Frischfleisch in Moskau oder Volker Beck in Schwulitäten

pdf der Druckfassung aus 19/August 2007

sez_nr_197Mein schwuler Freund Stefan ist keine Tunte. Nichts weniger als das! Er hat dieses Right-Said-Fred-Aussehen mit einem Zug ins Brutale. Albern ist er aber schon, und „der Steffi" hieß er bereits, als er sexuell noch mit Frauen verkehrte. Die rannten ihm nach wie verrückt, daher dauerte es ein bißchen, bis er mal zum Durchatmen kam und seine tatsächliche sexuelle Identität fand. Der dauernde Kindergeburtstag (nicht wirklich dauernd, die Herren sind erfolgreich in Internet-Geschäften beziehungsweise auf dem Kunstmarkt) in seiner Zweier-WG stellt sich heute (früher Nachmittag) so dar: vier Gäste, eine leere Baileys-Flasche steht auf dem Tisch, Omar sitzt leicht genervt am Rechner, im Hintergrund läuft zuschauerlos ein Riefenstahl-Video. Steffis Freund und ein anderer hübscher Junge haben sich aus Draht und Alufolie dreieckige Antennen gebastelt und sie irgendwie auf ihren Schädeln montiert. Die wollen dort nicht halten und klappen immer um. „Was'n los, kriegste wohl nicht mehr hoch!" mekkert Gast Nr. vier auf hessisch. „Heute ist hier Tinky-Winky", erklärt mir Steffi augenrollend. Geschicktes Täuschungsmanöver der Kleinkind-TVProduzenten! Nicht Po, das rosa Tele-Tubby mit dem nur scheinbar sprechenden Namen, ist die neue Gay-Ikone, sondern sein (ihr?) lila Kumpan: klar, der mit dem Handtäschchen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Von Stef­fi weiß ich, daß sein Freund Frau­en gar nicht mag, daher gehen wir unter des­sen bösen Bli­cken ins Neben­zim­mer – soweit man davon reden kann in einem tür­lo­sen Loft wie die­sem. Dort geht’s gleich zur Sache: Was Vol­ker Beck wohl eigent­lich bei den Rus­sen woll­te? Aus Stef­fis Sicht ist das klar: „Naja, Frisch­fleisch!” Aber wes­halb gera­de in Ruß­land? „Ach je, wie soll ich dir das erklä­ren”, ver­sucht Stef­fi eine Erklä­rung: „Erin­nerst Du Dich an die­sen Best­sel­ler vor hun­dert Jah­ren (Stef­fi über­treibt gern, E.K.), Salz auf unse­rer Haut, von so’ner fran­zö­si­schen Schrift­stel­le­rin? Die intel­lek­tu­el­le Wech­sel­jahrs­frau, die in einer sexu­el­len Obses­si­on zu einem jun­gen, geis­tig dump­fen Fischer auf­geht? Das ist so in etwa auch das Mus­ter, das die gesuch­te Ver­bin­dung deut­scher Jun­ge – rus­si­scher Jun­ge (Stef­fi spricht sel­ten von „Män­nern”, E.K.) beschreibt. Hier Hirn, dort Hose. Ganz sim­pel, nichts Neu­es, oder?” Ob Stef­fi also Becks glück­lo­sem, doch schlag­zei­len­träch­ti­gem Auf­tritt bei der Mos­kau­er Gay Pri­de also den puren Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­dan­ken abspre­che? „Ach, die­se Men­schen­rechts­em­pha­se, ist das nicht pipa­po? Wo geht es nicht um die Eröff­nung von Märk­ten? Unter auto­ri­tä­ren Regi­men leben­de Schwu­le, das ist halt auch ’ne ganz beson­de­re Zucht, da steigt der Marktwert!”

Klar, Stef­fi war auch schon in Ruß­land, er war schon über­all, und kaum je keusch. „Und da blieb dann eben nur die Pri­vat­woh­nung, ja?” fra­ge ich. Stef­fi wie­gelt ab: „Ver­wech­sel das jetzt nicht mit dem Mitt­le­ren Osten oder so. Das ist in Mos­kau kaum anders als in Frank­furt oder Mün­chen. Man kennt die Loca­ti­ons, die Sze­ne ist natür­lich etwas über­schau­ba­rer. Aber ins­ge­samt: kein Pro­blem.” Pro­ble­me kön­ne man sich schaf­fen, oder es las­sen, so wie Stef­fis Freun­des­kreis, „da ist doch auch kei­ner ver­hei­ra­tet oder poli­ti­scher Schwu­len­ak­ti­vist, wozu denn, pri­vat ist pri­vat, auch in Ruß­land. Und jetzt hör mir auf mit dem pein­li­chen Beck, ich benut­ze doch auch kein kol­lek­ti­ves ‚Ihr‘, wenn ich Ange­li­ka Mer­kel mei­ne und dich anspre­che!” Okay. Aber kor­rekt sei es ja auch nicht, einen Bekennt­nis-Schwu­len mit Eiern zu bewer­fen, oder? „Ach”, unkt Stef­fi da und fällt doch ins Kol­lek­ti­vum, „weißt doch, wir Schwu­le haben da so’n eige­nes Ver­hält­nis zu Eiern …” Der Typ mit dem Hes­sen-Slang hat mit­ge­hört und lacht meckernd. Beim Raus­ge­hen ruft er mir hin­ter­her: „Und denk dran, Beck mit a! Wie Arsch!”
Wer ist Vol­ker Beck? Gebo­ren 1960 in Bad Cann­statt, abge­bro­che­nes Stu­di­um der Kunst­ge­schich­te, jen­seits der grü­nen Polit­kar­rie­re ohne Berufs­er­fah­rung. Gro­ßer Kar­ne­va­list, Tän­zer bei den „Rosa Fun­ken”. Kin­der­los, doch viel­fa­cher geis­ti­ger Vater von A (wie Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz) über F (Flücht­lings­recht) und L (Lebens­part­ner­schafts­ge­setz) bis Z (Zigeu­ner-Mahn­mal vor dem Reichs­tag). Müh­se­lig, die ein­zel­nen Sta­tio­nen der Polit­kar­rie­re Herrn Becks auf­zu­zäh­len: Unter ande­rem fun­gier­te er, aus­ge­wie­se­ner Nicht-Jurist, als rechts­po­li­ti­scher Spre­cher sei­ner Par­tei. Im wesent­li­chen war er durch­gän­gig als Betrof­fen­heits­be­auf­trag­ter zustän­dig und stell­te damit das „männ­li­che” Pen­dant zur Par­tei­freun­din Clau­dia Roth dar.
2002 erhielt Beck aus der Hand Johan­nes Raus das Bun­des­ver­dienst­kreuz für sei­nen Kampf um die Ent­schä­di­gung von NS-Opfern: Gemein­sam mit dem Ame­ri­can Jewish Com­mit­tee hat­te Beck der Kohl-Regie­rung eine Ren­te für ost­eu­ro­päi­sche jüdi­sche NS-Opfer abge­trotzt. Zuletzt stritt Beck – der ansons­ten mit Reli­gio­si­tät wenig am Hut hat – für den Bau der Köl­ner Groß­mo­schee, stell­te Anfra­gen an die Bun­des­re­gie­rung bezüg­lich der Lage der Homo­se­xu­el­len in Nige­ria und nerv­te vehe­ment gegen die mild-kon­ser­va­ti­ven Schnarch­na­sen des „Stu­di­en­zen­trums Wei­kers­heim”: Dort wer­de ver­sucht, die „Kon­tu­ren kon­ser­va­ti­ver Poli­tik immer wie­der ver­schwim­men zu las­sen.” (Gut, damit hat er ja recht.) In Sachen Schwu­len­po­li­tik selbst ein beken­nen­der Glo­ba­li­sie­rer, hat sich Beck mit Blick auf die Anti-G8-Demos ent­schie­den auf die Sei­te der Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner gestellt und gefor­dert, „Pro­tes­te in Hör- und Sicht­wei­te der Men­schen, gegen die demons­triert wird”, zuzu­las­sen. Beck, mit sei­nem schmal­lip­pi­gen Leh­rer­ge­sicht, das jen­seits von Grin­sen und ver­är­gert zusam­men­ge­zo­ge­nen Augen­brau­en kei­ne Zwi­schen­stu­fen im Aus­druck her­ge­ben mag, hat die Rol­le des stän­di­gen Opfer-Seins zu sei­ner sub­lims­ten (in Stef­fis gemei­nen Wor­ten: hin­ter­fot­zigs­ten) Form kul­ti­viert: als Opfer­an­walt, und das heißt, als mora­li­scher Erpres­ser. Wie es nun um die Moral sol­cher Kli­en­tel bestellt ist, dür­fen wir beim Spe­zia­lis­ten in sol­chen Fra­gen, Fried­rich Nietz­sche (der war auch schwul, heißt es), aus­führ­lich nach­le­sen. Etwa: „Das mora­li­sche Urtei­len und Ver­ur­tei­len ist die Lieb­lings­ra­che der Geis­tig-Beschränk­ten an denen, die es weni­ger sind. Auch eine Art Scha­den­er­satz dafür, daß sie von der Natur schlecht bedacht wur­den, end­lich eine Gele­gen­heit, Geist zu bekom­men und fein zu wer­den: – Bos­heit ver­geis­tigt.” Die Moral, aus der her­aus bon­hom­me Beck sei­nen Rücken­wind erhält, ist eine der offe­nen oder min­des­tens ange­lehn­ten Türen. Wer wür­de schon ernst­haft und mit der Sicher­heit, öffent­lich wahr­ge­nom­men zu wer­den, gegen all die­se Wer­te und Sach­ver­hal­te reden, für die Beck mit Kla­ge­s­tim­me ein­tritt: Gleich­be­rech­ti­gung, Min­der­hei­ten­schutz, Schuldbekenntnisse?

Die „Spie­ßig­keit”, die er ande­ren (etwa jenen CDU-Män­nern, die ein Gruß­wort Wowe­reits anläß­lich einer Sado-Maso-Mes­se kri­ti­sier­ten) von sei­nem hohen Roß der vor­geb­lich lupen­rei­nen Nicht-Spie­ßig­keit vor­hält, fällt daher auf Beck selbst zurück. Wie ernst es ihm mit sei­ner min­der­hei­ten­freund­li­chen Gesin­nung ist, zeigt Beck auf sei­ner Netz­sei­te. Dort schmückt neben Grü­nen-Logo und obli­ga­to­ri­schem Kli­ma­freund-Emblem ein wei­te­res Sym­bol für geis­ti­ge Kor­rekt­heit den Auf­tritt: ganz groß das durch­ge­stri­che­ne Haken­kreuz. Schon mutig! Beck weiß, wie weit er mit sei­nen Min­der­hei­ten-Inter­ven­tio­nen gehen kann, ohne Ein­bu­ßen sei­nes Gut­men­schen-Sta­tus zu erlei­den. Aus­rut­scher auf solch aus­ge­tre­te­nen Pfa­den gab es wohl – die wuß­te er flink zu rela­ti­vie­ren. Etwa, als er vor Jah­ren für eine „Ver­sach­li­chung der Dis­kus­si­on um das Pro­blem der Pädo­se­xua­li­tät” warb und eine Her­ab­set­zung des Schutz­al­ters für Kin­der­sex auf unter vier­zehn bezie­hungs­wei­se eine Straf­ab­se­hens­klau­sel vor­schlug. Durch die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Pädo­se­xua­li­tät woll­te er – Ach­tung, Beck-Slang! – „etwas für die Lebens­si­tua­ti­on pädo­phi­ler Men­schen errei­chen”. Es dürf­te das ein­zi­ge Tabu gewe­sen sein, an das sich Beck gewagt hat. Ansons­ten: offe­ne Türen weit und breit. Den­noch darf sich Beck als gewohn­heits­mä­ßi­ger Ein­ren­ner der­sel­ben einen „Hel­den” nen­nen. Als „hero” wur­de er näm­lich 2005 vom US-ame­ri­ka­ni­schen Equa­li­ty Forum aus­ge­zeich­net. Dies ist nur einer von unge­zähl­ten Gleich­heits-Awards, deren sich der Wahl-Köl­ner rüh­men darf.
Nun, die rus­si­sche Tür jeden­falls war ihm, gera­de zurück­ge­kehrt von einer frus­trie­ren­den Men­schen­rechts-Visi­te in Turk­me­ni­stan, zunächst ver­schlos­sen. Erst im zwei­ten Anlauf erhielt er ein Visum für die Ein­rei­se ins Putin-Reich.
Unan­ge­nehm auf­ge­fal­len war Vol­ker Beck schon ver­gan­ge­nes Jahr auf der Mos­kau­er Schwu­len­de­mo. Sein blut­rinn­sal­durch­kreuz­tes Kon­ter­fei fand damals gro­ße media­le Beach­tung. Und nun, oops, he did it again: Mit
einer Reso­lu­ti­on betreffs Schwu­len­rech­te in der Hand, pil­ger­te er erneut nach Ruß­land, um dem Mos­kau­er Bür­ger­meis­ter Lusch­kow (aus­ge­rech­net an Pfings­ten!) sein Homo­rechts­be­geh­ren vor­zu­tra­gen. Lusch­kow sei­ner­seits näm­lich hat­te vom Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung Gebrauch gemacht und den Moscow Pri­de als „sata­ni­sches Trei­ben” bezeich­net und den geplan­ten Schwu­len-Umzug ver­bo­ten. Mag sein, daß ihm die Bil­der von west­li­chen Chris­to­pher Street Days zu pop­pig und daher wenig anhei­melnd erschie­nen. Das Ver­bot homo­se­xu­el­ler Betä­ti­gung an sich ist in Ruß­land schon im ver­gan­ge­nen Jahr­tau­send gefal­len – was nicht zwin­gend ein Gut­hei­ßen öffent­li­cher Zur­schau­stel­lung sexu­el­ler Vor­lie­ben bedeu­tet. Es ist auch kei­nes­wegs so, daß sich das rus­si­sche Volk (von Beck mehr­deu­tig als „wenig auf­ge­klär­te Demo­kra­tie” gegei­ßelt) einen west­li­chen Befrei­er in punc­to Sexua­li­täts­fra­gen erbe­ten hät­te. Jene Natio­na­lis­ten und Ultra­re­li­giö­sen, die hier gegen Beck und Kon­sor­ten Cho­rä­le san­gen und Fäus­te schüt­tel­ten, dürf­ten nur die Speer­spit­ze einer gene­rel­len rus­si­schen Skep­sis gegen Schwu­len­lob­by­is­ten dar­stel­len. Nach­dem der zunächst ver­bal ange­grif­fe­ne Beck sich als deut­scher Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter zu erken­nen gege­ben hat­te, führ­te die Poli­zei ihn ab (aus Becks Sicht) bezie­hungs­wei­se nahm ihn in Schutz­ge­wahr­sam (rus­si­sche Dar­stel­lung). Becks Dar­stel­lung der Sach­la­ge ent­behrt nicht einer gewis­sen Schi­zo­phre­nie: Einer­seits beklagt er, die Maß­nah­me sei ohne sein Ein­ver­ständ­nis gesche­hen, ande­rer­seits wirft er den Büt­teln vor, Eier und Gemü­se habe ihn erst dadurch tref­fen kön­nen, daß man ihn für „zwei Minu­ten los­ge­las­sen” habe. Mit poli­ti­schem Man­dat dürf­te Becks rus­si­scher Feld­zug übri­gens kaum erfolgt sein. Oder? Immer­hin sprach sei­ne Par­tei im Brust­ton der Empö­rung von einem „gra­vie­ren­den inter­na­tio­na­len Zwi­schen­fall”. Ja, heult doch.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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