Sezession
28. Februar 2013

Schöne Literatur – Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“

Götz Kubitschek / 8 Kommentare

b116d74c2e(Rezension aus Sezession 51 / Dezember 2012)

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es ist schon über ein Jahr her, daß dieser kurze Roman aus der Feder des 1983 geborenen Autors Leif Randt erschien. Aber es lohnt sich, diese Ich-Erzählung jetzt zu lesen: Man kann an ihr das abgleichen, was seit einigen Monaten als »Identitäre Bewegung« den Widerstand gegen die Lebenswirklichkeit in Zentraleuropa ausruft und dabei dezidiert sagt, daß es die Perspektive auf irgendeinen Drecksjob, auf ein überfremdetes Lebensumfeld und auf eine Zerrüttung jeder Hierarchie sei, die zur Feinderklärung gegen die Generation der 68er geführt habe.

In Randts Roman gibt es diese Wut nicht einmal im Ansatz. Coby County ist irgendeine von der Sonne und vom Reichtum verwöhnte Küstenstadt, eine Chiffre für eines jener Wohnviertel, in denen eine Generation heranwächst, der alles geschenkt wird: Ich-Erzähler Wim verbringt ein Leben, das nach einer ausgedehnten, vernünftig gemanagten Jugendzeit in einen unanstrengenden, gutbezahlten Job mündet. Man hat eine Beziehung, in der nichts leidenschaftlich, sondern alles befriedigend und abgeklärt abläuft. Man ist sich über sich selbst im klaren, man bewegt sich individuell und dennoch typisiert innerhalb eines Rahmens, in dem ein Generationengefühl ebenso seinen Platz hat wie die Eltern, mit denen man gut auskommt und lässig kommuniziert. Man hat ihnen nichts vorzuwerfen, sich selbst auch nicht, und auch nicht der Zeit, in der man lebt. Man hat nämlich eines begriffen: Die freiwillige Formierung durch den einzelnen ist das Konzept, das am besten funktioniert. Es ist eine Art Endstadium der »offenen Gesellschaft«. Toleranz ist ein Dauergefühl, das eigentlich nie auf die Probe gestellt wird: denn es gibt keine Abweichler mehr.

Selbstreflektiert, unaufgeregt, angekommen – so sind die jungen Bewohner und die junggebliebenen Älteren. Jede Regung wird eingeordnet, keine Unvernunft zu weit getrieben, und bei den drei im Buch geschilderten Katastrophenszenarien (eine Hochbahn springt aus den Schienen, ein paar Villen stehen in Flammen und ein Sturm zieht auf) zeigt die angemessene Anteilnahme ihr vorbildlich staatsbürgerliches Gesicht: Man versammelt sich vor Bildschirmen, beklatscht die Aktionen der Rettungskräfte und verliert nie die Zuversicht, daß die Manöver gelingen werden.

Mir fiel auf (und bisher fand ich dafür in keiner anderen Rezension einen Beleg), daß sich Leif Randt an den katastrophischen Bildern aus Jakob van Hoddis' Gedicht Weltende bedient: "die Eisenbahnen fallen von den Brücken", "in allen Lüften hallt es wie Geschrei", "und an den Küsten - liest man - steigt die Flut", und selbst dieser Vers findet als kleines Alltagsproblem seine Entsprechung: "Die meisten Menschen haben einen Schnupfen" - für diese Art "Weltende", bevölkert vielleicht von Nietzsches "letzten Menschen" muß man ein Sensorium haben: Leif Randt hat es.

Für jeden Umstand abseits der Norm-Breite gibt es ein Verhaltensmuster, und als Wim in eine kleine existentielle Krise gerät, gibt ihm der freundliche Chef für ein paar Tage frei. Wim bricht auf: Er verläßt Coby County und fährt mit dem Zug ins Hinterland, bloß um am nächsten Bahnhof den Zug zurück zu nehmen – eine Karikatur jener »Heimkunft« nach einem Gang in die Fremde, von dem Hölderlin als einer der großen existentiellen Notwendigkeiten des Lebens sprach.

In Coby County aber gibt es keine Not, und deshalb muß sie auch nicht abgewendet werden. Wenn jemand über den Strand läuft und das Gefühl hat, er könnte jeden Moment einbrechen, »als wäre da bloß Sand auf eine marode Kuppel gehäuft«, weil da »eine innere Gefahr herangewachsen ist, in den allermeisten von uns« – dann wird er als Neo-Spiritualist abgetan, als Spinner, den man natürlich trotzdem »total toleriert«. Es ist ebenso verblüffend wie lähmend, daß Wim sich über jede Nuance im klaren ist und dennoch ohne Spott oder Häme davon erzählt. Wenn er an seiner Mutter bemerkt, sie scheine »mit ihren Phrasen identisch zu werden«, weil sie »abgegriffene Formulierungen auf eine Weise« benutzt, »als wären sie gerade eben erst von ihr erfunden worden«, will er ihr sagen, daß sie altklug und bieder geworden sei – »aber ich kontrolliere mich und schweige«, und dann steigt er in die Trambahn, denn: »Wer immer nur läuft, macht sich zu unabhängig, der verliert vielleicht irgendwann den Bezug zur Gemeinschaft.« Das ist selbstverordnete Philanthropie zum Wohle aller, Temperaturkontrolle, Selbstnormung entlang einer verbindlichen Skala von Minimalregungen.

Auch homosexuelle Erfahrungen hat hier jeder einmal gemacht, und Wim gibt auf geradezu naive Weise zu, daß er doch eher auf einen bestimmten Typ Frauen stehe, obwohl die Lehrer stets rieten, »daß wir nicht Äußerlichkeiten verfallen sollen, sondern realen Charakteren, unabhängig von class und race und gender.« Es ist diese bewußt gesetzte Unvereinbarkeit des aufgeklärten Geredes bei gleichzeitiger Verwendung der Überwältigungsvokabel »jemandem verfallen«, die den federnden, teils an Christian Krachts Faserland erinnernden Stil Leif Randts auf den Punkt bringt: schimmernder Dunst, Milchglasfenster. Woher sollte – bei so viel Aufgeklärtheit – noch rebellisches Potential kommen, woher überhaupt eine Begründung für ein ganz anderes Leben, ein echtes Gefühl? Hier sind doch alle identisch mit sich selbst, man hat alles unter Kontrolle, selbst vermeintliche Aussetzer, selbst den Brechreiz: »Insgeheim empfinde ich das Übergeben als rebellische Geste, als eine Art Befreiung von den Zwängen, mit denen ich lebe und die ich ja alle selbst zu verantworten habe.« Das ist dann »total angemessen«, indes: Wer so davon redet, steht vielleicht wirklich auf einer Kuppel aus Sand.

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County, Roman, Berlin: Berlin Verlag 2011. 191 S., 18.90 €


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (8)

Kurt Schumacher
28. Februar 2013 13:14

Ich habe den Roman nicht gelesen, aber mir fällt spontan zweierlei ein:

1.) Die Frage: ist das Buch eine Satire? (so à la Swift)
2.) Nietzsches Beschreibung des Letzten Menschen. "Sie hatten ihr kleines Glück für den Tag, und ihr kleines Glück für die Nacht. Aber sie sorgten dafür, daß es nicht zu anstrengend würde." (sinngemäß; von mir aus dem Gedächtnis zitiert)

antwort kubitschek:
Sie sollten den roman unbedingt lesen, ist eine rasche, suggestive lektüre. eine satire a la swift ist das nicht, eher eine dystopie (wenn man das ablehnt, was da gezeichnet wird), die in einer ganz feinen sprache wie eine schöne utopie klingt.
nietzsche: das triffts schon.

Yvonne
28. Februar 2013 18:13

Klingt interessant. Erinnert mich ein bisschen an American Psycho, auch wenn es dort natürlich anders zur Sache geht.
Diese Gesellschaft ist seelenlos, sie trägt nichts in sich. Ist man erst mal abgerückt, dann kommt die totale Entfremdung. Es könnte doch viel mehr sein...
Das ist es, was mich treibt, politische Romantik eben.

K.
1. März 2013 11:56

Danke für den Buchtip. Ich bin normalerweise mißtrauisch bei sehr jungen Autoren (d.h. eigentlich alles unter 50, lol), aber das hier klingt interessant.

Ein Fremder aus Elea
1. März 2013 12:35

Brave New World Stand 2011.

Gott, ich habe mir grade Carsten Bohns Musik von 78/79 zu Gemüte geführt, hier: https://www.youtube.com/watch?v=nCq4k76UsFw und die bekannteren Stücke hier: https://www.youtube.com/watch?v=osdw6RZcPOI

Sagt irgendwo alles, Reizüberflutung.

Immerhin, so schlimm isses nicht mehr. Der Schwindel, die Persönlichkeitszersplitterung.

Fight back
1. März 2013 22:59

Auch wenn es hier nicht hingehört: Wie wäre es, wenn sich ein paar Leute mehr finden würden, die uns bei amazon,de mit Rezensionen und Kommentaren unterstützen würden?
Einfach ein Buch kaufen und nach 48 Stunden kann man Bücher von JF, edition antaios usw. rezensieren und sich an Diskussionen gegen Linke beteiligen.
Bewegt Euch!

Kurt Schumacher
5. März 2013 15:24

So, ich habe mir jetzt das Buch gekauft. Bin ungefähr auf Seite 30. Aber ich muß sagen, daß es mir schwerfällt, es zu lesen. Nicht, weil der Stil zu vertrackt wäre (das ist er nicht; ist relativ lakonisch erzählt), aber weil mir die Figuren so unsympathisch sind. Und zwar alle! Vielleicht ändert sich das ja noch, aber im Augenblick habe ich das Gefühl, als schwömme ich gegen eine Strömung.

Hölderlin
5. März 2013 15:39

Es ist "erstaunlich" zu sehen, wie mehr und mehr Menschen, Verwandte, Freunde - zumindest die, die es sich leisten können, - trotz allem, was um uns geschieht, genau so (wie in dem besprochenen Roman) werden, und man jede Abweichung mit dem Ton des Bedauerns vorgehalten bekommt. Ja, man kann es nicht einmal mehr als Vorhaltung bezeichnen, es ist gar keine Auseinandersetzung (und Haltung sowieso nicht), sondern ein gleichgültiges Unverständnis, dem kein Verstehen vorausgeht oder folgen will, es hat etwas von Mitleid, das einem entgegengebracht wird. Immer die Frage, warum man denn dies und jenes nicht einfach mal so sehen oder machen kann, wie es üblich und schön und harmonisch und anerkannt sei ...

So werde ich also einmal Kubitscheks Empfehlung für einen Roman folgen - wenn er mir nicht gefällt, dann weiß ich schon, an wen ich ihn weiter verschenke!

Hölderlin
7. März 2013 19:20

Habs gekauft und lese! Es gibt mittlerweile eine Taschenbuchausgabe!

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