Ernst Nolte – der Mann von »morgen«?

von Thorsten Hinz und Siegfried Gerlich -- pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Ber­lin, 24. IX. 2011

Lie­ber Herr Gerlich,

von Ihrer – glän­zend geschrie­be­nen – Rezen­si­on zu den Spä­ten Refle­xio­nen darf ich mich ange­spro­chen füh­len, weil ich für die Ver­lei­hung des Löwen­thal-Prei­ses plä­diert habe, und zwar in vol­ler Kennt­nis des bespro­che­nen Buches. Knapp gefaßt mei­ne Einschätzung:

Es ist nicht Nol­tes bes­tes, es ist ein form­lo­ses Buch, aber es ist eben sein letz­tes. Ich fin­de dar­in vor allem – teil­wei­se sehr spit­ze – Fuß­no­ten zu sei­nen alt­be­kann­ten The­sen. Refle­xio­nen eben, die eine asso­zia­ti­ve Frei­heit gestat­ten. Eine geschlos­se­ne Welt­an­schau­ung ergibt sich dar­aus nicht, und sie wird auch nicht bean­sprucht. Daher wür­de ich raten: Tie­fer hän­gen! Im Kon­text des Gesamt­werks betrachten!

For­mal knüpft es am ehes­ten an die Streit­punk­te an. Nol­te gibt Fin­ger­zei­ge, wo künf­ti­ge For­schungs­fel­der lie­gen. Für den 88jährigen Autor hat das Bedin­gungs­ge­fü­ge, das die his­to­ri­sche For­schung heu­te kon­di­tio­niert, kei­ne Gül­tig­keit mehr, er hat das alles hin­ter sich gelas­sen. Ich fra­ge mich, ob er damit nicht ein Mann von mor­gen ist. Um nur die­sen Grund zu nen­nen: Das Aus­grei­fen des Islam führt dazu (merk­wür­di­ge List der Geschich­te!), daß Euro­pa und der Wes­ten über­haupt sei­ne ideo­lo­gi­schen Axio­me rela­ti­viert. Was Sie bei Nol­te heu­te empö­rend fin­den, könn­te die Vor­weg­nah­me künf­ti­ger Neu­jus­tie­run­gen sein. Sicher, es gibt For­mu­lie­run­gen und Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te, bei denen auch ich zusam­men­ge­zuckt bin oder denen ich wider­spre­chen wür­de, aber selbst sie ver­die­nen eine sorg­fäl­ti­ge Prüfung.

Daß Nol­te sich nicht vom »qua­li­ta­tiv evi­den­ten und auch quan­ti­ta­tiv ekla­tan­ten Miß­ver­hält­nis zwi­schen der Juden­ver­nich­tung und der Paläs­ti­nen­ser­ver­trei­bung beir­ren« läßt – die­se Deu­tung fin­de ich nicht ganz kor­rekt bzw. unvoll­stän­dig. Nol­te schreibt im Zusam­men­hang über die Uni­ver­sa­li­sie­rung und Sakra­li­sie­rung des Holo­caust (ich zitie­re aus dem Gedächt­nis): Erst wenn Isra­el in einer ver­gleich­bar hoff­nungs­lo­sen Situa­ti­on wie Deutsch­land im Zwei­ten Welt­krieg sich befin­det und rela­tiv mehr Paläs­ti­nen­ser die­sen Krieg über­le­ben als Juden damals, hät­te Isra­el den Anspruch dar­auf, dem Juden­mord jene qua­si-reli­giö­se Dimen­si­on zu ver­lei­hen, die heu­te in der Gedenk­stät­te Yad Vas­hem und anders­wo zele­briert wird. Ich sehe in die­ser Spe­ku­la­ti­on die neue­re Ten­denz Nol­tes bestä­tigt, den ursprüng­lich aus­schließ­lich ideo­lo­gisch begrün­de­ten Ras­sen­mord stär­ker real­ge­schicht­lich zu akzen­tu­ie­ren und ihn im Zusam­men­hang mit dem Kriegs­ver­lauf zu betrach­ten. Zwei­tens geht es ihm gene­rell um die His­to­ri­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus und die Über­win­dung der ger­ma­no-zen­trier­ten Per­spek­ti­ve (NS-Deutsch­land = ein meta­phy­si­sches, abso­lu­tes Böses). Drit­tens soll durch hypo­the­ti­sche Ana­lo­gien eine Situa­ti­on geis­tig auf­ge­bro­chen wer­den, die eben die­se His­to­ri­sie­rung ver­bie­tet. Die­ses Gedan­ken­spiel muß pro­vo­kant wir­ken, es ist aber legi­tim. Isra­el ver­fügt übri­gens über die Atom­bom­be und wür­de die­se auch einsetzen.

»Nun­mehr aber ver­or­tet Nol­te die legi­ti­mie­ren­den Ursa­chen des Anti­se­mi­tis­mus aus­schließ­lich im Juden­tum selbst«. Die Pas­sa­gen, die die­sen Ein­druck her­vor­ru­fen, soll­te man eben­falls tie­fer hän­gen und sie im Kon­text des Gesamt­werks lesen. Nol­te kehrt hier das Ver­fah­ren um, Juden immer nur als Opfer von »Vor­ur­tei­len« zu betrach­ten. Das ist pole­misch, hat aber inso­fern einen Erkennt­nis­wert, als es die Unmög­lich­keit des ursprüng­li­chen Ver­fah­rens vorführt.

Auf Sei­te 129 spe­ku­liert Nol­te über die Macht von Juden in den USA, die sie befä­higt, nach der »men­ta­len Welt­herr­schaft« zu grei­fen. Wenn man das wört­lich nimmt, ist es nicht hin­nehm­bar. Aber es hat offen­bar einen »ratio­na­len Kern«. Was für einen unglück­li­chen Ein­druck machen gera­de Oba­ma und Hil­la­ry Clin­ton, weil sie in der UNO gegen die Paläs­ti­nen­ser agi­tie­ren müs­sen. Man könn­te noch wei­te­re Bei­spie­le aufzählen.

Kurz­um: Ich fin­de Ihre Kri­tik anre­gend und nicht unver­ständ­lich, aber ich habe Nol­tes Buch mit mehr Gelas­sen­heit gele­sen als offen­bar Sie.

Es grüßt

Thors­ten Hinz

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Ham­burg, 26. IX. 2011

Lie­ber Herr Hinz,

lei­der kann ich nicht sehen, inwie­fern Nol­te sich gera­de mit sei­nen Spä­ten Refle­xio­nen als »Mann von mor­gen« emp­feh­len wür­de. Schließ­lich hat er sich dar­in nicht nur über geschichts­po­li­ti­sche Tabui­sie­run­gen hin­weg­ge­setzt, son­dern sein eige­nes geschichts­wis­sen­schaft­li­ches Objek­ti­vi­täts­ide­al selbst preis­ge­ge­ben. Eini­ge radi­kal­re­vi­sio­nis­ti­sche Anspie­lun­gen, auf die ich gar nicht erst ein­ge­gan­gen bin, zeu­gen davon, daß Nol­te die neue­re For­schungs­li­te­ra­tur zum Natio­nal­so­zia­lis­mus nur noch selek­tiv wahr­ge­nom­men hat und ins­be­son­de­re mit dem aktu­el­len Stand der empi­ri­schen Holo­caust­for­schung alles ande­re als ver­traut ist.

Auf einem ande­ren Blatt steht Nol­tes durch­aus berech­tig­te Kri­tik am nega­ti­ven Natio­na­lis­mus unse­rer »Holo­caust-Reli­gi­on« – nur daß er selbst zuwei­len in ein theo­lo­gisch-mys­ti­fi­zie­ren­des Reden ver­fällt, wenn es um Hit­ler und die Juden geht. Auf Sei­te 126 erin­nert Nol­te an einen ihm impo­nie­ren­den Vor­trag von Fried­rich Romig, wor­in die­ser das Juden­tum als den »Anti­christ« in Erin­ne­rung brach­te. Von Nol­te befragt, ob Hit­ler als »Anti-Anti­christ« folg­lich nicht »im Feld des Rüh­mens­wer­ten« ange­sie­delt wer­den müs­se, geriet der vom heil­lo­sen Geist des christ­li­chen Anti­ju­da­is­mus erfüll­te Ultra­ka­tho­lik dann doch in arge Bedräng­nis. Nach­träg­lich souf­fliert Nol­te ihm nun die rech­te Ant­wort: Der jüdi­sche Anti­christ war im 20. Jahr­hun­dert bereits so mäch­tig, daß selbst ein Hit­ler der all­ge­mei­nen Ver­ju­dung anheim­fiel und so zu einer noch »schlim­me­ren Gestalt des Anti­christ« empor­wuchs. Über­haupt staunt man nicht schlecht, daß noch dort, wo buch­stäb­lich die letz­ten Din­ge – Gott und die Welt im gan­zen – ver­han­delt wer­den, Hit­ler einem Den­ker von Rang wie Nol­te als satis­fak­ti­ons­fä­hi­ger Gesprächs­part­ner gilt.

Gleich­wohl plä­die­ren Sie im Hin­blick auf Nol­tes diver­se anti­jü­disch-anti­zio­nis­ti­sche Fehl­leis­tun­gen für »Tie­fer hän­gen!«, da es sich hier­bei nur um unver­bind­li­che Refle­xio­nen han­de­le, die man nicht zum Nenn­wert neh­men soll­te. Ich hin­ge­gen den­ke, daß man Nol­tes ein­schlä­gi­ge Spit­zen nicht ernst genug neh­men kann, da sich die­se im Ver­lauf sei­ner »frei­en Asso­zia­tio­nen« eben nicht als der Wahr­heits­fin­dung dien­li­che metho­di­sche Pro­vo­ka­tio­nen bewäh­ren, son­dern zuneh­mend als Spit­zen eines inne­ren Eis­bergs zu erken­nen geben, auf dem Nol­tes beweg­tes und bewe­gen­des Den­ken nun­mehr auf­ge­lau­fen scheint. Und wäh­rend Sie, mit gewis­sen Vor­be­hal­ten, Nol­te dar­in recht geben, daß der Zio­nis­mus den »ratio­na­len Kern« des Anti­se­mi­tis­mus erwie­sen habe, bin ich gera­de der gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung, daß Nol­tes Anti­zio­nis­mus nur die »Ratio­na­li­sie­rung« eines tie­fer lie­gen­den Anti­se­mi­tis­mus dar­stellt – und daß dies auch für den ara­bisch-isla­mi­schen Anti­zio­nis­mus gilt.

Schon Nol­tes Rede von der »Ein­pflan­zung« Isra­els in den isla­mi­schen Lebens­raum sug­ge­riert im Geis­te poli­ti­scher Roman­tik einen natur­haf­ten Orga­nis­mus der ara­bi­schen Völ­ker­ge­mein­schaft und deren eben­so natür­li­che Feind­schaft gegen die jüdi­schen Ein­dring­lin­ge. Dabei hat­ten wich­ti­ge Reprä­sen­tan­ten der ara­bi­schen Welt, die an einer Moder­ni­sie­rung der rück­stän­di­gen Regi­on inter­es­siert waren, die Ein­wan­de­rung von Juden nach Paläs­ti­na anfangs durch­aus begrüßt. Um so mehr fällt ins Gewicht, daß der ers­te Füh­rer des paläs­ti­nen­si­schen Natio­na­lis­mus und spä­te­re Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem, Amin al-Hus­s­ei­ni, bereits bei den anti­jü­di­schen Pogro­men der zwan­zi­ger Jah­re in Jeru­sa­lem, Jaf­fa und Hebron eine füh­ren­de Rol­le spiel­te. Sei­ne Idee eines »juden­rei­nen« Paläs­ti­na, die von den ägyp­ti­schen Mus­lim­brü­dern geteilt wur­de, fand wei­te Ver­brei­tung aller­dings erst in der Epo­che des Faschis­mus, des­sen Ras­sen­po­li­tik nicht nur die jüdi­sche Ein­wan­de­rung nach Paläs­ti­na for­cier­te, son­dern zugleich die paläs­ti­nen­si­sche Gegen­wehr muni­tio­nier­te. So wur­de in den drei­ßi­ger Jah­ren der Hus­s­ei­ni-Clan ins­be­son­de­re vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ideo­lo­gisch, finan­zi­ell und mili­tä­risch auf­ge­rüs­tet, um mus­li­mi­sche SS-Divi­sio­nen im ara­bi­schen Raum sowie in Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na aufzubauen.

Als Freund Himm­lers und Befür­wor­ter der »End­lö­sung« inspi­zier­te al-Hus­s­ei­ni gemein­sam mit Eich­mann die Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz und Maj­da­nek und ermahn­te die Regie­rung Ungarns, die Depor­ta­ti­on der 800 000 dort leben­den Juden nicht zu ver­zö­gern. Al-Hus­s­ei­nis Zög­ling Yas­sir Ara­fat soll­te sich dem­ge­gen­über ganz auf die Aus­lö­schung Isra­els kon­zen­trie­ren, aber in der gül­ti­gen Char­ta der Hamas wird der »Dschi­had« gegen den Juden­staat wie­der­um nur als ers­te Etap­pe eines welt­wei­ten anti­jü­di­schen Ver­nich­tungs­krie­ges pro­pa­giert. Dem ent­spricht die von der paläs­ti­nen­si­schen Auto­no­mie­be­hör­de auto­ri­sier­te Ver­brei­tung von Mein Kampf, wel­ches 1999 immer­hin den sechs­ten Platz auf der paläs­ti­nen­si­schen Best­sel­ler­lis­te belegte.

Die­se ideo­lo­gie­ge­schicht­li­chen Tat­sa­chen, die den Anti­se­mi­tis­mus als logi­sches und fak­ti­sches Pri­us des Anti­zio­nis­mus aus­wei­sen, sind Nol­te in sei­nen Refle­xio­nen kei­ner Erwäh­nung wert. Wür­de er sie frei­lich erwäh­nen, so ver­lö­re sei­ne The­se eines vom Zio­nis­mus kopier­ten Nazis­mus noch den letz­ten Schein ihrer Plau­si­bi­li­tät, und Hit­lers wil­li­ge Voll­stre­cker im Nahen Osten wür­den an der ara­bi­schen Front sichtbar.

Gewiß gibt es die viel­zi­tier­ten jüdi­schen Hyper­mo­ra­lis­ten und Natio­nal­ma­so­chis­ten, die ganz wie Nol­te in den Israe­lis par­tout »Zio­na­zis« sehen wol­len. Aber die­se meschug­ge­nen Ali­bi-Juden dürf­ten kaum rich­ti­ger lie­gen als jene ihnen so trau­rig wahl­ver­wand­ten Legio­nen von ent­kern­ten Deut­schen, die den mul­ti­kul­tu­rel­len und demo­gra­phi­schen Unter­gang unse­rer Kul­tur­na­ti­on als Segen für die Mensch­heit herbeisehnen.

Was fer­ner den »unglück­li­chen Ein­druck« betrifft, den Mr. Oba­ma und Mrs. Clin­ton auf Sie machen, so spricht die­ser doch wohl weni­ger für eine jüdi­sche Welt­herr­schaft als viel­mehr für die Brü­chig­keit der ver­meint­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Nibe­lun­gen­treue zu Isra­el. Mir jeden­falls läge es näher, frei nach Hork­hei­mer aus­zu­ru­fen: Wer aber von der Sau­di-Ara­bi­en-Lob­by nicht reden will, der soll­te auch von der Isra­el-Lob­by schwei­gen! Vom moder­nen Anti­se­mi­tis­mus arg­wöhn­te Han­nah Arendt, er sei gera­de in einer Peri­ode auf­ge­kom­men, als die Juden fak­tisch an Ein­fluß ver­lo­ren. Heu­te müß­te man ergän­zen: Er wird wie­der viru­lent, seit der Islam welt­weit an Ein­fluß gewinnt. Nicht zuletzt vor dem Hin­ter­grund sei­nes Isla­mis­mus-Buches, wor­in der gegen­wär­ti­ge Auf­stieg des Islam zu einer phi­lo­fa­schis­ti­schen Welt­macht nach­ge­zeich­net wird, nimmt sich die von Nol­te zu einer Gespens­ter­le­ben­dig­keit wie­der­erweck­te »jüdi­sche Welt­herr­schaft« wie ein rea­li­täts­frem­des Stück natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Nost­al­gie aus. Indem Nol­te frei­lich den bedroh­li­chen Mäch­ten des »ara­bi­schen Früh­lings« sei­ne deut­sche Stim­me leiht, könn­te er sich tat­säch­lich als »Mann von mor­gen« erwei­sen. Und die­ses »Mor­gen« dürf­te dann end­lich die Wahr­heit der Wor­te Jean Amé­rys ans Licht brin­gen: »Der Anti­se­mi­tis­mus ist im Anti­zio­nis­mus ent­hal­ten wie das Gewit­ter in der Wolke.«

Trotz alle­dem möch­te ich nicht schlie­ßen, ohne klar­zu­stel­len, daß ich die Preis­wür­dig­keit von Nol­tes Lebens­werk kei­nes­wegs in Abre­de stel­le, nur weil ich in des­sen Abge­sang nichts als eine unfrei­wil­li­ge – wenn nicht mut­wil­li­ge – Selbst­dis­kre­di­tie­rung sehen kann. Aber auch Ihre Beur­tei­lung des Buches läßt kaum einen Zwei­fel dar­an, daß Sie nicht auf­grund, son­dern trotz des­sen Inhalts Ihre Emp­feh­lung aus­ge­spro­chen haben. Es geht Ihnen ein­fach um die Wür­di­gung von Nol­tes Gesamt­werk – wie immer man zu sei­ner letz­ten Publi­ka­ti­on im ein­zel­nen ste­hen möge. Ich hin­ge­gen kann über zahl­lo­se Ein­zel­hei­ten dar­in nicht hin­weg­se­hen und will mich nicht durch poli­ti­sche oder per­sön­li­che Loya­li­täts­er­wä­gun­gen intel­lek­tu­ell kor­rum­pie­ren las­sen. Aber frei­lich sind mei­ne schar­fen Wider­wor­te gegen Nol­tes »letz­tes Wort« mir alles ande­re als leicht gefallen.

Gruß aus Hamburg

Sieg­fried Gerlich

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Ber­lin, 29. IX. 2011

Lie­ber Herr Gerlich,

mei­ne Moti­ve, Ernst Nol­tes Buch zu ver­tei­di­gen, haben Sie weit­ge­hend erfaßt. Ich möch­te nur noch ein paar Ergän­zun­gen vor­neh­men und auf eini­ge Ihrer Kri­tik­punk­te eingehen.

Wenn ich Nol­te als mög­li­chen »Mann von mor­gen« bezeich­ne, gehe ich davon aus, daß die Geschichts­schrei­bung über die NS-Zeit durch poli­ti­sche Zwän­ge und Herr­schafts­in­ter­es­sen unmit­tel­bar deter­mi­niert wird. Die­se Zwän­ge abge­streift zu haben, sehe ich als ein Ver­dienst des Buches an. Das dürf­te auch die haupt­säch­li­che Wir­kungs­ab­sicht Nol­tes gewe­sen sein, damit ande­re auf die­ser Grund­la­ge zu wis­sen­schaft­li­cher Objek­ti­vi­tät fin­den kön­nen. Die Tat­sa­che, daß die Sakra­li­sie­rung des Holo­caust aus­ge­rech­net durch das Vor­drin­gen eines anti­se­mi­ti­schen Isla­mis­mus an Ver­bind­lich­keit ver­lie­ren dürf­te und nicht durch einen wider­stän­di­gen Geist der Wis­sen­schaft, bedrückt wohl nie­man­den mehr als Ernst Nolte.

Das Zurück­wei­chen Deutsch­lands (und Euro­pas) vor dem Islam hängt mit deren schwin­den­dem Selbst­be­wußt­sein zusam­men, die­ses wie­der­um mit den hier per­p­etu­ier­ten Schuld­ge­füh­len im Zei­chen der Holo­caust-Sakra­li­tät. »Der Kol­laps des deut­schen und die über­wäl­ti­gen­de Stär­ke des jüdisch-israe­li­schen Geschichts­be­wußt­seins sind Extre­me«, schreibt Nol­te in der His­to­ri­schen Exis­tenz, sie sind wie durch kom­mu­ni­zie­ren­de Röh­ren mit­ein­an­der ver­bun­den. Eine wei­te­re List der Geschich­te! Es mag sein, wie Sie ver­mu­ten: daß die USA, um nicht irgend­wann sel­ber in eine ver­gleich­ba­re Situa­ti­on zu gera­ten, die Sei­le zu Isra­el eines Tages kap­pen werden.

Kurz­um: Ich sehe in den – über­spitz­ten –Spe­ku­la­tio­nen Nol­tes weni­ger den Aus­bruch eines jahr­zehn­te­lang zurück­ge­stau­ten Anti­se­mi­tis­mus, son­dern eine Reak­ti­on auf Sach­ver­hal­te, Ent­wick­lun­gen und Äuße­run­gen, die in den letz­ten Jah­ren erst in ihrer gan­zen Schär­fe klar­ge­wor­den sind. Neh­men wir noch ein­mal die am befremd­lichs­ten klin­gen­de Spe­ku­la­ti­on: Ob Isra­el, befän­de es sich in einer ver­gleich­ba­ren Lage wie Deutsch­land im Zwei­ten Welt­krieg, rela­tiv wohl mehr Paläs­ti­nen­ser am Leben lie­ße als Hit­ler Juden. Nol­te erwähnt – in ande­rem Zusam­men­hang – den israe­li­schen Mili­tär­his­to­ri­ker Mar­tin van Creveld, der – auch in der Sezes­si­on – sehr kühl über den Ein­satz mili­tä­ri­scher Gewalt reflek­tiert und spe­ku­liert hat. Creveld the­ma­ti­siert dabei die soge­nann­te »Sam­son-Opti­on« Isra­els: Bekannt­lich bringt der geblen­de­te Sam­son die Säu­len des Fest­saa­les zum Ein­sturz, um unter den Trüm­mern die Phi­lis­ter und sich selbst zu begra­ben. In einem Inter­view mit der Jun­gen Frei­heit vor einem Jahr sag­te van Creveld: »Und falls das Unwahr­schein­li­che gesche­hen und Isra­el der Ver­nich­tung gegen­über­ste­hen soll­te, wür­de es mich nicht über­ra­schen, wenn wir so viel der übri­gen Welt mit uns in den Abgrund rei­ßen wür­den, wie wir nur kön­nen.« Da fällt mir – mit Ver­laub – sofort der Goe­b­bels-Aus­spruch ein: »Wenn wir abtre­ten müs­sen, dann soll der Erd­kreis erzit­tern!« – In die­sem Sin­ne fin­de ich die Spe­ku­la­ti­on Nol­tes zumin­dest verstehbar.

Nol­tes ange­spann­tes Ver­hält­nis zu Isra­el ergibt sich wesent­lich dar­aus: Einer­seits setzt es – über die Sakra­li­sie­rung des Holo­caust – uni­ver­sel­les Recht, nimmt für sich sel­ber aber in bezug auf die Paläs­ti­nen­ser, jedoch auch in der Selbst­be­grün­dung (»bibli­sches Land« und so wei­ter) ein Son­der­recht (Par­ti­ku­lar­recht) in Anspruch –und die Span­nung zwi­schen Uni­ver­sa­lis­mus und Par­ti­ku­la­ris­mus nimmt im Spät­werk Nol­tes zuneh­mend Raum ein. Die schwer kon­trol­lier­ba­re Macht, die Isra­el aus die­ser »sin­gu­lä­ren« Kom­bi­na­ti­on zuwächst, besitzt – so inter­pre­tie­re ich Nol­te, ohne sei­ne Wort­wahl ganz über­neh­men zu wol­len – eine Ten­denz zum Bösen. Daß Nol­te der lebens­ge­fähr­li­chen geo­stra­te­gi­schen Lage Isra­els, sei­nem Kol­lek­tiv­t­rau­ma und sei­nen kon­kre­ten Ängs­ten zuwe­nig Beach­tung schenkt, ist mir klar. Das ist eben nicht sein The­ma. In der Begrün­dung für den Preis muß die­se dif­fe­ren­zie­ren­de Bewer­tung selbst­ver­ständ­lich einfließen.

Mit bes­ten Grüßen

Thors­ten Hinz

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Ham­burg, 1. X. 2011

Lie­ber Herr Hinz,

mit gro­ßer Gelas­sen­heit spre­chen Sie aus, daß die »lebens­ge­fähr­li­che geo­stra­te­gi­sche Lage Isra­els« und sein »Kol­lek­tiv­t­rau­ma« eben nicht Nol­tes The­ma sind. Immer­hin macht das Ter­ri­to­ri­um des jüdi­schen Zwerg­staa­tes gan­ze 1,5 Pro­mil­le des­je­ni­gen der zur »ara­bi­schen Liga« gehö­ren­den Staa­ten aus. Die­se sind weit­ge­hend »juden­rein«, und in Isra­els ara­bi­schen Nach­bar­staa­ten müs­sen oben­drein paläs­ti­nen­si­sche Ver­trie­be­ne samt ihren Nach­kom­men noch immer weit­hin recht­los in Lagern leben – unter Bedin­gun­gen, die kaum bes­ser sind als im Gaza-Strei­fen. (Man stel­le sich nur ein­mal vor, wir Deut­schen wären mit unse­ren Ver­trie­be­nen eben­so ver­fah­ren!) Dage­gen besteht das israe­li­sche Staats­volk zu mehr als 20 Pro­zent aus ein­ge­bür­ger­ten Paläs­ti­nen­sern, deren Par­la­ments­ver­tre­ter in der Knes­set sogar zur Schaf­fung eines Kali­fats in ganz Paläs­ti­na auf­ru­fen und die His­bol­lah fei­ern dürfen.

Wenn die Fol­gen der israe­li­schen Staats­grün­dung auch gro­ßes Leid über zahl­lo­se Paläs­ti­nen­ser gebracht haben, so erscheint mir doch Nol­tes Stra­pa­zie­rung eines angeb­li­chen »jüdi­schen Son­der­rechts« arg bemüht. Von Carl Schmitt haben wir gelernt, daß der »Nomos« eines Vol­kes – sei­ne »Nah­me« – sich ursprüng­lich stets auf eine »Land­nah­me« grün­det, und im Rück­blick auf die Grün­dung der euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten hat Nol­te selbst uns über die Nor­ma­li­tät krie­ge­ri­scher Eini­gun­gen belehrt, die oft genug mit Erobe­run­gen und Ver­trei­bun­gen ein­her­gin­gen. Aber sobald es um die recht­set­zen­de Grün­dungs­ge­walt Isra­els geht, wird mora­lisch aber­mals eine »jüdi­sche Son­der­be­hand­lung« ange­strengt – gera­de so, als wären in den deut­schen Ver­nich­tungs­la­gern Ethik­se­mi­na­re abge­hal­ten wor­den, wel­che die Über­le­ben­den zu bes­se­ren Men­schen gemacht hät­ten. Soll­te Crevelds »Sam­son-Opti­on« tat­säch­lich ein­mal zur Wirk­lich­keit wer­den, so wäre über die Schuld­fra­ge wahr­lich anders zu han­deln, als Nol­te es in sei­nem zyni­schen Rechen­spiel tut, indem er uns Deut­schen nach einem Ver­nich­tungs­krieg gegen Isra­el die Auf­ga­be zuweist, die paläs­ti­nen­si­schen Lei­chen zu zäh­len, um uns dann ent­we­der befrie­digt zurück­zu­leh­nen oder aber in den Trüm­mern von Yad Vas­hem auf die Knie zu fallen.

Skan­da­lös ist Nol­tes Buch aller­dings nur in sei­nen bizar­ren Über­zeich­nun­gen einer im Grun­de depri­mie­rend kon­for­mis­ti­schen Ten­denz. Zu den Gemein­plät­zen, die durch unab­läs­si­ge Wie­der­ho­lung nicht wah­rer wer­den, zählt die Behaup­tung, man dür­fe als Deut­scher Isra­el nicht kri­ti­sie­ren. Dabei hat die deut­sche Lin­ke nach ’68 in Isra­el stets das staats­för­mi­ge Ein­greif­kom­man­do der USA im Nahen Osten gese­hen, und die Rech­te wie­der­um hat sich mit den Paläs­ti­nen­sern ver­brü­dert, als wären die­se die Schle­si­er des Nahen Ostens. Wür­de man die Lücke, wel­che die Enden von Armin Moh­lers berühm­tem Huf­ei­sen trennt, mit »Isra­el« aus­fül­len, so schlös­se sich die­ses zum Kreis des geschla­ge­nen Gesamtdeutschen.

Mit den »kom­mu­ni­zie­ren­den Röh­ren« hat es viel­leicht fol­gen­de Bewandt­nis: Wäh­rend die Deut­schen aus ihrer poli­ti­schen Lethar­gie und kul­tu­rel­len Deka­denz nicht her­aus­fin­den, füh­ren die Juden ihnen vor, wie eine sou­ve­rä­ne Staats­po­li­tik aus­zu­se­hen hat, wie ein Volk sein Leben in einem per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand der Angst bewäl­ti­gen und dabei einer feind­li­chen Umwelt gegen­über sei­ne natio­na­le Wür­de wah­ren kann. All das weckt Neid und Haß, die sich jedoch nicht offen ein­be­ken­nen, son­dern ver­drängt und ratio­na­li­siert wer­den. So nährt das Res­sen­ti­ment der zu kurz gekom­me­nen, zu einer schein­bar unent­rinn­ba­ren Schuld­knecht­schaft ver­damm­ten Deut­schen einen anti­se­mi­ti­schen Kom­plex, der letzt­lich auf ihr – von der Holo­caust-Indus­trie ver­nutz­tes, aber nicht ver­ur­sach­tes – mora­li­sches Trau­ma zurück­weist: Wir kön­nen den Juden nicht ver­zei­hen, was wir ihnen ange­tan haben. Wir wol­len ihnen unse­re Schuld heim­zah­len und unse­rem gede­mü­tig­ten Natio­nal­ge­fühl durch ein gerüt­telt Maß an Anti­se­mi­tis­mus wie­der auf­hel­fen. Aber damit demons­trie­ren wir nur, wie wenig wir die »Psy­cho­lo­gie der Nie­der­la­ge« über­wun­den haben.

Mit Grü­ßen aus dem küh­len Norden

Sieg­fried Gerlich

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Ber­lin, 30. X. 2011

Lie­ber Herr Gerlich,

beim noch­ma­li­gen Lesen unse­res Brief­wech­sels wird mir klar: Sie blei­ben viel dich­ter am Text als ich, neh­men die inkri­mi­nier­ten Pas­sa­gen beim Wort und sehen sie imma­nent, das heißt im Den­ken Nol­tes ange­legt. Ich hin­ge­gen lese die Refle­xio­nen als letz­tes Bruch­stück einer gro­ßen Kon­fes­si­on, gleich­sam in deren Schat­ten und damit in einem mil­de­ren Licht und fra­ge mich, wel­che äuße­ren Grün­de Nol­te zu sei­ner Radi­ka­li­sie­rung bewo­gen haben.

Mei­ne Ant­wort lau­tet kurz und sar­kas­tisch: Nol­te macht ernst mit den War­nun­gen aus der deut­schen Gegen­wart! Er sieht Deutsch­land sei­nem geis­ti­gen Tod ent­ge­gen­tau­meln und das skiz­zier­te Bedin­gungs­ge­fü­ge dafür in der Ver­ant­wor­tung. Das läßt ihn dar­über nach­sin­nen, ob die Bedro­hungs­furcht, aus der er das Han­deln der Natio­nal­so­zia­lis­ten stets abge­lei­tet hat, nicht einen grö­ße­ren ratio­na­len Kern besaß, als er bis­her ange­nom­men hatte.

Ob er damit einen Aus- oder Irr­weg weist, mag eine künf­ti­ge freie For­schung ergeben.

Mit freund­li­chen Grüßen

Thors­ten Hinz

 Gastbeitrag

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