Sezession
15. Februar 2013

Gulliver im Zwergenland (I): Ehret die Fremden!

Gastbeitrag

Gulliver im ZwergenlandEndlich gibt es den authentischen Tagebuch-Text des weltberühmten Reisenden Gulliver, der im November 1699 nach einem Schiffbruch im ehemaligen Lilliput landete. Was sich dort wirklich abspielte, scheint so ungeheuerlich, daß wir uns glatt in die Gegenwart versetzt fühlen …

14. Januar 1700:

Eines vorweg: Von der viel beschrieenen und weit um den Globus beschriebenen Fremdenfeindschaft der Bewohner dieses Landes kann keine Rede sein, eher vom Gegenteil. Mir zumindest begegnete man mit größter Aufgeschlossenheit. Wurde ich doch sofort zu zahllosen Gesellschaften eingeladen. Man ermunterte mich sogar, obwohl eben erst angekommen, flugs zur Kritik an den hiesigen Verhältnissen, offenbar im Bewusstsein, dass woanders fast alles besser als hier sein müsse.

Nie im Leben habe ich so schnell den vermeintlichen Expertenstatus erklommen. Als ich zunächst nur die Unterschiede zu Britannien benannte, wurde dies sofort begierig aufgegriffen und als weltmännische Alternative deklariert. Meine wenigen, meist unzusammenhängenden Überlegungen wurden eilends protokolliert, veröffentlicht und erfreulicherweise mit einem satten Honorar von 50 Eimerchen Erdbeerwein vergütet. (Wegen der Größenverhältnisse zwischen mir und den Lilliputs reichten sie allerdings leider nur zu einem äußerst mäßigen Rausch.)

Natürlich gab es auch Anpassungsschwierigkeiten. Aber wie die gemeistert wurden, belegt mein positives Urteil umso mehr. Denn ich muss leider eingestehen, dass es anfangs ein wenig dauerte, bis ich die enormen Längenunterschiede zwischen mir und den Eingeborenen entsprechend berücksichtigte. Zuvor spazierte ich buchstäblich in der Gegend herum wie der berüchtigte Elefant im Porzellanladen. Harmlos war noch, dass ich zunächst, ungewohnt der neuen Speisen, häufig aufstieß, wobei meine Rülpser einige Blumenstöcke von den Fernsterbrettern fegten. Da lächelten die Bewohner des Küstendorfs nur milde verzeihend. „Ist uns auch schon passiert“, hieß es freundlich-entschuldigend. (Fragt sich nur wo, bei ihrem Wisperatem. Aber ich mag solche kleinen Höflichkeitsschwindeleien.)

Ein paar Irritationen gab es allerdings, als ich mit meinen Riesenlatschen einen Feldstein wegkickte und damit die Zäune von zwei Ziergärten umlegte. Da wurde schon ein wenig geschimpft; aber ich weiß ja, wie passionierte Hobbygärtner fühlen. Dummerweise habe ich später noch weitere Schäden angerichtet. Natürlich fand sich anfangs für meine Riesenmaße gemäß lilliputanischer Norm keine adäquate Unterkunft. Da es Sommer war, kampierte ich also einfach im Freien und schützte mich vor Regen durch ein Festzelt, dessen Anfertigung der Monatsproduktion einer Textilfabrik entsprach und für dessen Bezahlung mir anfangs die Mittel fehlten. Weil ich zudem unruhig schlafe, habe ich in den ersten Nächten mit meinen Armen und Beinen mehrere Apfel- und Pflaumenbäume verwüstet, ausschließlich Edelsorten einer Musterplantage, was zu leichten Verstimmungen führte.

Auch hat mein Schnarchen und – ich will es nicht schamhaft verschweigen – mein Furzen, welches sich durch das hier extensive Würzen mit Curry und Ingwer besonders heftig bemerkbar machte, einige Häuser abgedeckt und nächtens Windmühlen in Gang gesetzt. Auch das Urinieren führte zu Beinahe-Unglücken, insofern ich damit einige im dichten Buschwerk übersehene Waldarbeiter fast in einem Sturzbach ertränkte. All dies provozierte schließlich kleinere Zusammenrottungen. Auch schossen vergrätzte Bewohner, im Nebel getarnt, mit ihren Flitzebögen einige Minipfeile auf mich ab, die sie vorher mit Essigsäure getränkt hatten.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.