01. Dezember 2011

Der Dreck, der sich für uns interessiert

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

45Am 22. November, einem Dienstag, haben sich die Abgeordneten des Bundestags erhoben (ausnahmslos, fraktionsübergreifend, in von den Medien goutierter Eintracht), um den zehn Opfern einer Mordserie in einer Schweigeminute zu gedenken: Acht Türken (einige davon türkischstämmige, eingebürgerte Deutsche), ein Grieche und eine aus Thüringen stammende Polizistin sollen von einem neonationalsozialistischen Trio (Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe) zwischen den Jahren 2000 und 2007 erschossen worden sein.

Egal, wie es war: Die Opfer hätten gerne noch weitergelebt, und die Hinterbliebenen vermissen sie. Egal, wer es war: Es gibt keinen Grund für Hunderte Abgeordnete, sich deswegen zu erheben und gedenkend innezuhalten. Nachdem im Januar 1991 der erste US-Krieg gegen den Irak gestartet worden war, hatte Deutschland den Karneval abgesagt: Nicht in Köln, nicht in Mainz, nicht in Rottweil, nirgends sollte damals gelacht und geschunkelt werden. Als zwei Jahre später der Ex-Jugoslawien-Krieg auf seinen grausamen Höhepunkt zulief (nicht weit vor der deutschen Haustüre sozusagen) und selbst in Oberschwaben Flüchtlingsmädchen einquartiert wurden, die das Schrecklichste in sich begraben mußten, debattierte man kurz über ein erneutes Einfrieren allen Humors, entschied sich aber dagegen (und wand sich dabei, denn wieso sollte nicht mehr angemessen sein, was 1991 noch als Maßnahme eingeleuchtet hatte?).

Wäre er konsequent, müßte sich der Bundestag längst erhoben haben für die im Mutterleib getöteten Opfer individualistischer Lebensplanung oder für die Opfer deutschenfeindlicher Gewalt von Ausländern, um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Bundestag hat dies nicht getan, und wenn er es täte, wäre dadurch nichts besser: Die Meßlatte läge weiterhin zu hoch, man kann sich nicht ständig erheben oder den Karneval ausfallen lassen.

Und hat sich der Bundestag vielleicht überhaupt vor den falschen Opfern verneigt, vielleicht vor Opfern der türkischen Mafia und vor dem weiblichen Opfer einer Beziehungstat oder eines Geheimdienst-Komplotts? Ich kann das nicht weniger doppeldeutig schreiben, es tut mir leid. An dem Fall des Zwickauer Nazi-Trios ist nichts eindeutig. Jede Erzählung ist fragwürdig, jede psychologische Deutung unrealistisch, jedes Indiz für ein Ineinander von Neonazis, Verfassungsschutz und Drogenmafia aufs neue atemberaubend. Wir können vieles wissen, wissen aber nichts so Stichhaltiges, daß wir davor bewahrt würden, das zu glauben, was wir glauben wollen. Denn was wissen wir wirklich über die Vorgänge, in die Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe verwickelt waren?

Wir wissen, daß alle drei dem maßgeblich von einem Agenten des Verfassungsschutzes aufgebauten »Thüringer Heimatschutz« angehörten. Der Chef dieser rechtsextremen Gruppierung, Tino Brandt, hatte seit 1994 rund 200 000 DM für seine Doppelfunktion als Organisator und Bespitzler seiner selbst vom Land erhalten. 2001 flog er auf.

Wir wissen, daß Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe am 24. Januar 1998 untertauchen konnten, während die Polizei in Jena sieben Wohnungen und eine von Beate Zschäpe angemietete Garage durchsuchte und Rohrbomben ohne Zünder sicherstellte.

Wir wissen, daß dieses Trio zehn Morde, einen Nagelbombenanschlag und ein Dutzend Banküberfälle verübt haben soll. Jeden Tag tauchen nun neue Mitwisser und Unterstützer aus der rechtsextremen Szene auf, NPD-nah manche, und wir wissen, daß Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe trotz dieser vielen Mitwisser einer von VS-Leuten durchseuchten Szene dreizehn Jahre lang untergetaucht in Deutschland leben und ihr terroristisches Ziel verfolgen konnten.

Wir wissen, daß beim neunten Mord an einem ausländischen Kleingewerbetreibenden, dem Internet-Café-Besitzer Halit Y., ein Beamter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz in einer Ecke des Raumes saß, als die Schüsse fielen. Er stellte sich nicht als Zeuge zur Verfügung, wurde jedoch ausfindig gemacht und verhört. Ein Bewegungsprofil des VS-Mannes verriet, daß er bei drei der neun Mordfälle in unmittelbarer Nähe zum Tatort gewesen war.

Wir wissen, daß nach diesem Kasseler Mord im April 2006 eine Mordserie aufhörte, die als solche nicht erkannt wurde und dennoch eine rechtsterroristische Mordserie zum Zwecke der Verunsicherung der in Deutschland lebenden Ausländer gewesen sein soll.

Wir wissen, daß nach dem Ende der Mordserie noch ein Mord geschah: In Heilbronn wurde 2007 die Polizistin Michélle Kiesewetter erschossen. Sie wohnte bis zu ihrem Weggang nach Baden-Württemberg in Oberweißbach bei Rudolstadt. Dort richteten Angehörige der Neonazi-Szene in einem Gasthof einen Treffpunkt ein, der von 2005 bis 2007 Bestand hatte. Michélle Kiesewetter könnte dort gewesen sein, könnte befreundet gewesen sein, könnte jemanden wiedererkannt haben, könnte ein Gerücht gehört haben.

Wir wissen, daß das Zwickauer Trio erst fünf Jahre nach dem letzten Mord ein Bekenner-Video auf den Postweg bringen wollte, und wir kennen keine andere terroristische Vereinigung, die ohne politisches Bekenntnis, ohne Stellungnahme, ohne Forderungskatalog, ohne Botschaft mordete. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe haben sich nicht wie Terroristen verhalten, sondern wie Serienmörder. Sie haben – wenn sie es denn waren – über ein ganzes Land verteilt und in zusammenhangslosem zeitlichem Abstand Männer erschossen, die ganz sicher für eines nicht verantwortlich gemacht werden konnten: für die massenhafte, identitätsgefährdende Einwanderung nichtintegrierbarer Unterschichten.

Umschläge mit der Bekenner-DVD fand die Spurensicherung in einer vollständig durch eine Explosion zerstörten Doppelhaushälfte in Zwickau, in der aufgrund der extremen Hitzeentwicklung Metall zu Klumpen zerschmolzen war. Wir wissen, daß Beate Zschäpe dieses von ihr und ihren beiden Komplizen bewohnte Haus am 4. November zerstört haben soll, um Beweismittel zu vernichten.

Wir wissen, daß Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren. Sie hatten sich um die Mittagszeit mit Pistole und Gewehr durch Kopf und Brust in ihrem Wohnmobil erschossen, weil sich eine Polizeistreife wenige Stunden nach dem Überfall auf eine Eisenacher Bank diesem Versteck näherte. Zwischen den Schüssen ging das Wohnmobil in Flammen auf. Die Polizei konnte neben der Beute zweier Banküberfälle und »rechtem Material« auch weitere Waffen sowie vor allem die Dienstpistole ihrer Kollegin Michélle Kiese­wetter, deren Handschellen und deren Multifunktionswerkzeug sicherstellen und damit auch diesen Mord aufklären.

Wir wissen, daß Anwohner eine dritte Person aus dem Wohnmobil springen sahen. Von dieser Person ist seither nicht mehr die Rede. Auch wollen nun – entgegen früherer Auskünfte – die ersten Polizeibeamten vor Ort aus dem Wohnmobil heraus beschossen worden sein.

Wir wissen, daß die bisher kaltblütig handelnden Mundlos und Böhnhardt den Selbstmord einem letzten Gefecht ebenso vorzogen wie einer Festnahme, die es ihnen ermöglicht hätte, vor großem Publikum endlich über die Motive und das Ziel ihrer Taten auf ähnliche Weise zu referieren, wie es der Osloer Attentäter Anders Breivik nun kann.

Wir wissen, daß es auch eine ganz andere Erklärung für die Mordserie gibt: Danach soll es sich um Einschüchterungs- und Disziplinierungsmaßnahmen gehandelt haben, ausgeführt von Angehörigen eines türkischen Netzwerks namens »tiefer Staat«. Dieses Netzwerk arbeitet als eine Mischung aus Ultranationalismus, staatlich geduldeter Aktion gegen die kurdische PKK und Drogengeschäft. Der in allen neun Mordfällen ausgeführte Schuß ins Gesicht ist im »tiefen Staat« das Zeichen für den Ehrverlust des Opfers. In Nürnberg liefen die Fäden der bis zu 160 Mann starken Ermittlergruppe »Besondere Aufbauorganisation Bosporus« (BOA) zusammen.

Wir wissen, daß bei allen neun Morden dieselbe Tatwaffe verwendet worden ist: eine eher seltene Pistole mit Schalldämpfer aus tschechischer Herstellung, eine Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 mm. Wer eine solche Waffe neunmal hintereinander verwendet, hat entweder keine andere oder möchte zeigen, daß er es immer wieder tun werde. Eine dieser Ceskas ist im ausgebrannten Zwickauer Terror-Nest gefunden worden – unversehrt wie auch die DVDs und ein USB-Stick mit möglichen prominenten Anschlagszielen, obwohl doch die Vernichtung des Beweismaterials der Grund für Explosion und Brand gewesen sein mußte. Eine andere Ceska ist der Staatsanwaltschaft in Nürnberg im Sommer 2011 von einem türkischen Informanten angeboten worden. Die Übergabe-Verhandlungen scheiterten letztlich.

Damit soll es ein Bewenden haben mit dem, was wir wissen können und was wir vermuten müssen. So viel Verworrenheit, so viele Zufälle, so viel Ermittlerglück und Täterblödheit neben Ermittlungspannen und Tätergenialität: Wäre es da nicht gesünder und angesichts der Unübersichtlichkeit und Unverfrorenheit angemessen, gar nichts mehr zu vermuten und zusammenzutragen, sondern sich einfach einer Version zuzuneigen? So interessant es ist, sich in die Absurditäten und Verwirrungen der seit vierzig Jahren händeringend gesuchten, nun endgültig entdeckten Braunen Armee Fraktion zu vertiefen, so müßig ist es doch, so sehr die reine Zeitverschwendung des Gaffens: Die Ereignisse und Erkenntnisse ziehen über uns hinweg, und letztendlich weiß man in vier Wochen über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) genausogut Bescheid wie über den Kennedy-Mord, das Oktoberfest-Attentat, den Tod Barschels, den 11. September oder die Lebkuchenmesser-Attacke auf Herrn Mannichl. Mehr noch: Es werden über den NSU und über die ihm angelastete Mordserie ein Bild und eine Erzählung geronnen sein, ausgehärtet sein, an denen nicht mehr zu rütteln ist und an denen zu rütteln, jeden Ungläubigen nicht vor die Entscheidung stellt: für oder gegen die Aufklärung eines verzwickten Falls, sondern: für oder gegen die Nazis?

Mental haben wir mit diesem Nationalsozialistischen Untergrund nichts zu schaffen. Solche Taten und ein sie gebärendes Milieu sind meilenweit von dem entfernt, was wir denken und sind, und wir könnten jeden Bezug ignorieren, ohne zu lügen oder zu vertuschen. Aber es nützt nichts, wenn wir uns für diesen Dreck nicht mehr interessieren, denn leider interessiert sich dieser Dreck für uns.

Das kann ich illustrieren: In der Kölner Keupstraße gaben sich Mitte November viele Politiker ein Stelldichein. Dort war am 9. Juni 2004 die Nagelbombe explodiert, für die ebenfalls das Zwickauer Trio verantwortlich gewesen sein soll. Der Spiegel-Online-Bericht über den SPD-Chef im Friseursalon von Özcan Yildirim war an Süffisanz über die Peinlichkeit der Politik nicht zu überbieten: Sigmar Gabriel entschuldigte sich bei einer Tasse Tee medienwirksam für die Taten seiner deutschen Terrorlandsleute, als es draußen vor dem Schaufenster zu rumoren begann. Ein paar Dutzend Leute wollten ins Geschäft drängen. Gabriels Personenschützer wurden angewiesen, die Journalisten erstmal draußen zu lassen. »›Das sind keine Journalisten‹, entgegnet umgehend ein großer Mann von der Spitze des Zuges. ›Das ist die Bürgermeisterin von Köln, Frau Scho-Antwerpes.‹ Gabriels Gehilfe entschuldigt sich, doch die Bürgermeisterin von Köln muß trotzdem in der Kälte ausharren, genau wie die TV-Teams und Fotografen, die Hörfunkredakteure und Schreiber. ›Ich kann auch wieder gehen, ich habe wirklich genug zu tun‹, faucht Elfi Scho-Antwerpes – und rührt sich nicht von der Stelle.«

Gesine Lötzsch (Bundesvorsitzende der Linken) war auch schon da, andere werden folgen und sich für ein paar Pressephotos erneut von ihrem Volk distanzieren. Genau dies meine ich, wenn ich sage, daß sich der Dreck für uns interessiert, daß wir ihm nicht entkommen können, indem wir »das Schlachtfeld verlassen«, wie Martin Lichtmesz in dieser Sezession an anderer Stelle schreibt. Es sind unsere Repräsentanten, unsere Spitzenpolitiker, die sich bei jeder Gelegenheit von ihrem Volk lossagen, und solange sie nur sprächen, wären sie zwar ein wenig schäbig, aber harmlos. Jedoch: Sie sprechen nicht nur, sondern handeln auch, und es ist kreuzgefährlich, innerhalb der nüchternen, kalten Atmosphäre der Politik in einer Verfaßtheit zu handeln und zu entscheiden, die man als »nach der Gedenkminute« bezeichnen muß: erfüllt von dem Gefühl, nun Wiedergutmachung leisten zu müssen, und sei es auch nur sehr indirekt.

Das ist eine Meta-Deutung des Falls. Thorsten Hinz hat sie in der Jungen Freiheit vom 18. November aufgebracht: »Die Enthüllungen über eine neonazistische Terrorzelle bieten eine willkommene Ablenkung: weg vom kriselnden Euro und hin zum ewigen Hitler in uns. Eine kontrollierte Hysterie könnte psychologisch den Boden bereiten für geplante Gesetzes- und Verfassungsänderungen.« Martin Lichtmesz hat sie im Netz-Tagebuch der Sezession fortgeschrieben: »Die zweite große Entscheidung, die dem Willen der Wähler entzogen werden soll, ist diejenige über ihre Zukunft als selbstbestimmtes Volk in seinem historischen Raum. Kampagnen ›gegen Rechts‹ sollen jegliche Widerstandsregung gegen die (historisch beispiellose) Masseneinwanderung und die daraus resultierende kulturelle, territoriale und demographische Enteignung in der Angst vor sozialer Isolierung und einem schlechten Gewissen ertränken. Indem jeglicher Selbstbehauptungs- und Selbstbestimmungswille als unethisch und verwerflich verschwefelt wird, werden die Deutschen psychisch wehrlos gemacht. Damit wird die Grundlage der Demokratie selbst außer Kraft gesetzt.«

Neonazistischer Terror-Popanz zur Erneuerung und Verfestigung der deutschen NS-Traumatisierung also? Zu einem Zeitpunkt, an dem die Deutschen als Zahlmeister Europas gefragt sind wie nie zuvor und an dem sie beim Blick auf Griechenland, Italien oder die USA von einer Ahnung an Stolz auf die eigene, bessere Position beschlichen werden? Ein Schlag mit der Faschismus-Keule auf den Kopf einer wiederum ein vorsichtiges Schrittchen mehr selbstbewußten Nation?

Neben allerlei Berichte über die Terror-Zelle und den »Tröster-Karneval« hat Spiegel-Online eine interaktive Graphik über die braunen Zentren Deutschlands plaziert: Deutschland ist überall ein bißchen braun, am braunsten aber in den fünf Bundesländern jenseits der Umerziehungsgrenze. Die allgemeine Bedrohungslage ist damit visualisiert, und über Wochen diskutierte Deutschland nicht mehr darüber, daß sich »unsere Ersparnisse, Lebensversicherungen und Altersvorsorgen verflüssigen« (Thorsten Hinz), sondern darüber, daß es notwendig sei, weiterhin und noch einmal verstärkt gegen das Nazi-Gen in uns zu kämpfen. Darüber wird sich der Rest an nationaler Souveränität auch noch verflüssigen, der deutsche, braune Impuls wird sich in einem völlig geeinten Europa auflösen, endlich.

Vielleicht wäre es angesichts der Unaufhaltsamkeit der Ereignisse in den vergangenen Wochen sinnvoller gewesen, altgriechische Vokabeln zu rekapitulieren oder ein Stückchen Gartenland umzugraben, bevor der Frost kommt. Vielleicht ist es manchmal doch sinnvoll, das Schlachtfeld zu verlassen und sich um die Sicherung des ganz und gar Eigenen zu kümmern. Oder – wie es jüngst ein später Gast ausdrückte: in Deckung gehen, überrollen lassen, aufstehen, weitermachen.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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