Sezession
1. Dezember 2011

Ernst Nolte – Späte Ambivalenzen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

45von Siegfried Gerlich

Zur Überraschung all jener, die Ernst Nolte Glauben geschenkt hatten, als er sein Lebenswerk mit seinem Buch über den Islamismus für vollendet erklärte, sind aktuell gleich zwei weitere Bücher aus seiner Feder erschienen, die zudem unterschiedlicher kaum sein könnten. Unter dem Titel Italienische Schriften finden sich Aufsätze, Artikel und Interviews aus den Jahren 1994 bis 2008 versammelt, deren deutsche Originalfassungen Nolte nun zugänglich macht. Mit gänzlich neuen Themen und Thesen warten diese Gelegenheitsschriften zwar nicht auf, aber dafür bieten sie einen klaren und kompakten Einblick in Noltes Geschichtsdenken der letzten Jahrzehnte. Und der sie beschließende »Umriß einer intellektuellen Biographie«, in dem Nolte überaus persönlich auf seinen Lebens- und Denkweg zurückblickt, taugt sogar vorzüglich als Einführung in das Gesamtwerk.

Am Horizont der Italienischen Schriften steht die Sorge um die Zukunft Europas, dessen geschichtliches und kulturelles Gepräge sich in einer nachgeschichtlichen und multikulturellen Weltzivilisation aufzulösen droht. Auf die um so dringlicher gewordenen Fragen, worin die vielberufene Einheit Europas substantiell gründet und wo dessen legitime Grenzen verlaufen, geben Noltes historische Betrachtungen eine in romantischer Tradition stehende Antwort: Das früheste Gesicht des uns vertrauten Europa zeigte sich mit dem karolingischen Reich, und der Geist dieses christlichen Abendlandes wirkte noch im späteren Kerneuropa der säkularisierten Kulturstaaten Frankreich, Italien und Deutschland als einende Kraft fort. Dabei erinnert Nolte an die mittelalterliche »Türkengefahr« als einen Hauptgrund für die ältesten Konzepte einer europäischen Einigung, nicht ohne die auf Dauer gestellte Abwehr des Islam als historische Grundvoraussetzung der neuzeitlichen Entwicklung des Liberalen Systems herauszustellen. Gegenwärtig freilich beeindrucken und beunruhigen die emanzipationsfeindlichen islamischen Kulturen erneut durch ihre demographisch wiedererrungene Stärke, während die politische Schwäche der an emanzipatorischer Selbstüberforderung leidenden europäischen Gesellschaften immer unverhohlener zutage tritt. Kaum abzuweisen scheint Noltes Diagnose, daß der europäische Liberalismus zu einem westlichen »Liberismus« entartet ist, dessen Verabsolutierung individualistischer Selbstverwirklichung letztlich zur kollektiven Selbstauslöschung führen muß. Der neuzeitliche Individualismus, diese »höchste Blüte der Zivilisation«, erweist sich so zugleich als »Wurzel des Untergangs«.


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