Sezession
22. Januar 2013

Kinderliteratur – ohne Worte

Ellen Kositza / 21 Kommentare

Mit vollem Herzen einstimmen konnte ich nicht in die Klage über das Fehlen von ausgezeichneter zeitgenössischer Literatur. Natürlich würde auch ich mir und uns einen Stapel Fortsetzungsromane von Sophie Dannenbergs Das bleiche Herz der Revolution wünschen, es gibt ihn nicht. Kubitscheks Belletristikspalte in der Sezession halte ich für einen sehr passablen Wegweiser durch die belletristischen Neuerscheinungen:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

 Begonnen mit Kaiser-Mühleckers Der lange Gang über die Stationen über Iris Hanikas Das Eigentliche, Dieter Wellershoffs Der Himmel ist kein Ort bis zu Leif Randts Schimmernder Dunst über Coby County, daneben Mosebachs Was davor geschah und Timur Vermes  Er ist wieder da (Rezension in der kommenden Sezession). Ist das nicht Lesestoff, der einen weiterträgt? Nicht politisch genug? Die Klage scheint direkt aus dem Wolkenkuckucksheim an mein Ohr zu gelangen.

Mit der Kinder- und Jugendliteratur sieht es meines Erachtens viel ärger aus, zumindest, wenn man nach Neuerscheinungen äugt. Oder auch, mit Rückwärtsblick, drüber hinaus. In der Stadtbücherei, bei der wir Kunde sind und als große Familie allein an Kinderliteratur etwa 100 Titel pro Jahr ausleihen, mustern sie die Klassiker sukzessive aus. Winnetou? Black Beauty? Muß eigens auf eine Wunschliste gesetzt werden, ist längst aus dem Programm genommen und zu 50 Cent verhökert worden, gilt als nicht mehr aktuell. Die Damen an der Entleihtheke, die ich fragte, mit welchem Grund in den letzten Jahren derart tabula rasa gemacht worden sei, verdrehten die Augen. „Wundert uns auch. Haben wir nichts mit zu tun. Die Bibliothekare, die hier das Sagen haben, sind zwei Generationen jünger als wir. Da ist das wohl so.“ Von Enid Blytons Fünf Freunden sind nurmehr die gegenderten Versionen (wo auch die Jungs den Abwasch besorgen und die Eltern entspannter agieren) entleihbar. Und die neuen Jugendbücher sind vor Jahren mittels Etiketten kategorisiert worden, die Leitbegriffe lauten „Drogen“, Nationalsozialismus“, „Psych. Probleme“.

Noch einen Schritt weiter geht die Leitung der Bonner Zentralbibliothek.

Sie erarbeitet gemeinsam mit dem Verband binationaler Ehen und Partnerschaften eine Positivliste. Darauf stehen Kinder- und Jugendbücher, in denen besonders auf Geschlechterneutralität und eine wertschätzende Darstellung anderer Kulturen geachtet wird.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (21)

Kurt Schumacher
22. Januar 2013 17:19

Überspitzt könnte man sagen: "Das Tagebuch der Anne Frank" und die "Bravo" - das sollen also die Kinder lesen.

Aber Ernst Jünger gibt Hoffnung: "Entscheidend ist, was die Kinder heimlich lesen; unter der Bank oder unter der Bettdecke. Darüber haben die Lehrer keine Macht." (aus "Siebzig Verweht II", von mir aus dem Gedächtnis zitiert)

CSM
22. Januar 2013 18:43

Empfehlenswerte Kinder- und Jugendliteratur in meinen Augen sind bspw.:

Klassiker wie Robinson Crusoe (Daniel Defoe), Die Schatzinsel (Robert L. Stevenson), Die drei Musketiere, Der Graf von Monte Christo (Alexandre Dumas), Die Chroniken von Narnia (C.S. Lewis), Der letzte Mohikaner (James F. Cooper). Weiterhin nahezu alles von Franz Weiser, J.R.R. Tolkien, Jules Verne, Enid Blyton, Karl May oder natürlich die nordischen, griechischen und römischen Sagen und Grimm's Märchen.

Jedoch ist bei all diesen ebenfalls höchste Vorsicht bzgl. der Auflage/Übersetzung geboten.

Unter der neueren Literatur haben mir bspw. gut gefallen: die TKKG- (deren neueste Auflagen allerdings vom Verlag mit den Worten "Moderner, frischer, zeitgemäßer" beworben werden) und Die Drei Fragezeichen-Reihen, Das Geheimnis des Kartenmachers (Rainer M. Schröder) oder Die abenteuerliche Reise des Marco Polo (Roland Mueller).

Fahrnheit451
22. Januar 2013 19:25

Gute Kinderbücher gibts von den Grosseltern aus dem Antiquariat. Ich selbst habe für ein Geburtstagsgeschenk an einen Neffen EUR 280,- für die Nesthäckchenreihe ausgegeben. Und ja, er kann in seinen jungen Jahren die alten Letter schon lesen.
Er weiß auch, dass jene die das nicht können, unter ihm stehen.

Erio
22. Januar 2013 20:02

Lieber Fahrnheit451, es ist bedauerlich, daß Sie gute Bücher nicht um derer und Ihrer selbst willen lesen, sondern um sich etwas zu beweisen, andere ab- und sich selbst aufzuwerten.

Martin
22. Januar 2013 20:16

Natürlich würde auch ich mir und uns einen Stapel Fortsetzungsromane von Sophie Dannenbergs Das bleiche Herz der Revolution wünschen, es gibt ihn nicht.

Zum Glück! Ein derart schlechtes Buch, von derart mieser literarischer Qualität habe ich seit langem nicht mehr gelesen. Konstruiert, vorhersehbare, platte Handlung, notorisch schwarz-weiß und schlicht langeweilig. War aber auch bislang für mich der einzige Sezessions-Literatur-Tipp, der zu einem, aus meiner Sicht, Fehlkauf bei mir führte.

Gute Kinderbücher gibts von den Grosseltern aus dem Antiquariat.

Stimmt - oder eben aus dem eigenen Fundus, wenn man seine Kinder- und Jugendbücher aufgehoben hat. Otfried Preußlers Bücher sind bspw. mittlerweile ja auch schon wieder was besonderes ...

John Haase
22. Januar 2013 21:09

Ich kann gar nicht so genau sagen warum, aber irgendwie lese ich Kositzas Artikel immer mit am liebsten, auf mich wirken sie geradezu herzerwärmend. So undogmatisch und ehrlich. Dazu der frische und charmante Stil. So schreibt sonst niemand: Ich glaube, es würde mir keine große Mühe bereiten aus hundert Aufsätzen von hundert Autoren zu einem bestimmten Thema den Kositza zu finden.

Auch die Themenwahl spricht mich sehr an, gerade weil ich damit sonst nichts am Hut habe. Ich finde es sehr interessant, wie sich die zeitgenössische Jugendliteratur seit meiner Schulzeit in den Neunzigern entwickelt hat. Zwar hatten wir natürlich auch schon diese BRD-Schnulzen mit Adoptivkindern aus Kolumbien ("Damals war es Pablo?" Hahaha), ersten Küssen und den ganzen Pausewangkram. Aber auch hier kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß in den Jahren seitdem alles noch politisch korrekter, absurder und lächerlicher geworden ist.

Die meisten von uns fanden diesen Sozialkitsch schon damals nicht besonders (leider muß ich zugeben, mitunter die unrühmliche Ausnahme gewesen zu sein), aber wir haben uns weiterentwickelt und sehen, daß die Gesellschaft seitdem kühler, brutaler, schonungsloser geworden ist. Dies spiegelt sich aber nicht in der modernen Jugendliteratur wieder, sondern wie üblich kontert die BRD ihre auseinanderfallende Gesellschaft mit dem einzigen Mittel das sie einsetzen kann ohne sich in Frage stellen zu müssen: noch mehr Propaganda. Die wirkt heute aber nur noch lächerlich.

Während es früher zumindest denkbar war sich mit seinem besten Kumpel Hakan, dem Türken, gegen die bösen Nazis aufzumachen (an unserer Schule gab es weder Türken noch Nazis) kann das doch heute nur noch Spott hervorbringen, oder?

Und dann auch immer diese gekünstelt-angelsächsischen jugendlichen Vornamen: Chloe, Alice, Jenny, Helen...

Und was ist Faktor 10 auf der Knutschskala? Wie unterscheidet sich Faktor 10 von Faktor 9 und von Faktor 1?

Wie überlebe ich meinen ersten Kuß? Aus John Haases Lehrbuch für Allgemeinmedizin:
"Der erste Kuß, wiewohl nicht ohne physiologische und psychologische Auswirkungen auf den Empfangenden, verläuft niemals lebensbedrohlich und bedarf keiner Therapie. Gleiches gilt für einen dicken Hintern."

Es würde bestimmt Spaß machen, ein Medley zu schreiben:
Darius, Hakan und Chloe engagieren sich gemeinsam gegen Rechts. Natürlich haben sich sowohl Darius als auch Hakan in die fesche Halbnigerianerin Chloe verguckt, was ihre Freundschaft schwer belastet. Chloe hingegen entwickelt heimlich Gefühle für Dennis, ein Mitglied der örtlichen Neonazigang, der diese Gefühle erwidert, sie aber nicht zeigen darf und deswegen depressiv wird und sich selbst ritzt. Zuletzt küßt ein geläuterter Dennis die überglückliche Chloe (sie überlebt) und Hakan und Darius entdecken, daß sie schwul sind und alles geht gut aus.

Vielleicht sollte ich Schriftsteller werden.

Ein Fremder aus Elea
22. Januar 2013 23:37

Mich ärgert der Verfall des Kindergesangs mehr. Nur noch melancholischer Mist. Habe ich zweimal drüber geschrieben, wenn man noch den Kirchengesang dazu nimmt, dreimal. Kinderbücher gibt's genug. Muß ja nicht neu sein.
Preußler, Lindgren, Christie, Doyle, Kästner, Kipling, Twain, Andersen, Hauff, Grimm, das waren (und sind) so meine Favoriten. Kalle Blomquist, Räuber Hotzenplotz... na, das gibt's auch alles in der örtlichen Bibliothek... hoffe ich.

Rumpelstilchen
23. Januar 2013 09:01

Immer wieder interessant, wie chaotisch, selbstdarstellerisch und scheinbar unzusammenhängend oft die Beiträge in den Sezession-Foren sind (nehme mich nicht aus) und trotzdem inspirieren.
Läßt sich aus der Liebe zu bestimmten Kinderbüchern der fünfziger und sechziger Jahre Generation eigentlich die spätere politische Orientierung ablesen?
Claudia Roth soll Karl May Bücher geliebt haben. Schadet Karl May etwa doch?
Mein Favorit war lange Zeit Heidi von Johanna Spyri. Sollte auch auf den Index, von wegen dieser unendlichen Sehnsucht nach Heimat und Identität.

Inselbauer
23. Januar 2013 13:24

Ein wenig Elfenbeinturm kann nicht schaden, wenn es um Kunst geht. Aktuelles Schrifttum, "echte Geschichten" und handwerklich passabler Kram - da schlafen einem doch die Füße ein. Direkt aus dem Elfenbeinturm kann ich vermelden, dass die Literatur durchaus auch mal eine historische Pause braucht, zumal die deutsche, die sich nicht auf einem Ruhekissen der Kultiviertheit betten kann. Es ist doch schön, wenn man sich voller Ekel abwenden kann; was daran gar so verwerflich sein soll, verstehe ich nicht, schon gar nicht aus der rechten Perspektive.

tacitus
23. Januar 2013 13:40

Schon zu meiner Schulzeit in den 1970er Jahren war Karl May bei Lehrern verpönt, jedoch haben alle Jungs, die überhaupt Bücher gelesen haben, auch Karl May gelesen. Allein schon aus dem Grund, um bei nachmittaglichen Spiel - wo die Karl-May-Abenteuer nachgestellt wurden - mitmachen zu können. Aber ach, damals spielten die Kinder ja noch völlig frei draußen und ohne Anleitung von Pädagogen: gute alte Zeit eben...

Karl Eduard
23. Januar 2013 15:03

Vielleicht sollte man die Kinder selber stöbern lassen? Die finden schon beim Reinlesen was ihnen gefällt.

Rainer Gebhardt
23. Januar 2013 16:37

Empfehlungen

In meiner Bibliothek stehen die einschlägigen Kinderbuch-Klassiker (s.o.) neben den Großen. Es gibt da außerdem ein Fach mit Büchern, in das ich mindestens einmal im Monat greife. Da finde ich z.B. „Russische Tiergeschichten“, hrsg. von Johannes Günther und mit den exzellenten Zeichnungen von Josef Hegenbarth. Hier sind echte Klassiker drin: Turgenjew, Dostojewskij, Tolstoi, Leskow, Tschechow, Prischwin, Paustowski e.a.
Und unter B finde ich nicht nur Benn oder Bunin sondern einen Autor, der, als ich seine Bücher mit 14 geschenkt bekam, als Jugendbuchautor galt. Und weil der so gut ist, weil seine Romane und Erzählungen Literatur im besten Sinn sind, will ich für ihn eine Lanze brechen und allen, die sich wie Frau Kositza vergeblich an den „offiziösen Bestenlisten und den Titeln der Jugendliteraturpreisnominierungen entlanggehangelt“ haben, eine Empfehlung geben: Fred Bodsworth. Der Mann war Schrifsteller, Journalist, Amateurnaturforscher und was weiß ich noch alles. Er starb letztes Jahr mit 94 in Toronto.

1. „Der letzte Eskimobrachvogel
Auch unter dem Titel „Der Große Flug“ erschienen. Ein absolut starkes Buch, v.a. für Jungen. Es ist die Geschichte vom Überlebenskampf des letzten Eskimobrachvogels. Und sie ist herzzerreißend erzählt. Keiner konnte das auf stilistisch so hohem Niveau wie der Kanadier Fred Bodsworth. Er hat dem Buch ein Motto vorangestellt, das die Lektüre von Anfang bis Ende grundiert: „Schönheit und Geist eines Kunstwerkes können nachgebildet werden, auch wenn es zerstört ist; eine verschwundene Harmonie vermag Komponisten von neuem zu inspirieren, doch wenn eine Gattung von Lebewesen dahin ist, müssen Himmel und Erde vergehen, bevor es sie wieder geben kann.“

((„The book is an almost heart-breaking account of what it could be like to be the very last individual of your species... left all alone in the world with no brethren. Of course it is impossible for anyone to truly know what that situation would entail, but even if it is anthropomorphic and entirely speculated, Bodsworth does a fantastic job of depicting this forlorn situation and helping we humans to understand the awful fate to which our collective actions subject some of the planet's irreplaceable creatures.“ (Alex MacDonald, manager of protected areas for Nature Canada))

2. „Der Fremde von Barra
Vielleicht eher etwas für Mädchen. Wieder ist es der Erzählstil von Bodsworth, der aus einer simplen Story gute Literatur macht. In einer Parallelgeschichte (eigentlich zwei Liebesgeschichten) kreuzen sich die Schicksale von Menschen ((ein Fremder (a Zuagroster), der sich in die Indianerin Kanina verliebt)) und Tieren (ein Weißwangenganter, der sich eine Kanadagans verknallt). Die existentielle Dimension der menschlichen Liebesgeschichte erschließt sich einem am Schicksal der beiden Tiere: Denn die Gänse wählen (ähnlich wie das mal bei den Menschen war), nur einmal in ihrem Leben einen Partner.

Und noch eins von diesem Kanadier: 3. „Lauft Füße, lauft.
Ein Plot, bei dessen erzählerischer Entfaltung man sich wie in einem Film vorkommt. Handlungsort ist die eisige Ewigkeit des kanadischen Nordens am Lake Superior und der Hudson-Bay. Erzählt wird die Geschichte von zwei Indianern aus dem Stamm der Atihk-Anishini: Jacob und Niska, einer Stammesschönheit, die Jacob gegen den Willen Ihres Vaters geheiratet hat. Jacob wird aus dem Stamm ausgestoßen. Das Paar flieht an einen einsamen See. Damit ist Jacob seinem Rivalen Taska ausgeliefert und wir erleben einen Kampf auf Leben und Tod. Körperliche Härte, Intelligenz und der schiere Überlebenswille entscheiden, wer am Leben bleiben wird. Und wenn es nebenbei auch darum geht, wie die Zivilisation den Eingeborenen das Genick bricht, so wird einem das dennoch nicht wie der übliche Sozialkitsch eingerieben. Ein echtes Jugendbuch. (Der Originaltitel heißt „The Sparrow’s Fall“ und ist womöglich eine Anspielung auf Matthäus 10,29: „Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennige? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.“)

Leider gibt es diese Bücher nur noch in Antiquariaten. Aber glaubt mir: Es lohnt sich.

sumo
23. Januar 2013 20:56

Ich bin großgeworden mit Jules Verne, mit Stanislaw Lem, den vielen Märchen von Grimm über Hauff bis Andersen, dazu die immer wieder gerne gelesenen Geschichten von Ludwig Thoma. Auch Dumas, Stevenson, Defoe habe ich gelesen.
Meine Kinder lesen auch Teile davon, dazu auch noch Tolkien und Rowling. Ich bin sehr froh, daß meine Kinder überhaupt noch lesen, denn sehr verbreitet ist das in den jeweiligen Freundeskreisen nicht. Das ist dann auch zu merken in der Ausdrucksweise mancher Freundin oder manchen Freundes.
Ideologische Literatur mußte ich in der DDR auch lesen, darunter Werke von Arkadi Gaidar, die man gerade so noch lesen konnte, schlimmstens wurde es bei Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde", ein Werk von kleinster literarischer Qualität mit dem Anspruch, Leitbild der Jugend zu sein. Es wurde immer wieder versucht, über die Literatur in der Schulzeit die Kinder und Jugendlichen ideologisch zu beeinflussen, vielleicht sogar, sie zu gewinnen.
Man sieht, also, es ist alles schon mal dagewesen.
Es ist für mich insbesondere deshalb so negativ, weil ich solche Effekte schon einmal erlebt habe und ich mich wundere, daß man es jetzt wieder so unwidersprochen hinnimmt.

Ellen Kositza
23. Januar 2013 21:12

Karl Eduard, das klingt wunderschön. (Läuft eh so, hab ja nicht genug Hände, sie von Mistzeug wegzuzerren, gottlob haben sie bereits einen passablen Geschmack entwickelt.) Bin aber skeptisch. Hab selbst meine ersten acht, neun Lesejahre ohne Anleitung und Ratschlag verbracht und gestehe, mich in Problemliteratur und NS-Geschichten geradezu gesuhlt zu haben; es gibt wenige in den Achtigern erschienene Bücher über jüdische Kinderschicksale, eßgestörte Mädchen und Außenseiter, die mir entgangen sind. Erst ein hervorragender Lehrer hat mir (mit freundlichem Spott und guten Lesetips) den Horizont aufgerissen. Ich kanns ihm nicht genug danken!

Albert
23. Januar 2013 22:09

Liebe Frau Kositza,

ich gehe mit meinen Kindern allwöchentlich in die Bonner Kinderbibliothek, und im letzten Jahr kamen wir locker auf mehrere Hundert ausgeliehene Titel Kinderbücher (klingt recht viel, sind aber meist nur 4-5 Bilderbücher, die wir pro Woche mitnehmen). Meine Kinder sind noch zu klein für Jugendliteratur, für uns kamen bisher nur Bilderbücher in Betracht.

Zwar stimmt es, dass die Bonner Stadtbibliothek eine ganze Batterie an oben genannter Problemliteratur auffährt (Ausländer- und Genderzeugs), aber es braucht nicht allzu große Mühe, dieses Zeugs auszusieben, und auch in der Bonner Stadtbibliothek finden sich noch viele gute Kinder-Bilderbücher. Etwas gespalten bin ich bei der Kategorie "Patchwork-Kinder-Bilderbücher" a la "Wie lange bleiben die noch?" und "Papa wohnt jetzt woanders", die die Stadtbibliothek auch in ordentlichen Dosen bereithält. Ich finde, das Scheidungs-/Trennungsthema ist schon eines, das die klassischen Kinderbücher ignoriert haben und das auf irgendeine Weise doch zumindest irgendwo mal angesprochen werden sollte.

So weit so gut - eine nervige Kritik kann ich mir hier nicht verkneifen. Ich war vor geraumer Zeit auf der Suche nach Kinderbilderbüchern, die deutsche Mythen und Geschichten kindgerecht und von den Illustrationen her ansprechend aufbereiten. Ich bin hier auf das Buch "Die Nibelungen" von Baal Müller aus dem Hause "antaios" gestoßen, und habe es gleich neugierig bestellt - besonders der neuen Perspektive wegen. Doch ich muss sagen, daß die Illustrationen völlig für den Arsch sind (absolut Kleinkind-untauglich, auch nicht mal künstlerisch ansprechend, einfach schlecht, sie wirken auf mich wie tattoo-studio-zeichnungen), und die Geschichte selbst nicht gut erzählt ist (die Grundidee finde ich aber sehr gut).

Kurz: das Haus "antaios" hat in punkto Bilderbücher m.E. nicht unbedingt die Nase vorn - leider. Im Moment behelfe ich mir mit Uralt-Büchern wie "Hermann der Befreier" von 1912 - Arminius hier mit Flügelhelm auf weißem Pferd mit einem Fenriswolf an seiner Seite, wirkt schon arg antiquiert). Aber hiervon habe ich bestenfalls drei oder vier, und so richtig kleinkindtauglich sind die auch nicht.

Ich suche dringlichst so etwas wie "Die große illustrierte Kinderbibel" - halt nur für die germanisch-deutsche Geschichte. Diese "Kinderbibel" setzt in meinen Augen den absoluten Standard für eine hochwertige, kindgerechte Verbindung von Mythos, Geschichte und Illustration. Hat jemand einen Hinweis für ein halbwegs akzeptables Gegenstück aus unserer Sicht?

Ich freue mich auch über jeden anderen Hinweis für Bilderbücher.

antwort kubitschek:
Ich distanziere mich nicht von Baal Müller, will nur eine sachliche Korrektur anbringen: Seine Nibelungen-Nacherzählung ist nicht bei Antaios erschienen, sondern bei Arun.

benito mussorgsky
23. Januar 2013 23:28

Kinderliteratur, Frauenliteratur, Jungs-bücher...entbehrlicher Kram

Wie Kurt Schumacher feststellt: Gelesen wird unter der dünnen (Bett)Decke zivilisatorischer Tünche. Und besser noch ist es, wenn erzählt wird.

Literatur, die immer jung bleibt und die Jungen berührt stammt von großen Dichtern, nicht von Astrid und Otfried, weder J.J. R. oder J. K., noch Enid und Erich, sondern von Wilhelm und Jakob, E. T. A. und E. A., Fenimore Cooper, Sealsfield, Gerstäcker und E. A. Poe.

Vorlesen, vorlesen, Erzählen, erzählen.... das Wunderbare, Unwahrscheinliche, Bedeutungsvolle zur Richte machen. Ein Schicksal haben und wünschen.

Gegen Bearbeitungen ist nichts einzuwenden, wenn die Richtung stimmt. (Siehe oben) Mein Vater nährte mich mit Cid, den Heymonskindern, Wieland dem Schmied, Siegfried, Kudrun, Beowulf ....

Sollen die Mädchen doch, was schert mich das...

... meine Tochter nicht so.

Erziehung, ist immer das, was sich zu Hause ereignet!

eulenfurz
25. Januar 2013 00:09

Das "Selbstfinden" von Literatur durch kindliches Anlesen ist angesichts des unerschöpflichen Berges an Unrat ein schwieriges Unterfangen, im schlimmsten Fall werden die Kinder desorientiert oder verlieren gänzlich die Lust an Literatur.

Gerade antiquarische Bücher kosten doch heute nichts mehr, den ganz Kleinen genügen die vorgelesenen Märchenschätze, dann kommen Bilderbücher aus den 40er bis 60er Jahren, später irgendwann die Klassiker über Pucki, Heidi, Nästhäkchen und Karl May, Jules Verne usw., die man vorsorglich in den Bücherschrank der Erwachsenen stellt: "Die darfst Du erst in einigen Jahren lesen!" Und schwupps, sind sie heimlich ausgeliehen.

Nostrovicino
25. Januar 2013 14:14

Viele Leute lesen wenig, haben daher nur geringe Kenntnisse und orientieren sich bei Büchern als Geschenk für Kinder an den Verkaufszahlen. Weil die Standard-Deutschlehrerin häufig ideologischen Sozialkitsch als Klassenlektüre festlegt, werden solche Bücher klassenweise gekauft und das hebt die Verkaufszahlen. Ein bei den eigenen Söhnen erlebtes Beispiel: “Wenn die Zeit stehen bleibt”. Da verlieben sich ein Negerjunge und eine gleichaltrige weiße Jüdin, seine Eltern sind geschieden, der Vater ein bekannter Jazzmusiker ohne Zeit für den Jungen, ihre Eltern leben wohlhabend aneinander vorbei, ihre Schwester ist lesbisch, zuletzt wird der Junge beim Basketballspielen in Central Park von der Polizei erschossen, weil man ihn mit einem Bankräuber verwechselt. Oder “Wir retten Leben, sagt mein Vater”, da verliebt sich ein Mädchen, deren Freundin ihren Gecko zur Masturbation nutzt, während ihr Vater Alkoholiker und ihre Mutter sexuell frustriert ist, in einen Jungen, der nach einem Verkehrsunfall auf dem Familiensofa gepflegt wird. So ein Buch hat den Jugendbuchpreis 2007 erhalten. Daß ein solcher Käse von Jungens nicht gelesen wird, obwohl offensichtlich, den Lehrerinnen dennoch gleichgültig. Unter Mädchen kann man wohl viel intensiver über Gefühle sprechen. Diesen Lehrerinnen sind daher auch C.S. Forrester (Horatio Hornblower), Hans von Gottberg (Admiral Jacob) oder Oliver Hassenkamp (Schreckenstein) unbekannt. Ich glaube sagen zu dürfen, daß meine Söhne den Wert von Büchern weniger in der Schule als zu Hause beim Vorlesen durch mich gelernt haben.

Rumpelstilzchen
26. Januar 2013 13:00

Es gibt eine Reihe, Klassiker für Kinder ' im albatros verlag, darunter von Joachim Ringelnatz der" Nasenkönig."
herrlich aufmüpfig für aufgeweckte Kinder.

"Kinder, ihr müsst euch mehr zutrauen!
Ihr lasst euch von Erwachsenen belügen
Und schlagen.- Denkt mal: Fünf Kinder genügen,
Um eine Großmama zu verhauen."

Die Diktion gilt noch immer.

F.K.
27. Januar 2013 08:05

Man sorgt dafür, dass die Chance zum Stöbern, Lesen und Bücher-Haben gewahrt wird und lenkt dabei doch unvermeidbar über Angebote.
Den Rest schaffen die Kinder mit der Zeit zunehmend selbst .. und wenn sie sich mal lesend verlaufen - es entsteht kein dauerhafter Schaden, so wissen sie später eben, was sie nicht mehr lesen brauchen.

Frank
28. Januar 2013 10:35

Wer nach guter Jugendliteratur speziell für Jungen sucht (die ja offensichtlich nur noch schwer zu finden ist), dem empfehle ich die Jungenleseliste des Vereins MANNdat e.V. Sie findet sich im Netz unter jungenleseliste.de und enthält eine ganze Reihe Empfehlungen für Jungs, sortiert nach Altersgruppen.

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