte oben schon gegenüber "Zadok Allen". Christy Wampoles Beitrag mag recht flott geschrieben sein, aber Sie geben Ihr grundsätzlich ja ebenfalls recht. Wichtiger ist, daß darauf im Netz und innerhalb der sog. Hipster-Kultur eine geradezu angestochene Reaktion erfolgte. Sie muß also einen Nerv getroffen haben.
Heino Bosselmann
25. Januar 2013 16:59
Ja! Das bringt mich auf folgenden Anschluß: Interessant auch das Phänomen der "zweiten Gutenbergschen Revolution": Wer nur eine Tattatur zu bedienen vermag, ich eingeschlossen", produziert damit gleich "Print". Was wurde nicht früher selektiert, bis einem Text die hohe Würde des gedruckten Wortes zukam! – Einerseits finde ich gut, daß die Tastatur an Sprache bindet, andererseits sitzen wir alle zwischen Unmengen gedruckten Zeugnissen und selektieren das alles sozusagen rückwärts durch, damit das von Belang übrig bleibt.
Kurt Schumacher
25. Januar 2013 17:09
Lieber Herr Bosselmann, wissen Sie, wie Stefan George den Dichter definiert hat?

"Er hat den Griffel, der sich sträubt, zu führen."

Der sich sträubt! Was für ein Unterschied zur wahllosen Logorrhoe der Heutigen. Der Dichter als Kämpfer um die Form!
Ein Fremder aus Elea
25. Januar 2013 17:25
Ich habe mir den Artikel von Frau Wampole jetzt durchgelesen. Sie ist übrigens die Sängerin von Glass Wave:

http://www.youtube.com/watch?v=MXTF2XqmxgI

Ich will es mal so sagen, das sind spezial gelagerte Sonderbefindlichkeiten.

Erinnert mich an eine Bemerkung von ich weiß nicht wem zur Frage der Hautbräunung: "This tone that all the rich people envy, when all it takes is to work your ass off."
Ein Waldgänger aus Schwaben
25. Januar 2013 20:10
Die Scherzhaften

Immer spielt ihr und scherzt? ihr müßt! o Freunde! mir geht dies

In die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.

Friedrich Hölderlin.

Es ist in der Tat die Verzweifelung einer untergehenden Gesellschaft, die deise Elenden zu Scherzen treibt.Was wird kommen, wenn die 68'er endgültig auf der Müllkiper der Geschichte gelandet sind? Als glücklicher Vater dreier Kinder im Teenager-Alter sehe ich durchaus Ansätze für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche im Leben: Familie, Heimat, Glaube. Es ist an uns "Rechten" oder Konservativen die Flamme am Brennen zu halten, bis ein Sturm losbricht sie zu entfachen.
HF
25. Januar 2013 20:12
Christy Wampole erwähnt in dem Beitrag eine Sorte "gefährlicher Menschen ohne Ironie" - Diktatoren und Fundamentalisten. Ich befürchte in letztere Kategorie würde sie diese Runde, dieses Blog einordnen.
Unke
25. Januar 2013 22:02
Bitte diese Version nehmen - Tagzeichen korrigiert!
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Dass hier Einlassungen einer Christy Wampole im global-bolschewistischen Leitmedien, der Jew York Times, thematisiert werden ist ja eine Ironie für sich. Wenn das mal keine doppelte Brechung ist….
Leider sind die im Netz verfügbaren Biographien (hier und hier) nicht wirklich aussagekräftig. Ist halt noch ein junges Ding; ein hot babe obendrein. Und trotzdem -- familiärer Hintergrund und (weltanschauliche) Affiliationen, abgesehen vom Ritterschlag eines jeden Mainstream-Intellektüllen, der Veröffentlichung eines Aufsatzes in der NYT: Fehlanzeige.
Das -im Wortsinne- Unpässliche an dem Ganzen ist jedoch die Tatsache, dass ausgerechnet eine Frau über Ironie befindet. Auch wenn die Selbstsicht eine andere ist: die Abteilungen „Humor, Bonmot und Pointierung“ zählen nicht zu denjenigen, in die Frauen gehen sollten; und zwar einfach deswegen, weil sie schlecht darin sind. Sie sind darin nicht kompetent; wegen ihres Narzissmus (die Frau als das begehrte Geschlecht) und der angeborenen Unfähigkeit zur Selbstreflexion. Kurz: als jemand, der der Zeitökonomie (zwangsweise) unterliegt genügen die Merkmale „Ironie-Frau-NYT“, um den Artikel nicht zu lesen.
(Es gab im Übrigen 1996 eine mittlere Kontroverse, bei der Englischlehrer und die NYT[!] Alanis Morissette für ihren [angeblich fehlerhaften] Gebrauch des Wortes „ironic“ kritisierten .)

Schließlich sei noch erwähnt, dass in dem Artikel die Bespaßung im öffentlichen Raum erwähnt wird. Heiterkeit im privaten Rahmen -also nicht die vom Massenanimateur ausgelösten Schenkelklopfer- finde ich wunderbar und befreiend… ein selbstkreiertes Bonmot ist doch etwas ganz anderes als ein massenmedial konsumiertes!

@ Importprimat
> Kolumbianerinnen als Zwangsprostituierte
Woher haben Sie diese Informationen? Von der Feministin Ihres Vertrauens?
> Heiraten ist spießig.
Nein, Heiraten ist rechtlicher (Selbst-)Mord für den Ehemann und ein finanzieller Blankoscheck zu Lasten desselben. Lebenslang.
Gottfried
25. Januar 2013 22:06
@ HF

Heißt es heute - ich kenne mich als rückwärtsgewandter Reaktionär in der modernen globalen Welt des Spaßes nicht recht aus - DAS Blog?

Denken Sie denn, daß eine Frau Whirlpool oder so in der Lage ist, hier geistig zu folgen?

Ist natürlich die Frage, was spricht jetzt für, und was spricht gegen eine Spaßpause auf der "sezession".

Aus meiner Sicht ist- zum Beispiel - Herr Lichtmez ein Meister der Ironie, der maßvollen Über- oder Untertreibung, die sehr lässig betrieben wird, so nebenbei.
Ironie hat nicht mit Träräh-Trärah zu tun. Weh tut grundsätzlich das Opfern des Inhaltes zur Beförderung des Schenkelklopfens

Als Begriff schlüge ich hier noch das "Kultige" vor. NICHT gemeint besondere Geschmäcker, die nur von kleinen Gruppen geteilt werden, sondern etwa ab den frühen 1980er Jahren für die Massen das Angebot, z.B. "Golden Girls" oder "Dallas"/"Denver Clan" zu sehen oder den eher schlichten Klängen Schlagerplatten zu lauschen, um dann im Zweifelsfall immer sagen zu können, daß sei doch alles nur Spaß gewesen.

Es gibt bereits akademische Vorträge darüber, daß z.B. die wohlbezahlte Unterhaltungsfrau "Lady Gaga" doch nur ironisiere, die Kostümierung also von einer souveränen Metaebene aus betreibe.

Wie kann sich jetzt aber aufdringlicher Krawall am besten unangreifbar machen? Ganz einfach: Indem er sich als "aufdringlicher Krawall" maskiert.
Martin
25. Januar 2013 22:42
Es gibt einen Song von Ton, Steine, Scherben, in dem es eine tolle Zeile gibt, die zu dem passt, was ich sagen will: "Macht kaputt, was euch kaputt macht."(Wampole)


Und es gibt diesen Song:

http://www.myvideo.de/watch/7932160/Oktoberklub_Sag_mir_wo_du_stehst

Tja, in einer Konsumwelt darf man sich wie ein Pudding verhalten, um nicht mit einer Meinung an die Wand (oder gar ans Kreuz?) genagelt zu werden, solange man Kohle ran schafft und auch wieder ausgibt, ist alles ok.

Ist nur die Frage, was besser ist, die ständige Aufforderung, Bekenntnisse abzugeben oder sich im Nebel des Unverbindlichen verdrücken zu können ...
Turmkönig
26. Januar 2013 00:10
Das Thema beschäftigte mich vorher schon seit langem, es brennt mir quasi im Herzen, zumal ich selbst einer dieser ironistischen Zwangsneurotiker bin.
Ich gebe den amerikanischen Fernsehsendungen und Hollywoodfilmen die Schuld dafür. Wie alle Kinder meiner Zeit konsumiere ich davon zuviel. Sie sind nun mal interessant und witzig. Die Querseite der Medaille ist, daß die Filme und Sendungen in endloser Dauerschleife nur Flüchtigkeiten, Umtriebigkeiten, Unbestimmtheiten, Austauschbarkeiten, schlicht Sinn- und Hoffnungslosigkeiten in abhalfternder Witzigkeit abbilden oder, wo etwas Wichtiges, Heiliges, Schönes, Wahres, Gutes und Richtiges auftaucht, dieses sogleich in den Schlamm pervertierter Ironie stampfen und der Lächerlickeit preisgeben.
Damit soll uns suggeriert werden, wie locker, souverän und abgeklärt wir doch seien, weil wir ja problemlos auf jedes Pathos verzichten könnten, im Gegenteil das Pathetische sogar aus einer ironischen Distanz zu belächeln imstande wären.
Ja, o ja, wir ach so aufgeklärten Menschen sind über alles erhaben und haben die Weisheit mit dem Löffel gefressen, wird uns zum Ausdruck gegeben. Wir wissen alles, was wird und war; keine Ideen und Ideale, keine Dinge, keine Menschen sollen uns sein mehr wunderbar (abgewandeltes Zitat von R. M. Rilke).

Es gilt schon als unkuhl, mit Freunden und Verwandten Gespräche zu führen, die über pragmatisch-praktische, ökonomisch-finanzielle, materiell-konsumistische Angelegenheiten hinausgehen könnten: z. B. über andere Freunde, die Freundin, überhaupt Freundschaft und Liebe oder darüber, was einem im Privatleben bis aufs Mark ankotzt, unter welchen Schmerzen man in seinem Schlafzimmer leidet, während man heimlich heult.
Kommt man über irgendeinem Wege doch auf solcherlei Sachen zu sprechen, wird sofort der Ironiegang eingeschaltet. Denn hier hätte eine ernsthaft innige Situation die ironisch-biergesellige Spaßgesellschaft zerstören können; beinahe hätte man hier einmal in sich kehren und vom lustigen, aber freudlosen Gelaber Abstand nehmen müssen.
Aber nein! Das hätte uns einander enttarnt; wir hätten einander zeigen müssen, daß wir doch nicht so eiskalt und gleichgültig sind, wie wir uns nach außen hin aufzutreten verpflichtet fühlen, wie es uns das Fernsehen ins Gehirn und Herz eingebrannt zu haben scheint.

Mein Gott, das fängt ja alles im Kindergartenalter schon an. Den Kindern wird von den Medien und von ihren ironiemedial berieselten Eltern Kuhlneß beigebracht und sonst gar nichts mehr. Welch eine Gemütskrankheit da gebraut und verbreitet wird!
Kuhl ist man in dem Jugendlichenalter übrigens, indem man niemanden an sich ranläßt und möglichst fies zu seinen "Freunden" (mehr oder weniger die ganze Schulklasse besteht aus ausdifferenzierten "Freunden") ist - also nicht kumpelhaft zupackend "fies", sondern wirklich berechnend arschlöchrig, egoistisch und intrigant, bis man seinen ganzen Spaß ausgereizt hat.

Der Marsch des Ironismus in die Hirne und Herzen der Menschen reiht sich prima ein in die Front für das Projekt der atomisierten, globalisierten Weltgesellschaft, dürfte aufgefallen sein.
Sixty
26. Januar 2013 01:13
"Man rufe sich rein optisch den lustig gemeinten Kita-Charme von Parteitagen der Grünen auf. Wer dort unironisch ernst bleibt, ist out oder sehr, sehr erzürnt."


"Das meinen Sie doch nicht ernst?! Die verspießerten Gestalten auf Grünen-Parteitagen, Realkarikaturen ihrer selbst, sind doch sternenweit von allem entfernt, was man im Ansatz als Ironie bezeichnen kann!"


Man muß hier unterscheiden zwischen den Mitgliedern der Grünen auf ihren Parteitagen, die eher eine Art von moralisierendem Gezeter mit Kindergarten-Einlagen sind plus die inszenierten Auftritte des Polit-Clowns Ströbele, der die Rolle des linksradikalen "Outsiders" einnimmt (die Parteitage der "Piraten" laufen im übrigen ähnlich ab wie die der Grünen in ihren Anfangsjahren), und ihrer vorherrschenden Wählerschaft aus der großstädtischen Öko-Yuppie-Szene. Diese Leute neigen eher zu der hier skizzierten "Dauer-Ironie", manchmal bis hin zum Zynismus. Die Grünen wählen sie, um ihr "schlechtes Gewissen" zu beruhigen.

"Auf der einen Seite wird Fair-Trade Kaffee aus Kolumbien getrunken, auf der anderen Seite schweigt man, wenn Kolumbianerinnen als Zwangsprostituierte neben an vergewaltigt werden. Bordelle tragen zur Buntheit des Viertels bei und sind ein Zeichen von Weltoffenheit."


(Zitat von "Importprimat)
Löffelstiel
26. Januar 2013 07:59
Lieber Herr Bosselmann,
daß Sie den Rettungsschirm aufspannen und uns gleich 'Hans guck in die Luft' mit einem kräftigem Windstoß ins Weite, Lichte, Höhere - gibt es dafür e i n Wort, vielleicht Hoffnungsvolle - segeln lassen, das erfreut mein kleinmütiges Herz.
Hier einige Anregungen, wie man der Haftung 'Schwerkraft - ja es ist eine lebenslängliche Haft - hin und wieder in 'lichtere Höhen' entschwinden kann

- sei Karl Valentin (mit Vogel-V sprechen, man sagt ja auch nicht Water statt Vater
- hör die göttliche Freiheit Moos-zart
- hör und sing mit HEINO - hier stehe/singe ich, und kann nicht anders
- lies Jean Paul
- Kichern, Schmunzeln, Lächeln
- Kindelein, Bierchen, Häuschen, Gärtchen, Herzallerliebster mein
- pack dich SchuftSchurkeSchwindlerSchauspielerSchieberScharlatan
- jung JÜNGER am jüngsten Tag
- 'Hat der alte Hexenmeister, sich doch einmal wegbegeben...'
- sei Heinzelmännchen, Don Quichotte; sei Till Eulenspiegel
- sei mütterlich, väterlich, kindlich
- sei närrisch (vergiss die Tarnkappe nicht)
- sag 3 x am Tag 'hex, hex", 'Neger-Kuss' und sing aus voller Brust 'Drei Zigeuner fand' ich mal liegend auf einer Weide...' oder 'Schwarzbraun ist die Haselnuss (und nicht blond)'
- Meide Muckibuden
- 'Wenn schon sündigen, dann kräftig' (Luther)

Das alles sage ich mir und Dir und auch Ihnen.
Ein Fremder aus Elea
26. Januar 2013 08:07
HF,

wahrscheinlich. Aber wahr ist daran eh nichts. Diktatoren pflegen durchaus einen Sinn für Ironie zu haben.
F.K.
26. Januar 2013 08:22
Zwangsneurose Ironie? Sicher.
Doch wer ist schon noch frei davon, man schaue auf den vorherigen Artikel
"Hurra! Die EU rettet den Pluralismus"
und andere.
Aber vielleicht ist es da ja auch schon Sarkasmus.
Rumpelstilzchen
26. Januar 2013 09:21
@Rosenzweig Danke
Sehr gut dieÜberlegung der ironischen Tarnung.
"ganz unironisch zu seinen Taten stehen..." das sehe ich genauso, obwohl schon älter.
Hatte den gleichen Gedanken bei manchen Texten von H. broder, etwa dem Buch " Kritik der reinen Toleranz".
Warum kann ein solches Buch nicht von einem Nichtjuden geschrieben werden ? Von der ironischen Tarnung läßt sich auch gut leben.
Eigentlich ist ist an der Zeit , ganz unironisch zu seinen Taten zu stehen!!
Das tun inzwischen eher die Jungen, während die Alten sich über die Jungen beklagen.
Rumpelstilzchen
26. Januar 2013 12:38
@Turmkönig
Danke für Ihren ehrlichen Text . Für einen ironistischen Zwangsneurotikerfür halte ich Sie nicht. David F. Wallace litt wohl auch sehr am Fehlen der "ernsthaften Innigkeit".
Arnold Stadler schreibt in seinem Buch:"Ein hinreissender Schrotthändler":

"Und ich sehnte mich nach einem Menschen, mit dem ich über alles hätte reden können, selbst über Gott, ohne ausgelacht zu werden. Ihn, der mir näher als meine Halsschlagader war, suchte ich auch noch.
Die alte Irinissima hat noch mit neunzig über mich gelacht, weil ich sie nach Gott fragte. Gott? Alte Weiber reden über Gott und Kuchen, sagte sie."
Klaus
26. Januar 2013 12:54
Lektüreempfehlung:

http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=46055158&aref=image036/2006/02/25/ROSPX200600300160021.PDF&thumb=false
Ernst Wald
26. Januar 2013 15:07
@Heino Bosselmann

Die ironische Haltung des Subjekts scheint tatsächlich den postmodernen Zeitgeist schlechthin zu verkörpern. Aber was bleibt unseren Hipstern auch anderes übrig? Denn durch ihr ironisches Auftreten kompensieren sie doch nur die unerträgliche Indifferenz und Beliebigkeit, welche auf das postmoderne „anything goes“ zwangsläufig folgt. Wer die Welt durch die postmoderne Brille betrachtet, der verwandelt sich also schlichtweg in einen Ironiker.

Dass Ironie eine weltanschauliche Folgeerscheinung ist, kann übrigens vorzüglich am Denken des links-liberalen Philosophen Richard Rorty studiert werden. Denn für ihn kann quasi ein Subjekt, das fähig ist, den radikalen Relativismus und Anti-Essentialismus zu leben, den er selbst predigt, nur eine „Ironikerin“ sein.

Rorty schreibt: Wenn die „`Ironikerin´ philosophische Überlegungen zu ihrer Lage anstellt, meint sie nicht, ihr Vokabular sei der Realität näher als andere oder habe Kontakt zu einer Macht außerhalb ihrer selbst. Ironikerinnen, die einen Hang zur Philosophie haben, meinen weder, dass die Entscheidung zwischen Vokabularen innerhalb eines neutralen und allgemeinen Meta-Vokabulars getroffen wird, noch dass sie durch das Bemühen gefunden wird, sich durch die Erscheinungen hindurch einen Weg zum Realen zu bahnen, sondern dass sie einfach darin besteht, das Neue gegen das Alte auszuspielen. Leute dieser Art nenne ich `Ironikerinnen´, weil ihre Erkenntnis, dass alles je nach Neubeschreibung gut oder böse aussehen kann, und ihr Verzicht auf den Versuch, Entscheidungskriterien zwischen abschließenden Vokabularen zu formulieren, sie in die Position bringt, die Sartre `metastabil` nennt: nie ganz dazu in der Lage, sich selbst ernst zu nehmen, weil immer dessen gewahr, dass die Begriffe, in denen sie sich selbst beschreiben, Veränderungen unterliegen; immer im Bewusstsein der Kontingenz und Hinfälligkeit ihrer abschließenden Vokabulare, also auch ihres eigenen Selbst“ (Rorty: Kontigenz, Ironie und Solidarität / S.127 ff.)

Wie kann man sich nun als Konservativer dieser postmodernen Ironie erwehren? Karl-Heinz Weißmann hat in diesem Zusammenhang eine wirksame Attitüde vorgeschlagen: Wende Dich „dem `Essentialismus´ zu, der nicht nur Konstruktion und Erfindung sieht, sondern die Substanz der Dinge; vollziehe den Schluß vom Sein auf das Sollen, weil das Natürliche und die Normalität tatsächlich Hinweise für das Richtige geben und plädiere für den gesunden Menschenverstand, der nicht nur die eigene Erfahrung auf seiner Seite hat, sondern auch die Tradition.“
Heino Bosselmann
26. Januar 2013 16:12
Danke. Sehr klar. Richard Rorty kannte ich nicht und sehe gerade nach … Das Weißmann-Zitat sollte man sich kopiert ausdrucken und über den Schreibtisch heften. "Weil das Natürliche und die Normalität tatsächlich Hinweise für das Richtige geben …" Allein schon das! Was ringt man da oft selbst so verrenkt um Sätze, wenn's so geht. Herzlicher Gruß!
Irrlicht
26. Januar 2013 16:40
@Zadok Allen
Es mag sein, dass Bosselmann einen trivialisierten Begriff von Ironie zugrunde legt, insofern auf einen Strohmann einschlägt, Platons sokratischen Dialoge halte ich aber weder für unauslotbar noch im Wesen ironisch. Die Dialogform dient als Stilmittel zur Darstellung mehr oder weniger klar benennbarer philosophischer Thesen und zur Auseinandesetzung mit konkurrierenden Auffassungen. Eine Philosophie, die sich in den "Schleier der Isis" hüllt, ist eigentlich keine, ist bestenfalls philosophierende Literatur.
Ein Fremder aus Elea
26. Januar 2013 17:10
Herr Wald,

nicht die Rechte wird durch Ironie bedroht, sondern die Linke. Ist Ihnen das nicht klar?

Weil nichts dahinter steht, werden immer mehr Linke ironisch, sehr zum Mißfallen der Einpeitscher. Dieses ganze Thema ist eine Übung in Fanatismus.

Aber wenn der Hals juckt, sollte man besser husten. Hilft gar nichts, das zu unterdrücken.
Zadok Allen
26. Januar 2013 22:48
@ Irrlicht

Die platonischen Dialoge als unironische Texte, eine steile These. Die Dialogform sehen sie als bloßes "als Stilmittel zur Darstellung mehr oder weniger klar benennbarer philosophischer Thesen". Ohne in ausufernde Diskussionen eintreten zu wollen, ein kleines Beispiel:

Im Theaitetos referiert Sokrates bestimmte ontologisch-epistemologische Argumente des Protagoras höchst polemisch und unsachlich, mit dem offensichtlichen Ziel, sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Was will uns Platon nun damit sagen:

a) Er, Platon, lehnt die Lehre des Protagoras ab?
b) Der historische Sokrates hat die Lehre des Protagoras abgelehnt?
c) Sokrates hat Lust an sophistischer Argumentationstechnik (wie er in diesem ganzen Dialog über weite Strecken sophistisch argumentiert, mit absichtsvollen Logikfehlern, rhetorischem Blendwerk usw.)?

Zu allem Überfluß fingiert ebenderselbe Dialog-Sokrates, unter Selbstkritik seiner polemischen Argumentation, wenige Abschnitte später eine glänzende Verteidigungsrede für Protagoras, indem er sogar an dessen Stelle spricht (eine fiktive Person fingiert also eine weitere Person, von der wir wörtliche Rede vernehmen).

Was nun? Eine Summe wird im Dialog nicht gezogen, Für und Wider mit Blick auf Protagoras nicht endgültig abgewogen. Die Schweben (ich wage den Plural), in denen diese Texte gehalten werden, sind unabsehbar. (Daher ist in der neueren Forschung beispielsweise schon umstritten, ob Platon seine "Ideenlehre" selbst jemals wirklich vertreten habe oder ob es um ein exoterisches, eingängig-simples Lehrgebäude für das breitere Publikum handelte.)

Und, was das Wichtigste ist: Trotz alledem sind diese Dialoge von einem tiefen existentiellen Ernst des Philosophierens durchdrungen, von dem, was Hegel die "Anstrengung des Begriffs" genannt hat. Ohne diesen den Ironiker fundierenden Ernst (wie auch ohne breite klassische Bildung) kann es keine genuine Ironie geben, allenfalls müde "Witzischkeit".
Ann Newton
26. Januar 2013 23:24
Und Jedediah Purdy sagt:

Kern der Ironie ist die ruhige Weigerung, an die Tiefe einer Beziehung, die Redlichkeit eines Beweggrundes, die Wahrheit der Rede zu glauben - besonders der ernsten Rede. Ein nicht enden wollender Spaß zieht sich durch die Kultur der Ironie - ein Spaß nicht auf Kosten aller, sondern auf Kosten der Idee, daß irgendjemand den ganzen Betrieb wirklich ernst nehmen könnte.

Und das hier finde ich auch äußerst gut beobachtet:

Die neue Spiritualität ist auch eine Form der Abwehr gegen die Ödnis einer ironischen Kultur. Indem sie ihre Erwartungen mit geradezu aufdringlicher Naivität verkünden, beziehen die neuen Spiritualisten Stellung gegen die ironische Skepsis.

Danke Turmkönig!Wegen Ihres Kommentars habe ich meine Bücherregale nach Purdys Buch abgesucht und werde es jetzt noch einmal lesen!
Ellen Kositza
26. Januar 2013 23:33
Lieber Heino Bosselmann,
Christy Wampoles Beitrag über die wohlfeile Flucht in die Ironie war mir auch angenehm aufgefallen, ich hätte dazu gern etwas in die brandneue Sezession- Druckausgabe gebracht, allein, es paßte nicht ins Titelkonzept, daß ja "Wir selbst" lautet...

Lieber Unke: Wie, sie bezweifeln, daß es kolumbianische Prostituierte gibt? Heißt wohl nicht, Sie hätten Interesse an entsprechenden Hausadressen? Um nachzufragen, mit wieviel Lust die Damen ihrer Beschäftigung nachgehen? Nichts für ungut, aber dies: leider funktionieren Ihre links allesamt nicht!
Und, hm, daß Frauen in der Abteilung Ironie, Bonmot, Pointierung nichts zu suchen hätten... Ich frage mich, ob Sie dabei einem reaktionären Bild oder gerade progressiven Auswüchsen folgen. Lesen Sie mal Camille Pagila!

Das vom Fremden aus Elea verlinkte Sangesvideo der C. Wampole-Kapelle "Glass waves" hab ich mir angeschaut: Na, soo sonderbefindlich ist das doch nicht. Das ist keine kesse Mädchenstimme, es sind noch dazu nette Bilder und immerhin haben sie den Bandnamen einem Ezra-Pound-Poem entlehnt; was erwarten Sie sonst noch?
Ein Fremder aus Elea
27. Januar 2013 08:30
Frau Kositza,

sicher, das ist ganz gefällig. Mir ging es mehr um die Nische, welche Frau Wampole besetzt. Und die wäre:

weiblich, nordeuropäischen Bluts, nordamerikanischen Wohnorts, betont bourgeois, italo- und francophil, kulturell und intellektuell bewegt, Teil der so genannten "liberalen" Kultur der Nordostküste.

Sie mögen einwenden, daß jeder einen sehr speziellen Hintergrund hat, aber Frau Wampole richtet sich ja auch nur an ihresgleichen.
Ernst Wald
27. Januar 2013 10:05
@Ein Fremder aus Elea

Sie mögen recht haben. Wirklich „bedroht“ wird die Rechte nicht durch die links-liberale Ironisierung. Aber sie findet dennoch nach wie vor statt und fordert somit gelegentlich zu einer Stellungnahme heraus. Denken Sie beispielsweise an die Auslassungen von M. Brodkorb auf Endstation-Rechts über das Abstammungsprinzip. Seiner Meinung nach würden sich „Philosophiestudenten des ersten Semesters vor Kichern auf dem Boden kringeln, weil diese Erklärung schlicht zirkulär“ sei.

Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Ironie auch einfach ein rhetorisches Stilmittel sein kann. Und da wir in einem geistigen Bürgerkrieg leben, bedienen sich die verschiedenen Lager der Ironie, um die Gegenseite zu befeuern.
Rumpelstilzchen
27. Januar 2013 11:31
Nochmals ARNO STADLER, ein ernsthafter Zeitgenosse voller Ironie, die schmerzt:

" STERBEN wurde durch Gehen ersetzt in den Todesanzeigen,
die HOFFNUNG vom Spaß abgelöst,
das VERLANGEN vom Wellness-Bereich,
der MENSCH vom Verbraucher,
die SEHNSUCHT vom Fit for fun,
die EXISTENZ vom Schöner Wohnen."
2006
Ansonsten danke für die vielen Anregungen.
Heino Bosselmann
27. Januar 2013 11:48
Thomas Drescher schrieb mir etwas Interessantes: "Ich meine ja, wer über Systemtheorie redet, darf von der Ironie nicht schweigen, (…). Ironie ist ja im Luhmannschen Duktus gesprochen nichts weiter als die Wiedereinführung der Differenz von Information und Mitteilung auf Seiten der Mitteilung: Man ist ironisch und läßt das den anderen merken. Vor allem aber ist sie eine Beobachtung zweiter Ordnung, die die Kontingenz ihrer eigenen Geltung als Mitteilung mittransportiert – vllt. kann man auch sagen: „stilisierte“ Kontingenz (ja, das gefällt dem Sezessionisten!), wenn man unter Kontingenz die „Differenz von Aktualität und Possibilität“ versteht. Ironie trifft damit eine (wenn nicht: DIE) „Signatur“ unserer Gesellschaft. Sie ist selbstredend jedem Substantialisten und Essenzialisten (nicht nur unbedingt rechter Provenienz: „Lachen ist gesund , Genosse ... aber konstruktiv muß es sein!“) der G(a)raus. ...
Martin
27. Januar 2013 11:57
Um mich mal wieder als Foren- Proll zu outen, aber es passt irgendwie zum Thema:

Die Sehnsucht nach "was Ehrlichem" und hundertprozent-Ironie-Freiem ist mittlerweile Massen kompatibel:

Gestern Abend wurde der "naive Held" Joey Dschungelkönig ... statt der Dauer-ironischen und sarkastischen Transe ...

Wenn das keinen Aussagewert hat?
Ein Fremder aus Elea
27. Januar 2013 12:56
Die Sache mit dem Philosophiestudenten des ersten Semesters (Deutscher ist, wessen Eltern Deutsche waren.*) ist keine Ironie, sondern Idiotie.

Und so mag es natürlich auch stimmen, die Linke wird von Ironie bedroht und die Rechte von Idiotie.

*Für alle technisch Interessierten. Da steht nur "Deutscher ist" und nicht "Deutscher ist und ist jemals nur gewesen". Es bereitet nicht die geringsten Schwierigkeiten, wenn eine gesetzliche Regelung auf eine frühere Regelung verweist. Denn das ist hier der Fall. Das Gesetz maßt sich gar nicht an, über das Deutschtum bereits Verstorbener eine Aussage zu treffen.
Meyer
27. Januar 2013 13:32
ad Martin Brodkorb

Potentielle Biologiestudenten, lang vor ihrer Immatrikulation, würden sich minutenlang auf die Schenkel schlagen, wenn sie hörten, daß irgendein irrelevanter Martin Brodkorb auf seine eigene Abstammung verzichte.

Und ein Jurastudent, in etwa dem fünften Semester, lächelt leicht arrogant, wenn er einem Rechtsunkundigen den Begriff Prima-facie-Beweis erklären darf.

Ein diplomierter oder promovierter Philosophiestudent (nicht etwa ein Philosoph) hält lediglich den öffentlichen Urkundsbeweis in den Händen, daß er nicht mehr selbständig Lebens- und Wahrnehmungsfähig ist.

Zuletzt lache ich. Und zwar über alle diejenigen, die meinen, daß ein Staat, der Brodkorbs zu Landesministern macht, rettbar oder rettungswürdig wäre. Ein Zombiestaat. Er zappelt noch und ist doch tot.
Rumpelstilzchen
27. Januar 2013 13:36
@Martin, den Forenproll,
Ihr Geständnis macht Sie sympathisch. ich dachte ähnliches beim Überfliegen des virtuellen Blätterwaltes. irgendwo wurde diesem braven Jungen "herzensbildung" bescheinigt (s.o.)
Die Feuilletons der bürgerlichen Presse werden sich sicher darüber auslassen in hochgeistiger Form.
Trotzdem an den "Forenproll": Adenauer soll sich dazu bekannt haben, gerne die Bildzeitung zu lesen.
was soll's.
Gottfried
27. Januar 2013 13:42
@ Martin

"Um mich mal wieder als Foren- Proll zu outen"

Werter Auter, jeder einzelner Proll ist mir grundsätzlich lieber als jeder einzelne Studierende wie auch jede einzelne Studierende einer zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Fakultät, wo man sich beflissen mit Rassismusforschung, hybriden Heymatkonzepten, Kritischem Weißsein und allerlei sonstigen Alchimien und Alfanzereien befaßt.

Wo Instinkt verloren geht, der natürliche Wille zum Leben erlischt, da ist halt nichts mehr zu retten.

"Massen kompatibel"

Diese Neue Deutsche BERTELSMANN/RTL-Schreibweise des Adjektivums, mit Verlaub, schlägt denn doch ein wenig arg über die Stränge.

Dem generellen Tenor Ihres Beiträges stimme ich zu, Martin, der ewigheutige Demokrat hat nichts lieber, ihn berührt nichts mehr als die authentische Botschaft des im Fernsehen Auftretenden "Ich bin wie Du", ob da nun zum Schönheitswettbewerb abgestimmt wird, ein neuer BUNTER Kanzler gewählt oder gerade ein Sangeswettstreit stattfindet.
Irrlicht
27. Januar 2013 14:15
@Zadok Allen
Vorweg: Die unterstellte und gelegentlich vorhandene Polemik, Sophistik (kann nich sein, von Sophisten grenzt er sich ab) und die durch die Dialogform aufgeworfene Frage, welche Ansichten Platon - anstattt seiner Dialogfigur Sokrates oder der Dialogpartner - zugeschrieben werden können, haben per se nichts mit Ironie zu tun, einer bewußten Doppelbödigkeit zwischen Ernst und Unernst.

Die Interpretation "Stilmittel zur Darstellung philosphischer Thesen" ist, wenn die Dialoge als phil. Texte interpretiert werden, eigentlich üblich. Anstatt des Theaitetos möchte ich Beispiele aus dem Menon nehmen, einfach weil ich ihn besser im Gedächtnis habe: Im ganzen Dialog setzt sich Platon/Sokrates mit dem mit dem Problem der Definierbarkeit auseinander, zu Beginn am Beispiel des Begriffs der Tugend, später in Bezug auf den zentralen Begrif der Erkenntnis, die er als begründete wahre Meinung bestimmt, von einer bloß wahren Meinung abgrenzt. Die andere zentrale Frage , die er behandelt, in welchem Umfang (mathematisches) Wissen angeboren oder erworben ist, ist ein Klassiker der Erkenntnistheorie.
Martin
27. Januar 2013 14:44
@Gottfried:
Diese Neue Deutsche BERTELSMANN/RTL-Schreibweise des Adjektivums, mit Verlaub, schlägt denn doch ein wenig arg über die Stränge.


Das ist eher der Firefox Rechtschreib-Korrekturhilfe und meiner Grundschulzeit in einer "sozial-schwachen" Gegend geschuldet, als RTL ...
ich halte mich für das beste Beispiel, das Sachen wie Rechtschreibung in früher Kindheit/Jugend geprägt werden müssen und das das Vorurteil, dass viel Lesen für die Rechtschreibung gut sei, nicht stimmt, denn ich war und bin eine sog. "Leseratte" ...

Nochmal zum Thema "Ironie":

Hier lässt sich auch das alte Thema des guten, aufrichtigen und ehrlichen, leicht "naiven Blonden" versus des verschlagenen, selbstverständlich ironisierenden ... (das spare ich mir jetzt) durchdeklinieren.

Europa war dabei das Stilmittel der Ironie nie unbekannt, es war aber eben immer ein Stilmittel und keine Fassade, hinter der sich dann nichts mehr verbirgt.
Lion Edler
27. Januar 2013 17:09
Gutes Thema, guter Artikel. Diese "Zwangsneurose Ironie" ist nur eine von vielen Bestandteilen der unbegrenzten Infantilität der modernen demokratischen Pöbelgesellschaft. Schuld sind Demokratie und besonders die Säkularisierung, weil durch Letztere natürlich jeglicher Ernst zerstampft wurde und durch die infantile Love-Parade-, CSD- und Disco-Gesellschaft ersetzt wurde.

Aus dem oben im Kommentarbereich von Klaus verlinkten Spiegel-Wissen-Artikel:

"Wem noch etwas wichtig ist, muss hinnehmen, dass er als bornierte
Existenz gilt."

Genauso ist es, wenn, wie Arnold Gehlen sagen würde, "allem, was steht, das Mark aus den Knochen geblasen" wird. Und deswegen ist auch vehement darauf zu verzichten, als "Konservativer" - sofern diese Begriffe noch irgendeine Bedeutung/Sinn haben - sich an den demokratischen Völkspöbel anzubiedern, indem man zwanghaft "cool" und "locker" zu wirken versucht. Das kann nämlich nie gelingen, so lange einem "noch etwas wichtig ist", wie es in dem Spiegel-Wissen-Artikel formuliert ist. Darauf komplett verzichten, kommt aber für mich nicht in Frage.

Und weiter aus dem Spiegel-Wissen-Artikel:

"Momentane Anstrengungen, motivierte Gemeinschaft zu stiften durch „Ruck“-Reden oder „Du bist Deutschland“-Plakate, verfehlen ihr Ziel, weil sie die coole Identifizierung wecken wollen, den Aufbruch
ohne Anteilnahme."

...was ein typisches Dilemma des "Konservatismus" seit Langem ist: einerseits will man richtigerweise Werte stiften gegen die asoziale Pöbel- und Konsumgesellschaft, andererseits will man aber ständig krampfhaft "coole Identifizierung" schaffen, wodurch das Ganze inkonsistent und somit nicht selten völlig unglaubwürdig und albern wirkt. Ein Paradebeispiel dafür ist z.Bsp. das folgende infantil-peinliche Werbevideo des RCDS Göttingen, das auf der Facebook-Seite der JF von JF-Lesern bejubelt wurde:
http://www.youtube.com/watch?v=bSSPgfmfjgA

Politische Inhalte werden in dem Video - ganz im Sinne der dekadenten demokratisch-säkularen Pöbelgesellschaft - zur reinen Nebensache und werden nur mit sehr unkonkretem Gelaber beschrieben ("bessere Semesterticket-Verhandlungen"). Im Zentrum des Videos steht der "coole" und in der Disco "abgehende" Dimitri. Wie lächerlich und inkonsistent ist dieser "coole" Spaßgesellschafts-Habitus bei einer JU/RCDS, zu deren Konventionen es gehört, dass bei ihren Veranstaltungen ohne besonderen Anlass von 20-Jährigen Anzüge getragen werden, um somit eine Pseudo-Seriösität vorzugaukeln?

mfG, L.Edler.
Marc Felix Serrao
27. Januar 2013 18:39
Christy Wampole, die Ironie der Hipsterkultur, das RTL-Dschungelcamp... interessant, wie Sie, Herr Bosselmann, hier die zentralen Stichworte eines Textes von mir wiederkäuen, der erst vor wenigen Tagen in der SZ erschienen ist. Sie haben sogar dieselben drei Zitate von Ulf Poschardt aus der Welt am Sonntag gewählt, die auch in meinem Artikel vorkommen.

Was ist das? Zufall? Eine besonders subtile Form der Anerkennung? Oder genau jenes nachäffende Dampfplaudertum, das Sie bislang nur bei anderen „Internet-Akteuren“ beobachten konnten?

http://www.sueddeutsche.de/medien/reaktionen-auf-rtl-dschungelcamp-alles-nur-spaaahass-1.1576021.

Gruß aus München,
Marc Felix Serrao
Löffelstiel
27. Januar 2013 20:09
Spaßmacher, Spötter, Witzbold, Possenreißer - das sind seit eh und je standhaft beständige Leitbilder aufder Narrenebene, die der Königsebene wider-sprechen und -stehen: Stand halten.

Wenn sich heutzutage Medienmacher, die 'irgendwas bei und mit den Medien' machen, inflationär ihr Geld mit ironischen Kommentaren verdienen,sagt das über das pfiffige Grundrecht der menschlichen Existenz auf Humor gar nicht aus, viel aber über dessen Missbrauch, Verschleiß, deren Zersetzung - also Diabolus.

Er zielt mit ihren Giftpfeilen Häme, Bosheit, Hohn, Schadenfreude Einschüchterung, Lähmung, Destruktion, verschießt dabei aber seine Munition. Um sich nicht selbst der eigenen Waffen zu berauben, wechselt der liebenswürdige Macher, der nun mehr leichtfüßig statt hinkefüßig daherkommt, von der boshaften Gehässigkeit zum gefälligen Foppen, um das böse Spiel wieder von vorn zu beginnen. Schaukelpolitik nennt man das. Auf diesen Wechselbalg auf gar keinen Fall reinfallen!

Humor ist verwandt mit Humus, ist elementar und fruchtbar. Wer bitteren/ Galgen-)Humor, spitze Zunge, Sarkasmus, Zynismus, Scherz, Schalk im Nacken als Exlexiere beherrscht, leistet fröhlichen Widerstand. Wie bei jeder anderen Artikulation zählt auch hier Niveau; Haltung und - Ernsthaftigkeit. Der traurige Clown ist sprichtwörtlich; der Zyniker ein verletzter Pathetiker und Scherz reimt sich nicht nur auf Herz, sondern auch auf Schmerz. Wer mit List und Tücke provoziert, ist zu achten; wer mit Hinter-List und Heim-Tücke lächerlich macht, ist zu verachten, besser - gar nicht zu beachten. Mißachten ist vielleicht wirkungsvoller als entlarven.

Ich glaube, daß sich die Machenschaften dieses Giftzwergs, Gift-und-Galle-Spuckers (Spott = Spucke), Unkraut-Säers, dieser Spottgeburt (der Hölle) leerläuft und leer läuft und läuft und läuft...
Heino Bosselmann
27. Januar 2013 21:23
Sehr geehrter Herr Serrao, mit dem Phänomen der Spaßgesellschaft, dem Blog-Trubel um Wampole, der sog. Hipsterkultur und deren Ausdrucksformen bin ich schon eine Weile nachdenklich befaßt und habe dazu andernorts bereits geschrieben. – Was Ihren Beitrag in der SZ betrifft, so erschien er m. E. am 18.01., meine Kolumne hier später. Ich kenne also Ihren vom RTL-Dschungelcamp ausgehenden und dann auf Wampole rekurrierenden Text, nutzte zudem durchaus Hintergrundmaterial, auf das Sie verwiesen: rtl.de, Welt am Sonntag", Poschardt, Spiegel-Online, Bild.de. – Gleichwohl meine ich, mit anderem Zentrum und Zusammenhang darzustellen. Anerkennung zolle ich Ihnen tatsächlich. Daß wir bei evtl. politisch unterschiedlichen Blickwinkeln in der Sache – nicht im Wort – zu ähnlichen alltagskulturellen Deutungen kommen mögen, liegt in der Thematik nahe. Sehr klar habe ich als Zeitungsleser einzugestehen, daß ich nach Lektüre Ihres anregenden SZ-Beitrages auch das von Ihnen benannte Material im Netz einsah. Insofern habe ich mich hoffentlich eher zu bedanken als zu entschuldigen? –
Zadok Allen
27. Januar 2013 22:03
@ Irrlicht und viele andere

Es ist, das sehe ich nun ein, ein Streit um den Begriff. Ich kann mich einfach nicht damit anfreunden, unter Ironie ein Changieren zwischen "Ernst und Spaß" zu verstehen. Vermutlich hat die Stadien-Anthropologie des reifen Kierkegaard zu starken Eindruck auf mich gemacht, in welcher der Ironiker eben nicht als lebensuntüchtiger Hallodri, sondern als vor der allgemeinen Defizienz der Welt resignierter, aber eben dennoch nicht aufgebender Ethiker figuriert.

Aus meiner Sicht ist die Ironie (wie ich sie verstehe) die einzige Waffe, die Leuten wie uns angesichts der überwältigenden Übermacht der herrschenden Ideologie (für die ihrerseits einmal ein schlagender Begriff gefunden werden muß) bleibt.

Der Zynismus stabilisiert den, der die Gegenwart ablehnt, in sich selbst, bildet einen Schild, hinter dem allein die Achtung vor heiligen Gütern noch überdauert - Zynismus im Sinne der alten Kyniker, wohlverstanden.

Die Ironie ist das leichte Florett, das man als Angriffswaffe noch führen kann. Doppelbödig ist sie, in der Tag, oder vielleicht besser "halbbödig". Denn sie stellt die Bodenlosigkeit dessen bloß, das sie trifft, und läßt einen festen Boden durchblicken, der schon verloren ist, auf den sich der Ironiker aber trotzdem zu stellen versucht.

Was ich dagegen auf der "Rechten" oft beobachte, nämlich ein Ethos, das - etwas böswillig formuliert - den Erlebnishorizont des gerade aus den Materialschlachten von 1914/18 zurückgekehrten Frontkämpfers voraussetzt, scheint mir erheblich "postmoderner" (da surrealer) zu sein als die skizzierte Haltung.
Irrlicht
27. Januar 2013 23:38
@Zadok Allen
Dabei hatte ich den Eindruck, Sie wären in das Lager postmoderner Literaturtheorie gewechselt, mit der Charakterisierung Platons als prä-postmoderner Derrida-Verschnitt. Zu den Frontkämpfern: Ihr Kierkegaardscher Ironiker wirkt verzweifelter als Kubitscheks Frontkämpfer und Ein-Mann-Kaserne im geistigen Bürgerkrieg.
OJ
28. Januar 2013 08:44
Pah, Ironiker sind leicht zu schlagen. Man muss sie nur ernst nehmen. So wie hier etwa:

http://www.youtube.com/watch?v=Rqq-ZXq86oQ
Kurt Schumacher
28. Januar 2013 11:55
Ich frage mich allerdings, warum der Serrao hier auf Sezession mitliest! Hat ihm jemand einen Tip gegeben? Oder bereitet er klammheimlich seinen Ausstieg ("Exit" sozusagen) aus der linken Szene und sein Hissen der konservativen Fahne vor...? Wildwechsel von links nach rechts?

antwort kubitschek:
ich frage mich immer, wenn ich einen solchen kommentar lese, was dieser jähe niveauverlust soll. wieso soll jemand, der hier mitliest, seinen "ausstieg" vorbereiten? haben wir je unseren ausstieg vorbereitet, wenn wir bei "endstation rechts" mitlasen oder zum "spiegel" verlinkten? man liest mit, um sich zu informieren. wenns uninteressant wird, liest man nicht mehr mit. fertig.
Götz Kubitschek
28. Januar 2013 14:17
diskussion ist geschlossen.
dank und gruß!
kubitschek
Unke
01. Februar 2013 23:37
@Ellen Kositzka
Zu kolumbianischen Prostituierten: daran zweifle ich überhaupt nicht; es ist der Begriff ZWANGSprostitution. Um es vorsichtig auszudrücken, ist Zwangsprostitution eher die Ausnahme als die Regel; Femenazis behaupten das Gegenteil.

Frauen und Humor etc.: wäre ich mit einem reaktionären Bild hier nicht gerade richtig? >-))

Inhaltlich haben Sie teilweise recht: meine Aussage war etwas pointiert. Immerhin sei erwähnt, dass das Empfinden einer allzu pervasiven Ironie keineswegs neu ist; habe soeben "the eXile" von Matt Taibbi und Mark Ames gelesen. Und siehe da: Mark Ames ist Anfang der 90er(!) vor Suburbia geflohen; einer amerikanischen Vorstadthölle, in der das Leben todlangweilig und in Ironie getränkt wird (leider habe ich gerade keine Zeit die Textstelle für eine wörtliche Zitierung herauszusuchen).

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