Sezession
18. Februar 2013

Frei.Wild – Heimatrock und Politik

Martin Lichtmesz / 36 Kommentare

gegengift-150x150Im Januar hat mich die Junge Freiheit um einen Artikel über die Südtiroler Band Frei.Wild gebeten, die zur Zeit einerseits die Charts stürmt, andererseits einem politkorrekten Sperrfeuer ausgesetzt ist. Frontmann Philipp Burger hat eine "rechte" Vergangenheit als jugendlicher Skinhead und später als Sympathisant und offenbar auch Mitglied des Südtiroler Pendants zur FPÖ, der Partei "Die Freiheitlichen".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Auch heute noch hat die sich als "unpolitisch" verstehende Band Songs über Themen wie "Heimatliebe" im Repertoire, deren Verächter sie mit sympathischer Schlichtheit als "Vollidioten" bezeichnen.

Seit Ende letzten Monats hat die Kapelle nun eine Seite eingerichtet, in der sie einen kritisch kommentierten Pressespiegel präsentiert, und Stellung nimmt zu diversen Mißverständnissen und "Vorwürfen". Dies wirkt klarer und durchdachter als das eher gewundene Video, das Burger im Oktober letzten Jahres auf Youtube veröffentlichte. In meinem JF-Artikel habe ich seine Aussage daraus, die Band habe sich stets nicht nur gegen „einen Nationalsozialismus“, sondern auch „gegen jegliche rechte Gesinnung“ ausgesprochen, als "unaufrichtig" und "unglaubwürdig" kritisiert.

Um zu diesem Schluß zu kommen, reicht es, die unbestrittenen Fakten zu betrachten (wer etwa noch vor wenigen Jahren, als die Band schon existierte, den "Freiheitlichen" nahestand, kann nicht "stets" gegen "jegliche" rechte Gesinnung gewesen sein.) Die Crux dabei ist freilich, was man denn unter einer "rechten Gesinnung" überhaupt versteht, und ob man dergleichen per se für etwas "Schlechtes" hält. Zur Erinnerung: Auch Wert-, National- oder Liberalkonservative zählen zur nicht gerade kleinen Familie "rechter Gesinnungen".

Ich habe allerdings nicht das aktuelle "unpolitische" Selbstverständnis der Band als unglaubwürdig bezeichnet, und betont, daß die meisten Liedertexte in der Tat politisch neutral sind, auch, daß ihre Lieder offenbar eher aus dem Bauch als aus einem politischen oder sonstwie gearteten Kalkül heraus kommen.

Das sei klargestellt, da ich eben entdecke, daß ein Autor des beliebten NPD-Groupie-Forums "Endstation Rechts" meinen Artikel nun allen Ernstes für eine "Kronzeugen"-Aussage zu Ungunsten von Frei.Wild hält. Etwa nach dem Muster: "Wenn ein Rechter sagt, daß Frei.Wild rechts sind, muß es ja wohl stimmen." Aber das habe ich so ja nicht gesagt. Und er gibt sich verwundert, offenbar geblendet von der eigenen Zirkelschlußlogik:

Dass sich nun die neurechte „Junge Freiheit“ in die Diskussion einschaltet und die Gruppe für ihren Zickzack-Kurs heftig attackiert, kommt einigermaßen überraschend.

Ich frage mich nun, was denn genau an meinem Artikel so furchtbar "überraschend" sein soll. Ich habe darin auch keineswegs Frei.Wild "heftig attackiert", sondern vielmehr die (Zitat) "Niedertracht" von gewissen Journalisten (darunter diverse "Endstation Rechts"-Autoren) die mitverantwortlich sind, daß sich Künstler, die vom linken Konsens abweichen, derart verbiegen, winden und rechtfertigen müssen. Ich habe außerdem Verständnis dafür gezeigt, daß gerade Showbiz-Leute, die in erster Linie Musik machen wollen und vom Publikumszuspruch leben, keine Lust haben, sich von politisierenden Hexenjägern die Karriere versauen zu lassen, und darum lieber ausweichen, als auf Grundsatzkonfrontation zu gehen.

Mir können besagte Neigungsinquisitoren jedenfalls nicht erzählen, daß es ihnen keinen Spaß macht, wenn ein Zeigefingerheben oder Lippenspitzen ihrerseits ausreicht, daß sich ein Philipp Burger oder sonst irgendein gerade aktueller Promi öffentlich winden muß, um seinen Ruf zu retten. Was für ein Machtgefühl das sein muß! Besonders apart ist die Heuchelei dieses Typus, der einerseits seine Position auf der "richtigen" Seite offenbar in vollen Zügen genießt und dabei kaum einen Hehl daraus macht, wie gerne er Bands wie Frei.Wild "entlarvt" und weg vom Fenster sähe, der aber andererseits unschuldig die Augen aufschlägt, wenn man sein Tun auch nur bloß beschreibt:

Anschließend unterstellt die Junge Freiheit, die „Linken“, angeführt vom „Antifa-Journalisten Thomas Kuban“, feuerten aus allen Rohren, um Frei.Wild kleinzukriegen.

Eine "Unterstellung"! Ich weiß leider nicht, wie man die emsigen Bemühungen einer expliziten Nazijägerseite wie ER und zig anderer linker Journalisten, die Band auf Teufelkommraus ins braun-bräunliche Eck zu zerren und ihren Erfolg zu sabotieren, sonst bezeichnen soll. Und sogar dann, wenn die Angegriffenen sich wehren, machen sie sich in den Augen ihrer Ankläger schuldig. Als Beispiel noch mehr Augengeklimper des ER-Autors, dem es offenbar schon als skandalös erscheint, daß Burger & Co überhaupt zu widersprechen wagen:

Im weiteren Verlauf zwängen die vier Männer um Frontmann Burger, der früher in der Rechtsrockband „Kaiserjäger“ hinter dem Mikro stand, fest ins enge Anti-Antifa-Konzept: „Damit sich auch jeder ein Bild davon machen kann, um wen es sich beim jeweiligen Autor und Medium handelt, versuchen wir nach und nach jedem Artikel den jeweiligen Autor zuzuordnen und Hintergrundinformationen zu liefern und mittels Pfeilkommentaren auf die größten Falschaussagen einzugehen“. Auf der Negativliste sind neben Artikeln des „Störungsmelder“, der taz oder des WDR auch einige Beiträge von ENDSTATION RECHTS. gelandet.

Frei.Wild entscheidet also, welche Veröffentlichungen der Wahrheit entsprechen und welche nur „Schlagzeile“ machen sollen. Mit welchem Recht nehmen die Musiker diese Unterscheidung in einer pluralistischen Medienlandschaft vor? Und wie passt dies in ihr selbst gewähltes „unpolitisches“ Image? Die Objektivität, die sie ihren Kritikern absprechen, lassen die Seitenbetreiber jedenfalls vermissen. (...)

Wo soll man hier anfangen, um eine solch seltsame Denke auseinanderzunehmen? Inwiefern schadet es denn dem "Pluralismus" der "Medienlandschaft", wenn jemand auf seiner Netzseite Kritik und Gegendarstellungen veröffentlicht? Wieso wird eine Verteidigung in eigener Sache beziehungsreich und ohne die leiseste Grundlage als "Anti-Antifa-Konzept" ausgegeben? Was für ein Recht hat man denn überhaupt als Staatsbürger, wenn man sich nicht einmal das Recht "herausnehmen" darf, Wertungen über Zeitungsberichte zur eigenen Person abzugeben? Seit wann bedeutet denn "unpolitisch" zu sein, daß man politisch motivierten Angreifern nicht antworten und keine Wertungen und Gegendarstellungen abgeben darf? Seit wann wird "Objektivität" dadurch erreicht, daß eine Streitpartei es unterläßt, ihre eigenen, naturgemäß subjektiven Interessen zu verteidigen?

Leute wie der ER-Autor wären wohl gerne Ankläger und Richter in einem, am besten nach dem Motto "guilty by suspicion", um den Prozeß zu vereinfachen. Aus der Schleife gibt es jedenfalls kein Entrinnen:

Indem Frei.Wild die „Macht der Medien“ beschwören, bedient sich die Band eines gängigen rechtsextremen Klischees.

Da surft also einer locker auf der Welle der "Macht der Medien" (mehr als ein Mitschwimmer ist er ja nicht), und zückt ganz nebenbei die übliche, bekanntlich äußerst wirksame Keule gegen diejenigen, die behaupten, es gäbe eine "Macht der Medien", was natürlich nichts weiter als ein "rechtsextremes Klischee" ist. Alles klar. Die Melodie kennen wir.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (36)

Ein Fremder aus Elea
18. Februar 2013 08:11

Frei.Wild entscheidet also, welche Veröffentlichungen der Wahrheit entsprechen und welche nur „Schlagzeile“ machen sollen. Mit welchem Recht nehmen die Musiker diese Unterscheidung in einer pluralistischen Medienlandschaft vor? Und wie passt dies in ihr selbst gewähltes „unpolitisches“ Image? Die Objektivität, die sie ihren Kritikern absprechen, lassen die Seitenbetreiber jedenfalls vermissen.

Beängstigend und zugleich faszinierend: Die "pluralistische Medienlandschaft" wird de facto zum vollwertigen Ersatz zum beanspruchten Besitz der "objektiven Wahrheit", wie ihn einst die katholische Kirche gehandhabt haben soll, ein Argument, das jede Gegendarstellung in der Bereich des Verbrechens rückt.

Toni Roidl
18. Februar 2013 09:11

Die kruden Thesen der Germanophoben von ER sind eindeutig »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«. Umso ungeheurer, als südländische Migranten (Südtiroler) davon betroffen sind! Das zeigt, wie rassistisch ER ist!
So einfach kann man diesen Schwachsinn umdrehen. Es sind inkonsistente Gummi-Vorwürfe, die man beliebig gegen alle und jeden drehen und wenden kann.
In Wahrheit sind Frei.Wild nur eine neue Projektionsfläche für den pathologischen Selbsthass der Linken.
Das Erfreuliche ist, dass es die Fans der Band nicht interessiert, im Gegenteil zusammenschweißt und den Wert der Marke Frei.Wild erhöht, weil sie ein Statement darstellt. Den Erfolg mindert es auch nicht, weil sich Konzertveranstalter, Labels, Vertriebe etc. einen Scheiß um das Gezeter scheren, wenn die Kasse stimmt. Und die stimmt.
Hier werden sich die spießigen Links-Ayatollahs die Zähne ausbeißen, genauso wie an den Onkelz.

Rumpelstilzchen
18. Februar 2013 09:43

DIE HUNDE BELLEN! DIE KARAWANE ZIEHT WEITER....

Heimatpop aus der Schweiz

DAS NEUE

"dreissig ist das neue zwanzig
der mann ist die neue frau
FREIHEIT IST DAS NEUE GEFÄNGNIS
und reich ist das neue schlau
Islam ist die neue katholische Kirche
und deutschland die neue türkei.........
(Sophie Hunger)

"Luther predigte noch spirituelle Freiheit
In politischer Knechtschaft,
wir haben spirituelle Knechtschaft
in politischer Freiheit"
(Norbert Bolz)

"Der politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen. Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. ". (Norbert Bolz, Die neuen Jakobiner)

Laßt die Hunde doch bellen.

Schmidt
18. Februar 2013 10:00

ER hat das allgemeine Ausmaß der Verbreitung neurechten Gedankenguts noch weit unterschätzt.

Auch hinter den "Jungen Pionieren" der DDR verbargen sich nach neusten Erkenntnissen offenbar Neurechte. Dort wurden Texte wie diese gesungen:

"Und wir lieben die Heimat, die schöne
Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
Weil sie unserem Volke gehört."
https://www.youtube.com/watch?v=x3BXXSzA2oQ

Nur mühsam verborgene neurechte Botschaften finden sich auch in einem der Lieder aus der Gründungsphase der Grünen, das unter dem Titel "Karl der Käfer" Harmlosigkeit zu suggerieren versucht, um Blut-und-Boden-Ideologie (es ist gar von bedrohtem "Lebensraum" die Rede) in die Mitte der Gesellschaft einzuschleusen:

"Karl ist schon laengst nicht mehr hier.
Einen Platz fuer Tiere gibt's da nicht mehr.
Dort, wo Karl einmal zuhause war,
Fahr'n jetzt Käfer aus Blech und Stahl.
Karl der Käfer wurde nicht gefragt,
Man hat ihn einfach fortgejagt.
Karl der Käfer wurde nicht gefragt,
Man hat ihn einfach fortgejagt."
https://www.youtube.com/watch?v=euWqCKR5eGo&feature=related

Neu bewertet werden muß auch Bertold Brecht, der völkisch-nationale Botschaften in seine Texte einbaute und im Einklang mit neurechtem Gedankengut eine angebliche Erhaltungswürdigkeit des "deutschen Volkes" behauptete:

"Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinem
So wie andern Völkern ihrs."
https://www.youtube.com/watch?v=S4xDporl2pU&feature=related

M.L.: Gute Hinweise, hab noch "Oktoberklub" in meine Liste aufgenommen. ;-)

Jan
18. Februar 2013 10:31

Freiwild braucht, um ihre Würde zu erhalten, intellektuelle Munition aus dem Buch "warum ich kein Linker mehr sein kann". Sonst wird die Band in ihren Aussagen bald so kastriert und gegendert, also schlicht fad sein wie die Onkelz

Gottfried
18. Februar 2013 10:47

@ Ein Fremder aus Elea

Was soll es außerhalb des Pluralismus denn noch geben? Das Kasperl und die wohlgarschöne Prinzessin, der Schutzmann und das fiese Krokodil ... ist doch alles schon da.

Oder wollen wir hier jetzt kleinliche Erbsenzählerei betreiben, ob es vielleicht jenseits der Atlantikbrücke, über die dann die Jungen Führer ("young leaders") wie unsere Genossin Parteivorsitzende Merkelowa, Westerwelle, der Schöne Theo mit seiner Gelfrisur oder unser neuer BUNTER Präsident einhergegeschritten kommen, vielleicht doch noch ...?
Ob jenseits all dieser Zwerge, hinter dem Bilderberge womöglich ....?

LS
18. Februar 2013 12:13

Die Partei heißt "Die Freiheitlichen", nicht "Die Freiheit". ;)

M.L.: Danke, korrigiert! :-)

Zudem versteht in der BrD anscheinend niemand, dass wir Südtiroler in Italien eine Minderheit bilden, die einerseits durch Zuwanderung, die sich hauptsächlich in die italienischsprachige Bevölkerung "integriert" sowie andererseits durch die Autonomiebeschneidungen Roms, droht zu verschwinden.

Für den durchschnittlichen deutschsprachigen Südtiroler sind die deutsche Sprache, seine Kulturgepflogenheiten, schlicht das Südtiroler-Sein, immer noch selbstverständlich. In der BrD hieße dies vermutlich, "die Mitte der Gesellschaft ist rechtsradikal". In Südtirol ist dies zum Glück (noch) nicht der Fall und deshalb sind die Texte dieser in Südtirol auch nichts besonderes. In Deutschland schlagen die Lieder hohe Wellen und glücklicherweise drücken sie auch die Meinung vieler deutscher Jugendlicher aus.

Beste Grüße aus dem Heil'gen Land!

Ratataskolnikow
18. Februar 2013 13:00

Hola Estacas,

auf den ersten Blick scheinen diese Leute (aehnlich wie die Boesen Onkels) nicht mehr zu sein als BRD-Buergersoehnchen, die ploetzlich erschrecken, weil sie nicht mehr nur bereits sperrangeloffene Provocations-Tueren einlaufen, sondern an eine echte Grenze gestossen sind. Langweilig!

Erinnert ein wenig an Diskussionen in den 90-iger Jahren um die geniale HC-Punk-Band Minor Threat und ihr Stueck "Guilty of being white". Allerdings flennte der kleine, duenne Veganer MacKay nicht gleich los, sondern bleibt bis heute locker im Schritt. Die harten, taetowierten und kraeftigen Jungs distancieren und erklaren sich gleich heftigst. Nochmal: Langweilig!

https://www.youtube.com/watch?v=YG3uZPmDvsE

Wer hoert sich Frei.Wild eigentlich an? Kirchenbesetzer? 0%-Rassisten? Nazis gegen Rechts? ... Verzeihung, habe wenig geschlafen zuletzt ...

Saludos con Respeto,

R.

[Valle Hermoso, Tamaulipas, 18-05:39-S-feb-13]

Ungern von Sternberg
18. Februar 2013 14:23

Ist Everlast nicht inzwischen Moslem ? Ich meine Irisch und Moslem ist wie alkohofreies Guinnes...
So identitär scheinen House of Pain doch nicht gewesen zu sein...

M.L.: Na, wenn man's streng nimmt, dann ist Hiphop ja auch nicht gerade ein irischer Musikstil. Das Video zu "Jump around" ist jedenfalls noch schön "irisch-identitär"...

Ton, Steine, Scherben (sieh an!):

Der Traum ist ein Traum, zu dieser Zeit,
doch nicht mehr lange, mach dich bereit
für den Kampf um's Paradies!
Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst,
es ist unsere Zukunft, unser Land.
Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.

https://www.youtube.com/watch?v=yfc2nWP1KpY

Ungern von Sternberg
18. Februar 2013 14:35

Mensch ... das aktuelle hab ich vergessen:

Heinos neues Album:

Hier bin ich gebor'n, hier werd ich begraben.
Hab taube Ohr'n, 'nen weißen Bart und sitz im Garten.
Meine 100 Enkel spielen Cricket auf'm Rasen.
Wenn ich so daran denke, kann ich's eigentlich kaum erwarten.

https://www.youtube.com/watch?v=Ohhg8tlCzyI

Wenn das nicht Blut und Boden ist.

Aber es ist ja Heino - der Rechte!!! So weit so Nazi...

Jedoch: das Original ist von Peter Fox!!!!

https://www.dailymotion.com/video/x7cxxh_peter-fox-haus-am-see-new-hq_music#.USItjvLFLFw

M.L.: Das neue Heino-Album ist sensationell, ähnlich dem Alters-Relaunch von Johnny Cash mit seinen "American Recordings". Nur, daß Heino freilich die Camp-Ebene nicht verläßt.

Nachtfalke
18. Februar 2013 16:57

Naja, musikalisch ist dieser Frei.Wild Stadion-Rock nicht unbedingt mein Geschmack. Und ich wette, sie werden demnächst auf irgendeinem 'Rock gegen Rechts'-Festival ihre systemkonforme Gesinnung präsentieren, wie das ja auch schon Rammstein taten, als ähnliche Vorwürfe gegen sie laut wurden. Eigentlich, man mag von ihnen halten was man will, fällt mir nur Von Thronstahl ein, die es gewagt haben, nicht einzuknicken und dafür einen hohen Preis zahlen und weitgehend im Untergrund verschwunden sind. Death in June (Mr. Pearce ist auch nicht mehr das, was er mal war) können nur noch geheim auftreten, und der Blutharsch sind inzwischen zu einer Psychedelic-Kapelle mutiert.

Ungern von Sternberg
18. Februar 2013 17:13

@ Ratastaskolnikov:

Minor Threat? Ich bin geschockt!!!

Den Namen habe ich zuvor nie gehört...

https://de.wikipedia.org/wiki/Guilty_of_Being_White

Ich kannte bisher nur "kill all the White Man..."

Der Hintergrund ist krass: das was JETZT von American Renaissance und dem Occidental Observer beklagt wird - war in den 70ern bei den Kindern von WASP Hinz und Kunz bitter erlebte Realität - daß Problem das jetzt auf der Rechten mit Torschlußpanik als "the disposession of Whites"diskutiert wird - wurde damals aus einer Linken (!!) subkulturellen Perspektive am eignen Leib erlebt! Zu einem Zeitpunkt als die großkopferten Rechten noch am Biertisch - im Völlegefühl der eignen Macht über die Kanacken schimpften...

Außerdem - die ganzen Infos die einen jetzt erreichen - entsprechen vielleicht gar nicht der Tatsache, daß es jetzt erst wirklich unangenehm wird - sondern das Netz schafft jetzt Publizität, die früher nicht dagewesen ist...

Nur - inzwischen sind 30 Jahre vergangen - und die Zeit spielt ja gegen uns.

Aber wie auch immer – besten Dank für die Info...

p.s.
Ian Mac Kaye:
Nach einer Geschichtsstunde, bei der über die Sklaverei gesprochen wurde, wurde er verprügelt. Zudem sei gerade die Fernsehserie Roots im Fernsehen gelaufen und er sei verprügelt worden, weil er der „Massa“ gewesen sei.

Das kenne ich doch – im Zarenreich in der Karwoche, was hat man da mit Juden noch mal gemacht?

Richtig! ... :-)

M.L.: Aus Wikipippi: "Ian MacKaye musste sich für den Text mehrfach rechtfertigen. In dem Dokumentarfilm American Hardcore gibt er an, immer noch zu seinem Lied zu stehen. Er bezeichnete dort das Lied als 'Anti-Rassismus-Song'." Er "mußte sich rechtfertigen", ich frage mich vor wem, jedenfalls wird damit genau das, was der Song kritisiert, ja wieder bestätigt. Wie ging das nochmal? "Antiracist is a codeword for..." etc.

Asenkrieger
18. Februar 2013 18:07

Nicht nur die Linken, auch die Rechten, stürzen sich auf jede noch so kleine winzige "rechte" Tendenz. Ich frage mich, warum man um die im Winde der PC schwankende Kommerzband Frei.Wild so ein Geschrei macht. Alternativen gibt es doch massenweise.

Es gibt weltweit mehr als 1000 Bands, die nicht so herumeiern und sich eindeutig politisch rechts einordnen. Die Bandbreite reicht von Balladen über Neofolk zu Pagan Metal, Black Metal, RAC, Industrial bis zu allen möglichen weiteren Musikrichtungen. Das Problem ist nur, daß diese unzähligen rechten Bands in ihrem Wert nicht erkannt und unterstützt werden.

Man kann seinen Wagner und Bruckner hören, doch bewegt wird nur da etwas, wo zeitgemäße Musik mit politischen Inhalten gekonnt dargeboten wird. Heute sitzt Hagen nicht mehr auf einem Pferd, um die Gibichsmannen zu den Waffen zu rufen ("Hoiho, hoiho"). Heute ist es die E-Gitarre, die emotionalisiert.

Die Rechte hat Jahrzehnte über eine "Kulturrevolution" und die "Erringung der kulturellen Hegemonie" geschwafelt und dabei die sich bietenden Chancen alles verpaßt.

Ihr feinen Konservativen - fangt mal an Absurd und Totenburg zu hören!
Das paßt viel besser in unsere Zeit des sich abzeichnenden Unterganges. Macht Schluß mit Heino und Frei.Wild. Keine halben Sachen mehr, sondern den passenden Höllengesang für die Höllenfahrt in den Abgrund!

M.L.: Absurd oder Totenburg sind unterirdischer Vollschrott. Geschmacksfragen sind keine Gradmesser für wie auch immer definierte politische Strammheit. Derlei gegen einen Popanz à la "feine Konservative" auszuspielen, ist grober Unfug. Jedem Tierchen sei sein Pläsierchen gegönnt, aber mit so einer überspannten Rhetorik bleibt man im Sektiererischen stecken, was sich auch ästhetisch entsprechend niederschlägt.

Es gibt unter den genannten Genres nur sehr wenige wirklich herausragende Bands, die sich zugleich "eindeutig" politisch exponieren, wie etwa Burzum, denen ja die Anerkennung bis weit in den gehobenen Mainstream (Rezensionen in der Welt, SpOn...) nicht verweigert wird. Trotzdem kann dieser ganze Heiden- und Okkultkram naturgemäß nur eine überschaubare Klientel ansprechen. Und die besten BM- und Neofolk-Bands sind auch eher die nicht explizit politischen oder dezidiert unpolitischen. Gerade beim Neofolk springt das drastisch ins Auge bzw. ins Ohr. (Es ist nebenbei auch eine Sache, der Hölle zu trotzen, und eine andere, die Hölle zu feiern.) Das ist fast schon eine Faustregel mit wenigen Ausnahmen: je stärker die Politisierung der Musik, umso schlechter die Band, und umgekehrt, egal ob nun "links" oder "rechts".

Man könnte sogar sagen: es gibt in diesen genannten Genres überhaupt nur wenige Bands, die rein qualitativ gut genug sind, um über ihre kleinen Untergrund-, Emotions- und Gesinnungsnischen und -subnischen hinauszureichen, und darauf kommt es an. Zu glauben, daß hier Chancen auf eine "Kulturrevolution" liegen und gelegen haben, zeugt mit Verlaub von einem krassen Realitätsverlust. Viel eher sind es "Kommerzbands" wie Frei.Wild oder Rammstein, die eine Chance haben, die metapolitischen Koordinaten zu verschieben. Mich persönlich interessiert Frei.Wild nur als "Fall" und Phänomen, an dem die intolerante und repressive Natur der Linken deutlich wird, während etwa Rammstein oder Laibach oder Morrissey Kaliber fürs Pantheon sind.

sebascologne
18. Februar 2013 19:22

Ich danke den linken Medien für diesen Hype um diese Band,
die ich vorher garnicht kannte.Ich hörte das erste Mal von ihr, als es um ein Konzert in der Westfalenhalle in Dortmund ging.Und grad, als ich das schon wieder vergessen hatte,der nächste linke Medienhype.Ich find das super,
so hat die Band immer wieder Publicity und kostenlose Werbung,fast so wie Bahlsen mit dem Krümelmonster.Weiter so, Ihr Linken, dafür liebe ich Euch!!!

prolet
18. Februar 2013 20:38

Mich wundert jetzt beim Martin ganz ehrlich, das er Daniel Landa gar nicht erwähnt hat, ist er doch seit Jahrzehnten DER - wenn man so will - identitäre Superstar aus Österreichs Nachbarland und jede Platte landet auf Platz 1 der Charts und kriegt mindestens Gold, wenn nicht Platin.
Stammt ursprünglich auch aus der Hardcore-Punkszene, wenig später dann erste Skinheadband Tschechiens (Orlik) und dann die Solokariere.
Auf der letzten Tour hat er sogar wieder ein paar der Orlik Sachen gespielt (musikalisch nicht so berauschend, aber hier ein Video um die Dimension zu verdeutlichen)
https://www.youtube.com/watch?v=-sYoWsQP9JA

M.L.: Danke, den Namen höre ich zum ersten Mal, ich bin jetzt fast stolz darauf.

Toni Roidl
18. Februar 2013 21:44

Minor Threat!! Ich wusste doch, dass mindestens die Hälfte, na sagen wir, ein Drittel aller Rechten ehemalige Punkrocker sind! Obwohl, was heißt "ehemalige"? Rechts sein ist heutzutage Punk - im frischesten Sinne.

neocromagnon
19. Februar 2013 01:52

Die Macht der Linken resultiert eben nur darin, daß alle kuschen. Warum eigentlich rechtfertigen? Wer sich rechtfertigt ist schon in der Defensive. Ignorieren wäre die passende Antwort auf das Gewürm. Was können die schon machen, wenn alle Beteiligten die Schlammtriaden schlicht nicht beachten? Wofor haben eigentlich alle so eine Angst? Das deren Fans die CDs nicht mehr kaufen, weil dei Linken rumheulen? Vor den paar peinlichen Antifatrupps? Wen interessiert, was so ein paar Zecken auf irgendeinem Internetportal scheiben? Die haben inzwischen doch schon Nachwuchsprobleme, weil die intelligenteren die Sache inzwischen durchschaut haben. Die Macht der Linken basiert auf ihrem lauten Gebrüll. Oropax oder laute Musik hilft.

Heike
19. Februar 2013 06:44

Die Linken sind emotional schwach und kommen nicht mit der "Geschichte" zurecht. Die rechten kennen ein Geheimnis aus der Geschichte und wissen nicht wie sie da mit umgehen sollen. Ob linke oder rechte, beide sind Deutsche und gehören zu uns und unserem Volk.
Dieses Links/Rechts gewurstele bringt doch nichts, sich dagegen verteidigen oder andere so zu nennen egal ob Links oder Rechts bringt uns alle nicht vorwärts.

Am besten die zwei Wörter nie benutzen.

Martin
19. Februar 2013 07:39

Wofor haben eigentlich alle so eine Angst? Das deren Fans die CDs nicht mehr kaufen, weil dei Linken rumheulen?

Wohl eher, dass es keine Plattenfirma mehr gibt, die sie unter Vertrag nehmen, Konzerte nur noch subversiv organisiert werden können etc.

In der Vergangenheit gab es dafür genug Beispiele, das bekannteste dürfte wohl der Fall Josef K. mit seinem Projekt "Weissglut" sein ... da langte auch ein "Nazi"- Artikel und das Major-Label lies ihn fallen, wie eine heiße Kartoffel ...

Gut, heutzutage braucht man für einen Erfolg nicht mehr zwingend eine große Plattenfirma und eine heutige Band sollte wirklich auch mehr Haltung zeigen oder zumindest wagen, aber das ganze wirkt eben nach, insbesondere bei Bandmanagern etc., getreu dem alten linken Motto: "Bestrafe einen, diszipliniere hundert" (Mao, wenn ich mich recht erinnere ...).

Aber alleine, dass ML überhaupt etwas dazu schreibt, macht die harmlosen "Freiwild" eh zu bösen rechten ... egal, was für Argumente gebracht werden. Auch hier gilt das alte Herrschaftsinstrument:

"Wer Ju.. - äh - Nazi ist, bestimmen immer noch wir" (frei nach Göring).

Hohenstaufer
19. Februar 2013 10:58

Den Ausführungen von "Asenkrieger" wäre insofern zuzustimmen, als die berühmt-berüchtigte und wohl am meisten indizierte Musikgruppe L.....r und deren Nachfolger L......f inzwischen zwei Generationen von Heranwachsenden beeinflußte und über die Szene hinaus Anziehungskraft entfaltete, insbesondere die teils sarkastisch-ironische Verballhornung der politischen Zustände in den späteren Scheiben. Aber dies nur am Rande.

In der aktuellen Sezession schrieb Sebastian Hennig in "Der goldene Käfig der Kunst" eigentlich das nunmehr aktuelle Thema bereits pointiert und abstrahiert vorweg. Auszug:

Der Weg zur Wahrheit ist derart böse mit verrenken Hingerichteten verziert, daß vielen das Blut in den Adern gefriert, sobald sie erwägen, ihr Herz auf der Zunge zu bringen.

Wahr-Sager
19. Februar 2013 14:04

Mir hat schon das Gewinde und Geflenne von Frei.Wild gegenüber der Antifa-Front gereicht, um sie nicht zu mögen. Eine Band, die sich politisch korrekten und linksextremen Grundsätzen unterwirft und sich dann noch deutlich von rechts distanziert, weil sie Angst um ihr Image hat, ist für mich eine Scheiß-Band. Dass es auch anders geht, zeigt der patriotische Musiker Sacha Korn, dessen Lied der Deutschen es nur aufgrund der desolaten Lage im "Rechtsstaat" BRD nicht in die Charts geschafft hat.

eulenfurz
19. Februar 2013 15:36

@Wahr-Sager
Geschmäcker sollen verschieden sein, aber man fragt sich, ob dieses Sascha-Korn-Lied der Deutschen Verballhornung ist oder ob er es damit Ernst meint. Ersteres wäre schlimm, das zweite tragisch.

Bei Frei.Wild oder Onkelz - alles schon mit wohlwollender Herangehensweise probiert - oder diesem Daniel Landa kommt keine Ehrfurcht auf, die man vor hoher Kunst haben möchte, im Gegenteil. Nur Gebrüll und Geschrei und primitivste Lyrik. Dazu noch dieses abstoßende Massenpublikum.

Von diesen Rechtsrockern wären einige locker in den Charts, spielten sie zum Wohlgefallen der Kulturindustrie. Die Qualität ist erstaunlicherweise hin und wieder besser oder zumindest ebenbürtig, als das, was über die Mainstream-Propagandakanäle feilgeboten wird. Das zeigt, daß man offenbar mit kleinem Geld, fehlender Ausbildung und einem Scherflein Talent immer noch besser ist, als diese Millionen Anwärter und Euro zählende Popp-Industrie der Vielzuvielen.

Kleiner Hör-Tip: Lindsey Stirling

Yvonne
19. Februar 2013 15:56

...etwas off-topic, doch wo es hier gerade um Musik (also eigentlich um das Wichtigste!) geht: Mein Autoradio muß die immer gleichen Lieder wiederholen, ich brauche dringend einen Tip! Herr Lichtmesz, könnten Sie nicht einen Beitrag dazu verfassen oder vielleicht die anderen hiesigen Autoren mal ihre „politisch unkorrekten“ Top-Ten-Listen präsentieren? Bei meiner ist bisher nur ein Platz sicher belegt, nämlich von Death in June, alle anderen sind noch frei und werden deshalb mit unserer guten alten deutschen ernsten Musik oder mit Soldatenliedern und Ähnlichem gefüllt.
Bin durch diese Seite vor einiger Zeit auf Trotz der Lüge gestoßen, da gefällt mir auch manches, oder Laibach hat viel Gutes, aber was gibt’s Neues?

M.L.: Ein kleines Pop-Kompendium ist bei Edition Antaios in Planung. Nach "Neuem" muß man sich nicht zwanghaft umsehen, es gibt genug Altes, das immer neu ist.

Asenkrieger
19. Februar 2013 18:13

@ M.L.
Haben Sie mal die "Texte" von Rammstein gehört? Diese explizit linke Band ist textlich recht primitiv und obszön.

Ich empfehle den Text von Alex Kurtagic über Black Metal in dem Buch
"Ja, Afrika muß zur Hölle gehen" (S. 72-91 "Black Metal - Die konservative Revolution in der modernen Populärkultur").

Ich glaube wir kommen musikalisch nie auf einen gemeinsamen Nenner.
Das ist aber auch egal.

Trotzdem nichts für ungut: Ihre sonstigen Texte finde ich sehr gut.

M.L.: Ich bin mir da nicht so sicher. Gerade wenn man sich manche Texte und Videos anschaut, ist Rammstein keineswegs so eindeutig "links". Sie sind zum Teil recht poetisch und vieldeutig. Ihre Songs sind voller geschickt inszenierter Melodramatik und effektvoll dosiertem Pathos. Insgesamt sind sie im Habitus "deutscher" als tausend Rechtsrockdilettanten die ständig über ihr Deutschsein singen. Die "Primitivität" und "Obszönität" mancher Songs von Rammstein ist wie auch die allgemeine Kraftmeierei schwarzer Humor und eher eine bewußte, selbstironische-spielerische Pose als echte Primitivität oder Unvermögen (wie bei Frei.Wild). Kurtagic ist ein kluger Kopf, aber meiner Meinung nach überschätzt er drastisch die Wirkung von Subkulturen, insbesondere des Black Metal und seines ästhetischen wie inhaltlichen Extremismus.

Martin Lichtmesz
19. Februar 2013 18:33

Als post scriptum noch meine persönliche Einschätzung von Frei.Wild: mag sein, daß mir diesbezüglich die Rezeptoren fehlen, aber ich kann dem Projekt rein gar nichts abgewinnen. Stinknormaler Gebrauchs- und Schweinerock, mal hart-prollig, mal sentimental, angestrengtes Rumposieren, Onkelz-Epigonentum eben (die auch schon gräßlich waren). Inhaltlich finden Texte wie "Wahre Werte" freilich meine Zustimmung, das ändert aber nichts an ihrer Holprigkeit und Hölzernheit (was auch, soweit ich sehen kann, für den Rest der Frei.Wild-Texte zutrifft). Die "Message" kommt viel zu direkt und agitpropartig rüber, und das schadet sowohl ihr als auch dem Rock. Generell finde ich, daß "Botschaften" schlecht zu Rockmusik passen, in der es in erster Linie um den expressiven Ausdruck von Emotionen geht. Insofern sind Frei.Wild gut beraten, mehr die unpolitische Schiene einzuschlagen.

Das Emotionale spielt beim Rock überhaupt eine entscheidende Rolle, vor allem, wenn die Musik mit einer bestimmten Szene und ihrem Lebensgefühl verknüpft ist. Wenn man einmal in so eine Szene involviert war, kann man kaum mehr objektiv bleiben, und hält die eigene Mucke für die beste der Welt. Es gibt viele Neofolk- oder Gothrock-Songs, die in mir starke Emotionen wecken, von denen mir aber nicht im Traum einfiele, sie nun trotz einzelner genialer Höhepunkte objektiv für Spitzenwerke zu halten, so sehr ich sie liebe: Death in June ist eben nicht Joy Division und Douglas P. ist nicht Scott Walker, und Allerseelen nicht Portishead oder Massive Attack. Aber mit "Kult" läßt sich eben nicht diskutieren, die Wirkung spielt sich auf ganz eigenen Ebenen ab.

Noch zum Rechtsrock/RAC: im Gegensatz zum artverwandten Punkrock ist er eben doch ein Nischenprodukt geblieben, und hat sich stark zur reinen "Message"-Musik entwickelt. Da kommt es dann zu skurrillen Erscheinungen wie der fast schon bizarr untalentierten "deutschen Mutter" Anett, die aber offenbar vieles an- und ausspricht, was ihre Klientel bewegt, eine Art Star "wie wir", zum "Anfassen", da wird die Musik zweitrangig. Ähnlich verhält es sich mit Frank Rennicke, der außerhalb seiner Szene eine unsägliche Lachnummer ist. Die vielleicht einzige Band aus dem Genre (neben Landser), die auch außerhalb ihrer Kreise gehört wird, ist Skrewdriver, und das hat wohl mit ihrer Berüchtigtheit ebenso zu tun, wie mit ihrem frühen Punkrock-Kultstatus und ihrem Talent, einigermaßen flotte Rocksongs zu schreiben. Aber trotzdem ist das eine minderwertige Angelegenheit: stumpfsinnig-verblödete bis kitschige Naziglorifzierung und prolliges Herumgegröhle, das in der Folge das ganze Genre geprägt hat, und nach außen eher abstossend wirkt, mitunter mit voller Absicht. Wie schlecht die Lieder von Skrewdriver sind, wird in den nervtötend prätentiösen und glatt gebügelten Cover-Versionen von Saga vielleicht erst so richtig deutlich.

Dagegen habe ich noch keine Rechtsrockband gesehen, die musikalisch und textlich so geniale Nummern wie "Holiday in Cambodia" oder "California Uber Alles" von den Dead Kennedys oder "Bloody Revolutions" und "Shaved Women" von Crass oder "Thieves" oder "NWO" von Ministry produziert hätten, deren Appeal weit über ein einschlägiges politisches Klientel hinausreicht. In Italien und Frankreich gibt es da einige Ansätze mit ZetaZeroAlfa und Hotel Stella oder vor allem Sottofasciasemplice, die ziemlich komplexe und poetische Texte haben. Andererseits gibt es Bands wie Type-O-Negative oder Rammstein, die Welterfolge eingefahren haben, zum Teil von einer "rechten" Aura leben und mit diversen unkorrekten Seitenhieben schockten. Aber auch hier verdankt sich der Erfolg vor allem dem unbestreitbaren Können (neben dem freilich cleveren Marketing).

Zuletzt: es ist nicht unbedingt, die Band oder der Sänger am "deutschesten", der ständig über Deutschland oder Patriotismus usw. singt, bis es einem zum Halse herausreicht. Das gilt für alle anderen Länder auch, Frankreich, Italien, Spanien... Wesentlich ist, daß die Musik die "Seele" des Landes und der Sprache zum Ausdruck bringt, und das wirkt am Ende mehr als alles Agitpropgedöns.

Rautenklause
19. Februar 2013 18:58

Ja, die alten Zeiten, da gab es - wenn man auf Texte und Inszenierungen achtete - schon recht eindeutige Lieder. In meinen Augen textlich immer noch sehr ähm direkt (?)

Alphaville: To Germany with Love (ein Kommentator hat es auch bemerkt, man google mal nach dem Text)
https://www.youtube.com/watch?v=yywfGOsKXTI

M.L.: Aus der Zeit fällt mir auch "Demain Berlin" von Guerre Froide ein... und "Volksmusik" von Breslau. "Volksmusik, so muß sie sein...!"

Und, lieber ML, was gab es da beim letzten Konzert von "L'affaire fatale" nicht alles zu bewundern ....

IANVA: Di nuovo in armi (der REFRAIN!)
https://www.youtube.com/watch?v=WwB7IlDv9po

Da geht selbst mir altem Mann das Herze auf ...

Eia eia alala!

Vercel

M.L.: Ja, herrliches Konzert, Götterkapelle!

Ratataskolnikow
19. Februar 2013 19:40

Mann, Eulenfurz,

habe bei Ihrem Hoer-Tipp staendig auf die Einhoerner und Delphine am Horizont gewartet ...

Im Ernst: Musik sollte authentisch sein. Ich habe in loco Mexico sogar das HipHop-Hoeren gelernt. Und zwar weil diese Freaks hier nicht nur hart tun (wie unsere Wohlstandsmigrantenrapper aus Berlin-Neukoelln), sondern wirklich verrueckt sind. Sympathisch ist auch, dass die ihre Musik meist nicht lange ueberleben ... Ausserdem laeuft das hier wirklich ueberall!

Und da ja wohl die Zeit fuer musicalische Gestaendnisse angebrochen scheint: Ich war mal in Elena Fossi verliebt ...
https://www.youtube.com/watch?v=8shfVucwZNg

Bien Pilazzzz,

R.

M.L.: Mensch, Raskolnikow, kaum sind Sie ihrer finsteren, zweifellos auch bei Tageslicht mit Jalousien abgedunkelten Bude entstiegen, welche stickig und schwer vom Geruch süßlich-gilbenden Papiers; und lassen die Strahlen der südlichen Sonne keimeweckend ins Gin-getränkte Mördergruben-Herz sinken... da erwacht auch in Ihnen endlich der Groove. Ich antworte mit Funkadelic: "Free your mind, and your ass will follow!"
https://www.youtube.com/watch?v=xiqmEibSY0I

Nachtfalke
19. Februar 2013 19:51

Hier scheinen ja die MetalFans in der Mehrzahl zu sein. Sieht fast so aus, als stünde ich hier mit meiner Vorliebe für MartialPop a la Triarii, Arditi oder Puissance alleine da. Aber was soll's. Mag aber auch Minimal AngstPop wie Haus Arafna oder die dekadenten Ordo Rosarius Equilibrio. Letztlich muss jeder seinen eigenen Soundtrack finden, mit dem er dem kollektiven als auch dem individuellen Untergang entgegengeht.

nino
19. Februar 2013 20:47

"Don't Mistake Lack of Talent for Genius" wie Type O Negative selbstironisch meinten. War es aber nicht eher Carnivore die mit einer rechten Gesinnung kokettiert haben?
Dass Skrewdriver auch ausserhalb der Szene gehört wurden liegt wohl eher daran, dass die einmal unpolitisch angefangen hatten, ende der 70er. Daher war die Band einem grösseren Publikum ein Begriff. und sie wurden auch dementsprechend gepusht in der Presse. Oder welche Rechtsrockband hat schon jemals die Bühne mit Motörhead geteilt? So sagt man zumindest. Dass Skrewdriver zu dieser Zeit noch unpolitisch waren, ändert nicht ihre Musik.
Und ja, es ist zu beobachten: je extremer die Botschaft, desto schlechter die Musik. Und ja, es gibt viele grottenschlechte Rechtsrockkombos.

Trotzdem unterschätzt ML das Potential an rechten Bands komplett. Frei.Wild sind sicher nicht die Spitze musikalischer Virtuosität oder künstlerischer Kreativität. Aber offensichtlich sprechen sie Massen an


M.L.: Nu, sag ich doch. Deswegen muß mir Frei.Wild persönlich nicht gefallen.

und Deutschrockbands auf dem Niveau gibt es in Deutschland auch im rechten Sektor. Steck sie in ein anständiges Tonstudio und stell ihnen einen Produzenten zur Seite der etwas von Musik versteht, dann haben wir zehn Frei.Wilds

Dass sie, ML, gerade an Zeta Zero Alfa so einen Narren gefressen haben, verwundert schon ein wenig.

M.L.: Hab ich gar nicht. Ein paar Lieder finde ich ganz gut, und ich habe sie erwähnt, weil sie auch außerhalb ihrer Szene gehört werden. Sottofasciasemplice sind um Klassen besser, zumindest das Album "Idrovolante".

Sie sind vielleicht eine überdurchschnittlich gut Italo-Band, aber das ist auch nicht so schwierig. Viel mehr als primitivster Punkrock kam von da auch selten.

Was bspw. an "Shaved Women" in musikalischer Hinsicht so genial sein soll, erschliesst sich mir nicht. Wenn ich einen Zug hören will, dann schieb ich HankIII rein ;-)

Und vielleicht müsste man noch anmerken, dass es im Rechtsrockbereich kaum einen Gütefilter gibt. Wie ML richtig bemerkt, geht es vielen Bands mehr um die Botschaft als um die Musik. Das heisst; alles was den Weg in ein Tonstudio findet, wird auch produziert. Das ist im unpolitischen Musikbereich natürlich völlig anders, so dass das Zerrbild entsteht, die Talente seien völlig ungleich verteilt. Zudem sollte man auch nicht vergessen, dass sich Rechte, denen es zuerst um die Musik geht, sich vielleicht auch gar nicht outen. Man betrachte nur einmal, wer sich schon alles "distanzieren" musste. Bspw. Amon Amarth aus Schweden. Die haben noch nicht einmal politische Texte, aber sie singen halt immerzu von Wikingern und Odin, was auch schon die Gesinnungswächter aktivierte. Die Finnen von Impaled Nazarene mussten sogar mal eine Tour abbrechen, weil ihnen viele Shows gekündigt wurden.

Und zuletzt: es gab da mal ne Kombo aus Berlin, die waren wirklich grottenschlecht, aber brachten es ganz ohne Werbung und Auftritten auf dem WAO zu ganz beachtlichen Verkaufszahlen. Was von denen noch alles kopiert wurde, will gar keiner wissen.

Rumpelstilzchen
19. Februar 2013 20:57

Also, ich kenn von den meisten Liedern keine.
Nur eins: heimatfolk können die Iren am besten.
Da ich immer noch zu blöd zum verlinken bin, kann mir mal jemand helfen

Titel

"The only time I feel alright is when I'm into drinking " von Ralph Mc Teel

Danke

Martin
19. Februar 2013 21:00

... habe viel aus der "Neofolk"-Szene bislang live gesehen, gehört und eine anständige Tonträger-Sammlung über die vergangenen 25 Jahre aufgebaut (neben all den hunderten von anderen musikalischen Sachen) und komme für mich persönlich zum Ergebnis, dass am Ende dann doch nur Death in June, Blood Axis und Forseti mehr als "One-Hit-Wonder" sind ... im Hinblick auf das Schaffen von Douglas P. möchte ich ML widersprechen - für mich ist er DER einzige INTERNATIONALE Star dieser Szene, der bleibendes geschaffen hat ... Fall Apart wird man bspw. wohl auch noch in 25 Jahren hören können ...

M.L.: Ich finde auch, daß Douglas P. Bleibendes und Einzigartiges geschaffen hat, ich habe nur gesagt, daß er nicht Scott Walker ist. Von David Tibet/Current 93 wird gewiß auch einiges bleiben.

... und da ich in meinem Platten-Kauf-Wahn manche Sachen auch erst mit ziemlicher zeitlicher Verzögerung einlege, finde ich zur Zeit die Ösi-Band Graumahd gar nicht so schlecht ... hier mit einem Sampler-Beitrag:

https://www.youtube.com/watch?v=2EyDCfb-LS8

Aber auch ihre erste (und bislang einzige?) CD ist m.M.n. durchaus gelungen ...

Von Thronstahl haben wir die weitere Verbreitung von Hans Milch - Gott hab ihn selig - zu verdanken, jemanden, der ansonsten vermutlich nicht so bekannt geworden wäre ...

M.L.: Ich finde wenige Dinge so gräßlich wie die Reden von Hans Milch.

Insgesamt kann Musik also viel bewegen - Wagner selbst glaubte gar, dass eine Regeneration des deutschen Volkes durch Tonkunst möglich wäre (jetzt musste ja auch mal was zum "Wagnerjahr" sagen ...).

Yvonne
20. Februar 2013 01:20

DiJ muß sich nicht verstecken. Douglas Pearce lebt von seiner super Stimme und präsentiert sich als Gesamtkunstwerk. Er ist der Beste, mindestens! Was hat es mit Scott Walker zu tun? Und den Sänger von Joy Division mag ich z. B. gar nicht und mochte ihn noch nie, dann vielleicht aus der Zeit The Fall oder oder... Geschmackssache. Aber schade, rechts ist wohl einfach nicht viel zu holen.
Skrewdriver haben in ihrer Simpelheit tatsächlich einen gewissen Witz, läuft auch manchmal in meinem Auto, aber schlecht sind sie schon.
Ob noch jemand außerhalb der Szene diese Musik hört, ist doch eigentlich kein Kriterium. Es berührt einen oder nicht.
Mal sehen, was in Eurem Buch stehen wird...

M.L.: "Brown Book", "The World That Summer", "But What Ends When The Symbols Shatter?"... allesamt Monumente!

Wahr-Sager
20. Februar 2013 02:25

@eulenfurz:

Warum soll das Deutschlandlied in der Version von Sacha Korn eine Verballhornung sein? Es müsste ja irgendwelche hör- bzw. sichtbaren Anzeichen dafür geben. Oder war das Deutschlandlied in der Heino-Version etwa auch eine Verballhornung?

neocromagnon
20. Februar 2013 03:23

@Martin

Wohl eher, dass es keine Plattenfirma mehr gibt, die sie unter Vertrag nehmen, Konzerte nur noch subversiv organisiert werden können etc.

Ja genau, alle kuschen. Aber wovor hat die Plattenfirma angst? Oder die Veranstalter? Das es böse Kommentare aus den Medien gibt? Und?
Es würde mich mal interessieren was passieren würde, wenn so ein Betrieb, der vom Publikumsinteresse und nicht von Staatsgeldern lebt, das Geschnatter in Medien und Politik einfach ignorieren würde. Journalisten keine Intervievs geben, Politikern nicht antworten und statt dessen einfach weiter machen würde, den Leuten zu geben was sie wollen. So wie es Sarrazin vorgemacht hat. Der hat das einfach alles ignoriert und die Leute strömten in Scharen zu seinen Vorträgen. Im Gegenteil es war sogar Werbung für ihn.

eulenfurz
20. Februar 2013 09:04

@Wahrsager
Die Heino-Version ist auch nicht besser. Es gibt bestimmte Lieder, die sind im Lauf ihrer Geschichte derart geheiligt worden, daß man sie nicht einfach herunterleiern oder verpoppen darf. Genauso wenig, wie man den Dom zu Speyer rosarot anmalen sollte. Dann soll man doch lieber etwas Neues bauen, sodann kann jeder im Vergleich beschauen, was schöner und wertvoller ist.

Aber ich ärgerte mich bereits über meinen Kommentar, der dem Impetus der vorhergehenden Kommentare folgte, die persönliche Geschmacksrichtung darzulegen.

Im Ursprungsbeitrag ging es um die Ausgrenzung mißliebiger Elemente des etablierten Kulturbetriebs, welche - auch von Kommentatoren - soziologisch bzw. psychopathologisch untersucht gehört, unabhängig davon, ob die Musik gefällt.

Martin Lichtmesz
20. Februar 2013 11:03

Karawane zieht weiter, Debatte geschlossen, Dank an alle Teilnehmer.

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