Sezession
1. Dezember 2011

Kampf, Schuld, Untergang, Versagen

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

45Die letzte Ausgabe der Sezession zum Thema »Konservative Revolution« enthielt zwei Beiträge, die sich beinah antipodisch zueinander verhielten. Götz Kubitschek dachte über die »Strahlkraft der Konservativen Revolution« nach, während Michael Stahl den »Grundriß« einer »anderen Moderne« zeichnete. Kubitscheks Text ist eine bohrende Selbstbefragung, Stahls Text eine programmatische Skizze des konservativen Lebens, Denkens – und Handelns. Ich muß nun gestehen, daß mich Kubitscheks Fragen mehr in Bewegung versetzen als Stahls Antworten, die mir unterm Strich eben doch nicht mehr als eine Ansammlung ehrbarer und zeitloser Allgemeinheiten zu sein scheinen. Und die Mobilisierung, Anstachelung, Energiezufuhr ist doch gerade das, worum es uns gehen sollte, wenn wir uns mit der »Konservativen Revolution« und ihren Fabeltieren beschäftigen.

Kubitschek schließt seinen Beitrag mit den Sätzen: »Die erste KR strahlt in ihrer kurzen, reichen Blüte bis heute aus, weil ihr Personal in seinen Haupt- und Nebenrollen durchgespielt hat, was an innerer und äußerer Mobilmachung, totaler Mobilmachung für eine kommende Auseinandersetzung möglich war. Aus diesem Grund dachte und schrieb ein Ernst Jünger erregend ungezähmt und grell ausgeleuchtet. Auf unserem Papier aber liegt ein Schatten. Warum das so ist, weiß ich manchmal. Manchmal auch nicht.« Nun, manchmal ist der Schatten wie in der Malerei notwendig, damit wir die Strahlkraft des Lichtes nach langer Gewöhnung und Abstumpfung wieder wahrnehmen und verspüren können. Das Gestein, das Kubitschek aus dem Schutt des letzten Jahrhunderts hervorholt und betrachtet, ist immer noch warm und radioaktiv strahlend. Wie stark, ist unklar, ebenso, welche Art von Mensch dafür empfänglicher sein mag als andere: was dem einen sein Met ist, ist dem anderen sein Gift, und wer davon trinkt, tut es auf eigene Gefahr.

Bei Stahl stehe ich vor einem glatten, weißen Stück Weimarer Marmor, es ist schön anzusehen, makellos bearbeitet, und gewiß auch in schattenloses, apollinisches Sonnenlicht getaucht, aber es ist auch monoton und abweisend. Die meisten Sätze rufen in mir eine achselzuckende Zustimmung hervor. Ja, es ist gut, Realitätssinn zu bewahren. Ja, Schönheit ist gut, und das Gute ist schön, darum ist es schön und gut, sich um das Schöne und Gute zu bemühen. Ja, man soll Haltung wahren, gebildet sein, der Gemeinschaft dienen, Ideale haben, Verantwortung übernehmen, Form und Inhalt wahren, und edel ist es, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, zu dienen, das rein Ökonomische und Vernutzbare, den Konsum und den Hedonismus zu verachten. Es ist auch gewiß gut, an Gott zu glauben, das Problem ist aber, daß sich der Glaube nicht allein deswegen einstellen wird, weil uns das die Vernunft nahelegt. Stahl zitiert Hölderlin: »An das Göttliche glauben / Die allein, die es selber sind«. Für mein Empfinden ist dieser Vers nicht angetan, eine Tür zu öffnen, sondern im Gegenteil: Er sie schlägt sie unerbittlich vor unseren Augen zu, wie der Cherubim die Pforten des Paradieses. Denn wer von uns will sich ernsthaft im Spiegel betrachten und dabei für »göttlich« erachten, mag er noch so wohlerzogen, gebildet und ästhetisch gesinnt sein? Gott wird sich allein deswegen nicht zeigen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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