Netzkultur

180px-V_for_Vendetta_mask_-_20071024von Heino Bosselmann

Aus dem Straßenverkehr wissen wir, daß es den Leuten am leichtesten fällt, sich aus zentralverriegelten Karossen heraus zu beleidigen. Unflätige Zeichen hinter Sicherheitsglas, aggressive Drängelei, Beschimpfungen, die man von den Lippen ablesen muß, genervtes Hupkonzert. In der Unmittelbarkeit von Begegnungen ist dagegen Abständigkeit unerläßlich. Wird sie überschritten, gerät die persönliche Integrität in Gefahr. Schopenhauer beschreibt das in einer Fabel.

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Für eine ver­se­hent­li­che Berüh­rung des ande­ren ent­schul­digt man sich daher reflex­ar­tig sofort. Früh wird erlernt, die Aura des Gegen­über zu respek­tie­ren. Man tram­pelt nicht dar­in her­um. Das ist abso­lu­tes Grund­ge­bot von Höf­lich­keit und Anstand: Keep your distance! Jen­seits davon beginnt das Ter­rain von Pro­vo­ka­ti­on, Bru­ta­li­tät, Mißbrauch.

Im abs­trak­ten oder vir­tu­el­len Raum jedoch, also außer­halb der sen­su­ell erleb­ba­ren, direk­ten Kon­fron­ta­ti­on, ver­lie­ren zivi­li­sa­to­ri­sche Regeln offen­bar ihre Bedeu­tung, weil der Mensch sich der Ver­ant­wor­tung für sei­ne Urhe­ber­schaft ent­bun­den fühlt. Mum­men­schanz und Mas­ken­ball wur­den daher nicht nur als spa­ßig erfah­ren, son­dern eben­so als unheim­lich. Wähnt der Mensch sich uner­kannt und geschützt und sieht er aus siche­rer Posi­ti­on alles, ver­mag aber selbst nicht erkannt zu wer­den, kann er erlöst oder ent­hemmt agie­ren. Reiz­vol­le All­macht des­sen, der sich selbst als gro­ßer Unbe­kann­ter ver­hüllt. Der anony­me Ver­eh­rer mag ein Roman­ti­ker sein, die Sni­per, Stal­ker und Mob­ber sind das allen­falls im schwar­zen, hoff­man­nes­ken Sin­ne. Der Schutz der Ver­mum­mung ver­lei­tet man­chen zur Ent­gren­zung. Fol­ge­rich­tig avan­cier­te die Mas­ke der Ven­det­ta zum Kult­sym­bol. Zunächst für die ver­meint­lich Guten. Aber dabei blieb es nicht.

Nir­gend­wo fin­det der­zeit ein so bizar­rer Mas­ken­ball statt wie im Netz, ein Rei­gen der Pseud­ony­me, an des­sen Rand der Ring für jene eröff­net ist, die sich, stets mas­kiert, mal so rich­tig die Kan­te geben wol­len. Gab es je eine sol­che Are­na, in der qua­si alles erlaubt ist?

Eine offi­zi­el­le Polit- und Medi­en­kul­tur, die not­wen­di­ge und den öffent­li­chen Dis­kurs beför­dern­de Debat­ten durch Sprach­re­ge­lun­gen, ste­reo­ty­pe Flos­keln und wahl­wei­se durch Betrof­fen­heits­ernst oder Kame­ra­lä­cheln ver­mei­det, trifft im Netz auf eine kom­ple­men­tä­re Sub­kom­mu­ni­ka­ti­on, in der verlarv­te Figu­ren alle Fair­neß ver­ges­sen und bra­chi­al aus­tei­len, bevor sie wie­der off­line gehen und ihr smar­tes Büro­sprech fort­set­zen. – Soll­te man anonym auf eine Wei­se gedeckt schrei­ben kön­nen, wie man wohl inko­gni­to Por­nos her­un­ter­la­den oder an ver­netz­ten Mas­sa­ker-Spie­len teil­neh­men kann?

Der Anony­mus schreibt nicht nur uner­kannt die Häu­ser­wän­de voll; sei­ne Wor­te blei­ben dort auch unaus­lösch­lich ste­hen. Und wer in die dunk­len Gas­sen hin­ein­ruft, wird zwar von allen gehört, ist aber nicht zu sehen.

Zum Ver­gleich: Im meck­len­bur­gi­schen Land­tag reich­te es aus, zwei Abge­ord­ne­ten die Immu­ni­tät zu ent­zie­hen, weil sie die Land­tags­prä­si­den­tin als „Gesin­nungs­ter­ro­ris­tin“ beschimpft haben sol­len. Gut, die Prä­si­den­tin ist Leh­re­rin, die bei­den Abge­ord­ne­ten kom­men von der NPD; und bei­de Sach­ver­hal­te mögen eine gewis­se Emp­find­lich­keit erklä­ren. Immer­hin sind das offen aus­ge­spro­che­ne Wor­te, ver­mut­lich einer gewis­sen Hit­zig­keit der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung geschul­det. Als Netz­kom­men­tar wür­de sich aller­dings nie­mand über ein sol­ches Wort auf­re­gen. Viel zu klein­ka­li­brig! Um so erstaun­li­cher, daß jüngst ein Amts­ge­richt die Offen­le­gung eines anony­men Foren-Kom­men­ta­tors ver­füg­te, weil der einen loka­len Amts­trä­ger ange­grif­fen hat­te – ver­gleichs­wei­se mit harm­lo­sem Text.

Ich hat­te in letz­ter Zeit zwar ver­ein­zelt, aber doch hef­tig mit Bemer­kun­gen zu tun, die es unter Mord-und-Tot­schlag-Ver­glei­chen nicht mehr mach­ten, und wer­de kri­tisch prü­fen, wel­cher Anteil mir als Autor, der auch unter Pseud­onym, damit aber nicht anonym schreibt, dar­an zukommt. Klar gilt die Regel „Wer aus­teilt, der muß ein­ste­cken kön­nen.“ Am bes­ten bei­des offe­nen Visiers.

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Kommentare (20)

Inselbauer

4. Februar 2013 11:41

Die ganze Netzkultur erinnert mich tatsächlich an die Maskenbälle des 18. Jahrhunderts und wie diese vom Bürgertum nach 1789 nachgeahmt und verteufelt worden sind, weil sie angeblich der Unanständigkeit Tür und Tor geöffnet hätten. Irgendwann im napoleonischen Kaiserreich ist man dann draufgekommen, dass man nur wegen einer Maske ja nicht anonym ist, dass diese ganze Anonymität nur eine antiquierte Konvention ist (die sich der Adel zum Spaß zugelegt hat). Dann hat man seine Ansichten auch darüber geändert.
Bei uns ist es ja nicht anders, Anonymität im Netz ist genauso schwer zu erreichen wie "anonym" auf einem Maskenball zu erscheinen (als Ganzkörper-Gummiwurst kann man ja auch nur begrenzt Schweinereien begehen). Es ist also alles nur ein Luxus aus vergangenen Zeiten, der das heisst Datenschutz, eine läppische Konvention, die sich längst in Luft aufgelöst hat,

Kurt Schumacher

4. Februar 2013 12:26

Ich selbst beschimpfe niemanden im Netz. Aber ich kann bis zu einem gewissen Grad verstehen, wenn den Leuten manchmal die Hutschnur platzt. Immerzu wird man dem Druck der Political Correctness ausgesetzt; jedes Wort muß man auf die Goldwaage legen, um nicht als "Rassist", "Faschist", "Frauenfeind", "homophob", "xenophob" und was weiß ich nicht noch alles zu gelten. Immer schön lächeln, sämtliche Geßlerhüte grüßen und des Kaisers neuen Kleidern applaudieren. Ist es da ein Wunder, wenn die Leute irgendwann einmal die Wut rauslassen? Aber das sollen sie dann auch nicht mehr dürfen; Facebook, Youtube usw. bestehen zunehmend auf Klarnamen; der gläserne Mensch wird Wirklichkeit. Masken...? Möglicherweise ist der Zwang zur permanenten schranzenhaften Korrektheit die schlimmste Maske.

Laßt doch den Leuten etwas Luft, sonst bekommen wir noch amerikanischere Verhältnisse, als wir sie schon haben. In den USA, wo die "Seid lieb zueinander"-Verpflichtung noch drückender ist als hier, gibt es auch die meisten Amokläufe. Immer nur lieb sein, das kann niemand. Immer soll alles "wunderbar" sein, jeder will ständig gelobt werden, und dann gehen sie los und erschießen ihre Mitmenschen. In Deutschland passiert das ja auch immer öfter. Meiner Meinung nach eine direkte Folge der öffentlichen Lügerei und Verbiegerei. Laßt doch den Leuten ihre Kraftausdrücke, sollen sie doch reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, "ihr sollt dem Volk aufs Maul schauen", sagt Luther. Und das impliziert, daß das Volk eben noch ein Maul haben darf, und keine Schranzen-Maske. Man darf auch mal "(Piepton)...." sagen, das verhütet 90 Prozent aller Gewalttaten. Laßt den Dampf bei kleinem Druck aus den Ventilen, sonst platzt irgendwann der Kessel.

gerdb

4. Februar 2013 12:56

Genau genommen ist ja mit Maske ohne Maske.
Wenn der soziale Druck wegfällt ist der Mensch eben ehrlicher, was ja befreiend sein kann.
Ausserdem gibt es ja immer den Löschknopf und die Zensur!

eulenfurz

4. Februar 2013 14:57

Man könnte das auch von einem anderen Standpunkt sehen: Noch nie war es einem Individuum in der Realität so einfach möglich, sich wie heutzutage (via Facebock u. dergl.) hemmungslos entblößt der ganzen Welt zu präsentieren, und das im „niemals-vergessenden“ Internet auch noch für unbefristete Zeit.

Für viel zu viele ist das Internet kein Maskenball, sondern ein Offenbarungseid; kein mißbrauchsfähiger Datensatz, sondern eine Selbstdarstellungsbühne. Obwohl es keinerlei soziokulturelle Erfahrungen mit dem Internet gibt, hüpft die halbe Welt nackt auf der Eisfläche herum.

„Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade“, meinte schon Schopenhauer, und ob es nun besser ist, die Masken der anonymen Internet-Pöbler herunterzureißen und ihnen dafür die Masken zivilisierter Heuchler aufzusetzen, bleibt wohl Geschmackssache.

Hesperiolus

4. Februar 2013 15:27

Gradezu wahnwitzig wird es, wenn man die rechtsbewährte Empfindlichkeit solcher Hoheitsträger mit etwa dem aktuell von der Leine gelassenen Katholiken-Bashing im Staatsfernsehen vergleicht. Interessierte mögen bitte mal folgenden Beitrag des Satiremagazins Extra 3 zur Kenntnis nehmen und sich fragen, ob dergleichen vor irgendeiner DITIB-Moschee auch nur vorstellbar wäre. Und vor einer Synagoge, als Rabbi verkleidet? Und bitte schön, worin liegt der gutmenschliche Unterschied zum Abschiebären? Unser Staatsfernsehen läuft bei dieser und anderen zeitgeistwiderständigen Gruppen wie eine gutgeölte Propagandamaschinerie. Lässt sich derzeit wieder besonders gut beobachten. Wer zu den Galliern oder Indianern im asymmetrischen Kultur(vernichtungs)kampf gehört, kann sich unter Klarnamen bürgerlich abschlachten lassen oder hin und wieder anonym seine Verachtung für das brave-new-world-bauende Geziefer absondern.

mhttps://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/extra_3/videos/extra4879.htmlal auf der Netzseite des Satirem

Waldgänger

4. Februar 2013 17:15

@ gerdb

Genau genommen ist ja mit Maske ohne Maske.

Das triffts genau! Sehr gute Formulierung.
Ja, so ist es. Da wird dann mitunter deutlich, wes schlichten Geistes Kind da Spuren hingetippt hat!

Übrigens stört mich das manchmal auch beim Forum der "Jungen Freiheit", wo doch einige Kommentare arg simpel und unnötig vereinfachend sind. Ums mal vorsichtig zu sagen.

Aber das verrät dann eben auch einiges .... "ohne Maske".

Andererseits kann ich Bosselmann aber nur zu gut vertstehen,
auch mir wurden schon im Schutze der Anonymität primitive Unterstellungen entgegen geschleudert.
Dennoch halte ich angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten eine Klarnamenpflicht für zu gefährlich.

Kurt Schumacher

4. Februar 2013 21:20

@ Waldgänger

Ernst Jünger schreibt in seinem Buch "Der Waldgang":

"Der Mann sagt furchtlos seine Meinung, vor welchem Forum es auch sei. Auch die Tyrannen können ihn nicht einschüchtern. - Allerdings würde eine schrankenlose Selbstpreisgabe praktisch die Auslöschung der Eliten bedeuten." (Von mir aus dem Gedächtnis zitiert, also nicht wörtlich. Mit "Eliten" meint Jünger die Waldgänger und NICHT die Wallstreet und ähnliche Kräfte, die sich als selbsternannte "Eliten" über die Völker stellen.)

Aus dem gleichen Buch auch das Kreide-Stift-Beispiel:

"In einem stalinistischen Bergwerk war das Wort "Hunger" mit Bleistift an die Wand geschrieben. Man trieb die Arbeiter zusammen und durchsuchte ihre Taschen. Bei einem fand sich ein Bleistift, dessen Spitze Kreidespuren trug" (Kreide hier nicht als Schüler-Malkreide, sondern als Wand im Bergwerk.)

Es ist wohl anzunehmen (auch wenn Jünger es nicht direkt schreibt), daß der hungernde, protestierende Arbeiter dann von der GPU (stalinistischen Staatspolizei) erschossen wurde. Natürlich kann man die Bundesrepublik nicht mit Stalins Sowjetunion vergleichen. Aber jedenfalls sollte man dem Staat nicht unnötig in die Hände spielen. Ich bin deshalb GEGEN eine Klarnamen-Pflicht.

Übrigens war Jünger auch gegen die BRD-Volkszählung (steht in "Siebzig Verweht" 3 oder 4), weil er den Einzelnen gegen die Übergriffe der Bürokratie schützen wollte.

S. Pella

5. Februar 2013 15:45

Da meine Wenigkeit von einem anonymen Denunzianten aus meinem Heimatdorf in Zusammenhang mit der "rechten Szene" gebracht wurde, verlor ich im Dezember 2011 bekanntlich meine berufliche Anstellung und stehe seither (mit Familie) ohne Beschäftigung da und werde in meinem erlernten (studierten) Beruf auch keine Anstellung mehr finden.

Deshalb verstehe ich durchaus den Argwohn gegenüber der netzkulturellen Ausprägung von "Anonymität". Doch andererseits erlauben gerade die Möglichkeiten des weltweiten Netzes eben auch Spielräume für anonyme Querdenker und Netzseiten, deren Stärke gerade über die Anonymität erwächst.

Waldgänger

5. Februar 2013 18:33

@ Kurt Schuhmacher (4.2.2013, 21.20 Uhr)

Jünger zeichnet im "Waldgang" keinen aktiv-heroischen Widerständler.
Da stimme ich Ihnen zu. Er beschreibt den Waldgänger als den nicht korrumpierbaren, zu seinen Überzeugungen stehen Einzelnen, der eben auch angesichts der Übermacht des Gegners aus innerer Stärke heraus seinen Weg geht - allerdings nicht den Weg der Selbstaufopferung.

Es ist eine interessante Frage, wie Jünger den "Waldgang" heute - vor dem Hintergrund von EU-Bürokratie, staatlich subventionierter "Antifa" , allgegenwärtigem Internet, schwachem Datenschutz und Hackern geschrieben hätte ... !

Ich meine jetzt nicht den weltentrückten alten Jünger, den "Anarchen" der 1980er und 1990er Jahre, sondern den etwa 55-jährigen Jünger der Nachkriegszeit.
Die Gesellschaftsmaschine, die ihm schon 1950 Grauen einflößte, ist ja seither viel perfekter geworden.

Inselbauer

5. Februar 2013 19:50

Liebe oder lieber S. Pella, wir werden es uns in Zukunft abschminken müssen, in "normalen" Berufen zu arbeiten. Die Überwachung wird in ein paar Jahren so scharf sein, dass ein harmloser Rasensport wie der Kommentarbereich der SiN zur Todeszone entartet. Ich hatte das Glück, für solche Soliditäten nie geeignet gewesen zu sein. Man wird sich wie im Mittelalter die unehrbaren Berufe suchen müssen (oder den Biolandwirt...)
Mit solidarischen Grüßen

Rumpelstilzchen

6. Februar 2013 09:19

@gerdb
"mit Maske ist ohne Maske"
gute Formulierung.
Manche Foren ersetzen durchaus den Stammtisch, wo man in Bierlaune sagt, was man wirklich denkt.
Es zeigt sich dann die ganze Armseligkeit, Spießigkeit, Kleinkariertheit und Dumpfbackigkeit von Menschen.
Wir sind davor nicht gefeit, auch wenn wir "Waldgänger" und Sezessionisten sind, manchmal elitär überheblich vielleicht ?
Trotzdem, wir sind alle das Volk und es sollte ein Weg zwischen "Aufopferung" (Widerstand) und Abgrenzung (innere Emigration) denkbar werden, der zu politischem Handeln führt. Es geht auch immer um Macht.
Noch brauchen wir weniger Helden als kluge, sehr kluge Köpfe.

Rumpelstilzchen

6. Februar 2013 09:26

Ergänzung zu klugen Köpfen ...und auf-rechte Menschen.

P. S. Lieber Herr Bosselmann, Ihr Beitrag in Nr.52,"wo ich ganz bei mir selbst bin"
hat mich sehr berührt. Vielen Dank

Hartwig

6. Februar 2013 20:13

Mit oder ohne Maske? Wer wie Bosselmann (und ich) aus der DDR kommt, kennt die Maskierung nur zu gut. Es gab zwar noch kein Netz, wo man anonym (und unverstellt) wirken konnte, aber es gab die Erfahrung diverser Grade von Maskeraden. Aber gerade das Beispiel DDR zeigt auch, wie schnell ein System KO gehen kann, nachdem eine hinreichende Zahl von Menschen die Masken fallen ließ; wie bei Dominosteinen verbreitete sich der Mut zum frei gesprochenem Wort; die Welle war nicht mehr aufzuhalten.
Nun liegt die Parallele zum heutigen Deutschland nicht zwingend nah, weil dieses Land noch über ein Füllhorn an Mitteln verfügt, welches trefflich zum Korrumpieren und Bestechen eingesetzt wird. Die DDR verfügte zum Ende hin nur noch über das Mittel der Repression. Und doch sollte es zu Denken geben, wie schnell doch der Mehltau fortgeblasen werden kann.
Übrigens hätte ich damals nicht gedacht, dass ca. zwei Jahrzehnte nach der DDR ein solches Thema wieder aktuell sein könnte.

Sascha

7. Februar 2013 00:30

Auch die neue Rechte sollte sich technisch weiterbilden und lernen, dass das Netz nicht zensierbar ist. Gegen eine staatliche Klarnamenpflicht gibt es schon seit Jahren das Onion-Netzwerk. Dort könnte auch nach einem staatlichen Verbot die Sezession so wie sie ist, nur mit einer etwas weniger leicht zu merkenden (aber doch problemlos in den bookmarks zu speichernden) Adresse vom Typ sezession34jfof4.onion weiterbestehen und weiter, wie gehabt, ihre Text publizieren, samt Kommentarbereich.

Und die Antifa könnte gar nichts dagegen machen. Genauso wie schon heute die Polizei gar nichts gegen die dort schon seit Jahren bestehende höchst illegale Webseiten wie die Drogenhandelsplattform Silk Road oder die Bildertauschplattform Lolita City machen können - gar nichts, mit Ausnahme der Benutzung, die jedem Menschen offen steht.

Man mag solche Seiten schlecht finden - es ändert nichts daran, dass es nicht schwer ist, sie einzurichten, die Software dazu - Tor - ist kostenlos und quelltextoffen erhältlich.

Der Kampf gegen Klarnamenzwang ist sicherlich nützlich und unterhaltsam, aber letzten Endes unwesentlich, weil der Klarnamenzwang faktisch sowieso nicht durchsetzbar ist.

Lediglich diejenigen, die sowohl unter Klarnamen als auch pseudonym viel schreiben wollen, müssten sich vorsehen, dass man sie nicht durch Textvergleiche enttarnen kann.

Heino Bosselmann

7. Februar 2013 07:20

Sehr geehrter Sascha, mir ging es nicht um "Klarnamenzwang" oder zensur, sondern um die wahrzunehmende Verantwortung für eigene Aussagen im Netz, durchaus also um eine moralische Kategorie, nicht um Juristisches. Moralität steht über Legalität. Ich bin absolut für den Gebrauch von Pseudonymen und für den Schutz anonymer Kommentatoren. Mir ist bewußt, daß dies Freiheitlichkeit unterstützt und den Diskurs befördert. Nur steht hinterm Schutz der Maske, meine ich, jeder in seiner Verantwortung anderen gegenüber. Auch anonym sollte man nicht alles sagen dürfen – oder alles so sagen wollen, wie es oft geschieht. Vielen Dank. Herzlicher Gruß! H. Bo.

Rumpelstilzchen

7. Februar 2013 08:53

@Heino Bosselmann
was die moralische Kategorie des Netzes betrifft, so gibt es ein Büchlein von Dr. Stefan Meetschen:
"Digitale Spiritualität" eine Betriebsanleitung,
Im fe-medienverlags GmbH
Das Büchlein ist christlich inspiriert, für meine Begriffe manchmal zu "frömmelnd" , bietet aber ganz gute Impulse.

Heino Bosselmann

7. Februar 2013 09:02

Danke!

Kurt Schumacher

7. Februar 2013 09:41

@ Herrn Bosselmann

Sie schreiben: "Man sollte nicht alles sagen dürfen" - ein kultivierter Mensch tut das ohnehin nicht. Fäkalausdrücke verwende ich nicht. Allerdings definiert die Political Correctness ja normale Wörter einfach um. Da wird dann aus dem harmlosen, deskriptiven Wort "Neger" plötzlich eine "rassistische Beleidigung". Oder wenn jemand sagt: "Deutschland sollte eigentlich das Land der Deutschen sein" - - hui!!! Sirene und rote Warnleuchte, Alarm!!! - - es sei denn, man spricht von "schwarzen Deutschen" oder "Deutschen mit türkischen Wurzeln", die sind natürlich offiziell erwünscht. Das heißt, der Begriff "Deutscher" wurde in den letzten Jahren völlig umdefiniert.

Was darf man noch sagen, wann bringt man sich selbst und andere in Schwierigkeiten? Es sind schon mehrere Netz-Foren gelöscht worden; und wir wollen doch alle, daß die "Sezession" erhalten bleibt. Also wägt man seine Worte sorgfältig. Die Schere in den Köpfen. Man zensiert sich selbst.

Heino Bosselmann

7. Februar 2013 10:10

Lieber Kurt Schumacher, mag sein, wir sind hier alle viel zu kultiviert, um zu sehen, was ich zu beschreiben versuchte: Ich erkenne wohl, daß solche Darstellungen und Begriffe, wie Sie sie oben als Beispiele vorstellen, einen Schreiber da und dort in Schwierigkeiten bringen können. Völlig klar, die Mitte, das Establishment, die Etablierten und die neuerdings immer explizit als "demokratisch" bezeichneten Bundestagsparteien sind sensibel; und namentlich die Linke und die Grünen sind vermutlich aus unsicherem Selbstverständnis heraus gar höchst empfindlich. – Mir ging es aber eher um Verbalinjurien, um Angriffe auf die Persönlichkeit, um "Cyber-Mobbing". Dergleichen ist auszuhalten, man gewöhnt sich daran; nur ist bspw. dann die Auseinandersetzung mit einem Anonymus schwer zu führen, denn er bestimmt die Regeln, er zeigt sich, wo und wann er will, und öffnet vor allem das Visier nicht. Als engagierte Netzdetektive in ganz anderen Zusammengängen mein Pseudonym hochgehen ließen, war ich erst getroffen. Dann dachte ich: Gut so. Geht es jetzt eben befreiten Gesichts weiter. Herzlicher Gruß!

Sascha

7. Februar 2013 13:09

Sehr geehrter Heinz Bosselmann,
mein Hinweis auf das Onionnetz war eigentlich mehr eine Reaktion auf einige sehr pessimistische Kommentare wie von Inselbauer als eine Reaktion auf den Artikel selbst, und wie jetzt auch wieder von Kurt Schumacher, der Angst davor hat, die sezession könnte gelöscht werden, wo man die Sezession im Onionnetz ja gar nicht löschen könnte.

"Moralität steht über Legalität" könnte die zentrale Losung für eine neue, elitäre, undemokratische Kultur werden, die dort entstehen wird. Die Zensur des zensierbaren Netzes wird sich ausweiten und immer mehr anständige Leute dazu zwingen, sich dort niederzulassen - schon um unzensiert auch die Meinung der anderen Seite kennenzulernen, aber auch um unzensiert die eigene Position zu verteidigen.

Ein anständiger Mensch wird dies natürlich mit anständigen Mitteln tun. Und von anständigen Menschen betriebene Foren und Seiten werden ihm auch Gelegenheit geben, dies ohne Belästigung zu tun. Auch eine Sezession im Onionnetz würde auf Moderation ja nicht verzichten, auch wenn sie dort keinerlei Rücksicht mehr auf politische Korrektheit nehmen müsste. Es ist die zentrale, staatliche Zensur, die nicht mehr durchsetzbar ist, nicht der private Verweis derer, die sich nicht benehmen können oder wollen, aus dem eigenen Haus.

Wer unbedingt Fäkaliensprache benutzen will, wird dies tun können - in speziell dafür eingerichteten Foren, deren Betreiber auf diese Art der "Diskussion" stehen. Zivilisierte Menschen werden solche Foren einfach meiden. Der unzivilisierte Hetzer wird nicht mehr bekämpft, er wird ignoriert.

Es ist eine neue, undemokratische und elitäre Art der Kulturentwicklung, die sich daraus ergeben wird. Es wird gehobenere, elitäre Foren geben, in denen ein kulturloser Proll gar nicht schreiben kann, weil er weder was den Stil, noch was Rechtschreibung und Grammatik, und erst recht nicht was die Inhalte betrifft die erforderlichen Voraussetzungen mitbringt. Foren, in denen regelmäßig schreiben zu können eine Ehre ist.

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