“Seekrankheit auf festem Lande” – Franz-Kafka-Jugendkulturpreis

von Johannes Schüller

Einem bürokratischen Apparat ohnmächtig ausgeliefert zu sein, gehört zu den Grunderfahrungen der Moderne.

 Gastbeitrag

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Kei­ner hat dies in ein­drucks­vol­le­ren Bil­dern beschrie­ben als Franz Kafka.

Die­se Erfah­rung der Ohn­macht trifft beson­ders auf Schrift­stel­ler und Künst­ler zu. In sei­ner frü­hen, 1909 ver­öf­fent­lich­ten Erzäh­lung „Gespräch mit dem Beter“ deu­tet Kaf­ka die­ses Dilem­ma: Wäh­rend der Schrift­stel­ler in das stun­den­lan­ge, aus­drucks­star­ke Gebet ver­tieft ist, beob­ach­tet das Publi­kum den Beten­den und for­dert Erklä­run­gen. Die eigent­li­chen Moti­ve des Beters inter­es­sie­ren die Voy­eu­re wenig, erst eine net­te Som­mer­ge­schich­te weckt ihr Interesse.

Doch um „Som­mer­ge­schich­ten” geht es nicht. Lite­ra­tur muß fun­da­men­tal sein, sie muß am Selbst­ver­ständ­li­chen rüt­teln und die „Alter­na­tiv­lo­sig­keit“ unse­rer Tage wenigs­tens gedank­lich zum Ein­sturz brin­gen. Alter­na­tiv­los, so die poli­ti­sche Eli­te unse­res Lan­des, sei­en die Ban­ken­ret­tung, der demo­gra­phi­sche Kol­laps der Deut­schen und die EU-Büro­kra­tie. Alter­na­tiv­los sei­en auch der Kon­flikt zwi­schen Kin­dern und Beruf und die mög­lichst glat­te Anpas­sung an eine anony­me, büro­kra­ti­sche und öko­no­mi­sier­te Wohl­stands­ge­sell­schaft. Der Künst­ler muß in die­ser Umge­bung eine „See­krank­heit auf fes­tem Lan­de” spü­ren, schreibt Kafka.

Jun­ge Leu­te, die die­ses Gefühl auch haben, konn­ten sich im letz­ten Jahr am Franz-Kaf­ka-Jugend­kul­tur­preis zum The­ma „Alter­na­tiv­lo­sig­keit“ betei­li­gen. Initi­iert wur­de der Preis vom För­der­ver­ein der Blau­en Nar­zis­se, der vor zwei Jah­ren schon ein­mal einen Jugend­kul­tur­preis mit Rai­ner Maria Ril­ke als Namens­pa­tron aus­rich­te­te. Gewon­nen hat den Kaf­ka-Preis der 25-jäh­ri­ge Alex­an­der Schley­er aus Wien mit dem Gedicht „Viel­falt”. Er schil­dert dar­in das Dilem­ma des lyri­schen Ichs zwi­schen Nost­al­gie und Gegen­wart, Idea­len und Rea­lis­mus, Suche und Beob­ach­tung. Alter­na­tiv­los erscheint die­se Zer­ris­sen­heit als „Ein­sa­mer unter der Mas­se”. Ein Aus­weg deu­tet sich jedoch an: Es sind die kla­ren, „blau­en Momen­te der Stil­le”, in denen „klei­ne Geschich­ten von ges­tern” erzählt werden.

Mit der Blei­stift­zeich­nung „amor fati” erhielt der 26-jäh­ri­ge Arturo Ornelas den zwei­ten Preis. Ornelas ist kein Unbe­kann­ter: Eines sei­ner Wer­ke wur­de bereits in dem Buch Ers­te Wor­te nach dem Gedan­ken­strich. Bei­trä­ge zum Ril­ke-Preis abge­druckt. In sei­nen Zeich­nun­gen setzt sich Ornelas mit geschichts- und kul­tur­phi­lo­so­phi­schen The­men aus­ein­an­der, unter ande­rem mit Nic­colò Machia­vel­li und dem „Geheim­nis als ein­zi­ger Rea­li­tät, der man ver­trau­en kann”.

Auf den drit­ten Platz kam die 21-jäh­ri­ge Geral­di­ne Rei­chard aus Bonn. In ihrer Kurz­ge­schich­te „Ari­el­le” schil­dert sie einen aus­sät­zi­gen Jun­gen, der aus ihm nicht bekann­ten Grün­den von sei­nen Mit­schü­lern aus­ge­grenzt wird. Mit erzäh­le­ri­scher Kraft beschreibt Rei­chard eine kaf­ka­esk anmu­tend Ent­wick­lung und zugleich Ohn­macht gegen­über einer anony­men, büro­kra­ti­schen Schul­ver­wal­tung. Wer ein­mal gegen den Zeit­geist und die Träg­heit im Bil­dungs­we­sen rebel­liert hat, dem dürf­te die beschrie­be­ne Situa­ti­on bekannt vorkommen.

Die ers­ten drei Plät­ze sind jeweils mit 300, 200 und 100 Euro dotiert. Die Sie­ger­bei­trä­ge und aus­ge­wähl­te Ein­sen­dun­gen wer­den zudem im März 2013 in der Pla­kat­zeit­schrift der Blau­en Nar­zis­se veröffentlicht.

 

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