23. Oktober 2013

Der kurze Weg nach Westen – Karlheinz Bohrers „Erzählung einer Jugend“

Gastbeitrag

2381807(Rezension aus Sezession 51 / Dezember 2012)

von Thorsten Hinz

Der Literaturwissenschaftler, Publizist und langjährige Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer ist im September 80 Jahre alt geworden. Im Vorfeld ist seine autobiographisch inspirierte Erzählung einer Jugend erschienen. Wer eine trocken-akademische Prosa befürchtet hatte, ist widerlegt.

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Die Erzählung setzt 1939 oder 1940 ein – so genau weiß der Autor es nicht mehr –, als die Kinder in den Straßen Kölns Granatsplitter auflesen, die nachts vom Himmel regnen und in den schönsten Farben schillern. Den »Jungen« – wie der Held der Erzählung durchweg genannt wird – erinnern sie an den Schmuck der Mutter. Doch ihre gezackten Kanten sind gefährlich. »So ein Stück scharfes Metall in die Hand zu nehmen war genauso, wie wenn man das Wort ›Krieg‹ hörte«.
Bohrer exemplifiziert hier in kindgerechter Form den »gefährlichen Augenblick«, den er in der Ästhetik des Schreckens, seiner Habilitationsschrift zum Frühwerk Ernst Jüngers, thematisiert hat. Dieser plötzliche Augenblick durchbricht das Kontinuum der Zeit, pulverisiert Gewißheiten und verbindet epiphanische mit dezisionistischen Elementen. Blitzartig überkommt auch den Jungen die Erkenntnis: »Krieg war also etwas Grausames.«

Es gibt weitere starke Passagen, etwa die Schilderungen des bürgerlichen Elternhauses. Dem Vater, einem Nationalökonomen, sind die Nationalsozialisten ästhetisch, habituell, politisch tief zuwider. Die attraktive, etwas leichtlebige Mutter hofft, als Schauspielerin entdeckt zu werden. Sie ist zu Kompromissen bereit, verfügt aber letztlich über unverrückbare Grundsätze. Das alles wird geradezu beiläufig, ohne pädagogische Absicht und deswegen mit eindringlicher Wirkung erzählt.

Nach dem Krieg wird der Junge im Schulinternat Birklehof im Schwarzwald untergebracht, das zuletzt Ulrich Raulff im George-Buch Kreis ohne Meister in den Blickpunkt gerückt hat. Bohrer verzichtet auf die biographische Identifizierung von Lehrern und Mitschülern, die später zur bundesdeutschen Prominenz gehören. Es gehe ihm nur um die »Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit«, begründet er in einem kurzen Nachsatz seine Zurückhaltung. Die Lektüre von Eugen Kogons Buch Der SS-Staat gerät zur geistigen Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, und nachdem er Arthur Koestlers Sonnenfinsternis gelesen hat, kann er kein Kommunist mehr werden. Die Beschäftigung mit den griechischen Tragödien bieten ihm die Möglichkeit, das subjektive Erleben von Krieg und Schrecken zu transzendieren und gleichzeitig die Gegenwart von einem außerhalb liegenden Standpunkt zu betrachten. Sowohl der spätere Literaturwissenschaftler wie der Zeitanalytiker kündigen sich an.

Erzählerisch stärker ist der dritte Teil, der vom ersten Englandaufenthalt 1953 berichtet. Die Gastgeber in London gehören einer gehobenen Gesellschaftsschicht an, sprechen ausgezeichnet Deutsch und kennen Deutschland von zahlreichen Kulturreisen. In London teilt sich dem Studenten aus Deutschland die nachwirkende Kraft des britischen Empires mit. Während Indien für ihn kaum mehr bedeutet als ein exotisches Märchen, stellt es für die Briten die Gegenwart und für einige sogar eine konkrete Erfahrung dar – greifbarer Unterschied zwischen der landgebundenen Mittel- und der einst seebeherrschenden Weltmacht!

Der Eindruck auf den jungen Englandreisenden ist tief, weshalb das Ende des Buches überrascht. Während die englische Küste am Horizont verschwindet, lautet die – angeblich – spontane Bilanz: »Daß etwas für immer endgültig verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum erstenmal.« Dagegen spricht jedoch der elegische Gestus des Textes, in dem sich der Versuch Bohrers ausdrückt, dem einstigen Glück in der Erinnerung erneut habhaft zu werden.

Der zweite Zweck des schroffen Schlußsatzes besteht darin, von den subkutanen Parallelen abzulenken, die das England-Kapitel zu den emphatischen Berichten aufweist, die junge Intellektuelle aus Westeuropa in den 1920er und frühen 1930er Jahren über ihre Reisen in die Sowjetunion verfaßten. Die kommunistische Schriftstellerin Anna Seghers behauptete 1930, dort den »Originaleindruck« von einer neuen Gesellschaft empfangen zu haben. Den Begriff hatte sie aus Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre entlehnt, wo an einer Stelle vom »ersten Aufblühen der Außenwelt« die Rede ist, das sich dem jungen, noch unverbildeten Menschen mitteilt und ihn fürs Leben prägt.

In Wahrheit verfügten die Rußlandreisenden genausowenig wie Bohrer über die  naive Unbefangenheit, die Goethe meint. Die einen wollten in der Sowjetunion ihre Hoffnung auf eine gesellschaftliche Alternative bestätigt sehen, und für Bohrer waren die Engländer, seit er die deutschen Soldaten »müde und ausdruckslos« als Gefangene abgeführt sah, »sozusagen die Ersatzsieger«. In ihrer »ruhigen Selbstsicherheit« bewegten sie sich, als seien sie »immer schon Sieger gewesen«. Nun darf er sich ihnen zugehörig fühlen, ein wenig zumindest. So ist das Buch auch der Bericht über eine gelungene Westernization.

Karl Heinz Bohrer:  Granatsplitter. Erzählung einer Jugend, München:  Hanser 2012. 315 S., 19.90 €


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