20. Februar 2013

Die Wächter der Demokratie

Gastbeitrag / 19 Kommentare

220px-Ingo_Schulz-004von Heino Bosselmann

Ingo Schulze, bereits mehrfach geehrter Berliner Schriftsteller aus Dresden und vergleichsweise viel gelesen, erhielt von der Stadt Augsburg jetzt den Brecht-Preis. Nicht weiter wichtig für einen, der schon eine ganze Liste an Auszeichnungen vorweist, aber doch Anlaß zu einer interessanten Rede:

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Neben dem üblichen Protokoll, warum einer und wie nun berühmter Schriftsteller wurde, versuchte sich Schulze an einer Umdeutung eines wichtigen Brecht-Gedichts - jenes berühmten späten nämlich, das den Aufstand des 17. Juni 1953 in der DDR thematisiert.

Diese Gedicht fand sich in der DDR durchaus gedruckt, wurde aber offiziell ignoriert, während es selbstverständlich zum Dauerinventar der West-Lehrbücher gehörte, um den Unrechtsstaat zu thematisieren. Ingo Schultze will es gar in einem Schaukasten seiner Schule entdeckt haben, einer Schule, die ich, stelle ich mir das vor, gern besucht hätte.

Er setzt den klugen und provokanten Brecht-Text jetzt in einen neuen Bedeutungszusammenhang, indem er die Schlußzeilen (Wäre es da/Nicht doch einfacher, die Regierung/Löste das Volk auf und/Wählte ein anderes?) statt an die Regierung an die Adresse der mittlerweile allein selig machenden Finanzwirtschaft adressiert.

Man kann sich in bewußter Pauschalität und in Absehung von freilich wichtigen Details und Gesamtzusammenhängen der Wirkung dieser Pointe nicht ganz verschließen. Denn: Wer aus der allseits geschmähten oder allseits verklärten DDR kommt, durfte erleben, daß sich etwa dort, wo "überbaulich" die kommunistische (stalinistische und poststalinistische) Ideologie die Welt erklären sollte – als Lehre, „die allmächtig ist, weil sie wahr ist“ – heute eine andere, gleichfalls vollste Geltung beanspruchende etablierte, jene vom Wachstum um beinahe jeden Preis.

Man stelle sich Wachstum am besten stets in Blockbuchstaben vor, außerdem mit einem nach oben gerichteten Vektor – jedenfalls seit die Börsenachrichten vor allen anderen kommen und auf den Titelseiten der Presse als Fieberkurve neben dem Wetterbericht plaziert sind. Ach, wäre Frau Merkel das Wort von der „marktkonformen Demokratie“ doch nie auf den Redezettel geschrieben worden. Ingo Schultze und viele andere, linker Lehren gänzlich unverdächtig, halten es ihr immer wieder vor. Und zwar zu Recht!

Schultze verweist zitierend darauf, was der damals noch in allen Ehren stehende Rolf E. Breuer schon im Jahre 2000, also lange vor der Krise, in der „linksliberalen“ ZEIT forderte:

Politik muß (…) heute mehr denn je mit Blick auf die Finanzmärkte formuliert werden. (…) Offene Finanzmärkte erinnern die Politiker allerdings etwas häufiger und bisweilen etwas deutlicher an diese Zielsetzungen, als die Wähler dies vermögen. Wenn man so will, haben die Finanzmärkte quasi als ‚fünfte Gewalt’ neben den Medien eine wichtige Wächterrolle übernommen. Wenn die Politik im 21. Jahrhundert in diesem Sinn im Schlepptau der Finanzmärkte stünde, wäre das vielleicht so schlecht nicht.

Ja, es hat sich viel verändert. Nicht nur im alten Osten, sondern gleichfalls im alten Westen. Nicht nur, daß vorzugsweise die Finanzwirtschaft selbst gemäß ihrer Verwertungsinteressen mehr denn je ideologiebildend auftritt und sich eine willfährige Politik als Marketing- und PR-Büro leistet. Wo früher die Manifeste und Streitschriften standen, befinden sich jetzt die Haushaltsrechnungen, und die Gesichter der alten kalten Krieger sind durch Buchhalterphysiognomien ersetzt. Debatten, die sich nicht um die Saldi drehen, sind obsolet oder lächerlich geworden, und statt Werner Höfer soll Stefan Raab Politisches moderieren.

Man kann das sicher alles gut finden. Selbst Marx ging vom Primat des Ökonomischen aus. Aber man sollte dann nicht so viel Wunder um die Demokratie und die ihr zugeschriebene Siegelbewahrung der Humanität machen. Gut tut der klare analytische Blick, erweitert um genaue Sprachkritik. Was denn wäre Demokratie heutzutage mehr als der zu vermittelnde Interessenkonsens zwischen profitorientierten Produzenten und ihrem Discounter-Publikum? Und freilich hängen alle mit drin, so wie bei den aktuellen Fleisch-, Amazon- und Finanzskandalen.

Schon klar, daß für die Krise der Finanzen immer noch die Staaten, also die Bürger und nicht die sogleich ihre unschuldigen Hände hebende "dienstleistende" Finanzbranche verantwortlich ist, die angeblich nur die Interessen der Kreditnehmer bedient. Schon klar, daß eine oral fixierte Gesellschaft der überbordenden Fülle der Supermärkte, Autohäuser, Versicherungen, Banken etc. in Permanenz zu bedürfen meint, selbst um den Preis völlig sinnlosen Überflusses, der im Falle überschüssiger Lebensmittel zu grüner Bio-Energie recycelt wird.

Für alle, die sich im weitesten Sinne übersättigen, gibt es glücklicherweise die ihrerseits gewinnorientierten Therapieprogramme der Klinik-Industrie; und für jene, die der ökonomische Prozeß als unfähig ausselektiert, steht dank Steuereinnahmen eine Minimalalimentierung zur Verfügung, die den Bürger immer noch in seiner Restexistenz als Konsumenten erhält. Wie gesagt, man darf das alles vernünftig finden, nur frage man sich, wo jenseits dieser vermeintlichen Logik überhaupt noch Ideen entstehen, um die es sich zu kämpfen lohnte.

Man will hoffen, die ehemaligen DDR-Bürger haben, wie der Bundespräsident stets sehr pastoral betont, tatsächlich die Freiheit gesucht – und nicht doch eher Gervais Obstzwerge und Milka-Kühe. Freiheit wird es ohne freie Wirtschaft nicht geben, aber sie ist hoffentlich ein ganzes Stück mehr als betriebswirtschaftliche Berechnung.


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Kommentare (19)

Gottfried
20. Februar 2013 09:46

Die "ZEIT", ist das nicht dieses wöchentliche Journal, das vom Bilderberger Josef Joffe herausgegeben wird?

Nach meinem Verständnis bedeutet Wirtschaft, Güter herzustellen. Im Kleinen wäre es bereits Wirtschaft, wenn jemand sich in einem Gärtlein hinter seinem Haus ein paar Salatköpfe heranzüchtet. Wirtschaft hat nicht immer und nicht zwingend etwas mit der Abstraktion "Geld" zu tun.
Weiterhin bedeutet es Wirtschaft, eine Dienstleistung anzubieten, Haare schneiden, Rasenmähen usw.
Wenn ich aber Geld verleihe, wird dadurch kein Wirtschaftsgut hergestellt.
Von daher gibt es m.E. zwar durchaus das Finanzwesen (oder -unwesen?), bei der "Finanzwirtschaft" scheint es sich mir indes um einen weißen Rappe zu handeln.

Inselbauer
20. Februar 2013 10:56

Die Vorstellung von der Finanzwirtschaft als unantastbarer Instanz und Träger einer angeblich vorherrschenden Ideologie ist doch ein Mythos. Jeder, wirklich jeder, der sich als Gutmensch hervortun will, verteufelt die Finanzwirtschaft, und wir sprechen von der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit, von der medialen Kaste sowieso. Einen solchen Teufel kann man nicht abwählen, den braucht man dringend, schon gar ein Quatschkopf wie Schulze. Dieser Mann hat allen Grund, mit linken Phrasen aufzutreten, er wird nicht vom Kapital subventioniert sondern ausschließlich von Staatsprofiteuren gelesen.
Schulze gibt keine Antwort auf die Frage, wie in einer hoch differenzierten Gesellschaft Kapitalversorgung organisiert werden soll außer durch private Schuldverbriefung. Durch demokratische Prozesse? Durch die Kreativität von Schriftstellern, den guten Willen der Pädagogen? Alle seriösen Analysen belegen eindeutig, dass die Margen der bösen Finanzindustrie bei der Kapitalversorgung einen winzigen Bruchteil von den Margen ausmachen, die sich der Staat herausnimmt. Zu Stalins Zeiten hat das wenigstens noch formal funktioniert, heute würde allein die Sozialversicherung für Schulzes Kapitalversorgungsbeamte den Wohlstand der ganzen Volkswirtschaft liquidieren.

Rumpelstilzchen
20. Februar 2013 12:06

" Ich konsumiere, also bin ich"
Zygmunt Baumann, Leben als Konsum

Lieber Herr Bosselmann, Sie fragen, wo jenseits dieser vermeintlichen Logik noch Ideen entstehen, um die es sich zu kämpfen lohnt ?

Auch ich gehe davon aus, dass die ehemaligen DDR-Bürger größtenteils die Freiheit gesucht haben, und nicht die Freiheit, zwischen 30 Joghurtsorten zu wählen.
Natürlich gibt es auch die Schweine, die sich lieber verwursten lassen, weil sie Angst vor der Freiheit haben, und im offenen Schweinestall erschrocken rumstehen.
Die Vereinnahmung durch den Konsumismus ist aber eine subtile Form der Freiheitsberaubung, es wird Freiheit vorgegaukelt, wo gar keine zu suchen ist. Das muß in seiner ganzen Totalitären Dimension erst einmal formuliert und beschrieben werden, um vielleicht dann einen geistigen Ausweg zu finden.
Es entstehen keine Ideen mehr, weil es keine Verbind-lichkeiten (Religion, Kult und Kultur) mehr gibt
Alles steht gleich-gültig nebeneinander, man ringt nicht mehr um "Wahrheiten" , sondern sucht die beste Selbstdarstellung. Wer die meisten Empfehlungen hat, hat recht und gewonnen.
Vielleicht geht es mehr darum, seine Verlorenheiten, Sehnsüchte zu beschreiben und artikulieren, statt Ideen zu entwickeln. Verbind-lichkeiten über gemeinsames Empfinden und Erleben zu entdecken.
Das kann in Musik, Gedichten , Malerei , beim Wandern usw. vielleicht besser geschehen.
Die Deutschen tun sich möglicherweisen schwer damit, da sie immer und immer denken und philosophieren wollen.

Die Leichtigkeit des Seins ist unerträglich.

Satiricon
20. Februar 2013 12:21

Was für ein cleverer Satz: "Freiheit wird es ohne freie Wirtschaft nicht geben..."!
Da freut sich doch jeder Lebensmittelvergifter, wenn er sowas lesen darf.

derherold
20. Februar 2013 12:37

Schulze ohne *t* ?

Das Problem ist, daß sich nunmehr Dichter zu den Themen, von denen sie eigentlich etwas verstehen - wie Freiheit, Demokratie, Bürgerrechte - nicht äußern aber bei den Themen, von denen sie nichts verstehen, gerne reden.

Leider sind die Probleme der "Gleichschaltung" und der "Kriegseinsätze" nicht allein mit "Finanzwirtschaft" zu erklären ... sonst wäre Schulze weder in der *Zeit*, noch in der *SZ* gedruckt worden. ;-)

Nur ein kleiner Hinweis:
2011 - bei ein Wirtschaftswachstums von rd. 2% - sind die Steuereinnahmen um mehr als 8% gestiegen. Wenn ein Gemeinwesen nicht mit 8% höheren Steuereinnahmen auskommen und sogar noch ein paar schöne Dinge zusätzlich finanzieren kann ... sollte das zu denken geben.

Hohenstaufer
20. Februar 2013 13:52

Rumpelstilzchen schrieb:

Vielleicht geht es mehr darum, seine Verlorenheiten, Sehnsüchte zu beschreiben und artikulieren, statt Ideen zu entwickeln. Verbind-lichkeiten über gemeinsames Empfinden und Erleben zu entdecken. Das kann in Musik, Gedichten , Malerei , beim Wandern usw. vielleicht besser geschehen.

Die Deutschen tun sich möglicherweisen schwer damit, da sie immer und immer denken und philosophieren wollen.

Die Leichtigkeit des Seins ist unerträglich.

Defintiv wohnt diese Ernsthaftigkeit dem deutschen Nationalcharakter inne und stellt letztlich auch ein Grund für das Scheitern von rechten Alternativmodellen in der BRD dar. Sowohl die Identitäre Bewegung in Frankreich als auch Casa Pound in Italien besetzen gesellschaftlich und emotional bewegende Themen, bejahen das Leben (ein dezidiert faschistisches Moment) und strahlen eine Lebensfreude aus, die gerade junge, aber auch schon gereifte Menschen mitreißt. Gerade der deutschen Rechten stünde ein wenig mehr an Humor und Tatkraft gut. Die Identitären sind gewiß ein Anfang, doch bezweifle ich noch den empathischen Charakter des deutschen Ablegers.

Ein Beispiel, wovon ich mit dem Begriff "Lebensfreude" redete, liefert das folgende Video aus dem Hause Pound:

https://www.youtube.com/watch?v=M0qCNfa7X1I

der Fahnenträger
20. Februar 2013 16:38

Die großen Ideen sind heute tot, ja. Aber wer zweifelt denn daran, daß sie nicht wieder regeneriert werden müßten? Genügend ausfüllbares Vakuum existiert bekanntlich. Jedoch würde dadurch auch einiges an Schmutz unweigerlich mitgezogen werden, von welchem man sich vielerorts angeekelt fühlt. Vitalität hieße gerade hier eben auch: ein Kilo Dreck pro Jahr und Magen - und der Mensch bleibt gesund!

"Jeder trägt den leid'gen Stein zum Anstoß in sich selbst." (Kleist) gilt hier wohl nicht. Auf alle Fälle muß derjenige einen starken Magen haben.

Denkender Mensch
20. Februar 2013 18:06

"Wenn ich aber Geld verleihe, wird dadurch kein Wirtschaftsgut hergestellt."

Guten morgen! Dann können wir das ja mit dem Geldverleih sein lassen. Wollen wir mal sehen, wieviele Unternehmer mit guten Ideen aber ohne Kapital dann noch Güter produzieren.

Im übrigen ist diese ganze Ökonomieschelte der Rechtskonservativen lächerlich. Hier versucht man sich krampfhaft an den linken Mainstream zu hängen. Das ist auch nicht verwunderlich. Linke Tyrannei und rechte Ignoranz passen eben bestens zusammen. Die linken Tyrannen wollen die totale Kontrolle über alle anderen Menschen und erzählt den Leuten daher irgendeinen Schwachsinn, der immer darauf hinausläuft, Politikern und Staatsbürokraten noch mehr Macht zuzugestehen. Und die rechten Ignoranten fressen die Propaganda natürlich, weil auch sie eine Abscheu gegen die Ökonomie hegen, insbesondere gegen die der Marktwirtschaft innewohnenden egalitären Tendenzen. Man will Wettbewerb so wenig wie die Linken. Man will als selbsterkorene Elite ein staatlich privilegiertes Nest und er Pöbel, also alle anderen, soll das Maul halten und einem selbst dienstbar sein, am besten ohne jede Gegenleistung. Denn der selbsternannte Elite zu dienen, dass sollte dem Pöbel Lohn genug sein.

Martin
20. Februar 2013 20:33

Der Beitrag von "Denkender Mensch" geht in die richtige Richtung.

Dieses schwammige Raunen vom "Finanzkapitalismus" oder "Kapital" ist einer Rechten doch eher unwürdig.

Das dort, wo alles nach dem Golde drängt, nicht Gold sein muss, was (scheinbar) glänzt, ist klar und muss hoffentlich nicht immer gebetsmühlenartig betont werden, um an Diskussionen teilnehmen zu dürfen ...

Gottfried
20. Februar 2013 21:28

@ Denkender Mensch

"Man will als selbsterkorene Elite ein staatlich privilegiertes Nest und er Pöbel, also alle anderen, soll das Maul halten."

Erküren/ernennen kann ich mich immer nur selber, wenn ich denn mitreden will. Da gibt es keine stramme Klasse, in der ich aufgerufen und irgendwann die Tafel gebeten werde.
Halte es für ratsam, statt solche Strohmännchen zu bauen, einfach mal saubere Grundbegriffe zu erarbeiten.
Die Mathematik muß sich erklären: "Was ist Mathematik?"
Das sollte für Wirtschaftswissenschaft auch gelten. Diese Frage stellt sich für mich als rechten Partikularisten und damit Anti-Humanisten gänzlich unabhängig von der Marktreligion, von den Thesen und Axiomen der Libertären oder der "Neo-Cons" wie auch der Linken.

Das Hauptproblem sehe ich nicht in der Wirtschaft - wobei man über eine allgemeine Verkümmerung zum bloßen Konsumenten sicher auch diskutieren kann -, sondern wirklich bei der internationalen Elite der Sozialhilfeempfänger der Ersten Klasse, den Geldverleihern und Spielern, die keine Wirtschaftsgüter herstellen und keine Dienstleistungen anbieten und eben an keinem freien Markt teilnehmen, sondern "alternativlos" auf Kosten vor allem des Mttelstandes mit durchgefüttert werden, falls der Bankerott droht.

Zwischen der Tyrannei dieser Elite der Sozialhilfeempfänger in Nadelstreifen und der hypothetischen Tyrannei einer alles kontrollierenden Staatsmacht sollte halt nach Lösungen gesucht werden.

Schmidt
20. Februar 2013 21:31

@Denkender Mensch
Die auf Solidität bedachten Banken von früher sind leider nicht mehr identisch mit der Finanzbranche von heute, die ihre Risiken gerne auf Steuerzahler abwälzt und keine Verantwortung mehr gegenüber irgendeinem Gemeinwesen zu kennen scheint.

Das Wettbewerbsprinzip ist der Rechten seit jeher vertraut; und daß Kredite unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sein können und man dann jemanden braucht der sie zur Verfügung stellt, dürfte den meisten ebenfalls einleuchten.

Wenn aber ein Kartell aus Politik und Finanzindustrie sich mit Unterstützung von durch Staatsverschuldung gekauften Wählern auf eine Weise bereichert, die zum Niedergang ganzer Nationen führt, kann eine Rechte, für die der Bestand des Gemeinwesens höchste Priorität besitzt, dem nicht zustimmen.

Mich würde Ihre Meinung z.B. zu dieser Darstellung interessieren, die das Handeln dieses Kartells analysiert: https://www.arte.tv/de/goldman-sachs-eine-bank-lenkt-die-welt/6891612.html Ist hier irgendetwas falsch, unvollständig oder verkürzend dargestellt?

Peter Niemann
21. Februar 2013 00:21

Bravo Herr Bosselmann!
Ihre Kolumnen gehoeren zum anspruchsvollsten und aufrichtig danke ich fuer die stets koestliche Lektuere. Sie haben Nietzsches "letzten Mensch" portraetiert, und wir erleben ihn tagtaeglich im Konsumrausch. Aber er ist uebermaechtig in seiner Zahl, seiner Masse. Es bleibt uns nur ein trauriges Traumwandeln, hoffend, dasz auch seine Zeit einmal enden wird und wir dann noch immer das Seil spannen koennen ueber den Abgrund und mehr sein koennen als jener letzte Mensch.

Rumpelstizchen
21. Februar 2013 08:31

"Luther predigte noch spirituelle Freiheit in politischer Knechtschaft,
wir haben spirituelle Knechtschaft in politischer Freiheit. "

aus: Norbert Bolz, die neuen Jakobiner focus 37

Die ehemaligen DDR-Bürger spürten, dass sie politisch geknechtet wurden.
Der "letzte Mensch" spürt dies nicht mehr.
Es geht um eine spirituelle Befreiung. Das ist nicht unbedingt eine intellektuelle Aufgabe, eher eine seelsorgerische im eigentlichen Sinne des Wortes.

Luise Werner
21. Februar 2013 08:34

@ Martin

Wieso ist das Raunen über den Finanzkapitalismus einer Rechten eher unwürdig? Es ist doch das Finanzkapital, welches sich aller Gewalten im Staate bemächtigt hat. Das Maulen der Linken und ihrer Medien darüber darf doch nicht den Blick dafür trüben, dass die Hochfinanz quasi ideologiefrei sich immer gerade derer bedient, die gerade die politischen Zügel in der Hand halten. In Europa ist es eher die Linke und in Übersee kann es auch die Rechte sein. Über so etwas sind diese Herrschaften erhaben. Mit dem Kapitalismus, so wie er in den Lehrbüchern beschrieben wird, hat das doch alles nichts mehr zu tun. Und das es gerade die Linke ist, die sich zum willigen Steigbügelhalter geriert, ... da hilft auch kein medienwirksames Plärren.
Entlarvend dumm oder naiv hat sich doch unser jetziger Bundespräsident hervor getan, als er die Occupy-Bewegung seinerzeit als "unsäglich albern", bezeichnete. „Der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, sei eine romantische Vorstellung.“ so Gauck. Dabei ging es dieser Bewegung doch vor allem um funktionierende Märkte, in der Chance und Risiko in einer Hand bleiben müssten, in der Verluste nicht sozialisiert werden dürften und Banken eben nicht „to big to fail“ sein dürften. Überhaupt noch von einem Markt zu sprechen, nachdem den Bürgern hunderte Milliarden abgepresst wurden, war ein Lapsus von Gauck, der entweder von naiver Unkenntnis oder gar böswilliger Verzerrung zeugt.

Zam
21. Februar 2013 09:34

@ Luise Werner

Ich glaube, worauf Martin und Denkender Mensch anspielen, ist der unter Rechten sehr verbreitete Irrglaube, es sei damit getan, einfach nur die handelnden Personen auszutauschen, damit endlich einmal "unser Mann" an die Macht kommt.
Der Finanzkapitalismus neuerer Ausprägung wird von den Nationalbanken getragen und finanziert, und die sind nun mal von der Politik abhängig. Der Markt macht, was er immer macht: Er fließt in die frei gewordenen Öffnungen, in diesem Fall nicht die, die von den Wünschen der Konsumenten ermöglicht werden, sondern in das bodenlos scheinende, geballte Steuervolumen, das angezapft wird.
In einem Punkt würde ich allerdings meinen Vorrednern widersprechen: Der Markt ist alles andere als egalitär, er schafft Eliten, und so soll es sein. Die sind mir um vieles lieber als die politischen Gesinnungseliten.

Rumpelstizchen
21. Februar 2013 09:54

@Martin @ Luise Werner

1.Ausgerechnet eine Linke sieht die Demokratie in einer Existenzkrise:
Sarah Wagenknecht:
" Die Politik hat sich dem Diktat der Finanzwirtschaft unterworfen" 20.2.13

2. Deutschland droht Deindustriealisierung. Firmen wandern ins Ausland ab wegen hoher Strompreise.(Welt 21.2.)

3. " Die EU muß mittelfristig eine Sozialunion werden, wenn die Akzeptanz der Bevölkerung für ein vereintes Europa erhalten bleiben soll".
( der Arbeits- und Integrationsminister von NRW angesichts der massenhaften Armutseinwanderung).

Jeder, der die drei Meldungen in einen Zusammenhang bringen kann, weiß wo es langgeht....( in eine europäische DDR)
Die eine "Erlebnisgeneration" stirbt aus, die andere wird gerade geboren.
"Wir haben keinen Anspruch auf Unveränderlichkeit"

Es ist keine Zeit für Theorien, die Realität wird uns schneller einholen, als wir denken können.

Gottfried
21. Februar 2013 09:54

@ Luise Werner

"Überhaupt noch von einem Markt zu sprechen, nachdem den Bürgern hunderte Milliarden abgepresst wurden, war ein Lapsus von Gauck, der entweder von naiver Unkenntnis oder gar böswilliger Verzerrung zeugt."

Eben-t, Frau Werner!

Aber wie das mit dem "wording" funktioniert, muß ich ja nicht lange und breit mit meinen begrenzten Formulierungskünsten noch einmal neu auflegen, wenn sich der enttäuschte Sozialist George Orwell doch seinerzeit schon genügend ins Zeug gelegt hatte.
Mit dem "Markt" hat dieses Herrschaftssystem genauso wenig zu tun, wie etwa der Aufmarsch der "anständigen Demokraten und Demokratinnen" mit der Demokratie, die formal im Grundgesetz ja eigentlich vorgesehen ist ("Alle Macht geht vom Volkes aus.").

"Die Atlantik-Brücke e. V. wurde 1952 als private, überparteiliche und gemeinnützige Organisation mit dem Ziel gegründet, eine wirtschafts-, finanz-, bildungs- und militärpolitische Brücke zwischen der Siegermacht USA und der westdeutschen Bundesrepublik zu schlagen. Zu ihren Mitgliedern zählen heute über 500 führende Persönlichkeiten aus dem Bank- und Finanzwesen, der Wirtschaft, Politik, den Medien und der Wissenschaft." (wikipedia, sic)
Begründer von u.a. Bankier Eric M. Warburg., verflochten mit dem Council on Foreign Relations.
Empföhle dringend die Lektüre des gesamten Artikels auf "wikipedia".
Kleine optische Impression:
https://www.youtube.com/watch?v=z-0RbRTTseo

Warum sollte ein junger Führer ("young leader") der Atlantikbrücke, ob nun der neue Präsident Gauck oder der ehemalige Präsident Wulff, ob Merkel, ob Westerwelle oder Helmut Schmidt, Kai Diekmann (BILD), der Schöne Theo mit der Gel-Frisur, KochMinusMehrin usw. denn Kritik an der Herrschaft der internationalen Elite des Finanzwesens üben?

Konservativer
21. Februar 2013 14:03

Die Rechte als eine Art Lobby oder "Pressuregroup" für die global gestrickte Hochfinanz? Braucht z.B. jemand wie Georges Soros womöglich Hilfe von Rechts, genau gesagt von der politischen Rechten Deutschlands?
Die deutschen Banken und ihre federführenden Vertreter haben sich lange Zeit als Bannerträger der Vernunft im globalen finanzkapitalistischen Mahlstrom erwiesen. Zum Teil ist das wohl heute noch so, doch sowohl die internationalen als auch europäischen (Beispiel: EZB) Verstrickungen lassen augenscheinlich nicht viel Platz für eine vernünftige Fiskalpolitik.
Wie auch immer, Thomas Hoof hat in seinem Aufsatz „Der Tanz auf der Nadelspitze“ (Sezession 46) bedenkenswertes geschrieben:
"... Das »Wachstum, das wir brauchen«, brauchen wir, damit die Zinslastenaus der öffentlichen, gewerblichen und privaten Verschuldung bedientwerden können. Dieses Wachstum werden wir aber durch den kommenden Energieengpaß in der physischen Wirtschaft nicht hindurchtreiben können. Mit sich verengenden Wachstumsperspektiven verliert aber das »Zukünftige Sozialprodukt« als der letzte Großbürge für all die Schuldenmassen seine Bonität. Banken oder auch Staaten in den »verdienten« Bankrott zu schicken, ist keine Lösung, denn deren Schulden sind auf irgendeinem anderen Konto als Vermögen gebucht. Jede durch Insolvenz auf Null gestellte Verbindlichkeit nimmt einen gleichgroßen Vermögenstitel mit in den Orkus - und keineswegs nur die Bankguthaben der Geldeliten, sondern ebenso Spareinlagen, Lebensversicherungen und Rentenansprüche. Selbst die wölfischen Hedgefonds sind ja auch im Auftrag ganzer Dackelpopulationen unterwegs, die sich von deren Beutelust ein Zubrot im Rentenalter versprechen. Aus dem Bankrott (von Banken oder Staaten) wird also ab einem bestimmten kritischen Punkt ein mit Kettenreaktion und Dominoeffekt um den Globus rasender Gesamtbankrott. Um das zu vermeiden, nimmt gerade der deutsche Staat - ohnehin völlig ausgelaugt, seit er vom »Vater Staat« zur Mutterkuh gegendert wurde - die Schulden der halben Welt auf seine gebeugten Schultern. ..."

Wenn das Ziel der Rechten zunächst "die Wiedergewinnung der Nation" (Maschke) ist (um handlungsfähig zu werden), dann haben wir hier eine klassische Pro Positionierung.
Zunächst ein für, aus dem ein gegen abgeleitet werden kann:
Für den Nationalstaat Deutschland, für dessen Souveränität, für das deutsche Volk, für das Wohlergehen des deutschen Volkes und für ein gleichberechtigtes und friedliches Miteinander mit anderen Völkern. Trifft es das, zumindest zum Teil?
Wenn ja, ergibt sich das Gegen ganz wie von selbst.

Kreuzweis
22. Februar 2013 19:14

Wo, bitteschön, haben wir denn in der brd noch Marktwirtschaft (von einigen Kapitaismus genannt)?
F-I-N-A-N-Z-W-I-R-T-S-C-H-A-F-T ??? (Sozialhilfe für Banken...)
Landwirtschaft? Bildung? Gesundheit? (Nicht die Spur!)
Autobau? (war da was mit Abwrackprämie?)
Bauwirtschaft?
Energiewirtschaft?
... (naja, und so weiter)

Um sachdienlichen Hinweise auf echten Kapitalismus in der brd wid gebeten!

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