Sezession
1. Dezember 2011

Woher die Grünen stammen

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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45Völlig unbeeindruckt von der vielgescholtenen Politikverdrossenheit, eilen die Grünen in diesem Jahr von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Mittlerweile stellen sie in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten und haben damit eine Bastion erobert, die für die kleine Partei noch vor wenigen Jahren uneinnehmbar schien. Anders als die Grünen, ist die FDP nie über den Status des Mehrheitsbeschaffers hinausgekommen. Seit der Liberale Reinhold Maier 1952–53 ebenfalls in Baden-Württemberg Ministerpräsident war, ist die FDP nicht mehr in die Nähe dieser Position gekommen. Den Grünen ist das Kunststück gelungen, die anderen Parteien inhaltlich vor sich herzutreiben: Wer heute nicht ökologisch und emanzipatorisch auftritt, hat beim Wähler keine Chance. So lautet zumindest die Schlußfolgerung der Konkurrenten an der Wahlurne.

Die Umfrageergebnisse des letzten Jahres sind selbst für die erfolgsverwöhnten Grünen, die nur 1990 für ihre Ignoranz gegenüber der Deutschen Frage abgestraft wurden (über das Bündnis 90 aus der ehemaligen DDR aber dennoch in den Bundestag kamen), erklärungsbedürftig. Daß konkrete Ereignisse wie die in Fuku­shima zu diesem Hoch maßgeblich beigetragen haben, ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere steckt im Ursprung und der Metamorphose dieser Partei, die es geschafft hat, in jeder Situation als Alternative zum System aufzutreten, obwohl sie dieses System seit langem maßgeblich mitprägt. In der heutigen Parteienlandschaft des Bundestages sind die Grünen weiterhin die einzige Partei, die nicht von den alliierten Siegermächten nach dem Zweiten Weltkrieg lizenziert, sondern erst 1979 gegründet wurde. Daß die Impulse der Gründungsphase nicht zwangsläufig auf eine Partei zielten, zeigt die Untersuchung der Historikerin Silke Mende (Jg. 1977) Nicht rechts, nicht links, sondern vorn (München: Oldenbourg 2011, geb, 541 S., 64.80 €). Es handelt sich dabei, um es vorwegzunehmen, um eine Doktorarbeit, die diesen Namen auch verdient hat: aus den Quellen gearbeitet und um Kontextualisierung bemüht.

Bei der Gründung der Grünen kamen solche heterogenen Weltanschauungen und Netz-werke zusammen, wie man sie heute eher auf der entgegengesetzten Seite der Barrikade findet. Mende unterscheidet dabei sechs Gruppen, die sie detailliert vorstellt: Ein Ausgangspunkt der Grünen waren die Basis- und Bürgerinitiativen, die seit den frühen siebziger Jahren überall entstanden waren, um sich vor allem für lokale Anliegen zu engagieren. Eine davon war die Anti-Atomkraft-Bewegung, die sich zunächst aus betroffenen Anwohnern zusammensetzte. Aus diesem Spektrum heraus wurde etwa die tageszeitung (taz) gegründet. Einen weiteren Impuls gaben die Erfolge, die grün-alternative Listen auf kommunaler Ebene erringen konnten. Daß die Grünen heute als genuin linke Partei gelten, haben sie vor allem dem Einfluß der »Neuen Linken« zu verdanken, die dem kommunistischen Großprojekt abgeschworen hatten, sich vor allem als emanzipatorische Bewegung verstanden und die Bedeutung der ökologischen Frage erst nach und nach begriffen. Aus diesem Feld ragen die Frankfurter Spontis hervor, von denen die Grünen bis zur rot-grünen Bundesregierung maßgeblich geprägt wurden. Ganz ähnlich verhielt es sich mit den Marxisten, die sich als sogenannte K-Gruppen nach und nach des Vehikels Ökologie bedienten, um politische Macht zu erlangen. Mende verweist darauf, daß es auch Fälle gegeben habe, in denen ein Lernprozeß stattfand und die ökologische Überzeugung zu-letzt das taktische Kalkül überwog. Allerdings ist die marxistische Idee von der emanzipativen Kraft des Konsums kaum mit der Ökologie zu vereinbaren. Die K-Gruppen brachten aber politische Schulung und Disziplin in die Bewegung, was ihnen so manche Schlüsselposition sicherte.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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