Französischer Blätterwald (1) – Rébellion

Dem 2012 in deutscher Fassung erschienenen Am Rande des Abgrunds (Edition JF) Alain de Benoists wurde ein umfangreiches Nachwort beigestellt,...

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

das zuvor bereits als Ein­lei­tung für eine Auf­satz­samm­lung eines hier­zu­lan­de kaum bekann­ten Peri­odi­kums dien­te. „Wider die kapi­ta­lis­ti­sche Ord­nung“ lau­te­te der Titel, Rébel­li­on der Name der Zeitschrift.

Die­ses zwei­mo­nat­lich publi­zier­te Organ mit Sitz im süd­fran­zö­si­schen Tou­lou­se ver­steht sich als „sozia­lis­tisch, revo­lu­tio­när, euro­pä­isch“ und sieht sich in der Fol­ge eines „volks­na­hen Sozia­lis­mus“. Als geis­ti­ge Ahnen wer­den in der Eigen­vor­stel­lung, die in jedem Heft abge­druckt ist, Pierre-Joseph Proud­hon, Lou­is-Augus­te Blan­qui und die fran­zö­si­sche Kom­mu­ne, aber auch der von Armin Moh­ler als „Regen­pfei­fer“ geadel­te Geor­ges Sorel ange­führt. Nicht feh­len darf die Inan­spruch­nah­me des „Natio­nal­bol­sche­wis­ten“ Ernst Nie­kisch. Dies ist zugleich die ein­zi­ge Per­so­na­lie der revo­lu­tio­nä­ren Jung-Sozia­lis­ten, der sich Benoist in sei­ner Wür­di­gung der Zeit­schrift nicht anschlie­ßen möch­te: der Natio­nal­bol­sche­wis­mus sei über­holt und gin­ge auf „längst obso­le­te his­to­ri­sche Umstän­de“ zurück. (Was etwa auf die Pari­ser Kom­mu­ne von 1871 wohl eben­falls zutref­fen würde.)

Die Haupt­for­de­run­gen der Redak­ti­on, die zugleich den Kern der frei­lich sehr klei­nen „Orga­ni­sa­ti­on Socia­lis­te Révo­lu­ti­onn­aire Euro­péen­ne“ (OSRE) bil­det, beinhal­ten u. a. ein „star­kes Euro­pa“, das sich sei­ner Wur­zeln bewußt sei sowie die for­cier­te Front­stel­lung gegen natio­na­len Zen­tra­lis­mus und zugleich gegen sei­ne „Kari­ka­tur“, den „mikro­na­tio­na­lis­ti­schen“ Sepa­ra­tis­mus. Letz­te­re unver­hüll­te Absa­ge an die strikt regio­na­lis­ti­sche Kon­kur­renz kommt nicht von unge­fähr: Die Equi­pe der Rébel­li­on stammt wie Tei­le des Bloc Iden­ti­taire aus der Unité Radi­ca­le. Bei den Neu­struk­tu­rie­run­gen nach dem 2002 (auf­grund eines Atten­tats­ver­suchs auf Jac­ques Chi­rac durch einen mut­maß­li­chen Sym­pa­thi­san­ten) erfolg­ten Ver­bot der Unité wur­de der lin­ke Flü­gel durch die sich for­mie­ren­de stärks­te Frak­ti­on, die Iden­ti­tä­ren, aus­ge­schlos­sen. Die Links­na­tio­na­len ver­folg­ten fort­an ihren strikt anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und anti­west­li­chen Kurs. Berüh­rungs­punk­te – wenn­gleich in der Inten­si­tät nicht ver­gleich­bar mit einer wei­te­ren links­na­tio­na­len Grup­pe des Schrift­stel­lers Alain Soral (Éga­li­té & Récon­ci­lia­ti­on) – gibt es gar mit dem schii­tisch-ira­nisch ori­en­tier­ten Par­ti Anti­sio­nis­te. Die Mas­sen­ein­wan­de­rung, vor­nehm­lich von Mus­li­men, wird dem­entspre­chend kei­nes­wegs the­ma­ti­siert, wie es der Bloc über­spitzt prak­ti­ziert. Statt­des­sen sei­en bei­de Sei­ten, Ein­hei­mi­sche wie Zuge­reis­te, Opfer des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus und müss­ten sich als gemein­sam Aus­ge­beu­te­te gemein­sam gegen die Aus­beu­ter zur Wehr set­zen. Ras­sis­mus wird zuguns­ten eines „dif­fe­ren­tia­lis­ti­schen Anti­ras­sis­mus“ ver­wor­fen; das poli­ti­sche Ziel sei ein sozia­lis­ti­sches, anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches, anti­im­pe­ria­lis­ti­sches und föde­ral zusam­men­ge­setz­tes Euro­pa, das von unten nach oben durch par­ti­zi­pa­ti­ve Demo­kra­tie struk­tu­riert wer­den müsse.

Die­sen Leit­li­ni­en gemäß ist die umfang­rei­che „Biblio­thek des Akti­vis­ten“ (Nr. 51, Dez.-Nov. 2011) zusam­men­ge­stellt. Neben Karl Marx und Karl Polanyi ste­hen Hen­ri Lef­eb­v­re und Kos­tas Papaio­an­nou, ihnen fol­gen Theo­dor Ador­no und Jean-Clau­de Michea. Es über­wie­gen dem­nach mar­xis­ti­sche Autoren, aber auch „tra­di­tio­na­le“ Den­ker wie René Gué­non und Juli­us Evo­la wer­den den Lesern der Zeit­schrift emp­foh­len, fer­ner die dis­tin­gu­ier­ten Soli­tä­re Nicolás Gomez Dávi­la und Hen­ry de Mon­ther­lant oder Ernst Jün­ger und Ernst von Salo­mon in ihrer natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Pha­se. Über alle­dem ste­he immer wie­der Nietz­sche und die anti­ke Philosophie.

Die­se genann­ten Köp­fe, die nur ein Drit­tel der Leseh­in­wei­se ver­kör­pern, ste­cken den bun­ten Rah­men der gra­phisch wie text­lich mit­un­ter über­la­den wir­ken­den Zeit­schrift ab. Inter­views gibt es mit zeit­ge­nös­si­schen Links­in­tel­lek­tu­el­len eben­so wie mit dem „Eura­sier“ Alex­an­dr Dugin (Nr. 53, März-April 2012), der sei­ne „Vier­te Theo­rie“ vor­stellt und die Rezi­pro­zi­tät Antikapitalismus–Traditionalismus beschwört. Die Lin­ke wird bestän­dig für ihre „volks­feind­li­che“ Hal­tung geta­delt (etwa Nr. 55, Juli-Aug. 2012), die Rech­te für ihre „neo­li­be­ra­le“ Agen­da. Allen Hef­ten gemein sind die Leit­the­men „Anti­ka­pi­ta­lis­mus“ und „Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tik“, die sich ent­spre­chend bis in die Aus­wahl der Rezen­sio­nen zie­hen. Bespre­chun­gen, oft auch von CDs, neh­men nach den Inter­views und den recht kurz­ge­faß­ten Grund­la­gen­ar­ti­keln den größ­ten Platz ein. Im jüngs­ten Heft (Nr. 56, Nov.-Dez. 2012; Sept.-Okt. fiel aus) fin­det sich fer­ner eine mit „Pole­mik“ über­schrie­be­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Richard Mil­lets essay­is­ti­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen der letz­ten Jah­re, die in deut­scher Über­set­zung im Früh­ling vom Ver­lag Antai­os her­aus­ge­ge­ben wer­den. Unter Beru­fung auf Alain de Benoist, der, einen ähn­li­chen Aus­spruch Karl Marx’ aktua­li­sie­rend, von den zahl­rei­chen Immi­gran­ten der unte­ren Gesell­schafts­schich­ten als der „Reser­ve­ar­mee des Kapi­ta­lis­mus“ spricht, wird Mil­lets Kri­tik der fran­zö­si­schen Gesell­schaft in sei­ne Bestand­tei­le zer­glie­dert. Zustim­mung erfährt Mil­let in sei­ner grund­sätz­li­chen Ableh­nung von Mas­sen­ein­wan­de­rung und den Sprach­re­gu­lie­run­gen der Poli­ti­cal Cor­rect­ness. Aller­dings ver­stün­de der begna­de­te Schrift­stel­ler nicht, daß sei­ne Kri­tik just vor dem „libe­ra­len Sys­tem“ als Fun­da­ment halt mache und sich des­sen Kul­tur­kampf­the­se zwangs­läu­fig zu eigen mache, wenn er die anti­is­la­mi­sche Stoß­rich­tung west­li­cher Neo­li­be­ra­ler über­neh­me und islam­kri­tisch argu­men­tie­re. Michel Thi­bault, einer der weni­gen Autoren der Rébel­li­on, der sei­ne Arti­kel mit Namen zeich­net, hono­riert dem­ge­mäß Mil­lets Kri­tik der glo­ba­len Mas­sen­ent­wur­ze­lung der Völ­ker, um aber Mil­let fal­sche „Feind­be­stim­mung“ vorzuwerfen:

Was die fran­zö­si­sche Kul­tur heu­te zer­stört ist eben nicht der Islam, son­dern die ame­ri­ka­ni­sche Sub­kul­tur, die durchs Fern­se­hen, das Kino und die Zeit­schrif­ten ver­brei­tet wird.

Thi­bault fügt an, daß Immi­gran­ten­kin­der, die nach einem über die Medi­en ver­mit­tel­ten Ide­al von teu­ren Mar­ken­kla­mot­ten und „west­li­chem“ Life­style stre­ben, eben­so Opfer der US-ame­ri­ka­ni­schen „Unter­hal­tungs­in­dus­trie“ sei­en wie alle ande­ren, die im „neo­li­be­ra­len“ Ein­zugs­ge­biet woh­nen, auch.

Die Zeit­schrift ist also für jene poli­tisch und öko­no­misch Inter­es­sier­ten loh­nens­wert, die sich mit „Anti­ka­pi­ta­lis­mus“ und Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tik aus unkon­ven­tio­nel­ler Sicht beschäf­ti­gen, die neus­te ent­spre­chen­de Lite­ra­tur kom­pri­miert zusam­men­ge­faßt bekom­men wol­len und im „Wes­ten“ das Grund­pro­blem zu ent­de­cken mei­nen. Ande­re dürf­ten auf­grund der red­un­dan­ten Häu­fung von Zuschrei­bun­gen wie „neo­li­be­ral“, „impe­ria­lis­tisch“ oder „kapi­ta­lis­tisch“ die Lese­freu­de rasch verlieren.

Zu bezie­hen ist die Zeit­schrift über Rébel­li­on c/o RSE BP 62124 31020 – Tou­lou­se Cedex 2 – Fran­ce. Sechs Aus­ga­ben im Jahr kos­ten 20.00 €, ermä­ßigt 15.00 €. Für Nicht­fran­zo­sen kommt Por­to hin­zu. Bestel­lun­gen sind auch via Mail mög­lich; wei­te­re Infor­ma­tio­nen gibt es im Netz. Die nächs­te Aus­ga­be (Nr. 57) erscheint Mit­te Februar.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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