Sezession
14. Februar 2013

Wahrnehmungszusammenstellung

Götz Kubitschek / 12 Kommentare

reinaus den vergangenen sieben Tagen - soll man das "verarbeiten" oder nur zur Kenntnis nehmen, soll man es "bemerkenswert" finden oder in geologischer Ruhe verharren - wissend, daß das alles als Sediment nur ein paar Milimeter zu Stein verpreßter Schleim sein wird, eines sehr fernen Tages? Ich weiß es nicht.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

1. Auf der Fahrt nach Merseburg im Deutschlandradio Kultur in einem Beitrag über die Schaolin-Mönche so etwas wie der Mount Everest des Euphemismus: Die Mönche hätten während der Kulturrevolution in China eine schwere Zeit gehabt, weil die Studenten dort "alles auf den Kopf stellten".

2. Nur ein paar Minuten später auf demselben Sender eines der dümmlichsten Gender-Lieder, das ich je hören mußte: Der Verantwortliche für dieses lyrische Grauen heißt "Trommelfloh" und spielt auf allerlei öffentlich gesponserten Kinderbespaßungen. Es ging um "Glitzerpiraten" und "Fußballprinzessinnen" und darum, daß jede(r) sexuell so sein soll, wie er sich fühlt. Im Netz habe ich das Lied zum Glück auf die Schnelle nicht gefunden.

3. In der FAZ sieht es Stephan Schlak wie wir in der Sezession: Daß Jörg Magenaus Buch über die Gebrüder Jünger (Brüder unterm Sternenzelt, Klett-Cotta 2012) das virulent Gefährliche, Mobilisierende und Explosive im Werk der beiden Denker und Schriftsteller abmildere, auflöse, herunterdimme: Somit seien die Jüngers nun endlich in der Bürgerlichkeit (will sagen: beim bloß konsumierenden Leser) angekommen.

4. Wenige Stunden nach der Rücktrittsankündigung des Papstes dann ein Interview mit einem jener "Wir sind Kirche"-Männer, denen man das Mysterium unter keinen, wirklich gar keinen Umständen anvertrauen möchte - ein Kaputtreder und Kuschelchrist der schlimmsten Sorte, der den ganzen Tag vor seinem Laptop sitzt und sich freut, wenn irgendein Würdiger hinter seinem Amt als "Mensch" aufblitzt.

5. Immerhin aber gibt es einen Martin Mosebach, der in der FAZ gegenhält - im Tenor seines wiederum in der Sezession rezensierten Buch Der Ultramontane (Augsburg 2012). Er betont die Demut Benedikts XVI., die sich bereits in der Wahl des Namens mit einer hohen Vorgängerzahl ausgedrückt habe: kein Neuerungswahn, keine Egozentrik, sondern Rückführung der Kirche in ein zweitausendjähriges Kontinuum der Überlieferung, des Gebets und des Glaubenskerns. Versöhnlicher Lektüreabschluß also gestern Abend, den ich mit einem Blick in Schmitts Römischen Katholizismus abschloß: Dort ist das Wesentliche ausgeführt.

6. Aber dann heute morgen: Links eines fleißigen Weggefährten zu einem Beitrag über ein Foltergefängnis, das die Engländer in Bad Nenndorf bis 1946 betrieben, und ein zweiter zu einem schon vor Jahren publizierten Fall besonders intensiver Selbstjustiz nach dem Krieg. Was macht man jetzt daraus, jetzt um 10.55 Uhr?

Werde nachher die Korrekturen am 34. kaplaken abschließen, die Übersetzung eines Essays von Richard Millet durchgehen und die Planung der 53. Sezession abschließen. Man kann einen Tag aber zurecht auch weniger sinnvoll verbringen ...

 

 

 


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (12)

Kapitän Glitzerpirat
14. Februar 2013 11:23

Der Liedtext:
https://www.trommelfloh.de/texte/_langeweile_ade/Glitzerpiraten.pdf

Der Radiobeitrag müsste dieser sein:
https://www.kakadu-magazin.de/inhalt/6890/audio

Rumpelstilzchen
14. Februar 2013 11:45

Wahrnehmungszusammenstellung
bei Nr. 4 empfinde ich die gleiche Wahrnehmung (sehr gut beschrieben).

Eine andere Zusammenstellung einer Woche:

Der schwule Modesigner Harald Glöckler überstrahlt beim Wiener Opernball ein Society-Ereignis durch seinen schrillen Auftritt mit Pferdekutsche und Glitzeroutfit und wird von der "seriösen" Presse gefeiert.

Paul Badde beschreibt in der Welt am 14.2. 13 die letzte Messe des Papstes
am Aschermittwoch, die "Schönheit der lateinischen Litanei", die "ergreifend schöne Prozession" ?
Eine " nichtgläubige" Kommentatorin bescheinigt dem Artikel Baddes, "das Potential, SEHNSUCHT zu wecken nach mehr als nur dem Allerweltlichen".

Jetzt bringe man das in einen Wahrnehmungszusammenhang mit dem Opernball.

Nehme ich auf dem Foto das Stopfen einer Gans war ?
Nicht nur zum Beginn der Fastenzeit ein fauxpas.

kommentar kubitschek:
ist nicht meine gans, wir stopfen nicht. ist allegorisch zu sehen.

Inselbauer
14. Februar 2013 11:53

Als "Debattenbeitrag" fällt mir nur die Jahresendfeier der hiesigen Dahlemer Kita ein, bei der ein Weihespiel über einen Schuhladen (!) zur Aufführungsgebracht worden ist. Nach der Bemerkung durch den anleitenden August, dass man Weihnachtslieder eh selbst zuhause singen könne, wurde noch ein Lied zum Vortrag gebracht, dass den Refrain brachte: "Nichts schmeckt schöner/ als ein Döner/ in Berlin". Die alte Sau von anleitendem August war die herzerfrischende Verkörperung des alternativen, 50-jährigen Kreuzbergers. Sogar unsere Freunde aus dem Libanon und Botschaftsangehörige der Republik Senegal haben dagegen protestiert, was da "abging". Mein Sohn, angesprochen auf diesen Schmarrn, meinte nur "ist doch klar, dass der Hühnerkacke macht, der olle mit der Gitarre" (...)

Jakob Altenburg
14. Februar 2013 14:21

7. Auf der Heimfahrt gestern Abend im Zug Nietzsches "Genealogie der Moral" zur Seite gelegt und aus mittlerweile schlechter, ablegungswürdiger Gewohnheit auf sueddeutsche.de geklickt, dort als dritte oder vierte Meldung "Dresden, das Opfer" von einer Antonie Rietzschel, die über sich sagt, sie habe bei einer Zeitung in Kasachstan gelernt, wie man die Zensur austrickst. Wozu, fragt man sich, um dann, zurück in Deutschland, in das Heer der restlos angepassten Schreiberlinge einzurücken?
Wer ein Gehör dafür hat, der nimmt die Häme schon im Titel wahr, darum geht’s: In Dresden entsteht ein Mahnmal für die Opfer der alliierten Bombenangriffe, in dem, in noch ungeklärter Form, 19.000 Namen der offiziellen 25.000 Toten genannt werden sollen. Dagegen läßt Rietzschel, verpackt in eine scheinbar sachliche, abwägend-ausgewogene Darstellung (mit einer rührenden Nebenerzählung, die von den Konflikten zwischen Menschenkettlern und Pflastersteinwerfern handelt), die Guten und Gerechten von links aufmarschieren, deren Sprachrohr sie offenkundig ist (allein schon physiognomisch).
Die Initiative BürgerCourage darf zum Mahnmal ihr schwachsinniges, sprachpanscherisches "Überhöhte Erinnerungskultur" aufsagen und das Bündnis Dresden Nazifrei erschrickt bei der Vorstellung, der Name eines Juden könnte an diesem vorbestimmten "Pilgerort für Rechtsextreme" neben dem eines SS-Mitgliedes aufgeführt werden. "Im Fall der Busmannkapelle ist es bereits zu spät" schließt Rietzschel, soll heißen: Wer der Opfer der Angriffe gedenkt, gar ein Mahnmal für dieses Gedenken errichtet, der "politisiert" das Gedenken, handelt prinzipiell falsch, nämlich sträflich gegen den obersten Glaubenssatz, der Täter und Opfer, Ursache und Wirkung, mithin Gut und B ö s e (siehe oben, Nietzsche) fein säuberlich trennt – und keinen Widerspruch duldet: "Wer also der Toten gedenkt, muss also auch der Taten gedenken, die ihrem Tod vorausgingen" (so Rietzschel, Robert Leicht zitierend). Ja, muß er nicht vor allem an diese Taten denken und überhaupt weniger an die Toten? Aber … welche T a t e n denn? An Churchills früheste Träume vom Luftkrieg gegen Deutschland, an mehrere tausend Tonnen Spreng- und Brandbomben, an Feuerstürme, an die Zerstörung der historischen und baulichen Substanz Dresdens, die auch eine seelische war...?

el Razzkolnikow
14. Februar 2013 14:31

Gerade aufgestanden,

(immerhin ist es hier erst halb sieben Uhr) sehne ich mich nach Euch.

Zur Aufheiterung:

1. Hier faehrt man nur mit blindaje V oder einem Toyota Corolla durch die Gegend und starrt auf jedes kleine Gebueschlein am Strassenrand. Bevor man losfaehrt, sollte man die lokalen facebook- und twitter-Seiten kontrolliert haben. D-radio ist weit weg ...

2. Im Auto-Radio laufen dagegen die Tucanes:
https://www.youtube.com/watch?v=8xJqQPxhQPo
Von frueh bis spaet diese norteño-Scheisse. Da wuenscht man sich den Trommelfloh geradezu herbei ...

3. Am Sonntag gab es hier ein paar Tueten voller Ueberraschungen in der Hotellobby - kurz vor dem Fruehstueck. So tauchen hier manchmal Verschwundene wieder auf ...

Ein Schnellrestaurant am Flughafen Muenchen, aus dessen Lautsprechern Adele schallt - das kann Zu-Hause-Gefuehle ausloesen, glaubt mir! Der 50-jaehrige Kreuzberger August, Trommelfloh, der Wir-sind-Kirche-Penner und das Gendergeschnatter der Spiegel-online-gestopften Gaenschen - zu Hause! Das alles sind Erscheinungen einer reichen, satten, sicheren Gesellschaft, die wir als Konservative Revolutionaere natuerlich alle schrecklich finden ... Uns liegt mehr "das virulent Gefährliche, Mobilisierende und Explosive" ...

Genug gejammert! Seid froh! Immerhin haben wir ja uns ... und zu Hause liegt die "Sezession"!

Gruss aus Tamaulipas,

R.

https://www.mund0narco.com/p/veracruz-monterrey-y-tamaulipas-reporte.html

Biobrother
14. Februar 2013 19:00

Ich (als Angehöriger einer Minderheit, der sich den derzeitigen Hype um selbige auch nicht so recht erklären kann) sehe mich derzeit von zwei faszinierenden Phänomenen flankiert: auf der einen Seite von fortpflanzungsfreudigen Großfamilien mit „Jihad-Babys“, die man mit seinen Steuergeldern alimentieren darf, und die einer Religion nahe stehen, deren extreme Exponenten einen am liebsten am Baukran baumeln sehen möchten, auf der anderen Seite von autochthonen Ultrakonservativen, die zwar den problematischen Aspekten der Multikultur entgegentreten möchten, einem dafür aber eine Gesellschaft bescheren wollen, die freudestrahlend nach Vorvorgestern zurückkehrt oder sich doch zumindest jedweder Modernisierung verweigert, da sie hierin eine nicht-verantwortbare Zersetzung sieht. Herrlich, das bestätigt einen doch darin, dass keine Weiterbildung so sinnvoll ist wie Sprachenlernen, öffnet sie einem doch Türen, um sich gegebenenfalls in freundlichere Gefilde abzusetzen.

Zu den rechten Spezialisten, die nun allerorten ihre unbändige Liebe zur katholischen Kirche entdecken: Als Katholik „freue“ ich mich schon jetzt auf die Kommentare, falls es denn doch ein schwarzer Papst (also ein „Neger-Papst“) werden sollte. Vermutlich wird man dann zwischen Lachen und blankem Entsetzen hin und her gerissen sein.

Schmidt
14. Februar 2013 19:53

@El Razzkolnikow
Wir fahren in der Gegend grundsätzlich nicht mehr mit „Blindados“, seitdem diese einmal die Aufmerksamkeit jener Leute auf sich gezogen hatten, die gerne süddeutsch anmutende Musik hören (https://www.youtube.com/watch?v=mB6LZO3-ddw), und deren Konkurrenten eben jene Fahrzeuge fahren.
Sind Sie zufällig länger vor Ort?

Martin
14. Februar 2013 21:54

Zu den rechten Spezialisten, die nun allerorten ihre unbändige Liebe zur katholischen Kirche entdecken: Als Katholik „freue“ ich mich schon jetzt auf die Kommentare, falls es denn doch ein schwarzer Papst (also ein „Neger-Papst“) werden sollte. Vermutlich wird man dann zwischen Lachen und blankem Entsetzen hin und her gerissen sein.

Nö - schockt überhaupt nicht, wäre eher ein normaler Vorgang. Der Heiland soll ja auch Jude gewesen sein ... die Botschaft steht über diesen Dingen. Sein Reich war nicht von dieser Welt.

Wir Deutsche können evtl. deutlich mehr von einem farbigen erwarten, als von einem Italiener oder Latino. Neger sind Negern - und wir sind die Neger der Neuzeit - meist wohl gesonnen.

Als Nicht-Katholik bin ich dennoch froh, einen Ratzinger als Pabst erlebt haben zu dürfen.

Biobrother
14. Februar 2013 23:44

@ Martin

Papst Benedikt XVI. war zwar nicht so charismatisch und publikumswirksam wie sein Vorgänger, aber seine eher stille und hochintellektuelle Art, nebst seiner Fähigkeit zur geschliffenen Formulierung, waren zweifellos sehr beeindruckend, und seine verschmitzte Schüchternheit hatte zuweilen durchaus sympathische Züge. Dass er traditionell-konservativ eingestellt ist, stimmt natürlich ebenfalls, was vermutlich diverse Gründe hatte: die bayerisch-ländlich-konservativ geprägte Jugend, das Entsetzen über die Ausschreitungen der 68er-Studenten und zuletzt natürlich auch sein Alter. Er ist immerhin in einer Zeit aufgewachsen, als heute medial umschwärmte Gruppen noch ins Zuchthaus gesteckt wurden. Insofern also - trotz aller Differenz - auch meine (unmaßgebliche) Hochachtung an einen großen alten Mann. Dennoch wünsche ich mir natürlich im eigenen Interesse ein wenig behutsame Modernisierung. Dass Modernisierung bis zur Beliebigkeit in den sicheren Untergang führt, hat ja schon Esther Vilar in ihrem Buch „Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin“ treffend beschrieben. Ein hochinteressantes Buch übrigens.

Peter Niemann
15. Februar 2013 05:04

Eine kurze Anmerkung aus den USA: Im immer als links einzustufenden oeffentlichen Radionsender NPR ein Kurzbericht ueber Menschen, die im Internet eine Scheinfreundin abonnieren koennen, die dann auf Facebook etc. Freundinnachrichten schreibt. Entgeistert fragte die linke Journalistin, wo das noch alles hinfuehren solle. Erstaunlich: Wenn schon die Linke ein "Frueher wars besser" anstimmt, dann sollte man stutzig werden. Wer stuert das Schiff?

Biobrother
15. Februar 2013 10:49

Nachsatz zum obigen Buchtipp:
Die atheistische Grundhaltung der Schriftstellerin (und studierten Ärztin) Esther Vilar teile ich, obwohl selber einer stark atheistisch geprägten Naturwissenschaft entstammend, definitiv nicht. Ihre These, dass Menschen völlige Freiheit nicht ertragen können, da sie eben auch geistige Heimatlosigkeit als zwingende Konsequenz hat, und die mühsam errungene Freiheit dann sogleich bei wesentlich problematischeren Adressen als der katholischen Kirche wieder abliefern, finde ich dagegen sehr faszinierend und treffend beobachtet.

Gast
17. Februar 2013 22:20

Nicht ernstnehmen, nicht weiter verfolgen, die Tagesnachrichten sind nur das oberflächliche Geschnatter (da ist der Bezug zur obigen Gans) einer Herde von konformistischen Angestellten des Staatsrundfunks und die Artikel der Feuilletons habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen wegen akuter Langeweilegefahr und wegen ihrer sterilen Ignoranz, die alles tut, um den Dingen niemals wirklich auf den Grund zu gehen. Das ist alles nur Vordergrundrauschen vor der tektonischen Verschiebung unserer Lebenswelt, diejenigen, die die millimeterweisen Bewegungen spüren und die die Tiefenströmungen sehen können, tun dies nur, weil sie gerade diese Medien meiden.

Immerhin kann man Leute damit verblüffen, wenn man jemanden wie den Trommelfloh als Propagandisten der Genderideologie bezeichnet, das ist etwas, was außerhalb der öffentlichen Diskussionen liegt und das kein "normaler" Mensch auf seinem Bildschirm hat. Man erwirbt sich damit vielleicht sogar den Ruf als "unkonventioneller" Denker.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.