Sezession
1. Juni 2007

Autorenportrait Kurt Hübner

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_18von Karlheinz Weißmann

Als im September 1987 der VI. Europäische Theologenkongreß endete, hatte die Wiener Veranstaltung ihre Sensation: Horst Bürkle, Professor der evangelischen Fakultät in München, trat zum Katholizismus über. Unmittelbar nach dem Ende des Kongresses empfing Bürkle die Firmung durch Kardinal Wetter. Der Vorgang war insofern symptomatisch, als die ganze Zusammenkunft die protestantische und aufklärerische Tradition in der Defensive gezeigt hatte. Angesichts des Themas „Mythos und Rationalität" kam der Berichterstatter der FAZ schon vor Beginn zu der Feststellung: „Was man in der Theologie einige Jahrzehnte lang eindeutig zu wissen meinte, ist wieder umstritten."

Dafür war vor allem ein Mann verantwortlich, der in Wien zu den Hauptreferenten gehörte: der Philosoph Kurt Hübner. Hübner entstammt einer deutsch-böhmischen Familie und wurde am 1. September 1921 in Prag geboren. Er studierte zunächst in seiner Heimatstadt, nach Kriegsende in Rostock und Kiel Philosophie. 1951 schloß er mit der Promotion ab und wurde vier Jahre später habilitiert. Von 1960 bis 1971 lehrte Hübner als Professor an der Technischen Universität Berlin, danach, bis zu seiner Emeritierung 1988, an der Universität Kiel. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag ursprünglich bei der Philosophie der Naturwissenschaften, insbesondere der Physik. Aber schon in seiner 1978 erschienenen Kritik der wissenschaftlichen Vernunft machte sich seine Skepsis gegenüber dem Alleingeltungsanspruch des szientistischen Weltbilds geltend. Hübner zeigte auf, daß wissenschaftliches Arbeiten nicht voraussetzungslos möglich sei. Vielmehr beruhe es auf Setzungen, auch solchen axiomatischer Art, die selbst keiner wissenschaftlichen Prüfung unterworfen werden können.
Die Wissenschaft ist demnach nur Teil eines „Regelsystems" unter gegebenen Umständen. Derartige Regelsysteme - formeller oder informeller Natur - bestimmen menschliche Kulturen in allen Äußerungen. Ihre Gesamtheit zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten geographischen Raum bezeichnet Hübner als „historische Systemmenge". In dieser Systemmenge auftretende Widersprüche werden mittels „Harmonisierung" beseitigt. Die kann sich durch weitere Ausarbeitung des Regelsystems vollziehen („Fortschritt I") oder durch dessen grundsätzliche Änderung („Fortschritt II").
Was diesen Ansatz Hübners von ähnlichen Theorien, etwa der Kybernetiker, unterschied, war die Behauptung, daß auch die mythische Weltsicht als Systemmenge beschrieben werden könne, die in bezug auf Konsistenz und lebenserhaltende Funktion mit der modernen vergleichbar sei. Allerdings brachte erst Hübners Buch Die Wahrheit des Mythos diese These in eine systematische Form und wandte sich - trotz des unverkennbar wissenschaftlichen Charakters - an eine breitere Öffentlichkeit. Die Wahrheit des Mythos dürfte zu den am intensivsten diskutierten philosophischen Werken im Deutschland der Nachkriegszeit gehört haben.


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