Sezession
14. Februar 2013

Links. Das Prinzip Illusionismus.

Gastbeitrag / 40 Kommentare

DdAvon Heino Bosselmann

Man sollte sich von rechts Gedanken über die Linke machen. Vielleicht sogar Sorgen. Denn vom kritischen Potential her ist die intellektuelle Linke hervorragend ausgestattet. Nur einer der großen Modernen, vielleicht der Letzte, sei benannt: Eric Hobsbawn. Tragisch, daß die politisch präsente Linke an dieses Potential kaum anknüpft, sondern weitestgehend in der Konsensgesellschaft aufgeht und deren propagandistischen Erregungsfrequenzen, etwa dem mystifizierten Kampf gegen Rechts, auf eine Weise folgt, die nicht mehr politisch, sondern eher folkloristisch anmutet.

Weshalb scheint die intellektuelle Linke so am Ende, weshalb beschränkt sie sich auf Gesten und Theaterdonner?

Ihre verhängnisvolle Illusion besteht darin, pauschal und kritiklos einem im Sinne des Als-ob hochgehaltenen Vermächtnis der Aufklärung zu folgen, ohne je willens zu sein, auch nur deren eignen selbstkritischen Prozeß – mindestens über Max Weber, die Frankfurter Schule, Georges Bateilles u. a. – zur Kenntnis zu nehmen. Das Establishment und die von ihm betreute Schule als neue „Volksbildung“ verhalten sich „sozialkundlich“ ganz genauso. Offenbar schließt die Vermittlung geistesgeschichtlicher Inhalte mit der Aufklärung ab und damit, was im emanzipatorisch gestimmten 19. Jahrhundert daraus wurde. Deswegen ist selbst unter Lehrern soviel von Kant die Rede, obwohl gerade sie ihn kaum durchlesen, deshalb Lessings „Nathan der Weise“ – nicht als Problem-, sondern Beweisstück – und anschließend das Hohelied auf die Weimarer Klassik, als wäre mit der "Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet" und Gesprächen am Ilmpark die Humanität beschlossene Sache gewesen. Vielleicht noch Habermas hinterdrein, weil Diskursethik als so eingängiger Begriff erscheint und die Achtundsechziger Gegenstand eigener Legendenbildung sind.

Unerfindlich, wie mit religiöser Inbrunst Wunschvorstellungen eines die spätfeudale Welt kritisierenden Denkens nachgesprochen werden, als hätte die jüngere Geschichte dazu kein weiteres Material hinterlassen. Spätestens Max Weber wußte um den langen Schatten des Siegeszuges betriebsrationaler Vernunft:

„Heute ist ihr Geist (jener der Menschen, H. B.) aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. (…) Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werde, oder aber – wenn keines von beiden – mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtig-nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die ‚letzten Menschen’ dieser Kulturentwicklung das Wort Wahrheit werden: ‚Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.’“

Der schon 1920 verstorbene Weber befürchtete, daß die im „stahlharten Gehäuse“ festsitzenden, von den „äußeren Gütern“ faszinierten und korrumpierten Menschen sich, „der Besinnungslosigkeit des gesellschaftlichen Mechanismus ausgeliefert“ (Gerhard Gamm), irgendwann einem totalitären Staat zu überantworten bereit wären. Wie leider geschehen! Und die Anknüpfung von Adorno und Horkheimer bestand in der die beiden selbst erschreckenden Einsicht, daß die Aufklärung verdrängte, wovon sie neuzeitlich ausgegangen war – die Janusköpfigkeit des von Weber beschriebenen Rationalisierungsprozesses. Denn die große Verheißung Kants, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszuführen – wurde sie je eingelöst? Vielmehr fand sich der Mensch im zwanzigsten Jahrhundert in ganz neuen Gefangenschaften wieder. Die „Dialektik der Aufklärung“ konstatierte daraufhin:

„Denken verdinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden, automatischen Prozeß, der Maschine nacheifernd, die er selber hervorbringt, damit sie ihn schließlich ersetzen kann.“ Was nicht quantifizierbar und nützlich erscheint, erweckt den Argwohn der Aufklärung. Die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) führt auf ihre Weise zu einem Verlust von Freiheit und Sinngebung.


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Kommentare (40)

Martin
14. Februar 2013 07:23

Auch wenn man das fünfundsechzigste Jahr der Erstauflage des Buches "Dialektik der Aufklärung" knapp verpasst hat (`47 ?), bin ich erfreut, es im Sezessionsbereich wahrnehmen zu können - dabei wäre es überfällig, dieses scheinbare "Kultbuch" der 68er einmal einer Lektüre und Besprechung von "rechts" zu unterziehen und ich würde mich freuen, wenn dies auch einmal nur auf dieses Buch bezogen geschehen könnte und nicht nur im Rahmen eines Kontextes.

Ich habe mich bei der Lektüre - zuletzt vor etwas über 10 Jahren - schon damals gefragt, wie dieses Buch zu einem "Kultbuch" gerade der "Linken" werden konnte, da es derart viele "konservative" bis rechte Gedanken und Ansätze hat, dass es Wert wäre, den linken Hoheitsanspruch über dieses Werk durch eine gute Buchbesprechung aus "rechter Seite" zu brechen.

Alleine schon die Sprache des Buches, die streckenweise wie geraunt wirkt, der klassisch, typische deutsche, philologische Bezug auf die Odyssee, die Darstellung der Mythenbildung und des Ergebnisses, dass auch die Aufklärung nur am Ende ein Mythos ist, der statisch zu Herrschaftsausübung verwendet werden kann, etc. schreien gerade nach einer Rezeption und Exegese von rechts ...

Mein damalige Lektüre-Fazit war, dass viele Linke die Werke, auf welche sie sich beziehen, wohl nie ernsthaft selber gelesen haben, aber gerne reine Schlagworte daraus, wie bspw. das der "Kulturindustrie" gerne benutzen ...

Rumpelstilzchen
14. Februar 2013 09:50

Lieber Herr Bosselmann,
Danke für Ihren inspirierenden Beitrag.
Links. Das Prinzip Illusionismus.

Sie stellen die Frage: Ist die Intellektuelle Linke am Ende ?

Ich behaupte mal, dies ist die falsche Frage !

Die Frage müßte m.E. lauten: WAR DIE LINKE JEMALS INTELLEKTUELL ?

Der Russe Nikolai Berdjajew schrieb schon 1931 (Wahrheit und Lüge des Kommunismus):
"Seit jeher wird die Einstellung der Menschen zum Kommunismus mehr durch emotionelle als durch intellektuelle Gründe bestimmt."

Dies gilt bis heute. Die linken Pseudoreligionen Kommunismus, Humanismus und Rotgrüne Illusionisten träumen bis heute vom Paradies auf Erden und sei dies momentan der Prenzlauer Berg.

H.F.
14. Februar 2013 10:57

Wenn die Linke nicht so aufgehetzt wäre nach dem Motto "alles (auch der angloamerikanische Liberalismus) ist besser als den Rechten einen Zentimeter Boden zu überlassen, wäre vieles der linken Denker anschlussfähig. Die "Dialektik der Aufklärung" ist zwar nicht als konterrevolutionäre Denkschrift konzipiert aber sie birgt für die Fortschrittsutopisten doch soviel Ernüchterung, dass sie das Potenzial hat, gemäßigte Rechte hervorzubringen.

M.E. sollten wir die "linken" Seiten der Rechten ruhig stärker betonen und darstellen. Liberale als Hauptfeind. Was verbindet uns schon mit den "rechten" Neoliberalen? Ist Umweltzerstörung rechts? Ausbeutung? Ökonomisierung aller Lebensbereiche?
Schirrmacher macht es gerade vor, eine neue Trennlinie zu ziehen. Die muss scharf sein und bewacht:
Draußen stehen die FDP- und JU-Burschis, die sich ihre warme wirtschaftsliberale Zukunft rechtssaufen.

Frösi
14. Februar 2013 11:06

"Das Mißverständnis zwischen uns kommt daher, daß Sie an die Zukunft, an eine Lösung, an das Mögliche überhaupt glauben, während ich nur etwas Präzises weiß: daß wir alle da sind, nur um uns gegenseitig zu quälen mittels unerschöpflichen Illusionen."

Cioran an Raddatz (1986)

So bewegt sich der Tross durch die Geschichte .Die Rechte als ewig nörgelnde Nachhut.

Belsøe
14. Februar 2013 11:22

Die Tagesordnung wird von Leute des Schlages Schröder, Fischer, Schlauch bestimmt. Nur weil diese ihren Weg in einer sich als links bezeichnenden, tatsächlich aber amerikanisert-individualistischen Zeitgeistmode begonnen haben sind sie doch noch lange nicht links.

Es wird nirgends am linken Neuen Menschen gearbeitet, jeder der noch Wurzeln in dieser Linie hatte wurde unter Rot-Grün abserviert. Sondern am perfekten Konsumenten und Legitimierungs-Stimmvieh. Individualismus ist nur ein Vehikel für dieses Ziel, und wird mit bestimmten Begriffen unterfüttert. Dass linke Traditionen dabei in Misskredit geraten ist ganz logisch, denn es wird ja ihr Vokabular und Instrumentarium benutzt.

Ob man das als Konservativer nun zum Abreagieren nutzen und als billigen Beweis für die eigene Überlegenheit hernehmen sollte, möchte ich aber bezweifeln. Rechte und Linke haben in weiten Teilen unterschiedliche Antworten auf immerhin gemeinsame Fragen gegeben und auch so manches Axiom geteilt.

Das was heute wirklich zerstörerisch wirkt, will gar keine Fragen mehr hören und akzeptiert auch kein politisches Minimum. Und freut sich nicht nur klammheimlich, dass sich die paar alten Fackelträger gegenseitig kratzen, beissen und an den Haaren ziehen indem sie sich gegenseitig die Vulgärversion ihrer jeweiligen Idee als essentiell vorwerfen.

Heino Bosselmann
14. Februar 2013 11:22

Nur wie Hans Castorp aus dem Schnee von einer Skitour, ins Mobilfunkgerät getippt: Georg Lukacs bspw. verkörpert für mich das Illusionsprinzip, etwa sein "Fortschritt und Reaktion in der dt. Literatur". Dieses: Wäre es doch nur bei Kant und Hegel geblieben, und wären Schopenhauer und Nitzscge besser nie in die Philosophie geraten. - Überhaupt Lukacs: Welche Bildung, welche Tragik!

Waldgänger
14. Februar 2013 12:02

Eine wirklich interessante Debatte, die hier ruhig etwas länger (kommentarmäßig) offen gehalten werden sollte.

......

Wenn man sich schon mit Linksintellektuellen beschäftigt (z.B. Hobsbawm, Marcuse), dann fällt sogleich auf, dass diese nahezu alle der Vergangenheit angehören - und nicht der Gegenwart.
Oder, dass sie zu Renegaten geworden sind.

Für die Gegenwart fällt mir kaum einer ein ... ! Etwa Leute wie Elsässer oder Augstein jun.??

Insbesondere fehlt den Linken eine realistische Lageanalyse. Stattdessen eine nochmals gesteigerte Moralisierung allen Handelns und die Verwandlung von "Linkssein" in eine Ersatzreligion.

Dafür mag es zwei Gründe geben:

a. das Nachwirken des goriosen Scheiterns des Realsozialismus,

b. die den Linken (von den Liberalen) dennoch eingeräumten Freiheiten, damit sie ihre Rolle als nützliche Idioten spielen können.
Die führt dann dazu, dass Linke es z. Z. nicht mehr nötig haben, Positionen überhaupt rational zu begründen. Es reicht ihnen, zu "wissen", dass sie zu den "Guten" gehören.
Dadurch kochen sie mehr denn je nur noch im eigenen Saft und haben das Argumentieren ebenso verlernt wie die katholische Kirche um 1850 .

...........

Darin, dass dennoch ein Teil linker Positionen "anschlussfähig" sein kann - oder eher: war, stimme ich @ H.F. zu.

Dass es zwischen "links" und "rechts" durchaus Berührungspunkte gibt und gab, zeigt das Werk von Ernst JÜNGER in dessen nationalrevolutionärer Phase (um 1930 herum).
Ein aktuelleres Beispiel ist BENOIST.

...........

Andererseits hat die Linke ja in gewisser Weise ihr eigenes Projekt verraten, indem sie sich - dümmlich jubelnd über den Zerfall der Staaten und das Fehlen von Repression seitens der Liberalen - wieder voll in ihre alte dumme Maximalutopie verrennt und dabei ihre eigentliche Klientel (z.B. deutsche kleine Angestellte oder Leiharbeiter) vergisst:

Ein Beispiel für jene Maximalutopie:
Elsässer in den 1990ern:
"links ist da, wo keine heimat ist. nicht um nationale selbstbestimmung geht es, sondern um gesellschaftliche; nicht um den schutz von völkern, sondern um den schutz der einzelnen und minderheiten vor den völkern; nicht um die konstruktion neuer staaten, sondern um die destruktion der bestehenden; nicht um die zwangshomogenisierung der individuen zu nationen, sondern um ihre freie assoziation zur staaten- und klassenlosen weltgesellschaft."

Da kann man nur noch den Kopf schütteln über so viel Wirklichkeitsferne. Mit einer solchen Linken ist keine Diskussion möglich.
Mit Marcuse wäre sie möglich gewesen.

Rumpelstilzchen
14. Februar 2013 12:32

Eine subjektive Wahrnehmung:
Die intellektuelle Rechte wartet seit Jahrzehnten darauf, die vermeintlich intellektuelle Linke "anzuschließen". Um von deren Attraktivität (=moralische Überlegenheit) zu profitieren.
Man freut sich über Bücher wie oben genanntes oder das Buch: "Die Linke und die nationale Frage"( Peter Brandt) oder über die "Stichworte zur geistigen Situation der Zeit", darin der Beitrag von Iring Fetcher: die Suche nach der nationalen Identität. Das ist jetzt auch schon über 30 Jahre her.
Und man freut sich immer noch wie bekloppt, wenn ein Linker rechts wird.
Ein mühseliges Geschäft.
Dabei ist doch die Hauptaufgabe der Rechten , die moralische Überlegenheit der göttlichen Linken immer und immer wieder fundamental in frage zu stellen. Wer Millionen Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft nicht wahrnehmen will, desavouiert sich jeden Tag.
Ohne das Christentum läuft dabei aus meiner Sicht nichts, ich meine aber nicht das von der Linken annektierte und degenerierte Christentum, sondern ein konservatives, auf-rechtes Chrstentum, kein klerikales, möglicherweise ein heidnisches Christentum. Was noch zu entfalten wäre.

Waldgänger
14. Februar 2013 13:37

Das Verhältnis zwischen der Linken und der sog. Rechten ist zwar interessant, aber nicht der Schlüssel zum Problem.
Und mit dem Problem meine ich die anhaltende Unterlegenheit der konservativen und rechten Positionen. Der entscheidende Punkt ist, dass wohl erstmals seit dem Entstehen politischer Parteiungen, d.h. seit etwa 1800,
die politische und wirtschaftliche Macht die konservativen Positionen nicht mehr stützt, sondern sie sogar bekämpft. Oder anders gesagt: Die Reichen und Mächtigen sind nicht mehr konservativ. Das ist ein absolutes Novum! Ein Novum, unter dem auch die Kirchen leiden.

So sehr hatte man sich daran gewöhnt, dass Teile der Oberschicht und der alten Institutionen gleichsam automatisch konservativ seien, dass sich nur wenige Konservative überhaupt die Mühe gemacht haben, konservative Positionen zu begründen, z.B. K. G. KALTENBRUNNER in den 1970ern.

Die daraus resultierende Diskurshoheit der Linken ist aufzubrechen. Und die Sezession macht das gut. Es gilt, linke Positionen unter Rechtfertigungsdruck zu setzen! Und dass der Traum der Linken von der harmonischen "Einen Welt" heute in Multikultistan nicht so recht klappt - das merken inzwischen auch Linke. Ein guter Ansatzpunkt für die geistige Auseinandersetzung mit ihnen.

Rumpelstilzchen
14. Februar 2013 14:51

@ Waldgänger
Auch ich sehe das Verhältnis zwischen der Linken und der Rechten nicht als den Schlüssel zum Problem.
Die Reichen und Mächtigen sind nicht mehr konservativ. Da ist was dran.
Die Kirchen in Deutschland sind schon lange nicht mehr konservativ, sie sind in den 60er Jahren genauso wie die Politik umerzogen worden. (Befreiungstheologie, feministische Theologie)
Auch die sog. Konservativen Medien sind im entscheidenden Fall nicht konservativ. Über das Gedenken an die Zerstörung Dresdens wird selbst in der FAZ mit einer TAZ-Überschrift und TAZ-Diktion berichtet:
"Neonazi-Marsch durch Dresden verhindert". Das tut weh.
Verbrechen durch Alliierte werden gerechtfertigt durch die immer wieder bemühte Kriegsschuld der Deutschen. Vermeintlich moralische Überlegenheit ignoriert nicht nur die Opfer, sondern rechtfertigt Verbrechen. Das ist unchristlich.
Die göttliche Linke macht es erst möglich, dass man ca. 500 Unbelehrbare nicht ignorieren kann. Und erschafft sich immer wieder neu ihren Mythos.
Das ist teuflisch.

Theosebeios
14. Februar 2013 15:46

Hm, Herr Bosselmann, Sorgen um die Linke mache ich mir eigentlich nicht; eine ungewohnte Perspektive überdies. Außerhalb der Universitäten begegnet man auch 'echten Linken' sehr selten. Leute, die sich links nennen (oder "eher links", wie es so feinsinnig bei den Befragungen 'unbefangener' Sozialwissenschaftler heißt), findet man natürlich oft. Aber schon bei der Frage, ob sie denn das echt linke "Kapital" kennen, das "Kapital, das keine Zinsen bringt" (Wahlkampfslogan der CDU in den 70er-Jahren), kenne ich wirklich keinen (mehr), der da nicht passen müsste. Die meisten (auch die intellektuellen) Linksgewandeten oder -gewendeten wissen wohl gar nicht, wer sie wirklich sind. Hier hat jemand Elsässer zitiert (Trotzkist, oder wie 'verortete' sich der?): voll auf die 12! Ein richtiges kleines Glaubensbekenntnis, das auch die intus haben, die es nicht einmal flüstern täten. Dazu braucht man natürlich nicht Marx zu lesen; der könnte auch eher hinderlich sein.
Für den 'echten' Linken sind Adorno u. Co. bloß vom Nihilismus angekränkelte bourgeoise Denker. Da haben sie, meine ich, vielleicht nicht ganz unrecht. Aber warum denn nicht die "Dialektik der Aufklärung" mal nach rechts wenden? (Nur zu, wohl bekomm's! pflegt zu solchem Ansinnen ein alter Bekannter zu sagen, und dass er sich gerne wieder einmal überraschen lasse ...)
Wenn's der Netzadministrator erlaubt, füge ich hier eine kleine Quizfrage an. Früher habe ich damit den gesteigerten Unwillen meiner Kollegen erregt. Vielleicht ist man hier offener? Die Frage lautet, ob das Zitat aus dem Jahre 2006 von "echten" Rechten, "echten" Linken oder gar aus dem Herzen einer unverfälschten Mitte kommt:

Ein neues Gesetz für den lauteren Wettbewerb
Aufatmen für Schwule, Rollstuhlfahrer, Neger, Muselmanen und alle anderen ‚Schwachen‘ – ab sofort ist Diskriminieren gesetzlich verboten!
Ein kleines Gesetz eigens für die Erniedrigten und Beleidigten im Land, das ihre Diskriminierung verhindern und „zum Schutz der Schwächeren bestimmte Standards und damit der Vertragsfreiheit gewisse Grenzen setzen“ soll – das wär's. Ein feiner Zug des Gesetzgebers, ohne Zweifel, wenngleich sich die Frage schon stellt, ob sich da nicht ausgerechnet der dickste Bock zum Gärtner am zarten Pflänzchen der Mitmenschlichkeit bestellt. Immerhin fällt das Diskriminieren, gegen das die rotgrünen Humanisten aus purer Sympathie mit den ‚Schwachen‘ per Gesetz vorgehen wollen, ja nicht vom Himmel: Das kommt zuallererst über den Staat in die Welt, den sie verwalten.

Nihil
14. Februar 2013 18:33

Ich schließe mich der Auffassung an, dass man die "Dialektik der Aufklärung" sehr gut von rechts lesen kann. Aber muss man es? Ich meine, es wäre ein witziges Experiment, aber wieso ist es überhaupt möglich? Es ist ja nur deshalb möglich weil auf die zuvor zitierten "rechten" Zutaten zurückgegriffen wurde um ein "linkes"(?) Gericht zu zaubern. Dazu kommt sicherlich noch ein Schuss (Deutschland-)Nostalgie seitens der Frankfurter Schüler angesichts der in der Emigration vorgefundenen real existierenden US-"Kultur" (besser: Wirtschaft). Ist es nun wirklich sinnvoll dieses Gericht in seine Zutaten zurückzuführen um daraus etwas "Rechtes" zu backen? Wie gesagt: durchaus witzig, aber - meiner Auffassung nach - eher Zeitverschwendung.

PS: Der "Fiebertraum"-Schreibstil der Frankfurter Schüler und die ständige Verdrehung der Welt mit psychoanalytischen Ansätzen (Wer dagegen ist, ist besonders dafü!. Immer "dahinter" schauen, wo nichts dahinter ist! Herrschaft des Verdachts!) ist alleine schon eine absolute Zumutung und wäre Grund genug, dass dieses sonst nicht ganz uninteressante Büchlein den Verachtungstod stirbt.

Rainer Gebhardt
14. Februar 2013 19:58

@ Waldgänger

„Mit Marcuse wäre sie (die Diskussion) möglich gewesen.“

Sicher wäre sie das. Nur muß, wer sich auf die Diskussion einläßt, schwindelfrei sein oder sich anschnallen, sonst segelt er bei den vielen Linkskurven über die Kante.

Marcuse hielt die westliche Demokratie für „im Wesen totalitär“. Sie funktioniere nur deshalb, weil die Triebstruktur der Menschen qua Konsum deformiert sei. Diese deformierte Triebstruktur wiederum erlaube es dem System, die Subjekte politisch und institutionell zu verwalten. Befreiung aus diesem „Gehäuse der Hörigkeit“ (Weber) sei nur möglich, wenn die „ ’triebmäßige’ Basis für die während er langen Geschichte der Klassengesellschaft blockierte Freiheit“ geschaffen werde. Die (neue) Linke las das immer so: alle Strukturen, die Selbstentfaltung, Freiheit und Autonomie verhindern, müssen abgeschafft werden. Und hier bediente man sich dann auch bei Adorno/Horkheimer, die mit der Theorie des „autoritären Charakters“ (Kernelement der Faschismustheorie der Frankfurter Schule) einen Teil des Begriffsarsenals geliefert hatten, aus dem die antiautoritäre Pädagogik sich dann den Erziehungsstil bastelte, mit dem die „in der bürgerlichen Familie entwickelten Autoritätsverhältnisse“ zerschlagen und der „neue Mensch“ geschaffen werden sollte. Im Alltag sah die Befreiung nicht selten aus wie Verwahrlosung. Und wo sie dann revolutionär wurde, diese Praxis, war sie sittlich und moralisch enthemmt.

Ich weiß nicht, wo und wie ein konservatives Denken bei Marcuse anschließen könnte. Klar, seine Gesellschaftstheorie enthält kulturkritische und konservative Elemente. Meistens stammen sie von anderen Denkern und werden von Marcuse als polemischer Handlauf benutzt. Und irgendwo beißt sich Marcuses Befreiungstheorie auch selbst in den Schwanz oder es ist Ironie der Dialektik: Dem Menschen mit der „befreiten Triebstruktur“ liefert eine ebenso befreite Ökonomie sämtliche Befriedigungsmöglichkeiten.

Das Problem, das ich irgendwann mit linken Theorien hatte: Sie enthalten ein Versprechen, das nicht eingelöst werden kann, ohne daß irgendwann Kommissare die Reihen säubern. Und das ist vielleicht das Dilemma des Konservatismus: Er kann nichts versprechen. Denn seine anthropologische Grundlegung gestattet keine irdischen Himmelfahrten. Mit Kant gesprochen: „Aus so krummen Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz grades gezimmert werden.“

Waldgänger
15. Februar 2013 08:07

@ Rainer Gebhard................................
Stimme Ihnen vollkommen zu:

Das Problem, das ich irgendwann mit linken Theorien hatte: Sie enthalten ein Versprechen, das nicht eingelöst werden kann, ohne daß irgendwann Kommissare die Reihen säubern.

..............

Ich meinte übrigens weniger, dass man bei Marcuse inhaltlich anknüpfen könnte (nur da, wo Sie es erwähnt haben), sondern dass er überhaupt fähig zu einer intelligenten Diskussion gewesen wäre. Er hätte soviel Niveau gehabt, dass immerhin überhaupt ein Gespräch zustande gekommen wäre.
Denn die Diskussionsverweigerung ist ja ein Kennzeichen der heutigen Linken.

...............

Ja, der Konservatismus kann nichts versprechen.
Haben Sie gut geschrieben. Aber damit ist er wenigstens ehrlich.

Aber in einer heillosen Zeit, einer hoffnungslosen Zeit, einer atheistischen Zeit, wollen die Leute doch ein Heilsversprechen ...

Ein Fremder aus Elea
15. Februar 2013 08:26

Starke Kolumne, Herr Bosselmann.

Mal sehen, ob ich selber noch über ein verwandtes Thema schreiben werde, geht um eine Analyse der Struktur der Kommunikation in einer Gesellschaft, aber bisher reicht der Stoff nur für einen Ausspruch.

Rumpelstilzchen
15. Februar 2013 09:32

@Rainer Gebhardt
Und das ist vielleicht das Dilemma des Konservatismus:
Er kann nichts versprechen.
Ich glaube, das trifft es!! Und das ist wohl, was die meisten Menschen nicht auszuhalten in der Lage sind.
Dazu ein Gedicht , mal wieder von Theodor Storm (1865), der als "Heimatdichter" unterschätzte Prototyp eines auf-rechten Konservativen, klarer und stärker als Nietzsche:

GRÖSSER WERDEN DIE MENSCHEN NICHT

Größer werden die Menschen nicht;
Doch unter den Menschen
Größer und größer wächst
Die Welt des Gedankens.
Strengeres fordert jeglicher Tag
Von den Lebenden.
Und so sehen es alle,
Die zu sehen verstehn,
Aus dem seligen Glauben des Kreuzes
Bricht ein andrer hervor,
Selbstloser und größer.
Dessen Gebot wird sein:
Edel lebe und schön,
Ohne Hoffnung künftigen Seins
Und ohne Vergeltung,
Nur um der Schönheit des Lebens willen.

Gottfried
15. Februar 2013 10:49

@ Theosebeios

"Ein neues Gesetz für den lauteren Wettbewerb
Aufatmen für Schwule, Rollstuhlfahrer, Neger, Muselmanen und alle anderen ‚Schwachen‘ – ab sofort ist Diskriminieren gesetzlich verboten!"

Setze bei diesem Zitat eine mittlere Summe auf einen echten Linken. Eine feindliche Einstellung gegenüber der mächtigen Staatsbürokratie, die den Neuen Menschen erschaffen will per Erziehungsdiktatur liegt dem Kommentar zugrunde. Problematisch ist bei dem echten Linken häufig weniger die Diagnose, als die Frage nach der Therapie, nach dem politischen Subjekt, daß sich gegen unbefriedigende herrschende Verhältnisse dann auch zur Wehr formiert.
Von wem ist es denn nun, bin sehr neugierig?

Gab bei den Jenossen Lazar Moiseyevich Kaganovich und dem stählernen Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili auch schon Versuche, die repressiven Familienstrukturen abzuschaffen, kollektive Unterbringung der Arbeiter, die dann aber per Kreidestrichen auf dem Boden ihre persönlichen Bereiche unterschieden (lat. "discriminare") haben.

Halte eine alleinige Sortierung "links" versus "rechts" für zu unscharf. Zumindest als Ergänzung schlüge ich die Unterscheidung
"realitätsorientiert/idealistisch/universalistisch/humanistisch/objektiv" versus
"wirklichkeitsorientiert/partikularistisch/gruppenorientiert/
subjektiv" vor.

"Objektiv" alles, was sich in der - von den Mächtigen konstruierten - Realität "kommunizieren" läßt, "subjektiv" die Wirklichkeit, meine schlechte Laune im Moment, die Liebe zu meinen Kindern, die Sympathie zu einem Arbeitskollegen, meine Freude an bestimmten Landschaften usw.

Sowohl Humanisten (amerik. auch "philanthropists") wie z.B. David Rockefeller, Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein oder Goldman-Sachs- und WHO-Mann Peter Sutherland (EU, VN) als auch angeblich "linke" Humanisten und Humanistinnen wie Claudia Roth oder der Bilderberger Trittin setzen sich für ihre "Menschen" ein, für die rechtliche Einrichtung des Zusammenlebens gleichgeschlechtlich Orientierter als "Ehe".

Der Humanist ist "objektiv", denn er abstrahiert. Der Humanist sagt: "Menschen führen einen Dialog.
Der Partikularist sagt: "Günter hat gestern mit seinem Chef endlich mal Tacheles geredet."
Die "Menschen" sind quasi gleich, haben z.B. alle als Bankkunden eine Nummer und lassen sich als Gleiche viel besser "händeln" als als Ungleiche.

Der Partikularist ist subjektiv. Er beurteilt die Welt von seiner Lebenswirklichkeit, seinem körperlichen Standpunkt aus. Partikularisten sorgen für lästige Mehrkosten, wenn internationale Unternehmungen die Welt noch besser vernutzen wollen.

Ein Fremder aus Elea
15. Februar 2013 11:22

Gut, habe ich jetzt getan. Wenn es interessiert:

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2013/02/wandel-der-kommunikation-im.html

Geht auch um die angesprochene Versteinerung. Habe den anleitenden Aspekt dabei bisher nicht behandelt, eher eine Problembeschreibung als ein Beitrag zu seiner Lösung.

Theosebeios
15. Februar 2013 13:50

Lieber GOTTFRIED, die Wette hätten Sie gewonnen!
Das Zitat stammt aus der Zeitschrift "Gegenstandpunkte"; ein Theorieorgan, das erst erschien, als die es tragende Gruppe sich selbst aufgelöst hatte (um 1990). Die "Marxistische Gruppe" war (oder ist?) eine echte Kaderorganisation nach Lenin'schem Vorbild, obwohl man Lenin als Simpel hinstellte, der nichts begriffen hatte. Die MG (ursprünglich AK, niemand sollte sich bei der neuen Abkürzung was denken) war die mitgliederstärkste linke Organisation, wenn man von der heutigen Linkspartei einmal absieht. Sie hat sich nicht nur als Organisation formell aufgelöst, sondern auch in den VS-Berichten. Eigenartigerweise findet sich ihr destruktiver zynischer Geist heute bis in die CDU/CSU hinein. (Wesentliche Ideologieträger, heute zwischen 50 und 70, stammen überdies aus Bayern.)
Die MG und ihre Vorgänger haben in den 60er-Jahren Adorno und Co. begierig aufgesogen und anschließend ausgespien ... Aber ich will mich hier nicht in Details verlieren.

Ach, noch eine Ergänzung zu RAINER GEBHARDT:
Die hier angesprochene MG hat auch nichts versprochen! Sie hat den Illusionismus ihrer linken Brüder und Schwestern (intuitiv oder unbewusst) durchschaut. Erst mal alles - bis auf Hegel und Marx - (intellektuell) zerstören, dann können wir uns weitersprechen. Sie finden diesen Geist heute ausgeprägt bei der fem. Philosophin Judith Butler. Die hat in Heidelberg gut zugehört. Bei den "Roten Zellen" (nicht zu verwechseln mit den späteren Terrorgruppen) hieß das Konzept noch "Kritik der bürgerlichen Wissenschaft".
Ich schließe nicht aus, dass wir von den "Linken" auch etwas lernen können. Mehr noch aber müssen wir uns vor Leuten und ihrer Ideologie vorsehen, die solche wie uns vorzugsweise über Kimme und Korn betrachten. Maßgeblich ist dabei nicht, ob einer wie Marcuse mit Herrn Bosselmann diskutiert hätte. Vermutlich wäre er (B.) schon damals im Angesicht von M. aus dem "Teach-in" an der FU Berlin hinausgeprügelt worden.

Rumpelstilzchen
17. Februar 2013 14:01

Verweise im Zusammenhang dieser Diskussion nochmals auf den Beitrag von Norbert Bolz im focus Nr 37 von 2010 : DIE NEUEN JAKOBINER

Zitat: " Unsere Gesellschaft, die sich weder an Religion noch an bürgerlicher Tradition und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, der in Unis, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird".
Das MORALBONZENTUM (Thomas Mann in Betrachtungen eines Unpolitischen) gerät derweil in Schwulitäten.

Angesichts von Großstädten, die Alarm schlagen ob der Armutseinwanderung (FAS 17.2.13 Titel) werden die Wortfindungsstörungen immer skurriler, plötzlich heißen Migranten politisch korrekt Armutseinwanderer, als wären die frühen Einwanderer nicht auch arm gewesen. Diese armen Roma haben laut Integrationsminister Schneider "aufgrund ihrer Qualifikation kaum eine Chance, gute Arbeit zu finden".
Großstädte sind plötzlich von Armutseinwanderung betroffen. Man ist überfordert von Menschen, deren "Bildungssituation in spezifischer Weise prekär" sei. Aber man fürchtet in Verkennung von Ursache und Wirkung "fremdenfeindliche Kräfte, die diese Situation als Reflexionsfeld" erkennen und den sozialen Frieden stören......
Jetzt wo das Moralbonzentum aufgestört wird, wird es immer gestörter.

Marc
17. Februar 2013 17:36

Ich denke, es ist falsch, sich „der Linken“ (im künftigen immer so pauschalisierend benannt, obwohl natürlich empirisch nicht haltbar) dahingehend zu nähern, dass ihr unterstellt wird, sie würde mit vollem Bewusstsein aus satanischen oder auch einfach nur dekadenten Gründen willentlich und wissentlich auf einen Gegner eintreten, der ohnehin schon auf dem Boden liegt.

Man sollte schon für einen Moment versuchen, die Welt auch aus deren Sicht zu betrachten. Und aus dieser Sicht hinaus ist es eben keinesfalls so, dass der „Sieg“ der Linken bzw. der Emanzipation irgendwie dadurch erreicht wäre, dass bei Jauch ein Jürgen Trittin einem Thilo Sarrazin als moralische Autorität gegenübergestellt werden kann oder dass es keinen führenden Politiker gibt, der sich selbst als „rechts“ bezeichnen würde.

Viel eher kann der weitere jakobinische Eifer der Linken nur dadurch verstehbar gemacht werden, dass die Gesellschaft eben bei weitem nicht aus einer zwingenden Gesamtperspektive so links-emanzipatorisch geworden ist, wie es der bloß Rechte so gerne sehen würde. Viel eher dürfte seine Wahrnehmung genau spiegelbildlich sein: Während für den „Rechten“ Staat und Linke ein Bündnis gegen Rechts eingegangen sind und bald 250 Jahre Französische Revolution nach und nach alle Fundamente beseitigt haben, stehen für den „Linken“ Staat, Kapital und Patriarchat nahezu genauso wie anno 1914, 1923 oder (bei den Extremen) sogar 1933 weiterhin fest im Bündnis gegen den wirklichen Fortschritt und die wirkliche Selbstbestimmung des Menschen.

Die Schlüsselbegriffe zum Verständnis der „linken“ Perspektive scheinen mir jene der „deutschen Normalzustände“, des „Extremismus der Mitte“ oder einfach der „latent rassistisch-sexistischen Mehrheitsgesellschaft“ zu sein. Für die Linke beginnen rechte Strukturen eben nicht bei NPD-Wahlergebnissen, sondern in jedem Einzelnen, der immer noch kritisch gegen Einwanderung ist, in traditionellen Gefügen (Familie, Kirche, Korporation, Schützenverein...) lebt und der eben nicht dem entspricht, was Claudia, Jürgen und die taz so von sich geben. Und das sind nicht die Minderheiten, das sind trotz medialem Überbau immer noch die latente Mehrheit der Bundesrepublik, was auch regelmäßige Umfragen zu fremdenfeindlichen Einstellungen belegen. Kurz gesagt: Solange in einer Studie der Friedrich Ebert-Stifung gezeigt wird, dass große Teile der Bevölkerung latente oder auch festere Vorurteile gegen die universelle Gleichheit haben, ist für die „Linke“ auch kein Sieg errungen und der Kampf hat gerade erst begonnen.

Da merkt der „Rechte“ auch, warum er mit dem Stärken traditioneller und konservativer Strukturen im eigenen Umfeld tatsächlich der „Linken“ weit mehr ein Dorn im Auge und gewissermaßen auch gefährlich ist, als er selber vielleicht denkt. Denn die Linke mag sich zwar einigermaßen der medialen Hegemonie bewusst sein; mit deren Machtreichweite endet aber auch ihre. Übrig bleiben nur Versuche, durch politische Veordnungen (Homo-Ehe, Antidiskriminierungsgesetz, etc.) „emanzipatorisches“ Denken von oben zu oktroyieren, aber dennoch weiß sie, dass sie damit das reale Denken nicht oder nur schwer verändern kann. Der „Extremismus der Mitte“ bleibt immer die Gefahr und für die Linke ist daher eine plötzliche erfolgreiche Rechtspartei wie die FPÖ weit weniger ein Schreckgespenst, als viel mehr eine völlig logische und realistische Folge der reaktionären Normalzustände. Daher MUß für die Linke auch das Private politisch sein. Und dieses Politische ist und bleibt für sie eine ständige Bedrohung.

Das war jetzt ein Versuch, eine „linke“ Perspektive nachzuzeichnen. Der übliche „Linke“ hat genauso wie der übliche „Rechte“ immer nur eine Perspektive der Beobachtung erster Ordnung auf die Gesellschaft und sieht daher das jeweils andere Lager stets im (nahezu allmächtigen) Bündnis mit dem Staat, um die eigenen Misserfolge zu erklären.

Der Beobachter zweiter Ordnung sollte hier darüberstehen. Auch, wenn er selbst vielleicht sekundär mehr Sympathien für das eine oder das andere Lager hegt.

Luise Werner
18. Februar 2013 14:43

@ Marc

Ich will hier keinen eigenen Beitrag leisten. So gut formuliert bekomme ich das auch nicht hin.
Aber ich möchte Ihnen weitgehend beipflichten. Ich hatte es auch unter einen anderen Bosselmann-Artikel schon mal so ähnlich geschrieben. Wer es schafft, immer mal noch mit einem Linken ins Gespräch zu kommen, der merkt, wie sehr die Linke sich in Bedrängnis sieht. Man hat den Eindruck, dass sich der Linke permanent als Bollwerk gegen eine (rechte) Bewegung sieht, die bei geringstem Nachlassen seiner Anstrengung alles zu überrollen droht. Sie wähnt sich in einem Abwehrkampf, der sich aus der Mutmaßung speisst, das Kleinbürgertum sei perse potentiell (rechts-)faschistisch.
Ein Gefühl für den eigenen Faschismus spreche ich den vielen Linken zu ihren Gunsten ab. Das sei reserviert für die ganz wenigen Strategen ganz oben.

Waldgänger
18. Februar 2013 17:31

@ Marc

Danke für Ihren sehr lohnenden Kommentar!

Stimme Ihrem Hinweis zu, dass für die Linke das gegnerische rechte Lager schon in der Mitte beginnt und dass sich die Linke deswegen schwächer wähnt als man glaubt.
Ein wichtiger Punkt, der vieles erklärt!

Spätestens seit 1968 (Dutschke-Attentat) sieht sie das deutsche Kleinbürgertum und auch die Arbeiterschaft(!) als halbfaschistisch und für ihre Sache verloren.

Ihre gängelnde Medienhegemonie betrachten Linke daher als berechtigte Maßnahme in einem völlig unentschiedenen Abwehrkampf gegen die "Mächte des Bösen".

Und im Stillen sind sich natürlich auch viele Linke im Klaren darüber,
wie weit sie vom tatsächlichen Volk entfernt sind, wie isoliert sie sind,
wie sehr ihre gegenwärtige Stellung von der Medienkontrolle und der Hilfesstellung aus der Politik und "Wissenschaft" abhängt.

Das wiederum bestärkt sie um so mehr, so eine Art Erziehungsdiktatur für erlaubt zu halten .... also jene PC !

...........

Diese linke Sichtweise wäre natürlich weniger ausgeprägt, wenn sich die Linke nicht (im Schutz und Windschatten der Globalisierung) so weit nach links exponiert hätte!

Innerhalb der Linken kann man ja seit ihrem kurzzeitigen Katzenjammer von 1990/92 einen ausgeprägten Linksruck feststellen.

Der Linksruck ist in Wahrheit sogar noch viel ausgeprägter als es viele meinen.
Der (gegenwärtige) Verzicht auf Attentate oder Revolutionsrhetorik sollte darüber nicht hinwegtäuschen. Die extreme "ewige Linke" (Nolte) ist heute weit stärker als etwa 1990 oder 2000!

Man hat auf Seiten der Linken aber gelernt, dass man gegenwärtig mittels Dekonstruktion und Unterhöhlung bürgerlich-konservativer Positionen mehr erreicht als mit offenem Straßen- und Klassenkampf.
Obwohl es inzwischen auch letzteren wieder gibt - siehe die Krawalle in Berlin am Wochenende.

Der Stärke des Linksrucks hat auch damit zu tun, dass die Moralisierung der Politik stark zugenommen hat.
Man spricht ja auch schon von einer "Zivilreligion".
Der politische Gegner hat in der Sicht vieler Linker nicht mehr bloß andere Interessen, sondern er ist moralisch minderwertig.
Das ist natürlich eine überaus gefährliche Tendenz, die sehr viel zur Radikalisierung beiträgt.

Torsten Lange
18. Februar 2013 18:54

Die 68-er, zu denen auch ich gehörte, hatten mehrheitlich die "Dialektik der Aufklärung" nie gelesen, sich bestenfalls einiger ihnen genehmer Versatzstücke aus den "Minima Moralia" bedient. Sie interessierten sich nicht für die präzise Beschreibung des Weges der Aufklärung hin zum neuen Totalitarismus in Gestalt eines den Menschen verdinglichenden Liberalismus, dessen institutionelle Agenten sie nun geworden sind. Ihnen war (und ist) die Aktion als Selbstzweck ebenso wichtig wie Hedonismus und Werteverschiebung hin zu einem neuen Einheitsmenschen.
Lebte er noch , Adorno hätte den ehemaligen Fraktionskollegen Josef Fischer (ich war damals MdB der Grünen, verließ 1987 jedoch angewidert die Partei) intellektuell zu dem schrumpfen lassen, was er ist: ein sich rotzfrech-individuell gebärdender Zeitgeistreiter auf dem Weg zum formatierten Subjekt in Denken, Sprechen, Fühlen und Handeln!
Der Unterschied zwischen Adorno und Günter Rohrmoser, dessen Hohenheimer Seminare in Inhalt und Form ich sehr geschätzt hatte, ist im Beklagen des Verlustes von Identität und dem Instrumentalisiertwerden der Menschen auf Konsum und Sexualität gar nicht so groß. Als Lutheraner hatte Rohrmoser noch Hoffnung auf eine Demokratie, die Kraft zur geistig-politischen Innovation rekonstruieren könnte. Adorno dagegen sah im Holocaust die Aufklärung als zu sich selbst gekommen verortet.
Jedenfalls hat es die Rechte mit ihrer reflexhaften Abwehr gegen die Frankfurter Schule bislang versäumt, deren Analyse des Verlustes gründlich zu studieren und ihr Substrat nutzend gegen die Linken zu wenden. Botho Strauss`"Anschwellender Bocksgesang" sollte im Lichte der Gegenwart 2013 nochmals gelesen werden.

Gottfried
18. Februar 2013 20:23

@ Waldgänger

"Diese linke Sichtweise wäre natürlich weniger ausgeprägt, wenn sich die Linke nicht (im Schutz und Windschatten der Globalisierung) so weit nach links exponiert hätte!"

Da wird über Schmidtchen gejammert und gegrübelt bis zum Anschlag, während der Schmidt nur ganz am Rande in der Klammer kurz erscheint, und das auch nur unter dem Euphemismus "Globalsierung", ein weltweites Programm, daß ganze Völker und Kontinente für die Zwecke einer winzigen Elite von Finanzunternehmungen besser vernutzbar machen will.

Die sogenannten "Linken" wären doch nur ulkige Randnoten der Geschichte, gebe es nicht sehr mächtige "Menschen"freunde, wie z.B. den Migränebeauftragten der VN und EU Peter Sutherland (Goldman Sachs, WHO, Ex-BP, Pleitebankier uvm.) oder jede Menge "philanthropists" in den VSA ala Julius Rosenwald oder die Rockefellers.
Wer ist denn bitte ein Magnus Hirschfeld oder auch gleich die ganze Frankfurter Schule, wenn es keine millardenschweren Rockefellers gibt, die humanistische Projekte finanzieren, wie seinerzeit z.B. den Kinsey-Report?
Sind die ganzen Medien, wie z.B. auch der nach der geistig-moralischen Wende immer weiter erstarkte BERTELSMANN-Konzern (RTL, Random House), der in der internationalen Spitzenliga mitspielt, die sehr viel für den Humanismus tun, denn wirklich "links" orientiert?

Theosebeios
18. Februar 2013 23:01

Da darf man doch große Zweifel haben, Herr Lange, ob sich das "Substrat der Frankfurter Schule" gegen die Linke wenden ließe, eine Meinung, die offenbar auch Herr Bosselmann im Hinblick auf die "Dialektik der Aufklärung" vertritt. Dem geisteswissenschaftlich Interessierten mag dies als Lebensaufgabe gegönnt sein, ein Versäumnis sehe ich hier nicht. Auch ist bekanntlich "reflexhafte Abwehr" manchmal ein Zeichen eines guten Immunsystems. Man schmeckt und riecht und verschmäht das eigenartige Gebräu, an dem sich viele ihr klares Denken verdorben haben. Das 'Wenden gegen ...' enthält bereits den instrumentellen Bezug, mit dem man den Linken (und der Frankfurter Schule) auf den Leim geht. "Whose side are you on?" lautete die inquisitorische Frage eines kritischen amerikanischen Sozialwissenschaftlers, dessen Name mir entfallen ist. Er hat das noch heute gültige Credo der 68er-Intellektuellen gelungener formuliert als Marcuse und etwa einen Schelsky derart zermürbt, dass dieser verdienstvolle Soziologe sich schließlich als "Anti-Soziologe" glaubte bezeichnen zu müssen. Man übersehe bitte nicht, dass die letzten echten Schüler von Adorno und Horkheimer wie Werner Becker (schrieb eine glänzende Marxismus-Kritik und wurde Liberaler, aber ein guter) oder Alfred Schmidt ganz andere Wege gegangen sind. Frankfurter Schule, das sind heute Habermas, der mit seiner Kommunikationslehre so wunderbar den Zeitgeschmack der endlos debattierenden Intellektuellen traf, und sein Nachfolger in Frankfurt, Axel Honneth. Wenn man also "anschlussfähig" werden will, setze man sich doch mit Honneth auseinander. Das klingt jetzt vermutlich spöttisch oder von oben herab, ist aber nicht so gemeint, denn wenn es gelänge, Honneths rastlosen "Kampf um Anerkennung" auf anschauliche Weise zu zerpflücken - aber bloß nicht im Stil der MG! -, wäre für rechtskonservative Intellektuelle einiges gewonnen. Vielleicht würden sogar ein paar 'Studierende' abtrünnig sowie auch ihrem albernen Namen überdrüssig. Wenn sich dann dabei ein "Substrat" fände (ganz entgegen der auch hier schon geäußerten Annahme, dass es solches ja gar nicht mehr gibt, weil gefälligst alles aus Verhältnissen und Differenzen zu bestehen hat), das unserem Anliegen freundlich gesonnen ist, umso besser ...

Waldgänger
19. Februar 2013 09:15

@ Gottfried

Stimme Ihnen absolut zu, dass die wieder erstarkte Linke bedeutungslos wäre, wenn sie nicht von den ebenfalls supranational denkenden Liberalen, Investoren, Bänkern und ihren Handlangern in den Parteien geschont werden würde.

Und manche, wie z.B. die Leute von Bertelsmann und Goldman & Sachs, haben ganz klug erkannt, wie schön man eine nicht mehr zu intellewktueller Analyse und korrekter Lageeinschätzung fähige Linke benutzen(!) kann.

Wie schon mehrfach an anderer Stelle gesagt: die Linke als die nützlichen Idioten des liberalen Großkapitals beim Abräumen von störenden Traditionen, Werten und Nationalstaaten.

Und dass die Linke von den wirklich Mächtigen benutzt wird, instrumentalisiert wird, das wird seltsamerweise(!) nur wenigen Linken klar.
Jene, die es bemerkt haben, wie z.B. der heutige Jürgen Elsässer, werden dann rasch zu Renegaten.

Sie schreiben:

Die sogenannten „Linken“ wären doch nur ulkige Randnoten der Geschichte, gebe es nicht sehr mächtige „Menschen“freunde, wie z.B. den Migränebeauftragten der VN und EU Peter Sutherland (Goldman Sachs, WHO, Ex-BP, Pleitebankier uvm.) oder jede Menge „philanthropists“ in den VSA ala Julius Rosenwald oder die Rockefellers.

Ja, so kann man das sagen!

Ja, das macht eben die Linke der Gegenwart aus: ihr dramatisch zurückgegangenes intellektuelles Potenzial in Sachen Lageeinschätzung.

Eben darauf hat ja hier soeben auch @ Torsten Lange hingewiesen. Selbst Leute wie J. Fischer sind in Wahrheit intellektuell dünn und bloß in Selbstdarstellung und Rhetorik gut.

Rumpelstilzchen
19. Februar 2013 09:34

@ Torsten Lange @ Theosebeios
Ich gehörte nie zu den 68-ern, war nie rot und nie grün und hatte gegen diese Strömungen schon immer ein "gutes Immunsystem".
Schon in den 70er ! Jahren schrieb Iring Fetcher in "Stichworte zur geistigen Situation der Zeit":
" Offenbar gibt es in der Jüngeren Generation ein wachsendes Bedürfnis nach nationaler Identität. Nach vielen Jahrzehnten maximaler Distanz zu Deutschland, die bei den einen in sozialistischem Internationalismus, bei den anderen in kosmopolitischem Konsumismus sich äußerte, ist das Bedürfnis, der Wunsch, -man selbst- , auch national etwas Eigentümliches zu sein, wieder erwacht." Das wurde in den späten 70er Jahren geschrieben!!
Ich pfeife auf die Dialektik der Aufklärung.
Sozialistischer Internationalismus wird heute durch globalen Multikulturalismus ersetzt , kosmopolitischen Konsumismus leben die Lifestyle-Germans am Prenzlauer Berg. Nothing changed.
Wenn Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ist und es keine Mündigkeit gibt, ohne sich zu verschulden, worin bestände dann die Dialektik der Aufklärung ??

Torsten Lange
19. Februar 2013 10:44

@ Rumpelstilzchen

Um hier keine Überlänge zu produzieren - es gäbe viel dazu zu sagen - hier in Kurzform eine Antworten als Streiflichter:

1. Man sollte die 68-er schon historisch bewerten. Die Väter und andere Autoritäten gaben keine oder ausweichende Antworten. Es entstand eine Glaubwürdigkeitslücke für eine fragende Nachkriegsgeneration, die dann das Heft selbst in die Hand nahm , sich eigene Interpretationen schuf, mit denen sie dann ihren Marsch durch die Institutionen begann: leider mit den heute zu beklagenden Folgen!
Daraus im Nachhinein ein eltär daher kommendes Privileg zu konstruieren, man sei ja immer schon skeptisch und deshalb nicht dabei gewesen, ähnelt dem Hochmut der APO-Bärte gegen die Väter, die dabei waren (Sie wissen, was ich meine).

2. Die Grünen von heute zu bewerten, ohne deren Genese in den Blick zu nehmen unterschlägt, dass der Umweltschutz und der Kampf gegen die fremdbestimmte Verfügung über atomare Ersteinsätze auf unserem Boden durchaus konservativen Grundhaltungen entsprach. Haußleiter, Gruhl, Springmann, die frühe Petra Kelly, Antje Vollmer , Alfred Mechtersheimer, u.a. standen dafür. Auch ich gründete die Grünen mit, weil mir zuwider war, dass u.a. in meinem damaligen Wohnort Schwäbisch Gmünd (Mutlangen) atomar bestückte US-Raketen unsere (unter Besatzungsrecht stehende) Heimat im Ernstfall "verteidigen" sollten.Über meine Diskussionen mit NATO-Militärs könnte ich Bände füllen.

3. Glauben Sie wirklich, dass Fetchers Optimismus der 70-er Jahre heute bei jungen Menschen noch einen Resonanzboden hat, der Hoffnung machen könnte ? In vielen Schulen sind die Wände vollgekleistert mit "Wir -sind- Eine-Welt" und "Think Global"-Plakaten, in den Schulbüchern wird solches präzisiert und permanent reproduziert! Die "Nazis raus!" - Horden, die gegen manches Häuflein von Patrioten anbrüllen werden ja nicht weniger.

4. Ich weiß nicht, ob wir mit der "Dialektik der Aufklärung" dasselbe meinen. Jedenfalls haben Horkheimer und Adorno mit ihr etwas anderes im Blick gehabt als der Idealismus kantischer Ausprägung. Sie wiesen darauf hin, dass die zunehmende und als Befreiung von Mythen bejubelte technische Beherrschung der Natur sukzessive umgeschlagen ist in eine Entwicklung, die uns selbst technisch-rationale Muster des Denkens, Fühlens und Handelns auferlegt und die eine auf Profit ausgerichtete Kulturindustrie gnadenlos ausnutzt.

Konservativer
19. Februar 2013 12:55

Nun, ich als ehemaliger Linker trage eine gewisse Mitverantwortung für die gegenwärtig zurecht zu beklagenden Verhältnisse. Das ist zwar unangenehm für mich, aber Fakt. "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht". Allein die gegenwärtigen Verhältnisse sind für mich schon ein Teil meiner Strafe.
"Von Saulus zu Paulus!?", nun, ich habe weiß Gott nicht das Format eines Paulus, dennoch bin ich von einem "Kämpfer gegen rechts" numehr selbst zu einem Rechten geworden (bewirkt durch eine Art "Damaskuserlebnis"). In meinem Studiengang wurden u.a. "Kämpfer gegen rechts" herangezogen, man konnte sich dahingehend spezialisieren, was ich zwar nicht explizit getan habe (ich habe mich anderweitig spezialisiert), doch immerhin habe ich entsprechende Vorlesungen belegt, mich zumindest halbwegs eingelesen und meine Scheine gemacht.

Kürzlich habe ich mich mit der Niekisch-Linken (als so etwas wie eine nationale Linke) befasst, die ich zuvor nicht kannte. Die ist zwar durchaus nicht ohne Reiz, doch ich habe mich bewußt und unumstößlich rechts positioniert.
Meines Wissens ist die nationale Linke hier in Land gegenwärtig sowohl zahlenmäßig, als auch einflußtechnisch innerhalb der Gesamtlinken ohne Bedeutung.

Rumpelstilzchen
19. Februar 2013 14:34

@Torsten Lange
4 kurze Rückantworten
1. Die Glaubwürdigkeitslücke der Elterngeneration habe ich schon empfunden, trotzdem wurde ich kein 68-er. Mein Vater war kein Nazi und auch kein Verbrecher, aber er war Flakhelfer und hat all seine Kameraden im Krieg verloren, sein bester Freund wurde mit 17 Jahren abgeschossen. Ich sah als Kind nur, wie sehr er darunter litt. Und da war er glaubwürdig.
Mich als Nachfolgegeneration moralisch überlegen zu fühlen, kam mir nie in den Sinn und sollte auch nicht der Motor für eine Aufarbeitung sein.
2. Die Genese der Grünen ist mir schon bekannt, ja auch Baldur Springmann und Petra Kelly hatte durchaus meine Sympathie.
In Mutlangen stand ich( nur einmal! ) auf der anderen Seite, aber nicht, weil ich für die Aufrüstung war, sondern weil mich die Ignoranz der Linken bezüglich des Sowjetkommunismus ankotzte. ich dachte damals noch an so etwas wie den dritten Weg.
3. Ich selbst teile schon noch Fetchers Optimismus, weil man "sollte vor Hoffnung verrückt sein" ( Wolf Biermann) . Unsere Kinder sind auf eine andere Art Waldgänger und heimatverbunden, auch wenn wir das nicht verstehen müssen.
4. Kant und Horkheimer meinen sicher etws anderes mit Aufklärung, aber es gibt auch nichtlinke Denker , die kritisieren , was Horkheimer und Adorno kritisieren, vielleicht Karl Jaspers und auch konservative christliche Denker.

cashca
19. Februar 2013 19:49

@Waldgänger,
Das haben sie ser treffend beschrieben...
Zitat :
Die Linken als die nützlichen Idioten des Großkapitals....

Allerdings gibt es heute auch viele andere , die ebenfalls nur noch nützliche Helfershelfer für eine gerade absurde Entwicklung sind, die gar nicht mehr begreifen, was da passiert.
Wir haben viele gekaufte Politiker, ja sogar Teile der Wissenschaft werden gekauft.Medien sowieso.... heute ist alles möglich... Ausgang und Ende offen!

Waldgänger
20. Februar 2013 07:12

zu: Dialektik der Aufklärung

Die Wirklichkeit der letzten 100 Jahre hat die Skepsis am Projekt der Aufklärung, ihrer Janusköpfigkeit, Widersprüchlichkeit usw. ja zutiefst bestätigt.

So gesehen sind Denker wie WEBER, HORKHEIMER, ADORNO oder MARCUSE natürlich (hier) bestätigt worden.

Da Konservative aber sowieso fortschrittsskeptisch waren und
sind, gleichen sie dem Igel, der dem Hasen zuruft: Ich bin schon da!

Natürlich wurde auch ein Ernst JÜNGER bestätigt, dem der Prozess der Moderne spätestens seit den mittleren 1930er Jahren zunehmend mehr Widerwillen bereitete.

Und SPENGLER scheint in manchem auch recht zu behalten.

Gottfried
20. Februar 2013 10:02

@ Waldgänger

Einer meiner Lieblinglinken, nämlich Rüdiger Safranski, ist der Sache mit der Aufklärung mal auf den (Wiesen-)Grund gegangen und hat festgestellt, daß letzterer trotz herzhaft gepflegter Feindschaft eine Menge Parallelen zu Heidegger aufweist in seinem Denken.

Adorno hat ja zurecht die Totale Aufklärung gegeißelt, die blind für sich selber, ihre eigenen Grenzen sei, wie sie der Königsberger oder auch Schopenhauer ja noch in ihrer Erkenntnistheorie dargelegt hatten. Wie bei Heidegger ist das Abhandenkommen des Subjektes ein ganz zentrales Thema beider. Nach der Beherrschung der Natur über die Ratio der abhandengekommene, ohnmächtige Einzelne, der nunmehr von dem Werkzeug der Rationalität versklavt wird.

Habe kürzlich mal nachgelesen, wie nach 10/1917 in Rußland, wo es unter den Bolschewisten ja zunächst die KL gab, vom KL-Häftling Naftali Frenkel das Gulag-System erdacht worden ist. Ich glaube, mich hat seit Jahren nicht mehr so die Totalität des Rationalen erschüttert, wie unter dieser Lektüre. Die Erschaffung des Faktors gleicher und austauschbarer "Menschen" am Reißbrett.
Später dann mündend in die "Vernichtung durch Arbeit" wie beim Bau des Kanals vom Weißen Meer zur Ostsee unter Lazar Moiseyevich Kaganovich und Co., unter dem Zigtausende von Gulag-Arbeitssklaven unter klirrender Kälte und unter erheblichem Hunger ihr Leben lassen mußten.

Zaungast
21. Februar 2013 23:08

En passant mal ein paar Bemerkungen eines bekennenden Linken:

Was "Marc" hier schreibt ist meines Erachtens richtig - zumindest drei Abschnitte lang.

Der Rest seines Textes - wie auch Heino Bosselmanns Artikel - krankt an dem von Marc immerhin zumindest anfangs selbst bemerkten pauschalisierenden Verständnis dessen, was "links" sei.

Mir fällt immer wieder auf, dass die Beobachter in rechten Medien eklatant danebenliegen, wenn sie versuchen, ihren politischen Gegner ausfindig zu machen. Diese Orientierungsprobleme liegen freilich auch in diesem Gegner selbst begründet. Denn während jeder pubertäre Nachwuchslinke trotz völliger Ahnungslosigkeit das rechte Spektrum in seiner ganzen Breite allein anhand seiner Affinität zum Nationalstaat und zu traditionellen Familien- und Geschlechterverhältnissen schon einigermaßen zuverlässig identifizieren kann, ist für den rechten Polemiker mal die 'political correctness', mal Stalin, mal die SPD, dann die Französische Revolution, einerseits das klerikale Christentum, andererseits der Atheismus links - und spätestens bei den hier in Kommentaren als vermeintlich rechtsaffin entdeckten Marxisten Adorno und Marcuse passen dann die als "links" etikettierten Puzzelteile nirgends mehr zusammen.

Ich kann und will dieses Problem der Rechten mit der Identifizierung ihrer Gesinnungsfeinde nicht lösen, aber möchte doch zumindest einen Erklärungsversuch abgeben:

Radikale Linke würden in Gelächter ausbrechen, wenn man ihnen sagte, sie träumten von einer Mitte der Gesellschaft, die, wie Marc schreibt, "dem entspricht, was Claudia, Jürgen und die taz so von sich geben". Radikalen Linken - ob es jetzt Antideutsche seien, Anarchisten oder Marxisten aller Couleur - erscheint die einst "linksliberal" getaufte Mitte der Gesellschaft nicht linker als die CSU.

Wie kann es also kommen, dass sich (radikale) Linke wie Rechte von der Mitte und ihrer politischen Verwaltung gleichermaßen schlecht vertreten fühlen?

Könnte es nicht sein - so behaupte ich -, dass die sogenannte Mitte, die Massendemokratie und ihre Entscheider eben weder links noch rechts stehen, auch wenn sie sich mitunter so gerieren, als stünden sie dort, um Wähler anzusprechen, die sich in solchen Milieus verorten? Könnte auch ein Rechter einsehen, dass ein großer Teil der Linken sich weiterhin an der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft orientiert, somit antikapitalistisch engagiert ist, mithin keine Sympathisanten in Parlamentariern irgendwelcher Couleur erblicken kann? Dass das Ziel von marxistisch orientierten Linken z. B. nie die Homoehe, Multi-Kulti-Kieze oder oder die Frauenquote gewesen ist, sondern schlicht und schwierig die Abschaffung einer Gesellschaft, die unter dem wachsenden Zwang steht, aus Geld mehr Geld zu machen?

Die "Mitte", der die Parteipolitiker gerne ihre eigenen Positionen wie die Vernunft gleichermaßen zuordnen, bezeichnet doch nichts anderes als einen Katalog von demokratisch per Kreuzchen legitimierten Verwaltungsmaßnahmen, die das Wirtschaftswachstum, die Steigerung von Profiten, die Vermehrung von Kapitalwerten auf die eine oder andere Art befördern sollen - sei es durch die multikulturelle "Weltoffenheit" des Standortes, sei es durch Steuerreformen, sei es durch Rohstoffsicherung in "Schurkenstaaten". Was gemacht wird, muss gemacht werden, weil es wirtschaftlich förderlich ist - und dazu gibt es, man kennt das Wort, "keine Alternative" (Zitat Thatcher, Merkel et. al.).

In der Mitte stehen keine Linken und keine Rechten, und sie werden da auch nicht mehr stehen, weil die "Mitte" ein Euphemismus für den Zwang zur Kapitalverwertung ist, der die Mehrheit der Menschen zunehmend benachteiligt - und sie genau deshalb mit diesem freundlichen Wort, das scheinbar keinem wehtut, einlullen soll.

Heino Bosselmann
22. Februar 2013 09:48

"In der Mitte stehen keine Linken und keine Rechten, und sie werden da auch nicht mehr stehen, weil die "Mitte" ein Euphemismus für den Zwang zur Kapitalverwertung ist, der die Mehrheit der Menschen zunehmend benachteiligt - und sie genau deshalb mit diesem freundlichen Wort, das scheinbar keinem wehtut, einlullen soll." – Besser läßt es sich nicht sagen. Was Sie überdies oben schreiben, ist vollkommen richtig. Hinsichtlich der Demokratie interessiert mich: Ohne Zweifel etablierte die – teilweise zu hohem Preis – historisch höchst wertvolle Strukturen, die de jure noch fortbestehen. Inwiefern funktionieren sie so lebendig, daß sie erhalten werden können? Gibt es in kritischer Masse (noch) den urteilskräftigen Bürger oder ist er zum reinen oralfixierten Konsumenten degeneriert? (Oder war es nie anders?) Ich denke viel über die große Geschichte des Liberalismus nach und darüber, ob der außerhalb des Marktes geistig lebendig und sich seiner Güter bewußt ist. – In meinem kleinen Beitrag ging es eher um das Nachzeichnen einer gesitesgeschichtlichen Linie, die darauf hindeutet, daß die Aufklärung sich "abklärt" (N. Bolz). Noch etwas zur radikalen Linken: Ich sehe bei denen kein Potential, jedenfalls kein irgendwie intellektueles, was bspw. der Anarchismus (Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit) durchaus hat. Die radikale Linke sehe ich allein diffus-emotional motiviert. – Zur Mitte: Indem deren Fraktionen sich beinahe vollständig einnivellieren, geben sie sich m. E. politisch weitgehend auf, und das beschreibt ihr eingangs von mir zitierter Satz am allerbesten. Danke.

Rumpelstilzchen
22. Februar 2013 09:58

@Zaungast

"ein marxistischer Linker orientiert sich weiter an der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft, ist antikapitalistisch engagiert"

nur: die marxistische Linke hat schon lange fertig, dafür gibt es verschiedene Gründe
1. Einer ist nachzulesen in dem Klassiker von Nilolai Berdjajew von 1931:
Wahrheit und Lüge des Kommunismus, die m.E. Beste Kritik eines Exmarxisten am Kommunismus.
2. marx gründet seine revolutionär-messianischen Hoffnungen auf die schlechte Lage der Arbeiterklasse. Aber es gibt keine Arbeiterklasse mehr, die die neue Gesellschaft herbeiführt. Es gibt "strukturell überflüssige Menschenmassen" und diese haben kein revolutionäres Bewußtsein mehr, sondern wollen durch Umverteilung versorgt sein, um den sozialen Frieden zu sichern.
3. Die Linke kann ihre Utopie nicht länger aufrecht erhalten , auch weil sie die Verbrechen des real-existierenden Sozialismus nie aufgearbeitet hat.
Deshalb sucht sie ihre Nische im warmen Bürgertum ( Gregor Gysi ist so ein netter Mensch). Ein Rechter wird sich dagegen in der warmen Mitte nie wohl fühlen. Das Dilemma der linken ist wirklich, das ihr Paradies ein spießiges ist (Prenzlauer Berg). Nur kommt in dieses Paradies nicht jeder hinein, was Marx dem Proletariat noch versprach. Die Ausgebeuteten wollen an keine
Utopie glauben, sie wollen jetzt ins Paradies.

Theosebeios
22. Februar 2013 14:25

@ Zaungast
Nur eine Bemerkung zu vielen möglichen:

Dass das Ziel von marxistisch orientierten Linken z. B. nie die Homoehe, Multi-Kulti-Kieze oder oder die Frauenquote gewesen ist

Schön, dass Sie uns das bekennen, aber: überkommt Sie darob nicht auch das Grausen? Denn wenn es auch "nie" das Ziel der (marxistischen) Linken war, so hat sie es sich doch zu eigen gemacht, mehr noch: agiert hin und wieder als Speerspitze der Bewegung. Die Ideologen mögen es für sich (noch) als Mittel zu ihren echt antikapitalistischen Zwecken deklarieren, tatsächlich hat unter ihren in Unschuld gewaschenen Händen längst eine Zweck-Mittel-Verkehrung stattgefunden. Milder formuliert: Die (echte) Linke ist schon lange nicht mehr Herr des Verfahrens, sie wird mitgezogen und eingemeindet in eine Entwicklung, die sie mit ihren Erkenntnismitteln nicht mehr erfasst. Als prosaisches Beispiel mag man nehmen: Wenn Sie, Zaungast, in den Kreisen, in denen Sie vorzugsweise verkehren, etwa durch das "Binnen-I" oder den "Gender-Gap" nicht die rechte (pardon für das Wort) Gesinnung zeigen wollen, würde man Sie ausgrenzen. Da wird der 'sein Sach' auf Marx stellende Analytiker sprachlos, grübelt lange und findet endlich, dass das wohl seine Richtigkeit habe, wenn das die "GenossInnen" so sehen; Marx konnte schließlich nicht alle Überbauphänomene klären. Auweia, schon wieder gibt's was auf die Finger! (Denn die Geschlechterfrage ist mitnichten ein Überbauphänomen, mindestens muss hier die Theorie der Intersektionalität in Anschlag gebracht werden, von der sich freilich im "Kapital" auch nichts finden lässt.)
Man könnte sagen: Sie (die echten Linken) wissen nicht, was sie tun. Aber: an ihren Früchten werden wir sie erkennen und sie selbst - jedenfalls die, die sich nicht an Utopien klammern, sondern (nach Brecht) in jeder neuen Situation neu nachdenken - sich irgendwann vielleicht auch.

Zaungast
22. Februar 2013 17:05

@ Heino Bosselmann

Zu Demokratie und Liberalismus: "Freiheit" und "Gleichheit", wie sie seit der Frz. Revolution zu den demokratischen Idealen der westlichen Welt gehören, sind doch von der Etablierung eines freien Marktes nicht zu trennen und dieser wiederum nicht von seiner heutigen Entwicklung. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist zugleich eine Garantie des Staates, die Ungleichheit des Eigentums zu ignorieren. Jeder hat das Recht auf Glück und Willensbildung - das ist die demokratische Freiheit - aber niemand, der glücklos bleibt in der Ordnung des Privateigentums, hat das Recht, darum die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" anzutasten. Am Verkauf seiner Arbeits- und Lebenskraft mit all seinen erniedrigenden Nebenwirkungen führt für viele kein Weg vorbei und damit auch kein Weg in die "Freiheit" oder "Gleichheit". Die Urteilskraft der Bürger wird dann auch davon beeinträchtigt: jeder sucht seine eigne kleine Existenz auch durch Optimismus und den "Glauben an sich selbst" zusammenzuhalten und gegen die schwer durchschaubaren Mächte (des Marktes) zu behaupten.

Dass aus der Überwindung des Feudalismus und Absolutismus wertvolle Strukturen entstanden sind, wie Sie sagen, ist gewiss der Fall. Sie und ich würden nicht hier sitzen und über dieses digitale Medium kommunizieren, wenn der Feudalismus weiterbestanden hätte. Ich denke, was immer den Menschen heute an großen Gesellschaftsentwürfen möglich ist - und es IST vieles möglich - hat sich nur aufgrund dieser bürgerlichen Entwicklung ergeben. Zugleich bin ich aber sicher, dass künftig vieles davon unmöglich sein wird, wenn diese Entwicklung sich fortsetzt.

Noch eine Korrektur zur radikalen Linken: vielleicht meinen wir mit dem Begriff nicht dasselbe, aber ich sehe viel weniger, nämlich gar kein intellektuelles Potential in der nichtradikalen Linken - die freilich quantitativ weit überwiegt. Die Krisis-Gruppe (die sich nicht anarchistisch, sondern tatsächlich auch marxistisch orientiert) ist ein Beleg dafür; weitere Belege wären Zeitschriften oder Gruppierungen wie Exit, Gegenstandpunkt, Prokla, Z und einige andere.

@Rumpelstilzchen

Ich kenne diese Argumente, aber teile die Schlussfolgerung daraus nicht aus zwei Gründen. Der erste ist die unveränderte Plausibilität vieler der Marxschen Erkenntnisse über die innere Dynamik des Kapitalismus. Der zweite ist die Tatsache, dass den Marxismus und den Bolschewismus als historische Bewegung tatsächlich mehr trennt als eint. Dass es um revolutionär-messianische Hoffnungen allgemein und die kommunistische Utopie im besonderen heute nicht gut steht, wer wollte das leugnen? Das möchte ich aber Marx nun nicht in die Schuhe schieben.

@Theosebeios

Es ist tatsächlich so, dass in unserem Blog das Binnen-I ohne marxistischen "Unterbau" und mit Rücksicht auf etwaige feministische LeserInnen verwendet wird. Na ja, nennen wir das einfach Höflichkeit. Aber aus dieser nicht völlig durchargumentierten Angewohnheit darauf zu schließen, dass wir unsere eigenen Zwecke nicht mehr kennen und in allem Tun und Denken fremdbestimmt sind, scheint mir doch überzogen. Dass wir die einschlägigen feministischen Argumente nicht kennen - was Sie ja scharfsinnig durchschaut haben - ist allein unserem selbstbestimmten Desinteresse geschuldet.

Rumpelstilzchen
25. Februar 2013 11:50

@Zaungast
.....das schiebt aber Berdjajew Marx in die Schuhe..

" Die Theorie des ökonomischen Materialismus allein könnte niemanden begeistern; der messianische Glaube von Marx ist es, der den Enthusiasmus erzeugt....

"Die Lüge des Kommunismus ist gewaltiger als all seine Wahrheiten. Sie entstellt und verzerrt seine Wahrheit. Sie ist vor allem eine geistige und nicht eine soziale Lüge. ...Die Leugnung Gottes führt beim Kommunismus unweigerlich zur Leugnung des Menschen. Er leugnet Gott nicht im Namen des Menschen, sondern im Namen des Kollektivs, der neuen Gottheit."

Auch der Nationalsozialismus leugnet den Menschen im Namen eines Kollektivs. Hierin sind sich die beiden Sozialismen gleich.

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