Sezession
1. Dezember 2011

Ernst Nolte – der Mann von »morgen«?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

45von Thorsten Hinz und Siegfried Gerlich

Berlin, 24. IX. 2011

Lieber Herr Gerlich,

 

von Ihrer – glänzend geschriebenen – Rezension zu den Späten Reflexionen darf ich mich angesprochen fühlen, weil ich für die Verleihung des Löwenthal-Preises plädiert habe, und zwar in voller Kenntnis des besprochenen Buches. Knapp gefaßt meine Einschätzung:

Es ist nicht Noltes bestes, es ist ein formloses Buch, aber es ist eben sein letztes. Ich finde darin vor allem – teilweise sehr spitze – Fußnoten zu seinen altbekannten Thesen. Reflexionen eben, die eine assoziative Freiheit gestatten. Eine geschlossene Weltanschauung ergibt sich daraus nicht, und sie wird auch nicht beansprucht. Daher würde ich raten: Tiefer hängen! Im Kontext des Gesamtwerks betrachten!

Formal knüpft es am ehesten an die Streitpunkte an. Nolte gibt Fingerzeige, wo künftige Forschungsfelder liegen. Für den 88jährigen Autor hat das Bedingungsgefüge, das die historische Forschung heute konditioniert, keine Gültigkeit mehr, er hat das alles hinter sich gelassen. Ich frage mich, ob er damit nicht ein Mann von morgen ist. Um nur diesen Grund zu nennen: Das Ausgreifen des Islam führt dazu (merkwürdige List der Geschichte!), daß Europa und der Westen überhaupt seine ideologischen Axiome relativiert. Was Sie bei Nolte heute empörend finden, könnte die Vorwegnahme künftiger Neujustierungen sein. Sicher, es gibt Formulierungen und Gedankenexperimente, bei denen auch ich zusammengezuckt bin oder denen ich widersprechen würde, aber selbst sie verdienen eine sorgfältige Prüfung.

Daß Nolte sich nicht vom »qualitativ evidenten und auch quantitativ eklatanten Mißverhältnis zwischen der Judenvernichtung und der Palästinenservertreibung beirren« läßt – diese Deutung finde ich nicht ganz korrekt bzw. unvollständig. Nolte schreibt im Zusammenhang über die Universalisierung und Sakralisierung des Holocaust (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Erst wenn Israel in einer vergleichbar hoffnungslosen Situation wie Deutschland im Zweiten Weltkrieg sich befindet und relativ mehr Palästinenser diesen Krieg überleben als Juden damals, hätte Israel den Anspruch darauf, dem Judenmord jene quasi-religiöse Dimension zu verleihen, die heute in der Gedenkstätte Yad Vashem und anderswo zelebriert wird. Ich sehe in dieser Spekulation die neuere Tendenz Noltes bestätigt, den ursprünglich ausschließlich ideologisch begründeten Rassenmord stärker realgeschichtlich zu akzentuieren und ihn im Zusammenhang mit dem Kriegsverlauf zu betrachten. Zweitens geht es ihm generell um die Historisierung des Nationalsozialismus und die Überwindung der germano-zentrierten Perspektive (NS-Deutschland = ein metaphysisches, absolutes Böses). Drittens soll durch hypothetische Analogien eine Situation geistig aufgebrochen werden, die eben diese Historisierung verbietet. Dieses Gedankenspiel muß provokant wirken, es ist aber legitim. Israel verfügt übrigens über die Atombombe und würde diese auch einsetzen.

»Nunmehr aber verortet Nolte die legitimierenden Ursachen des Antisemitismus ausschließlich im Judentum selbst«. Die Passagen, die diesen Eindruck hervorrufen, sollte man ebenfalls tiefer hängen und sie im Kontext des Gesamtwerks lesen. Nolte kehrt hier das Verfahren um, Juden immer nur als Opfer von »Vorurteilen« zu betrachten. Das ist polemisch, hat aber insofern einen Erkenntniswert, als es die Unmöglichkeit des ursprünglichen Verfahrens vorführt.

Auf Seite 129 spekuliert Nolte über die Macht von Juden in den USA, die sie befähigt, nach der »mentalen Weltherrschaft« zu greifen. Wenn man das wörtlich nimmt, ist es nicht hinnehmbar. Aber es hat offenbar einen »rationalen Kern«. Was für einen unglücklichen Eindruck machen gerade Obama und Hillary Clinton, weil sie in der UNO gegen die Palästinenser agitieren müssen. Man könnte noch weitere Beispiele aufzählen.

Kurzum: Ich finde Ihre Kritik anregend und nicht unverständlich, aber ich habe Noltes Buch mit mehr Gelassenheit gelesen als offenbar Sie.

Es grüßt

Thorsten Hinz


 Gastbeitrag

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