1. Dezember 2011

Antwort auf Lichtmesz

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

45Auf den vorhergehenden Seiten hat Martin Lichtmesz versucht, zwei konservative Denkansätze gegeneinander auszuspielen: die Texte von Götz Kubitschek und Michael Stahl aus Sezession Nr. 44. Diese künstlich gebildete Front ist allerdings mehr als das Resultat einer persönlichen Vorliebe oder eines taktischen Fehlers – und deshalb der Rede wert. Es geht um die Frage, was heute als konservativ oder rechts gelten darf, ohne dabei an den Forderungen der Zeit vorbeizugehen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Zunächst ein Punkt, in dem ich mit Lichtmesz übereinstimme: Das politische Lagerdenken wird sich nicht im Sinne Stahls überwinden lassen. Denn es geht zwischen rechts und links nicht um Gefühle oder Meinungen, sondern um die Wahrheit. Ich bin nicht bereit, sie einem Kompromiß zu opfern und damit die Worte ihrer Bedeutung zu entkleiden. Die Leute, die links stehen, stehen nicht dort, weil sie so sehen wie wir und sie nur der Zufall auf die andere Seite geweht hat. Sie stehen vielmehr dort, weil sie einige Dinge grundsätzlich anders, nämlich falsch, sehen. Daraus folgt eine grundsätzliche Gegnerschaft, nicht jedoch die Blickverengung auf einen Punkt oder der Fehlschluß, Leute mit einem anderen Blickwinkel für überflüssig zu halten.
Wer die Texte von Kubitschek und Stahl gelesen hat, wird unschwer feststellen, daß sie sich unterschiedlich positionieren. Der eine selbstreflektiv und mit Blick auf die Konservative Revolution, der andere programmatisch und mit Blick auf den Deutschen Idealismus. Gemeinsam ist beiden, daß sie auf die von Lichtmesz angesprochenen Probleme (die »unter den Fingernägeln und auf der Haut brennen«) keine Antwort haben. Nur fühlt sich Lichtmesz von dem einen Text »mobilisiert« und hält den anderen für eine Ansammlung von »zeitlosen Allgemeinheiten«.

Wenn wir den Mobilisierungsgrad als Maßstab nehmen (und dabei einmal persönliche Vorlieben außer acht lassen), ist es um die Konservative Revolution schlecht bestellt. Die KR ist ein Feuer, von dem sich nur ganz wenige wärmen oder gar entzünden lassen wollen. Die KR ist eine interessante Ansammlung von Verlierertypen, die vor 1933 in der Opposition waren, nach 1933 umgebracht oder eingegliedert wurden und seitdem als Geheimtip gelten. Stahls Referenzepoche, der Deutsche Idealismus, steht da deutlich besser da. Deshalb muß Lichtmesz, der mit den »Untaten des deutschen Idealismus« kommt, schon erklären, was er damit meint. Dieses Urteil leuchtet nämlich keinesfalls unmittelbar ein, insbesondere nicht, wenn man sich die Wirkungen Kants, Fichtes und Hegels vergegenwärtigt: Sie schufen für das deutsche Volk eine sittliche Grund­legung seiner Existenz, die 150 Jahre gültig blieb. Diese Leistung kann man nicht einfach abtun.
Die Kritik von Martin Lichtmesz leidet an Blickverengung, er läßt nur noch das Naheliegende gelten. Daß es neben der handgreiflichen Realität auch noch die Wirklichkeit geistigen Seins gibt, bleibt dabei ausgeblendet. In diesem Sinne ist es entlarvend, das Hölderlin-Zitat von Stahl als Aufruf zu verstehen, sich im Spiegel zu betrachten! Dieses Zitat – nebenstehend noch einmal abgedruckt – besagt doch nichts anderes, als daß man glauben nicht wollen kann, sondern Gottes Zuspruch bedarf. Natürlich wird damit auch eine Tür zugeschlagen, jedoch nur vor der Nase des stumpfen Realisten, der an Gott nicht glaubt, weil er ihn nicht anfassen kann.
Freies Denken, Handeln und Leben ist nur möglich, wenn man nicht an das Handgreifliche (beispielsweise unsere Demokratie im Jahre 2011) glaubt, sondern weiß, daß es eine Wahrheit gibt – wer das nicht verstanden hat, dem ist nicht zu helfen. Warum sind so viele innerlich unfrei und denken über das, was sie tun, nicht nach? Warum befolgen so viele im »freiesten deutschen Staat« nicht das, was richtig ist, sondern das, was ihnen vorgegeben wird? Sie tun es, weil sie heillos an diese Welt glauben und eben nicht daran, daß die Entscheidung darüber, ob einer gut und richtig gehandelt hat, an ganz anderer Stelle und von einer über-menschlichen Instanz getroffen wird.

Die Überwindung der Massengesellschaft ist bei Lichmesz nur durch die allgemeine Katastrophe möglich, nicht durch die Taten einzelner. Vielleicht hat er recht, aber es hilft uns nicht weiter: Wir leben jetzt und sähen es gern, wenn unsere Kinder und Enkel auch noch verschont blieben von Fehlentwicklungen, für die wir natürlich nicht blind sind. Ein Untergang wird sich aber nicht als sinnstiftendes Moment neuer Zukunft präsentieren, sondern zunächst als Zerbrechen der Ordnung, mit Mord und Totschlag und allem was dazugehört. Gerade hier ist der Einzelne gefragt. Nicht nur als Held, der dem Geschick eine neue Richtung gibt, sondern als Aufhalter, der Schlimmeres verhindert. Das wußte der von Lichtmesz geschätzte Blüher: »Die eigentlichen Ereignisse der Menschheit spielen sich also immer nur in den obersten Exemplaren ab, und diese sind daher einzig und allein der Sinn der Menschheit.« Wie darf man sich die Überwindung der Massengesellschaft vorstellen, wenn nicht als Jünger geistigen Seins? Immerhin geht es nicht um die numerische Zahl der Menschen, sondern den Inhalt, den diese Zahl darstellt. Es gibt daher im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder glaubt man, daß der Geist Macht besitzt und daß geistige Traditionen ein verpflichtendes Moment haben, oder man glaubt es nicht. Denen, die nicht glauben, bleibt eigentlich nur die Statistik, aus der sich ablesen läßt, daß wir und wann wir untergehen werden.
Damit sind wir beim Pessimismus angelangt, der sich schon bei Nietzsche recht komplex darstellt: Nietzsche war nicht lediglich der Meinung, daß der Pessimismus die Grundstimmung der Griechen gegenüber dem Leben gewesen sei. Wie auch bei Burckhardt gilt seine Kritik der Verklärung der Griechen als glückliches Volk am Beginn der Weltgeschichte. Er bewundert sie aber gerade dafür, daß sie der Einsicht in den pessimistischen Charakter des Lebens durch ihre Schöpfungen entgegengetreten seien. Einer »Ethik des Pessimismus« hängt Nietzsche ganz und gar nicht an. Die produktive Überwindung des Ekels bewundert er. Sich dem Pessimismus zu ergeben, sei Schwäche und liege in der Mittelmäßigkeit begründet. Er fordert einen »Pessimismus der Stärke«: »mit einem absoluten Jasagen zu der Welt, aber um der Gründe willen, auf die hin man zu ihr ehemals Nein gesagt hat: und dergestalt zur Conception dieser Welt als des thatsächlich erreichten höchstmöglichen Ideal«.

Mit anderen Worten: Spenglers Formel »Optimismus ist Feigheit« meint nicht, daß alles sinnlos, weil endlich, sei, sondern daß es unmenschlicher Anstrengungen bedürfe, um dem Verfall entgegenzutreten. Dazu ist es notwendig zu sagen, was man will, wie die Idee, wie das Leitbild aussieht, an denen sich unsere Ansprüche an uns selbst und die anderen zu orientieren haben. Lichtmesz schmäht das Leitbild, das Stahl in seinem Entwurf vorstellt, als »Papierhelden« – und springt damit zu kurz. Denn auch der von Lichtmesz angeführte Blüher hat sich nicht mit einem einseitigen Pessimismus begnügt, sonst wäre das von ihm erwähnte Bildungserlebnis gar nicht möglich gewesen: »Als ich Primaner war, stand ich auf einmal Mitten im Glanz der Antike, und ich habe ihn mein Leben lang nicht mehr von mir gelassen. Die Unbestechlichkeit dieses Glanzes, der niemals nach nahestehenden Nützlichkeiten geht, sondern der einfach ganz spontan aus dem Kulturgut des Menschen herauswächst, vermag einen seltsamen und tief sich verankernden Reiz über das Leben zu gießen …«
Blüher hat gewußt, daß man eine geistige Auseinandersetzung nur führen kann, wenn man dem Gegenüber gewisse Grundeinsichten nicht von vornherein abspricht. Daher sollte man davon ausgehen, daß Stahl die andere Seite des Menschen und auch der Antike kennt. Er weiß aber vielleicht auch: Pessimismus und Tragik entwerfen keine Programme, führen keine Völker und gewinnen keinen Krieg.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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