6. Februar 2013

Populisten, Pils und Schnitzler

Gastbeitrag

495_Chronik_Glossar__Schwarzer_Kanalvon Heino Bosselmann

Im bösen Nordosten der Republik trinken in den wenigen verbliebenen ländlichen Kneipen die Rechten, Linken und Mittelmäßigen manchmal querfrontartig Darguner Pils. Man denkt dabei wehmütig an Georg Weerths Gedicht, aber leider ist nur der Jahreszeit nach Vormärz.

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Plötzlich hörte ich einen der schweren Jungs, einen Baumaschinenverleiher, im Disput sagen: „Da, wo die Linke an die Macht gekommen ist, war sie eigentlich gleich rechts. Starker Staat und so, allen eine Richtung verpassen. Ideologie. Und versuchen, ein ganzes Volk zu erziehen und noch den letzten Trottel in die Spur zu schicken. Nach der Revolution war’s mit Demokratie bei denen immer vorbei. Voll preußisch.“

Wären zu einer solchen Popularphilosophie noch schlaue Anmerkungen nötig? Man nickt beflissen und grübelt ein bißchen. Alle Achtung. Prost! Pause.

Unaufdringlich gab ich ein paar Gedanken Carl Schmitts dazu. Carl Schmitt kannte keiner. Dann schoß mir Karl-Eduard von Schnitzler ein, der berühmt-berüchtigte Chefkommentator des DDR-Fernsehens, jener zum Kommunisten konvertierte Aristokratensproß, der nach eigener Darstellung sogar Urenkel des Kaisers war, nach dem Krieg als talentierter Journalist beim Nordwestdeutschen Rundfunk in Köln begann und mit der politisch motivierten Kündigung durch den britischen Chief-Controller Greene in die sowjetische Besatzungszone und die SED übertrat.

Von Schnitzler kommentierte ab 1960 in „Der Schwarze Kanal“ klassenkämpferisch und verbissen Beiträge des Westfernsehens und galt manchen als roter Gegenspieler Gerhard Löwenthals. Kaum jemand mochte, aber alle kannten ihn; und er war zwar ein knallharter kalter Krieger, dabei jedoch auf seine Weise geschliffener Rhetoriker.

Prompt meldete sich einer seiner Sätze, der einzige, den ich parat hatte, weil ich als Oberschüler Pflichtteilnehmer eines Von-Schnitzler-Vortrags war und mir über diese eine Sentenz lange Gedanken gemacht hatte. Sie lautete: „Alles, was vom Westen kommt, kommt vom Feind. Auch die Wahrheit!“

Die Linke an der Macht. Reinster Carl Schmitt. Kaum eine markante Aussage möglich, die die Freund-Feind-Theorie besser illustriert. Gut, die Linke wird dagegenhalten: Das war noch kein richtig demokratischer Sozialismus. Kalter Krieg, Stalinismus, Poststalinismus. Leider! Und dann Karl-Eduard! Also bitte! – Zugestanden. Aber dort, wo die Linke bisher Staat machte, entschied sie in Gestalt ihrer Nomenklatura tatsächlich über den Ausnahmenzustand. Und wie.

Hat es denn irgendwo so richtig Sozialismus gegeben?, fragte einer. – Vielleicht in Schweden, antwortete ein anderer, in den sechziger und siebziger Jahren. Olof Palme und so. Und nur für gut neun Millionen Menschen in einem Land, das sich aus dem Zoff raushielt. Aber alles lange, lange vorbei.


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