Autorenportrait Kurt Hübner

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_18von Karlheinz Weißmann

Als im September 1987 der VI. Europäische Theologenkongreß endete, hatte die Wiener Veranstaltung ihre Sensation: Horst Bürkle, Professor der evangelischen Fakultät in München, trat zum Katholizismus über. Unmittelbar nach dem Ende des Kongresses empfing Bürkle die Firmung durch Kardinal Wetter. Der Vorgang war insofern symptomatisch, als die ganze Zusammenkunft die protestantische und aufklärerische Tradition in der Defensive gezeigt hatte. Angesichts des Themas „Mythos und Rationalität" kam der Berichterstatter der FAZ schon vor Beginn zu der Feststellung: „Was man in der Theologie einige Jahrzehnte lang eindeutig zu wissen meinte, ist wieder umstritten."

 Gastbeitrag

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Dafür war vor allem ein Mann ver­ant­wort­lich, der in Wien zu den Haupt­re­fe­ren­ten gehör­te: der Phi­lo­soph Kurt Hüb­ner. Hüb­ner ent­stammt einer deutsch-böh­mi­schen Fami­lie und wur­de am 1. Sep­tem­ber 1921 in Prag gebo­ren. Er stu­dier­te zunächst in sei­ner Hei­mat­stadt, nach Kriegs­en­de in Ros­tock und Kiel Phi­lo­so­phie. 1951 schloß er mit der Pro­mo­ti­on ab und wur­de vier Jah­re spä­ter habi­li­tiert. Von 1960 bis 1971 lehr­te Hüb­ner als Pro­fes­sor an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin, danach, bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 1988, an der Uni­ver­si­tät Kiel. Der Schwer­punkt sei­ner Arbeit lag ursprüng­lich bei der Phi­lo­so­phie der Natur­wis­sen­schaf­ten, ins­be­son­de­re der Phy­sik. Aber schon in sei­ner 1978 erschie­ne­nen Kri­tik der wis­sen­schaft­li­chen Ver­nunft mach­te sich sei­ne Skep­sis gegen­über dem Allein­gel­tungs­an­spruch des szi­en­tis­ti­schen Welt­bilds gel­tend. Hüb­ner zeig­te auf, daß wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten nicht vor­aus­set­zungs­los mög­lich sei. Viel­mehr beru­he es auf Set­zun­gen, auch sol­chen axio­ma­ti­scher Art, die selbst kei­ner wis­sen­schaft­li­chen Prü­fung unter­wor­fen wer­den können.
Die Wis­sen­schaft ist dem­nach nur Teil eines „Regel­sys­tems” unter gege­be­nen Umstän­den. Der­ar­ti­ge Regel­sys­te­me – for­mel­ler oder infor­mel­ler Natur – bestim­men mensch­li­che Kul­tu­ren in allen Äuße­run­gen. Ihre Gesamt­heit zu einer bestimm­ten Zeit in einem bestimm­ten geo­gra­phi­schen Raum bezeich­net Hüb­ner als „his­to­ri­sche Sys­tem­men­ge”. In die­ser Sys­tem­men­ge auf­tre­ten­de Wider­sprü­che wer­den mit­tels „Har­mo­ni­sie­rung” besei­tigt. Die kann sich durch wei­te­re Aus­ar­bei­tung des Regel­sys­tems voll­zie­hen („Fort­schritt I”) oder durch des­sen grund­sätz­li­che Ände­rung („Fort­schritt II”).
Was die­sen Ansatz Hüb­ners von ähn­li­chen Theo­rien, etwa der Kyber­ne­ti­ker, unter­schied, war die Behaup­tung, daß auch die mythi­sche Welt­sicht als Sys­tem­men­ge beschrie­ben wer­den kön­ne, die in bezug auf Kon­sis­tenz und lebens­er­hal­ten­de Funk­ti­on mit der moder­nen ver­gleich­bar sei. Aller­dings brach­te erst Hüb­ners Buch Die Wahr­heit des Mythos die­se The­se in eine sys­te­ma­ti­sche Form und wand­te sich – trotz des unver­kenn­bar wis­sen­schaft­li­chen Cha­rak­ters – an eine brei­te­re Öffent­lich­keit. Die Wahr­heit des Mythos dürf­te zu den am inten­sivs­ten dis­ku­tier­ten phi­lo­so­phi­schen Wer­ken im Deutsch­land der Nach­kriegs­zeit gehört haben.

Die Ursa­che dafür lag in einem Stim­mungs­wan­del, der sich seit Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re voll­zo­gen hat­te. Ent­ge­gen einer bis dahin ver­tre­te­nen Erwar­tung konn­te die „zwei­te Auf­klä­rung” kei­nen voll­stän­di­gen Sieg errin­gen. Weder erfüll­ten sich die Ver­hei­ßun­gen der Tech­no­kra­tie, noch die Vor­stel­lun­gen von einer tota­len Eman­zi­pa­ti­on ver­nunft­be­stimm­ter Ein­zel­ner. Ganz dis­pa­ra­te Erschei­nun­gen, von der Ener­gie­kri­se und der öko­lo­gi­schen Fra­ge bis zum radi­ka­len Femi­nis­mus, dem Auf­kom­men des Ter­rors, dem Ein­drin­gen fern­öst­li­cher Reli­gio­si­tät und den New Age-Sehn­süch­ten, wirk­ten sich zuletzt dahin­ge­hend aus, daß der ratio­na­le Lebens­voll­zug immer weni­ger erreich­bar und vie­len immer weni­ger wün­schens­wert erschien. Sym­pto­ma­tisch war, wenn Karl Heinz Boh­rer 1980 in einem Auf­satz zu dem Schluß kam, daß der Mythos ver­stan­den wer­den müs­se als not­wen­di­ge „Ergän­zung zur Auf­klä­rung, wenn sie blind gewor­den ist”. Das war eine deut­lich ande­re Auf­fas­sung als die sonst übli­che, der­zu­fol­ge man den Mythos als fal­sches Bewußt­sein zu betrach­ten hat­te, als durch den „Faschis­mus” kon­ta­mi­niert oder als über­wun­de­ne Vor­stu­fe des Logos.
Boh­rers Text trug hin­ter dem Titel Rück­kehr des Mythos noch ein Fra­ge­zei­chen. Als fünf Jah­re spä­ter Hüb­ners Die Wahr­heit des Mythos erschien, traf das Buch auf eine Öffent­lich­keit, die bereit war, sich mit einer neu­en Per­spek­ti­ve zu befas­sen. Aller­dings woll­te sich Hüb­ner kei­nes­wegs an der „Wie­der­ver­zau­be­rung” der Welt betei­li­gen. Im Vor­wort sei­nes Buches hieß es über die Flucht in Sub­sti­tu­te des Mythi­schen, wie sie die Moder­ne bereit­hal­te: „Die Zuwen­dung zu sol­chen neu­en Mythen ist (…) etwas Irra­tio­na­les, weil sie nur einem unbe­stimm­ten Gefühl ent­springt und sich nicht auf Grün­de stützt, die dem wis­sen­schafts­be­zo­ge­nen Den­ken ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kön­nen.” Um den Auf­weis sol­cher „Grün­de” aber ging es Hüb­ner vor allen Din­gen, denn er woll­te nicht Igno­ranz oder die etwa ästhe­tisch moti­vier­te Ent­schei­dung zuguns­ten des Mythos recht­fer­ti­gen, son­dern des­sen „Wahr­heit” nachweisen.
Damit befand er sich als Phi­lo­soph nicht nur im Kon­flikt mit ande­ren phi­lo­so­phi­schen Rich­tun­gen, son­dern auch im Wider­streit mit der christ­li­chen Theo­lo­gie – stär­ker mit der evan­ge­li­schen als der katho­li­schen -, inso­fern sie im Namen einer „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung” auf­trat. Hüb­ner hielt das dahin­ter­ste­hen­de „Pro­gramm” für fatal in sei­ner Wir­kung, für naiv in sei­ner Vor­aus­set­zung. Er warf des­sen Autor Rudolf Bult­mann vor, weder eine kla­re Vor­stel­lung vom „Mythos”, noch von „Wis­sen­schaft” beses­sen zu haben. Vor allem habe Bult­mann über­se­hen, daß der eine wie die ande­re von einer „Onto­lo­gie” aus­gin­gen, von einer „Struk­tur”, die von aprio­ri­schen Annah­men gelei­tet sei, die ihrer­seits kei­ner empi­ri­schen Über­prü­fung unter­zo­gen wer­den könn­ten. Bult­mann sei der Pro­pa­gan­da des Posi­ti­vis­mus auf den Leim gegan­gen, der sich im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert anhei­schig mach­te, Aus­sa­gen zu allen Aspek­ten der Wirk­lich­keit zu machen, ohne dabei auf Vor­aus­set­zun­gen Rück­sicht neh­men zu müs­sen. Aus die­ser Per­spek­ti­ve galt alles Reli­giö­se als „mythisch”, und das hieß als Men­ge unzu­sam­men­hän­gen­der Aus­sa­gen, für die weder das Kau­sa­li­täts­prin­zip noch sonst eine logisch nach­voll­zieh­ba­re Ver­knüp­fung galt.

Dem­ge­gen­über stell­te Hüb­ner her­aus, daß die Erfor­schung des Mythos durch Sozio­lo­gie, Reli­gi­ons­ge­schich­te und Phi­lo­so­phie ein ganz ande­res Bild ver­mitt­le. Danach ver­ste­hen Mythen die Rea­li­tät mit Hil­fe von Erzäh­lun­gen über „Ursprungs­er­eig­nis­se”. Die­se Ursprungs­er­eig­nis­se gescha­hen ille tem­po­re, in einer hei­li­gen Zeit jen­seits der Zeit, sie haben kei­ne Geschich­te, son­dern „ste­hen” unver­än­der­lich: Inso­fern gibt es in der mythi­schen arché eigent­lich kei­ne Zeit, nur ihre Spie­ge­lung in der Imma­nenz läßt den Ein­druck ent­ste­hen, als voll­zie­he sich die ewi­ge Wie­der­kehr des Glei­chen. Die­se für alle tra­di­tio­na­len Kul­tu­ren zen­tra­le Vor­stel­lung – die im Zyklus der Jah­res­zei­ten genau­so ihren Nie­der­schlag fin­det wie in der Abfol­ge der Wochen­ta­ge – gibt aber nur ein Abbild der mythi­schen Wirk­lich­keit und darf nicht mit ihr selbst ver­wech­selt werden.
Das Leben „im” Mythos zer­brach für die Euro­pä­er schon mit der ioni­schen Auf­klä­rung. Für die Vor­so­kra­ti­ker und ähn­lich für die Ver­fas­ser von Gene­sis 1 geriet das mythi­sche Welt­bild in eine Kri­se. Dar­auf reagier­ten sie mit Schaf­fung einer „mythi­schen Meta­phy­sik”: Ein Sys­tem logi­scher Spe­ku­la­ti­on unter Ver­wen­dung abs­trak­ter Begriff­lich­keit, für das aber bestimm­te Moti­ve und Denk­fi­gu­ren der Mythen bei­be­hal­ten wur­den. Damit war ein Grad der Refle­xi­on über den Mythos erreicht, der dem frü­he­ren Men­schen unzu­gäng­lich blieb, gleich­zei­tig voll­zog sich aber ein Bruch, der nicht mehr rück­gän­gig zu machen war und die wei­te­re Aus­bil­dung des wis­sen­schaft­li­chen Den­kens vor­be­rei­te­te. Das habe durch Hin­zu­nah­me der Empi­rie eine moder­ne Wirk­lich­keits­auf­fas­sung her­bei­ge­führt, die die „mythi­sche Meta­phy­sik” einer grund­sätz­li­chen Prü­fung unter­wer­fe. Davon sei bei­spiels­wei­se das Kon­zept einer Erd­schei­be und eines dar­über auf­ra­gen­den Him­mels­ge­wöl­bes in der Bibel betrof­fen, ähn­li­ches las­se sich auch von bestimm­ten dog­ma­ti­schen Aus­sa­gen über die Tri­ni­tät oder die Erb­sün­de sagen, die eben nicht mythisch-bild­haft, son­dern logisch-abs­trakt zu argu­men­tie­ren suchten.
Die grö­ße­re Nähe der mythi­schen Meta­phy­sik zur moder­nen Auf­fas­sung bedingt nach Hüb­ner auch das Feh­len jener „Immu­ni­tät”, die den eigent­li­chen Mythen zukom­me, weil ihre Onto­lo­gie voll­stän­dig von der moder­nen getrennt sei. Daß die­se in Euro­pa und vor allem im Zuge der Säku­la­ri­sie­rung einen Bedeu­tungs­ver­lust erlit­ten, stell­te Hüb­ner nicht in Abre­de. Aller­dings kön­nen die Mythen nicht voll­kom­men ver­schwin­den. Sie bie­ten ein alter­na­ti­ves Welt­ver­ständ­nis, das die wis­sen­schaft­li­che Zivi­li­sa­ti­on nicht mit eige­nen Mit­teln zu erset­zen ver­mag. Der Mythos bie­tet Ant­wor­ten, die weder Empi­rie noch mathe­ma­tisch kon­trol­lier­te Ratio­na­li­tät zu geben ver­mö­gen: „Wo leben­dig geglaubt und nicht nur phi­lo­so­phisch-wis­sen­schaft­lich argu­men­tiert wird, da wird auch mythisch erlebt, man dre­he und wen­de es wie man will.”

Ver­su­che von sei­ten der Theo­lo­gie, das mythi­sche Ele­ment ratio­na­lis­tisch zu besei­ti­gen, ethisch zu erset­zen oder exis­ten­tia­lis­tisch umzu­deu­ten, hält Hüb­ner des­halb für irrig. Die Reli­gi­on kön­ne nicht auf die arche­ty­pi­sche Kraft und die Anschau­lich­keit des Mythos ver­zich­ten. Das gel­te auch und gera­de für das Chris­ten­tum, das seit sei­nen Anfän­gen mit Mythen­kri­tik ver­bun­den war, aber in sei­nem Inne­ren star­ke mythi­sche Ele­men­te ent­hal­te. Die Leh­re von der leib­li­chen Auf­er­ste­hung etwa dür­fe die Kir­che nicht fal­len­las­sen, nur weil sie der moder­nen Wirk­lich­keits­auf­fas­sung anstö­ßig sei. Mit dem bild­haf­ten Aus­druck gehe sonst auch der Kern der Bot­schaft ver­lo­ren: „Mythisch besteht wah­res Glück in der Wahr­nehm­bar­keit der Göt­ter, christ­lich in der­je­ni­gen Got­tes; bei­des aber ist Erfüllt­sein von gött­li­cher Sub­stanz als Gna­de.” Der Argu­men­ta­ti­on Bult­manns mit einem All­tags­wis­sen von der ratio­na­len Bedingt­heit alles Vor­han­de­nen (wer ein elek­tri­sches Radio­ge­rät benutzt, kann kei­nen Mythos akzep­tie­ren) ent­geg­ne­te Hüb­ner, daß deren Plau­si­bi­li­tät bei genaue­rer Betrach­tung hin­fäl­lig wer­de: „Man könn­te näm­lich im Gegen­teil sagen, daß gera­de der Zwie­spalt, gleich­zei­tig wis­sen­schaft­lich und mythisch zu den­ken zu jener Situa­ti­on gehört, in der wir uns heu­te befin­den. Ja, es ist die Fra­ge, ob unser prak­ti­sches und per­sön­li­ches Leben nicht weit eher von mythi­schen als von wis­sen­schaft­li­chen Hal­tun­gen geprägt ist. So kann es sein, daß wir uns oft weit mehr ver­leug­nen, wenn wir uns ein­sei­tig für das wis­sen­schaft­li­che Welt­bild ent­schei­den und nicht für das mythi­sche. Die his­to­ri­sche Situa­ti­on spricht also kei­nes­wegs so ein­deu­tig zuguns­ten der Wis­sen­schaft, wie Bult­mann meint.”
Die blei­ben­de Macht des Mythi­schen auch in der Neu­zeit hat Hüb­ner sonst an Bei­spie­len deut­lich gemacht, die sich auf Lite­ra­tur, Musik und bil­den­de Kunst bezie­hen – hier vor allem Ver­wei­se auf Höl­der­lin, Wag­ner und Klee – aber auch auf die Poli­tik. Bei­den Berei­chen folg­ten spä­ter eige­ne Aus­ar­bei­tun­gen mit den Büchern Die zwei­te Schöp­fung und Das Natio­na­le. Was an dem zuletzt genann­ten beson­ders bemer­kens­wert erscheint, ist die Deut­lich­keit, mit der Hüb­ner die mythi­sche Struk­tur poli­ti­scher Kern­vor­stel­lun­gen ana­ly­siert und für legi­tim erklärt. Er tut das in aus­drück­li­cher Wen­dung gegen die übli­che Mythen­kri­tik der Lin­ken, etwa von Roland Bar­t­hes, aber ohne Rekurs auf die lan­ge Tra­di­ti­on einer posi­ti­ven Wer­tung des Mythos auf der Rech­ten. Das macht eine gewis­se Schwä­che des Buches in der eige­nen Tra­di­ti­ons­bil­dung aus, wenn zwar eine bemer­kens­wer­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Hous­ton Ste­wart Cham­ber­lain erfolgt, aber Sorel nur kur­so­risch erwähnt wird und Carl Schmitt zwar als „Den­ker von Rang” auf­tritt, dann aber nicht zur Gel­tung kommt.
Trotz die­ser Ein­schrän­kung wird man sagen dür­fen, daß Das Natio­na­le in der Anla­ge eine gan­ze kon­ser­va­ti­ve Staats­phi­lo­so­phie der Neu­zeit gibt. Ihren Aus­gangs­punkt neh­men Hüb­ners Über­le­gun­gen bei der „unge­lös­ten Grund­fra­ge” der moder­nen poli­ti­schen Theo­rien, die alle an ratio­na­lis­ti­schen und indi­vi­dua­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen fest­hiel­ten, obwohl sich die Fra­ge nach den „tie­fe­ren Bin­de­kräf­ten” einer Gemein­schaft schon mit der Ame­ri­ka­ni­schen und der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on Ende des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts unab­weis­lich stellte.

Nur die Roman­tik habe mit dem Rück­griff auf die Nati­on – nicht als ein mecha­nis­tisch aus Ein­zel­nen gewill­kür­tes Gan­zes, son­dern als orga­ni­sche, his­to­ri­sche Ein­heit – den rich­ti­gen Weg beschrit­ten. Ihre Auf­fas­sung habe zwar deut­li­che Gren­zen, inso­fern sie eine „Wesens­iden­ti­tät” der Nati­on behaup­te­te, wo nur eine his­to­ri­sche Iden­ti­tät zu begrün­den sei, was aber nicht berech­ti­ge, das „onto­lo­gi­sche Recht des mythi­schen Natio­nal­be­wußt­seins” grund­sätz­lich in Fra­ge zu stel­len. Viel­mehr müs­se man den aktu­el­len Staats­theo­rien durch­gän­gig den Vor­wurf machen, daß sie mit ihrer Igno­ranz gegen­über der Bedeu­tung von „ganz­heit­li­chen Grund­vor­stel­lun­gen” im Poli­ti­schen die Vor­aus­set­zun­gen gelin­gen­der Inte­gra­ti­on über­sä­hen. Volk oder Nati­on als Ein­heit kön­ne man nur mythisch ent­wer­fen, für ihren Bestand sind Erzäh­lun­gen vom Ursprung und Schick­sal des Kol­lek­tivs eben­so unver­zicht­bar wie die Annah­me eines Sinns in der natio­na­len Geschich­te. Gesell­schaf­ten von gro­ßer Hete­ro­ge­ni­tät, wie sie etwa der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus anstre­be, könn­ten sol­che Erzäh­lun­gen nicht glaub­wür­dig tra­die­ren. Ihre Durch­set­zung wer­de die Bedeu­tung poli­ti­scher Mythen nicht ver­schwin­den las­sen, aber die Natio­nen als deren Träger.
Das Buch über Das Natio­na­le hat bei wei­tem nicht die Reso­nanz wie Die Wahr­heit des Mythos erfah­ren. Das war kei­ne Fra­ge der Qua­li­tät, son­dern hing mit der The­men­wahl zusam­men und erklärt sich auch aus der Nei­gung Hüb­ners, sei­ne Posi­tio­nen ohne tak­ti­sche Zuge­ständ­nis­se zu for­mu­lie­ren. Man wird des­halb ver­mu­ten dür­fen, daß auch sei­ner zuletzt erschie­ne­nen Arbeit Irr­we­ge und Wege der Theo­lo­gie in die Moder­ne die Auf­merk­sam­keit ver­sagt bleibt, die ihr eigent­lich zukommt. Es han­delt sich um eine Unter­su­chung, die jenen Aspekt sei­nes Den­kens ganz ins Zen­trum stellt, der in dem Wie­ner Vor­trag nur ange­deu­tet wor­den war. Ins­ge­samt unter­zieht er die Kon­zep­te von zwölf Theo­lo­gen (Schlei­er­ma­cher, Kier­ke­gaard, Har­nack, Tro­eltsch, Bult­mann, Barth, Til­lich, Pan­nen­berg auf der evan­ge­li­schen, Guar­di­ni, Teil­hard de Char­din, Rah­ner, Bene­dikt XVI. auf der katho­li­schen Sei­te) einer Vor­stel­lung und kri­ti­schen Reflexion.
Wich­tig ist Hüb­ner dabei immer, den Ein­druck zu ver­mei­den, als rede er einer gegen­über der Moder­ne igno­ran­ten Posi­ti­on das Wort. An der prin­zi­pi­el­len Berech­ti­gung eines aggior­na­men­to hat er kei­nen Zwei­fel. Aber er will deut­lich machen, wie wenig die theo­lo­gi­schen Ver­su­che bis­her zum Ziel führ­ten, die christ­li­che Bot­schaft neu zu for­mu­lie­ren und gleich­zei­tig die not­wen­di­ge Bewah­rung zu leis­ten. Weder die Ver­an­ke­rung im Gefühl oder in der frei­en Ent­schei­dung des Indi­vi­du­ums noch die Beru­fung auf die kul­tu­rel­le Über­lie­fe­rung, weder das voll­stän­di­ge Aus­ein­an­der­rü­cken von Ver­nunft und Offen­ba­rung noch deren vor­schnel­ler Aus­gleich böten eine Lösung. All­zu­oft wer­de das Kern­pro­blem, näm­lich die Bestim­mung von Mythos, Ratio­na­li­tät und Spe­zi­fisch-Reli­giö­sem und deren Bezie­hung zuein­an­der, nur unzu­rei­chend erkannt.

Wenn Hüb­ner dann im Schluß­teil sei­nes Buches die The­se ent­wikkelt, daß die Leh­re Joseph Ratz­in­gers bezie­hungs­wei­se Bene­dikts XVI. eine Syn­the­se im gewünsch­ten Sinn bie­te, mag man dem zustim­men oder nicht. Wich­ti­ger erscheint, daß die von ihm auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en zur Beur­tei­lung der moder­nen dog­ma­ti­schen Ansät­ze aus­ge­spro­chen plau­si­bel wir­ken und sei­nem Schluß unbe­dingt bei­zu­pflich­ten ist, daß die Bedeu­tung des Chris­ten­tums als abso­lu­ter Reli­gi­on dar­aus resul­tiert, „daß es kei­ne mate­ria­len Wer­te ver­tritt”: Im Prin­zip „kann jede Kul­tur mit dem for­ma­len Grund­wert des Chris­ten­tums ver­bun­den und von ihm geformt wer­den, der dem über allem Geschicht­li­chen ste­hen­den, mate­ria­len und abso­lut gül­ti­gen Inhalt sei­ner Bot­schaft ent­spricht. Gege­ben sei irgend­ei­ne his­to­ri­sche Situa­ti­on: wie immer sie sei, der Christ kann und muß sich als Christ dar­in ver­hal­ten. Sei es, daß er sie mit dem christ­li­chen Geist prägt, sei es, daß er sie mit ihm umformt.” Das erlau­be auch, den Wert der Tra­di­ti­on zu erken­nen und das Ver­hält­nis des Chris­ten­tums zu ande­ren Reli­gio­nen zu bestim­men, ent­we­der im Sinn der schar­fen oder der par­ti­el­len Abgren­zung, oder im Hin­blick auf die vor­be­rei­ten­de Funk­ti­on, die eine „natür­li­che Reli­gi­on” für die Offen­ba­rung erfülle.
Daß sich dar­aus trotz der deut­li­chen Par­tei­nah­me für das Chris­ten­tum kei­ne glat­te Lösung ergibt, folgt für Hüb­ner aus der his­to­ri­schen Exis­tenz des Men­schen und der Unab­leit­bar­keit jeder Onto­lo­gie, die immer einem abso­lu­ten Ansatz ent­sprin­ge. Die­ses „Grund­mys­te­ri­um der Geschich­te” sei für den Men­schen nicht über­wind­bar. Weder wer­de er in frü­he­re Gewiß­hei­ten zurück­keh­ren kön­nen, noch mit Hil­fe einer all­um­fas­sen­den Auf­klä­rung einen über­le­ge­nen Stand­punkt ein­neh­men kön­nen. Damit ist auch am deut­lichs­ten die Schei­de­li­nie zwi­schen Hüb­ner und einer älte­ren „ganz­heit­li­chen” Schu­le mar­kiert. Eine gro­ße Har­mo­ni­sie­rung erwar­tet er nicht. Das bes­te, wor­auf wir hof­fen dür­fen, ist ein „Aus­gleich”: „so läßt sich für die Zukunft nur eine Kul­tur­form vor­stel­len, in der Wis­sen­schaft und Mythos weder ein­an­der unter­drü­cken noch unver­bun­den neben­ein­an­der bestehen, son­dern in eine durch das Leben und das Den­ken ver­mit­tel­te Bezie­hung zuein­an­der tre­ten. Wie das aber mög­lich sein soll, davon wis­sen wir heu­te noch nichts.”

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