Sezession
1. Juni 2007

Das Christentum und die Entstehung des Abendlandes

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_183von Ulrich March

Wenn die veröffentlichte Meinung ein Abbild der Wirklichkeit wäre, hätte sich Spenglers Untergang des Abendlandes längst vollzogen. Anders als noch in der Ära Adenauer-Schuman-de Gasperi ist der Begriff „Abendland" heute weitgehend negativ besetzt und spielt in der öffentlichen Diskussion kaum mehr eine Rolle. Während vor fünfzig bis sechzig Jahren in weiten Teilen Westeuropas „abendländische" Aufbruchsstimmung herrschte, stößt ein Bekenntnis zu den geistig-politischen Werten des Abendlandes heute in weiten Kreisen auf Unverständnis oder Verlegenheit, bei „Meinungsführern" allenfalls auf süffisante Ironie.

Der Riesenerfolg von Spenglers Hauptwerk war nur möglich, da viele damalige Leser mit dem Begriff „Abendland" durchaus etwas anzufangen wußten - heute würde ihm ganz einfach das Publikum fehlen. Die Gründe für diesen Wandel liegen auf der Hand: der modische Werte-Relativismus, der verbreitete Widerwille, sich mit Traditionen ernsthaft auseinanderzusetzen, nicht zuletzt - da der Geschichtshorizont vieler Zeitgenossen kaum über das Jahr 1933 zurückreicht - auch schlichte historische Ignoranz.
Das Abendland ist aus einem jahrhundertelangen Amalgamierungsprozeß entstanden, dessen Grundelemente Antike, Christentum und germanische Welt bilden. Vielen Menschen unserer Tage bereitet dieser Tatbestand Schwierigkeiten. Ein unbefangener Blick auf die germanische Welt ist auch heute noch vielfach durch die NS-Ideologie verstellt. Deshalb kann auch die Erkenntnis Rankes, daß das moderne Europa eine Schöpfung vorzugsweise der germanisch-romanischen Völker ist, vielfach nicht mehr nachvollzogen werden. Auch zur Antike haben heute nur noch wenige Menschen eine wirkliche Beziehung. Die humanistischen Gymnasien, immer stärker amputiert, bieten fast kein Griechisch und in immer geringerem Umfang Latein an. Und wie sollte oder könnte ein zunehmend entchristlichtes Europa einen Zugang zum christlichen Abendland finden? In den neuen Bundesländern etwa bekennt sich nur noch ein Drittel der Bevölkerung zu einer der beiden großen Konfessionen, auch in Nordwestdeutschland nur etwa drei Viertel, wobei die bloße Mitgliedschaft in einer Kirche sowieso nicht viel besagt. Aber auch bei religiös orientierten Menschen ist das Bewußtsein einer geistigen Verankerung im abendländischen Europa keineswegs selbstverständlich, angesichts der Aktivitäten insbesondere einiger evangelischer Landeskirchen aber wiederum nicht verwunderlich. Aus all diesen Gründen sind das Interesse und die Bereitschaft, sich mit dem Thema Abendland zu befassen, nicht eben verbreitet.
Im Rahmen eines Zeitschriftenaufsatzes und angesichts der Komplexität des Gegenstandes ist Beschränkung geboten. Die folgende Darstellung bezieht sich daher nur auf eine der drei grundlegenden Komponenten des Abendlandes, nämlich auf die Anstöße und Leistungen, die vom Christentum für das werdende Abendland ausgegangen sind. Sie konzentriert sich deshalb auf die ausgehende Antike und das frühe Mittelalter und behandelt lediglich die wichtigsten Entwicklungen innerhalb dieses Zeitraums.


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