Sezession
16. Januar 2013

Zerstörung der Zerstörer – eine Einstimmung

Gastbeitrag

dahintervon Frank Lisson

Vielleicht gibt es zweierlei Sorten von Glück: das eigene, selbst zu erzeugende und das fremde, nur angenommene, also das individuell, genuin empfundene und das kollektiv empfindbare, das erträumte und das realisierte. Das eine entsteht durch Erschaffen, das andere durch Erfahren von Kunst. In dieser Geschichte geht es um beide.

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Unser Held heißt C. Und der Ort, wo sich folgendes zugetragen hat, ist nicht Berlin oder New York, sondern Wien. Die Stadt an der schönen blauen Donau, die Stadt Haydns, Mozarts, Beethovens, die Stadt Johann Strauß', die Stadt Schuberts, Freuds, Hitlers, Herzls, die Stadt der glücklichen wie tragischen Künstler also, die Stadt des spezifischen Aktionismus.

Das Leben ist einen Versuch wert. Doch am Ende der Spirale fällt der Kopf immer nach unten. Ich betrete nur noch leere Stege, zögere alles weitere hinaus, blicke nach vorn und zurück auf den verlängerten Übergang. Man glaubt ja gar nicht, wie schnell Grenzen erreicht sein können.

Früher war ich oft auf Rave-Partys gegangen, vorzugsweise in den Club, um ein Stück Verzögerung zu erleben. Hat auch ganz gut geklappt. Techno ist vielleicht die Ultima Ratio populärer Musikkultur, nein, Techno war die Ultima Ratio populärer Musikkultur. Vorbei. Techno war nicht bloß Tanz, nicht bloß Trend, nicht bloß Ausdruck des Lebensgefühls einer neuen losgelösten Generation, nicht Freiheit, Spaß, Narzißmus oder akustischer Sex, Techno war auch nicht nur Ekstase, Techno war individueller Archaismus im Kollektiven, Zwang, Gewalt, Höhenrausch natürlich, freilich auch Droge, aber Techno war mehr: Techno war Krieg. Für uns. Und Liturgie, Messe. Schützengrabenatmosphäre, Trommelfeuer- und Stahlgewitter-Ersatz. Techno war der hämmernde Schlag des abenteuerlichen Herzens, den man nur noch in schwarzen, blitzdurchzuckten Kellern zu hören bekam. Techno weckte verbotene Kräfte. Techno warf uns für Stunden zurück an den Anfang der Entwicklung. Techno war ohne Moral. Techno war Kunst.

Bis die Kegelvereine kamen, Töpferkurse und Parteivorsitzenden, und dem Raver seine Exklusivität nahmen, kurz: bis seine Vereinnahmung durch den öffentlichen Betrieb erfolgte. Von da an war klar: Techno ist auch nur eines der berüchtigten Symptome, die ein Fieber bloß simulieren, ohne das Versprechen reinigender Wirkung echter Krankheit einzulösen. Vorzeichen und Nachklang zugleich. Wie unsere Bilder.

Das hat W. nie verstanden. Mein Geschwätz vom kulturellen Kollaps, hat er gesagt, mein Geschwätz, meinte er, als ob es keine Grenzen gebe ...

Tritt du nur die Flucht nach vorne an, habe ich geantwortet, ins Epizentrum des virtuellen Bebens, und erlöse die Sphinx von ihrem Geheimnis. Er sah mich verwundert an. Die Wellen, die Techno schlägt, habe ich wiederholt, sind doch nur Nachwehen eines längst abgeschlossenen Vorganges. Und wieder verglich ich die Musik mit unseren Bildern. Womit, meinst du, sollte diese Stadt denn noch schwanger gehen? Wir können uns einen Moment, ein paar Jahre lang vielleicht täuschen lassen. Dann ist Schluß damit. Bestehendes endlos fortzuführen ist doch keine Kunst.

Wenig später waren wir wieder in den Club gegangen. Diesmal ganz in schwarz, Schaftstiefel, Koppelschloß. Die haben vielleicht geguckt. Tage zuvor hatte uns W. zwei Walther P1 besorgt, ausgemusterte Gendarmeriebestände. Wollen wir die mal mitnehmen, nur so zum Spaß? hatte er gefragt, ganz ernst, glaube ich, war das gemeint. Wir füllten die Magazine, luden durch, sicherten. Die liegt gut in der Hand, fand ich. Dann sahen wir uns an, nickten einvernehmlich und sagten: nächstes Mal. War also doch nur Spiel. Das ist jetzt auch vorbei.

Ich betrete nur noch leere Stege, zögere alles weitere hinaus, blicke nach vorn und zurück auf den verlängerten Übergang. Viel war nicht geblieben. Alles Vulgäre, ja selbst alles Obszöne längst langweilig geworden. Und auch Sex schon kein adäquates Ausdrucksmittel mehr. Ihm fehlte sozusagen die vierte Ebene, fand ich. Sieh mal, sagte ich zu B. nach der Party, als sie zu mir mit aufs Zimmer gekommen war, weil irgendjemand den ganzen Abend lang behauptet hatte, ich sei ein echter Künstler, sieh mal, sagte ich also, ein Gesamtkunstwerk besteht doch nicht bloß aus Wort, Bild und Ton, sondern es begründet sich vielmehr durch das Vermittelte, durch die Folgewirkung, die das Erleben der drei Ebenen erst im Späteren vereint, verstehst du? Sex aber hat keine Folgewirkung. Sie nickte. Irgendwie hatte sie mich aber trotzdem nicht verstanden. Also besann ich mich, sie nicht weiter zu belehren.

Wir waren nicht mehr nur Aktionskünstler, gaben uns nicht mehr ab mit hermetischer Performance wie die anderen, die immer noch über den Abbau von Aggression und die Freisetzung einer ursprünglichen anarchischen Kreativität diskutierten, und die glaubten, sie brächen kulturelle Tabus, indem sie nach wie vor Müllmutation betrieben oder mit Kugelschreiber endlose Striche an Wände malten; alles vierzig, fünfzig Jahre zu spät. Egalisierung und Auflösung der Kunst im Kryptischen; wie soll denn das funktionieren?

Weißt du, sagte ich zu W., der Widerstand gegen jede Ordnung resultiert doch bloß aus dem menschlichen Unvermögen, etwas anderes als sich selbst zu akzeptieren, schon gar nichts, was Menschenwerk ist. Das Endziel der Aufklärung aber war doch wohl, daß jeder nur noch seinen eigenen Gesetzen gehorche, jeder sein eigener Gott werde, um sich selbst aus dem eigenen Chaos immer wieder neu zu erschaffen. Er nickte. Das sind doch Urempfindungen, zu denen wir uns erst jetzt durchgerungen haben, nachdem die Regulatoren einer nach dem anderen ausgefallen waren, sagte ich. Jeder auf sich allein gestellt, lauter Kernzonen im Randbereich. Wir aber wollten mehr. Wir wollten die unbefangene Inspiration.

Und das war der Traum: das höchst mögliche Tabu zu brechen, eine Revolte anzuzetteln gegen die gewaltigste aller bestehenden Gottheiten, die Egalität. W. blickte auf. Gegen die uniformierte Welt, die Einheitskunst, sagte ich, setzen wir das Differente, das Abgesonderte, die rücksichtslose Darstellung von Verschiedenheit, Ordnung und Schönheit. Rettung in der Kontervision? fragte W. skeptisch. Genau. Nicht wahr? fuhr ich fort, der ganze Planet träumt seit Jahrzehnten einen einzigen Traum, die gesamte Menschheit, die gesamte anständige Menschheit ist besessen von diesem einen Traum. I have a dream, längst verordnet und eingegeben wie ein Medikament, und nur wir, hinter dem Schild neuer Kunst wären Verweigerer, die einzigen Abweichler, die gegensteuern. Traumfänger sind längst ausgeschwärmt wie Kammerjäger, lauern schon im Unterbewußtsein, um falschem Denken zuzusetzen. Heerscharen von Erinnyen jagen durch die Nacht und drohen mit ewiger Verdammnis. In jeder Gehirnwindung hocken miles boni und führen einen Vernichtungskrieg gegen die unbefangene Inspiration. W. schwieg. Alles vollzieht sich so unbemerkt, sagte ich, wachsam stets gegen die anderen, nie gegen die eigenen, und nicht einmal die Ahnung eines Verlustes, wenn jeder nur noch will, was er wollen soll.

Angefangen hatte es bei W. mit Pop. Bei mir mit Mishima. Auf der Akademie zählte man uns zu den Begabtesten. Ich dachte, das könnte was werden. Aber wie das so ist: erst Meister-Schüler, Entree-Billet für den Betrieb, dann ein kurzer Anflug von Emanzipation im Rausch der ersten Erfolge, dann schon Zweifel. Dennoch nachts Attentate geplant auf die Systemkunst. Hohe Absichten, Manifeste verfaßt, Revolte gegen die Wichtigtuer des Kulturkartells, aufmerksam machen und kaputt machen, was Bewegung blockiert. Selbstwerdungsprozeß nach Samuraiart: der Schüler erhebt sich gegen den Meister, um ihn zu besiegen. Zerstörung der Zerstörer. Die Grenze war erreicht, jedes Ausdrucksmittel erschöpft. Das war klar erkennbar. In Wien hatte alles begonnen, von Wien mußten nun die Korrekturen ausgehen, nur hier hatte der Umsturz seinen legitimen Ort. Hier entsprang einst die Moderne dem alten Haupt der Hochkultur in voller Rüstung, hier wurde der erste Band vom Untergang des Abendlandes gedruckt.

Nach dem Rave im Club wie in Trance noch einmal auf die Straße. Unsere Stiefel spiegelten das Licht der Laternen. Ich zitierte Tolstoi: nie ein Feld bestellt, nie in einem Krieg gekämpft, alles falsch, nichts erlebt, außer Lügen. W. schüttelte den Kopf als wolle er etwas sagen. Für heute nahm er sich zurück. Ich kannte ihn. Am Ende wäre er noch Journalist geworden, vom eigenen Willen erlöst, aber auf der Siegerseite, Themen besetzen, Stichworte geben, Wahrheiten bilden, immer locker bleiben, dem anderen die Ohren vollquatschen für gutes Geld. Honorare sind für die doch Gagen...

W. sagte, er mache mit. Und da beschlossen wir, Aktionisten zu werden. Aufbegehren gegen den Apparat also einmal anders. Damit hatte niemand gerechnet. Die ersten Aktionen richteten sich gegen einen renommierten Künstler, dessen Schaffen hauptsächlich darin bestand, andere Bilder zu übermalen. Er war seit den 50er Jahren immer wieder durch spektakuläre Aktionen und Skandale aufgefallen. Jetzt las man in den Zeitungen, jemand sei in sein Atelier eingebrochen und habe einen Großteil der dort gelagerten Bilder mit schwarzer Farbe übermalt. Der Künstler erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Ein Kommissar erklärte den Medien, der Schaden sei für den Laien auf Anhieb gar nicht erkennbar. Allein das am Tatort hinterlassene Bekennerschreiben, ein Manifest, lasse auf den engeren Täterkreis schließen, der offenbar selbst der Akademie entstamme. Irritation, Verunsicherung unter den Mitgliedern. I have a dream... und Zerstörung der Zerstörer stand auf der seitenlangen Erklärung. Einhellige Empörung bei den ehemaligen Empörern. Aufgebrachte Professoren. Der Betrieb geriet tatsächlich in Bewegung und spaltete für Wochen die Öffentlichkeit. Aus der Menge meldeten sich lauthals restaurative Stimmen zu Wort, und selbst fast vergessene Prominente und Politiker scheuten sich nicht, Partei für die unbekannten Attentäter zu ergreifen. Schlagabtausch im Fernsehen. Jeder wollte mitreden. Bekenntnis war Ehrensache. Sondersendungen: Wer übermalte den Übermaler? Gespannt erwartete man weitere Aktionen. Die kamen prompt. Anschläge auf öffentliche Kunstobjekte, Vandalismus, Buttersäure im Palais Liechtenstein. Fast jeden Tag eine neue Meldung. Das Spiel geriet außer Kontrolle, bekam eine gewisse Eigendynamik. Wohin es rollte, war nicht absehbar. Andere drängten in den Vordergrund, Mißverständnisse häuften sich. Alles unvorhersehbare Folgewirkungen.

Dann gingen die betroffenen, zunächst irritierten Meister in die Offensive. Sie vermuteten einen oder mehrere ihrer Schüler hinter den Aktionen, drohten mit Ächtung, mit Verweigerung von Protektion und forderten öffentlich zu Denunziationen auf. Gegen die ersten Verdächtigten wurde bald ermittelt. Hausbesuche. Es wurde ernst. W. warf seine P1 in die Donau. Jeder wußte: Jakobiner dulden keine Imitate, die sich gegen die Originale richten. Zur gleichen Zeit ließen verrückte Tüftler überall im Lande Kuverts in die Luft gehen. Menschen starben. Man suchte nach Zusammenhängen. Die öffentliche Stimmung schlug um. Bekenner wurden weniger. Auch die fast vergessenen Prominenten und Politiker zogen sich rasch zurück. W. sagte, er halte das nicht aus, und stellte sich den Behörden.

Wir waren Ausläufer. Wie Wetterfronten. Ich sagte: das Genie ist eine stumpfe Waffe. Es schlägt vergeblich nach Erlösung wie ein Kind mit der Rute nach Fliegen. Man kann es sich einfacher machen. Die Behörden boten W. erst lukrative Mitarbeit, dann den Ausstieg an. Was für einen Ausstieg? Sie wurden deutlicher. Erst wollte er wieder zurück, dann distanzierte er sich doch. Wir sahen uns nicht mehr, nachdem er meinen Namen genannt hatte.

W., das sei ihm zugutegehalten, blieb aber Zyniker. Er machte fortan wieder Pop. Das tue niemandem weh, sagte er, nicht einmal einem selbst. Er gehörte eben doch zur Rock-me-Amadeus-Generation, wie so viele damals in Wien, mit ein paar Ausbrechern in den militanten Rave. Vielleicht war das unser eigentlicher Konsens. Pop, weißt du, hat mal jemand gesagt, sei begeistertes Zeigen auf Begeisterndes, Perspektive in Zitaten, Mainstream als entzückender, berauschender Flaschengeist. Er hatte recht: Pop, das war Spaß im Alltäglichen, das bewußte Vermeiden von Handlung, undramatisch, ein lustvolles Jedermannsgefühl. Darauf konnte man sich einlassen. Man verlangte nach einer Kunst ohne Künstler. Etwas anderes war einfach nicht mehr zustande gekommen.

Ich betrete nur noch leere Stege, zögere nichts mehr hinaus und blicke nach vorn auf den verlängerten Übergang. Das Danach liegt auf der Lauer wie die Worte im Abfall, gierig frißt der Augenblick jedes »Verweile doch, du bist so schön«.

 


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