1. August 2007

Ist die Zeit gekommen, um das Geschichtsbild zu ändern?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 19/August 2007

sez_nr_195von Ernst Nolte

Aus Anlaß des Streits zwischen dem italienischen und dem kroatischen Staatspräsidenten über die Einschätzung von Ereignissen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war in einem Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, es sei „höchste Zeit, ein Geschichtsbild zu ändern, das Europa in Sieger und Besiegte" aufteile.

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In der Tat ist es eine simple Wahrheit, daß ein großer Krieg nur von Staaten geführt werden kann, die von unbedingtem Siegeswillen erfüllt sind, und dazu gehört seit dem Ende der Kabinettskriege der Glaube, daß der Feind ganz schlecht und von Gott oder der Geschichte zur Niederlage verurteilt ist. Jede Tatsache, die für die eigene Sache und gegen die Feinde spricht, wird begierig aufgegriffen und häufig noch zugespitzt oder übersteigert.
Dieser Siegeswille ist ganz nach außen gerichtet: er schließt jede ernsthafte Selbstprüfung oder Selbstkritik aus. Eben dies aber verlangt der Geist der Wissenschaft und schon das einfache menschliche Empfinden, sobald der Friede wiedergekehrt ist: nämlich daß jede menschliche Sache auch eine „andere Seite" hat, daß Menschen als solche irrtumsunterworfene und fehlbare Wesen sind, die sich immer nur in konkreten Beziehungen zu anderen fehlbaren oder unvollkommenen Wesen befinden und sich einer „absoluten Wahrheit" immer nur annähern können, solange es sich nicht um grundlegende Einsichten der Mathematik oder der Logik handelt.
Der nicht nur im Kriege wahrnehmbare Impuls vieler Menschen und menschlicher Gruppen, in anderen Menschen „die Ungläubigen", die „Menschheitsfeinde" oder „die Bösen" zu sehen, ist dem Geist der Wissenschaft und der abwägenden Vernunft entgegengesetzt, aber er ist so mächtig, daß er zumal in Nachkriegszeiten für lange Perioden allein oder nahezu allein das Sagen haben kann. Und er ist ja meist keineswegs ohne gute Gründe, denn die „Greueltaten" eines Krieges oder eines Bürgerkrieges müssen weder quantitativ noch qualitativ von derselben Art sein, so daß sie sich gegenseitig ausgleichen könnten: Unterschiede nicht wahrhaben zu wollen, widerspricht ebenfalls dem wissenschaftlichen Geiste und der Vernunft, aber das schlechtere oder schwächere Unterschiedene muß mindestens wahrgenommen werden.
In der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts hat es einen überwältigenden, ja totalen Krieg gegeben, der aus einer tiefen Überzeugung heraus geführt werden konnte, denn er richtete sich gegen Sklavenhalter: den Sieg der amerikanischen Nordstaaten gegen die Südstaaten, deren führende Schicht oft genug als „das Böse" schlechthin betrachtet wurde. Aber es dauerte nur wenige Jahrzehnte, und eine ganze Historikerschule entdeckte anrührende und liebenswerte Merkmale im „alten Süden" und legte sogar viel Verständnis für die Motive seiner Staatsmänner und Generäle an den Tag; eine Änderung der Hauptresultate des Krieges suchte sie aber nicht zu erreichen, und sie konnte das nicht erreichen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs galten vielen Menschen die Thesen der Sieger von der deutschen Zerstörungslust und Barbarei nicht ohne Grund als definitiv erwiesen, so sonderbar es war, daß die führende Wissenschaftsnation der Welt als solche der Kategorie der „Barbarei" zugezählt wurde. Aber schon sehr bald wurden diese Thesen von einer ganzen Schule von Historikern in Frage gestellt, zu der keineswegs bloß Deutsche zählten, und um 1932 herum konnte niemand behaupten, daß diese „Revisionisten" aus der Auseinandersetzung eindeutig als die Unterlegenen hervorgegangen wären.
1945 aber schienen keine Revisionen mehr möglich zu sein, denn Deutschland hatte tatsächlich den Krieg mit einem „Überfall" auf Polen und später die Sowjetunion begonnen; es hatte ihm schon in Polen nicht einen Frieden, sondern ein überaus hartes Besatzungs- und Annexionsregime folgen lassen, und es hatte den Partisanenkrieg, der im Sommer 1941 keineswegs bloß in Rußland, sondern in vielen europäischen Ländern entbrannte, mit Methoden geführt, die mit Recht als „unverhältnismäßig" galten. Es hatte sich aber vor allem eines großangelegten Völkermordes schuldig gemacht, dessen Spitze der Vernichtungskrieg gegen „die Juden", das heißt gegen Zivilisten, darstellte. Offenbar war der Vorwurf der „Feindschaft gegen die Menschheit" gut begründet gewesen.
Und doch machte sich auch jetzt Widerspruch und Kritik bemerkbar, zunächst im eher oberflächlichen Bereich. Hatten nicht auch die Verbündeten einen schlimmen Überfall begangen, nämlich auf den Iran, und hatten die Engländer, wenngleich gewiß aus verstehbaren Gründen, die Flotte des eben noch verbündeten Frankreich angegriffen und viele Hunderte Marinesoldaten getötet? War der Einmarsch der Sowjettruppen in die baltischen Länder nicht auch ein „Überfall", der sich nicht durch ein Verbot der „Aufrechnung" aus der Welt schaffen ließ? War nicht der Abwurf von Atombomben auf zwei unverteidigte Städte Japans im letzten Stadium eines schon entschiedenen Krieges ein schlechthin präzedenzloses Kriegsverbrechen?
Und hatte man nicht allzu lange die Bedrängnisse der deutschen Bevölkerung übersehen, von der Hunderttausende von Menschen einen oft sehr qualvollen Tod durch den völkerrechtswidrigen Luftkrieg der Engländer und Amerikaner erleiden mußten? Gewiß waren die Tatsachen seit langem bekannt, aber sie haben erst in jüngster Zeit eine angemessene Darstellung durch einen deutschen Autor gefunden, den man rasch als „Revisionisten" abzutun versuchte, der aber bei Vorträgen in England und den USA auf überraschend viel an Verständnis und Zustimmung stieß.
Die Leiden der dreizehn Millionen Vertriebenen aus Ostdeutschland hatte bis in jüngster Zeit mit einiger öffentlicher Wirkung nur ein amerikanischer Professor zum Thema gemacht, aber auch hier läßt sich heute ein größeres Verständnis eines internationalen Publikums konstatieren, ein Verständnis, das dadurch gefördert wird, daß die USA infolge ihrer Angriffskriege und Angriffsdrohungen im Zentrum weltweiter Kritik stehen, welche die Begründung, es handle sich um Polizeiaktionen zwecks Niederzwingung antidemokratischer Diktatoren, für unglaubwürdig, ja für verlogen hält.

Viele Monate lang zog eine Wanderausstellung durch die deutschen Städte, welche einem großen Publikum die „Verbrechen der Wehrmacht" anschaulich vor Augen führen wollte. Sie stellte in der Tat von neuem unter Beweis, daß in Rußland kein „normaler" Krieg geführt worden war, und die Fotos von erschossenen und erhängte Menschen waren eindrucksvoll und niederdrückend. Aber dann bewiesen zwei ausländische Historiker, daß bei einigen der Schreckensbilder die Täter ebenso zu Unrecht als Deutsche angeklagt wurden, wie es schon 1943 während des Krieges im Hinblick auf die Massentötungen vieler Tausender von kriegsgefangenen polnischen Offizieren bei Katyn und anderswo der Fall gewesen war.
Aber kann es Richtigstellungen und Revisionen auch im Hinblick auf dasjenige geben, das kein „Kriegsverbrechen", sondern ein „Verbrechen gegen die Menschheit" war, nämlich „der Holocaust", bildlich gesprochen „Auschwitz"? Das grundsätzlich richtige Empfinden, daß es auch hier eine gewisse Spannweite von Auslegungen geben sollte und daß empirische Aussagen, sei es im Bereich der vielfältigen Details wie im Hinblick auf Zahlen und Verfahrensweisen der wissenschaftlichen Überprüfung nicht entzogen werden dürfen, hat zu dem hilflosen Versuch geführt, die Existenz des grundlegenden Tatbestandes in Abrede zu stellen, so daß diese „Revisionisten" denjenigen ähneln, welche die Existenz Napoleons oder die Tatsächlichkeit der Marneschlacht in Zweifel ziehen, so gewiß auch hier eine Fülle von Einzelheiten noch nicht geklärt ist und eine einzelne von mehreren Interpretationen nicht zum Dogma erhoben werden darf.
Faktisch ist jedoch immer noch ein Tatbestand, der bedeutender und ebenso sicher ist wie die Existenz Napoleons oder die Bedeutung der Marneschlacht, in Deutschland weitgehend tabuisiert, nämlich daß es sich bei dem entscheidenden Teil des Zweiten Weltkriegs auch um einen Kampf zwischen zwei Ideologien handelte, von denen jede den Willen hatte, die nach ihrer Auffassung tödlich gefährdete oder verirrte Menschheit durch die Beseitigung einer verhängnisvollen Realität auf einen besseren Weg zu bringen. Die eine, die bolschewistische, war die ältere und hatte ihre Wurzel in zeitübergreifenden Menschheitshoffnungen auf allgemeine Harmonie und einen ewigen Frieden, die nur durch Vernichtung „des Kapitalismus" und das heißt der Unternehmerklasse verwirklicht werden könne.
Diese Vernichtung mußte nicht notwendigerweise die Ausrottung von Individuen bedeuten, aber sie bedeutete mindestens die Ersetzung der Markt- durch die Planwirtschaft, welche, wie man glaubte, für die gewaltige Mehrheit der Menschen ein Höchstmaß an Wohlstand und Freiheit zur Folge haben würde. Die andere Ideologie, die nationalsozialistische oder radikalfaschistische, die ohne die äußere und innere Bezugnahme auf den älteren Todfeind nicht zu verstehen ist, ersetzte „die Kapitalisten" durch „die Juden", und von hier aus wird der „Holocaust" als die äußerste, jedoch von den Bedingungen des ideologischen Krieges ab Juni 1941 nicht ablösbare Möglichkeit einer Gegen-Ideologie verstehbar, wenn auch nicht verständlich oder gar gerechtfertigt.
Die weitverbreitete Furcht jedoch, daß das Begreifen schon in sich eine Rechtfertigung sei, ist das gravierendste Hindernis, das einem Durchbruch der schwerstwiegenden aller Revisionen, die keineswegs aus sich heraus ein „Revisionismus" ist, im Wege steht. Aber im Ausgang von ihr sind Auslegungen möglich, die gerade das Gegenteil des Befürchteten darstellen, nämlich daß den Juden eine Ehre widerfuhr wie keinem anderen Volk der Weltgeschichte, daß sie für Urheber eben dieser, wenn auch negativ beurteilten Weltgeschichte erklärt wurden und daß dem Kommunismus noch eine große Zukunft bevorstehen mag, sobald er nicht mehr ein „Gewaltsozialismus" sein will, sondern sich darauf beschränkt, fundamentale Tendenzen des Geschichtsprozesses - etwa die Richtung auf die egalitäre Weltzivilisation hin - zu artikulieren und der Verwirklichung näherzuführen.
Da aber auch durch diesen Prozeß für unabsehbare Zeit kein völlig stabiler Weltzustand hergestellt werden dürfte, wird das Denken über die Geschichte und damit die Revision von Geschichtsbildern kein Ende finden.


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