6. März 2013

Abschied, unvertrauert.

Gastbeitrag / 17 Kommentare

Baum_bildungs_gemeinsam_entdeckenvon Heino Bosselmann

Ich habe mich oft genug kritisch über gegenwärtige Bildungspolitik geäußert. Grundsätzlich warf ich ihr eine prinzipielle Unredlichkeit vor. In ihr spiegelt sich die ideelle Krise der Republik ebenso, wie sie von ihr mitverursacht wird. Außerdem ist die Semantik des Begriffs „Bildung“ in den Debatten nicht mehr klar, weil die Diskutanten allzu Verschiedenes damit verbinden. Im abgewandelten Schmitt-Zitat gilt häufig: Wer Bildung sagt, will betrügen.

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Während die neuere pädagogische Theorie, politisch veranlaßt, in älteren Sekundarschülern vorzugsweise selbsttätige, entdeckende und urteilsfreudige Persönlichkeiten sieht, fand ich – abgesehen von sehr beeindruckenden Ausnahmen! – in meinen Deutsch-, Geschichts- und Philosophiekursen ein eher hilfloses Publikum vor – in Ermangelung einer systematischen Grundschulbildung und ausreichenden Übens sprachlich mangelhaft, einerseits digital reizüberflutet, andererseits im Weltbild und Horizont verengt, schnell erschöpft und vor allem trotz Anregung verblüffend leidenschaftslos. Die Amplituden blieben meist flach, die Erregungen kurzläufig, die Begeisterungsfähigkeit gering. Welch eine Erschöpfung in den geschlossenen Räumen der gepriesenen Ganztagsschule!

Trotzdem erlebte ich meine Schüler als emotional intakt und eher im Handlungsvermögen reduziert: Sie wollten durchaus verbindlich sein. Obwohl sie fachlich eher wenig festzuhalten vermochten, erschienen sie mir grundsätzlich aufgeschlossen – durchaus Typen darunter, mit denen man – im altmodischen Ausdruck – hätte Pferde stehlen können.

Aber die ihnen von der Politik als Rettungsort aufgenötigte Ganztagsbetreuung hielt sie hinter Glas wie in einem Terrarium fest, verhinderte mit inszenierten Projekten die frische Luft ebenso wie echtes Erlebnis und ersehnte Bewährung und ermüdete mit ausufernden Stundenplänen, in denen der Streß des andauernden Quantifizierens das echte Qualifizieren verhinderte, trotz all der noch zusätzlich zu absolvierenden, allzu gut gemeinten, aber von fadem Pflichtcharakter bestimmten „Fördermaßnahmen“ und „Study-Times“, mit denen mal wieder jeder, der nicht selbst wollte oder kaum konnte, „dort abgeholt werden sollte, wo er stand.“

Ich beherrschte am Ende nur eines sicher: Nie drang mein zunehmendes Unverständnis über das immer absurder verfaßte Bildungssystem als Defätismus oder Zynismus in die Art der Vermittlung und in das Klima der Veranstaltungen ein. Das kostete Kraft, ebenso wie es Kraft kostete, die innere Enttäuschung über den oft genug stockenden Prozeß und die kaum mehr zu belebende Auseinandersetzung – um etwas, für etwas, gegen etwas – irgendwohin abzustauen.

Weil sich im Auditorium an geistiger Bewegung oft genug wenig regte, drehte ich selbst sacht hoch, damit sich überhaupt noch etwas tat, betrieb Exegese, versuchte Inspiration, spürte neues Material auf und wechselte die Perspektiven und Zugänge – das alles, um zum einen Langeweile zu vermeiden, die mich selbst lahmgelegt hätte, und zum anderen, um Inhalte zu sichern, ja gewissermaßen zu bergen.

Angesichts eines statischen Milieus zähen Beharrungsvermögens sah ich mich meist zum vielfach geschmähten Frontalunterricht gezwungen, einer Methode, die verheerend, also militärisch klingt, durch die aber wenigstens Persönlichkeit zu wirken vermag und Sendung möglich ist. Moderner geltende Varianten – Freiarbeit, Gruppenarbeit, sogenanntes handlungsorientiertes und heuristisches Lernen – brachten zu wenig wägbare Ergebnisse oder es fehlte dafür in der Enge die Zeit.

Auf mündliche Kontrollen verzichte ich am Ende ganz, schriftliche choreographierte ich vor, alles der Noten wegen. Denn selbst wer sich für gar nichts interessierte, rechnete doch immer noch seine Schnitte aus, mit Taschenrechner natürlich und auf mehrerer Stellen genau, um sie den zu Haus dräuenden Eltern vermelden zu gönnen, oder gar in der naiven Annahme, die beeindruckende Dezimalzahl wiese auch nur irgend etwas zu seiner Persönlichkeit aus.

Heutzutage werden, wie ich lese, überproportional Einser- und Zweierabis abgelegt. Eine Drei vorm Komma läßt vor diesem Hintergrund auf intellektuelle Defekte oder vollständigen Verzicht auf Engagement schließen. Als Vergleich: Günther Jauch absolvierte das traditionsreiche altsprachliche Gymnasium in Berlin-Steglitz Anfang der Siebziger mit 3,1. Das galt damals als passabel bis durchschnittlich. Man konnte damit so gut wie alles studieren. Wer jedoch heute bei mittlerweile völlig inflationierter Benotung so abschließt, dürfte sich mit Jauch kaum mehr sinnreich unterhalten können.

Stupider Zwang (Zettel raus! Kontrolle!) oder qualifiziertes Entertainment? Ich wählte Letzteres. So mußte ich zwar zwangsläufig mit RTL II und iPhone-Apps konkurrieren, aber konnte wenigstens ehrenwert versuchen, auf spannende Weise die Tiefendimensionen wie die übergreifenden Bögen von Fachinhalten zu zeigen, um hier und da vielleicht die Talentiertesten und Kraftvollen anzuregen und ihnen Fenster aufzustoßen, was hin und wieder durchaus gelang. Manchmal beeindruckend, gar rührend bis schmerzlich zu erleben, wenn sich Gedächtnis oder mindestens Empfindung zu regen beginnen, wenn gar Impulse für das eigene Handeln genutzt werden! Das gibt es! Selten.

Zu zwingen, darauf verzichtete ich seit den späten Neunzigern bzw. seit ich an Privatschulen Dienstleistender an zahlender Klientel war. Außerdem gehört der Zwang nicht in mein Spektrum, obwohl ich selbst aus einer Schule komme, die einen selbstverständlich zu zwingen verstand – in einer Zeit, in der uns das kaum auffiel, weil grundsätzlich alles vormundschaftlich ablief. Oder preußisch: Lehrjahre, hieß es, seien keine Herrenjahre.

Wem in meinem Unterricht Bildung, Leistung und Haltung trotz permanenter Ermutigung egal blieben, der konnte sich zurückgelehnt wenigstens noch gut unterhalten fühlen, zumal er darin sichergehen durfte, daß ihn das System des Abwählens von Fächern und Herausforderungen und die alles optimierende Zahlenmystik der Heraus- und Hochrechnerei von Notenwerten durch die Prüfungen trug, wenn es denn überhaupt noch um Prüfungen im Wortsinne ging. Sich für eine solche zu entscheiden, um gar noch an ihr zu wachsen – heute ganz undenkbar!

Über allerlei Filter und Schalter ist das Abitur mittlerweile nach privaten Bedürfnissen und Konjunkturabsichten einstellbar. Durchzufallen ist technisch freilich möglich (wenngleich bald ein Fall für die Antidiskriminierungsgesetzgebung), allerdings bereitet die dafür erforderliche Verweigerung bald mehr Mühe als die vertrauensvolle Teilnahme am Prozeß des Durchziehens von all und jedem. Daß einer sagte, er entscheide sich eigens für eine Prüfung in Philosophie, weil er sich etwas beweisen und Einblicke vertiefen wolle – nie gehört.

Wollte man als Lehrer auf die üblichen Erpressungen und Nötigungen verzichten, benötigte man dazu eine trainierte Kondition, die von der Durchschnittsbesatzung der Kollegien nicht zu verlangen ist. Glücklicherweise hielt ich einen Halbmarathon ähnlich stabil durch wie einen Unterrichtstag. Ich gab mich preis, aber ich nahm es sportlich, mit der bisweilen fatalen Folge, daß sich die Schüler auf mich verließen. Mit dem zweifelhaften Erfolg, daß ich tatsächlich nur die Konstante der knapp fünf Prozent langfristig und tiefer Interessierten erreichte, die jedoch direkt. Ich räumte ihnen meinen Bücherschrank leer und nahm mir außerhalb der Zwangsvereinnahmungen Zeit. Der betreute Durchschnitt aber, der heute die sogenannten Gymnasien flutet, blieb mir wohlgesonnen, weil ich ihn ganz erwartungsgemäß mit durchbenotete, fand mich sogar ganz okay, bewunderte gar auf seine Weise, daß sich da ein Mann mit Themen, Fragen, Problemen abrackerte, mit denen für einen Hipster und Medienuser so verdammt wenig anzufangen war, obwohl das da vorn zuweilen richtig gewitzt bis provokant klang.

Kurz vorm Abschied bat ich eine zehnte Klasse, mir bitte umgekehrt etwas zu zeigen, etwas mitzubringen, was sie echt begeistert. Ja, sie hätten da was. Ich war gespannt. Und sie zeigten mir ein paar Episoden von "How I met your mother". Ich sah mir das höflich an, registrierend, daß man es, wollte man mit Literatur konkurrieren, schwerhaben mußte.

Was ich hinbekam: Non multa. Ich blieb in recht netter Erinnerung. Kein schlechter Kerl, sichtlich ja engagiert, zuweilen ein grantelnder Polterkopf, ein eifernder Publikumsbeschimpfer, der aus allzu augenfälliger Ignoranz unprofessionell eine private Sache machte, die ihm verdammt gegen den Strich ging, dabei aber fair, ja gutherzig, politisch wohl mehr als zwielichtig; aber was wußte man schon von Politik? Jedenfalls keinen je denunzierend oder reinreitend. Jemand, der mit fremden, sehr antiquierten Stoffen umging. Dabei aber mitten in der ziemlich uncoolen Schule doch ziemlich cool.

Aber das reicht mir nicht! Also soll Schluß sein. Ich gebe auf – ausgereizt, aber gänzlich unvergnatzt, nicht mal desillusioniert, sogar zuversichtlich, erfrischt statt ausgebrannt. – Der „Bildungsbetrieb“ geht unweigerlich weiter, zunehmend marktorientiert und mit all seinen politischen Werbeoffensiven, Schule wäre nicht nur der tollste und demokratischste Ort, sondern das Lust- und Freudvollste schlechthin. Niemand mutet sich zu, kritisch darüber nachzudenken, warum die Schule bei all ihrer neuen Kunterbuntheit, immer noch vor allem langweilt, kränkt und frustriert. Auch mit der Ausstellung ungedeckter Schecks wird sie sich nicht anbiedern können.

Ich verzichte auf den Komfort regelmäßiger Einkünfte zugunsten des Luxus’, keinen Etikettenschwindel mehr betreiben zu müssen. Wer in meinem Unterricht sehr gut war, kommt allein zurecht, wen ich durchbetrog, der wird von den Kollegen weiter durchgereicht werden.

Und die „Gesellschaft“? Keine Sorge! In ihr wird sich dort, wo es – selten genug! – wirklich darauf ankommt, weiterhin das Talent durchsetzen. Wie immer. Wie historisch schon vor der Schulpflichtgesetzgebung und all den Fördervereinbarungen. Und wenn es sich tatsächlich mal um ein Talent handeln sollte, wird dem die Schule ohnehin nicht so entscheidend weiterhelfen können, wie sie es geradezu heilsbringend stets verkündet. Sie bleibt das, was sie kulturgeschichtlich immer war – eine notwendige Institution, der die Interessierten hier und da etwas verdanken, ein Ort, über den man aber mit vollem Risiko hinauswachsen muß. Lehrern gelingt das oft gar nicht, mir selbst recht spät.

Aber sicher: Es gibt die Anzuregenden, die Klugen, die Interessanten, die sympathisch Sonderbaren und die mutig Renitenten. Sie sind zu unterstützen, zu bilden, zu verfeinern – dies läuft aber nicht mit dem System, sondern trotz des Systems oder diametral ihm entgegen. In mancherlei Hinsicht ist Schule heute eher etwas für die Förderbedürftigen; die starken Köpfe und sensiblen Geister sind gut beraten, sich möglichst außerhalb oder parallel zu versorgen – mit den richtigen Stoffen und Leuten.

Zweiundzwanzig Jahre Lehre liegen hinter mir. Zum Schluß war ich noch Honorarlehrer und so wenigstens von den Sitzungen befreit. Vielleicht bin ich erwachsen geworden. Unvertrauert spüre ich: Die Schule ist nicht mehr mein Ort. Ich fühlte mich dort am Ende sehr fremd, ja als absurde Existenz.


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Kommentare (17)

Albert
6. März 2013 11:16

Lieber Herr Bosselmann,

heißt das, Sie kündigen Ihren Beruf?

Was denn nun? Sie sind doch ein Lehrer par excellence! Wollen Sie den Lehrerberuf gänzlich an den Nagel hängen?

Und nun?

Ihre Idee einer bündischen Privatschule finde ich immer noch toll und denke oft daran (auch wenn manche Ideale, die Sie einmal in Ihrem Blogeintrag beschrieben, vielleicht zu hochgestochen und alltagsuntauglich sind). Sie wären dafür die ideale Besetzung. Ich habe nur Zweifel an der praktischen Umsetzbarkeit einer solchen Schule.

P.S.: Immer, wenn ich das neumodisch verunstaltete Freibad in meiner ostdeutschen Heimatstadt besuche, muss ich an Ihren sehr treffenden Beitrag denken, in dem Sie beschrieben, daß heute kein Mensch mehr richtig schwimmen will - alle wollen nur noch in Spaßbädern hin- und hergeschaukelt werden.

Ich vermute, für ein bündisches Internat fänden sich nicht genug "Schwimmer" geballt an einem Ort.

Luise Werner
6. März 2013 12:04

Meine Kinder halten ihre Mappen in Ehren. Jede hat im Kinderzimmer ihren Platz und wird akribisch auf dem neuesten Stand gebracht; völlig selbstständig und ohne jegliche Ermahnung. Bilder und Texte werden ausgeschnitten, auf Plakate geklebt und mit sinnvollen Überschriften versehen. Ausführlich und durchaus kenntnisreich wird über Details diskutiert und gestritten. Neue Veröffentlichungen in Bild und Schrift werden notfalls mit eigenem Taschengeld beschafft und nach abendlicher Lektüre ausgewertet. Die Eltern werden als vollwertige Diskussionspartner geschätzt und um Meinung und Rat gefragt. ... Soll ich fortsetzen? Es geht um meine Kinder im Alter von 10 und 8 Jahren und die Mappen enthalten alles über Spiele und Spieler der Fußballbundesliga, der Champions-League und der deutschen Nationalmannschaft. Und wie oft sinniere ich darüber, was zu tun wäre oder wer es vermöge, dieses Interesse und diese Begeisterung in die Bereiche Mathematik, Sachkunde, Kunst oder Deutsch zu lenken.
Herr Bosselmann, alles Gute. Sie gehen wohl Ihren Schülern, aber hoffentlich nicht mir als Autor verloren.

Weltversteher
6. März 2013 13:03

Und nun?
Dem Beitrag fehlt, für unseren Zweck hier, die Perspektive. Sicherlich können wir unserem vertrauten Schreiber mal aufmunternd auf die Schulter hauen. Aber es muß doch mehr als das der Kern seines Beitrags sein?

Spannender als das Schicksal des Lehrers finde ich die Aussichten der Schüler, womöglich unserer Kinder. Wer hält dagegen, daß sie nicht auch nach einigen Jahren Pflichtbeschulung solche Hirnleichen sind?

Heino Bosselmann
6. März 2013 15:22

Nach meiner Erfahrung ließe sich das Problem – im Wortsinn – nur noch revolutionär, nicht evolutionär lösen. Aber: 1.) Meine Sicht kann verzerrt, zu subjektiv, zu atypisch sein. 2.) Ist sie es nicht und treffen meine Eindrücke weitgehend zu, so müßten im großen gesellschaftlichen Kompromiß m. E. solche neuen Grundvereinbarungen her, daß sie den meisten unzumutbar erschienen. Und wer weiß? Vielleicht reicht eine zahlenmäßig geringe, aber qualitativ hochqualifizierte, hochprofessionelle Schicht an Spezialisten (Medizin, Recht, Ingenieurs- und Naturwissenschaften) mittlerweile zum Funktionieren einer Gesellschaft aus – und es bedarf einer traditionellen Breitenbildung ebensowenig, wie es offenbar noch der elemenatrsprachlichen Kompetenz oder der Allgemeinbildung im Fachlichen bedarf.

Heino Bosselmann
6. März 2013 15:25

Wie bei den Bundesliga-Mappen: Schülern müßte das, was Schule bietet, relevant und wichtig erscheinen. Und wir müßten eine Haltung erziehen, die erfahren hat, daß sich Anstrengung genießen läßt – wie im Sport – und daß es damit und danach erst um das richtig Interessante und Spannende geht.

Heino Bosselmann
6. März 2013 15:29

Darstellungen in "eigener Sache" – wie meine – finde ich übrigens in Aussage und Verfahren immer fragwürdig. Tatsächlich erscheint es mir derzeit angezeigter, auch aus Gründen der politischen Verfaßtheit von Bildung und Land selbständig zu arbeiten. Bei weit höherem Risiko und unsicherer Prognose, aber ohne falsche Kompromisse eingehen zu müssen. Über die Idee einer "bündischen Schule" denke ich immer noch nach …

Sara Tempel
6. März 2013 15:36

Welch´ anschauliche Analyse Ihrer Erfahrungen als Lehrer, Herr Bosselmann, in amüsanter Manier geschrieben!
Ich kann Ihre Entscheidung gut verstehen. Ihr Talent kann sich offenbar im deutschen Bildungssystem weder entfalten noch bei, an Unterhaltungsmedien gewöhnten, Schülern etwas Wesentliches bewirken.
Viel Glück!

Ein Fremder aus Elea
6. März 2013 16:20

Das sind dann aber doch noch recht schöne Worte. Die meisten Lehrer passen sich schlicht ihren Schülern an, so, wie man sich in Rom den Römern anpassen soll, das heißt sie sprechen im Lehrerzimmer von denselben Sachen, fragen: "Hast du den wieder gesehen?" und so fort.

Ich kann das auch verstehen, es ist schwierig, sich nicht von seinem Umfeld beeinflussen zu lassen.

Berufskrankheiten gibt es viele. Lehrer bleiben zeitlebens Teenager, Ärzte und Krankenschwestern in Hospitälern bilden eine Schlachterpsyche aus, Anwälte mutieren zu Trickbetrügern und so weiter.

Mehr als ein: "Das gibt es also auch hier." kann Schule schwerlich sein, neben dem Notwendigen. Nun, das ist meine unenthusiastische Sicht. Den Sinn des Entertainments sehe ich nicht. Es gibt da ja auch einen handfesten Widerspruch:

Wenn ich als Lehrer quasi nur eine wandelnde Bibliothek bin, welche gewisse Pflichtstoffe vorträgt, gibt es einen Grund für Schüler, initiativ zu werden, und mich nach diesem oder jenen zu fragen, wenn ich aber als Lehrer Entertainer bin, erziehe ich die Schüler zur Passivität.

Christian
6. März 2013 16:44

In eigener Sache:
Ich wünschte, dass ich Sie - oder jemanden von ähnlichem Format - zu meiner Zeit als Lehrer gehabt hätte. Ein Wunder, dass ich nach meinen Erfahrungen als Schüler überhaupt noch lese. Nach und nach musste ich mir alle Quellen selbst erschließen, wo doch in der Schule alles getilgt wird, was irgendwie entflammend wirken und Persönlichkeit hervorbringen könnte. Aber es kann auch so betrachtet werden: Nach einer lesbischen Latein-Lehrerin, die Jungs nicht ausstehen konnte, einer Mathematik-Lehrerin, welche starke Defizite in der Didaktik aufwies und uns nach ausdrücklicher Frage, den Sinn des zu Rechnenden nicht zu sagen vermochte, einem Chemie-Lehrer, der auf Grund seiner 'Art' von einer Schule zur anderen geschickt wurde, sowie ein Deutsch- und Kunstunterricht, der den motiviertesten und talentiertesten Schüler abschrecken konnte, muss es sich wirklich um ein inniges Interesse handeln, in einem Themenbereich weiterzumachen. Das ist auch eine Form von Prüfung, die Sicherheit gibt.

In diesem Sinne mit bestem Gruß!

Zeltebauer
6. März 2013 16:57

Zu wenige Schwimmer an einem Ort? Das mag sein. Nicht aber zusammengefasst, zeitlich begrenzt. Ein Ferienlager, nicht besonders komfortabel (Zelte oder Baracken), Personal wie Sie, Herr Bosselmann, und ein drängender, suchender, Geist der jeden mitreisst! Solche Plätze gibt es noch hie und da aus DDR- Zeiten (z.B.Ferienlager Crispendorf bei Schleiz, abgeschieden im Wisentagrund). Und wenn bequeme Akademikereltern nur ihre Kinder parken möchten: eine Art Aufnahmeprüfung, einen Nachweis des Wollens. Was glauben Sie, wie das zieht! Und am Ende ein großes Fest/ Wettstreit am Feuer, dessen Sieger im nächsten Sommer dann garantiert wieder dabei sein dürfen. Gehen wir's an!

Kwasir
6. März 2013 16:59

Und es ist ja nicht nur das Schulsystem mit seinen oft genung willfährigem Lehrpersonal, das fleißig daran arbeitet das man schier verzweifeln mag. Verzweifeln bei dem Gedanken daran was da an ungebildetem Menschenmaterial in das Leben nach der Schule drängt.
Grundschüler, die noch in der zweiten oder gar dritten Klasse unfähig sind sich die Schnürsenkel zu binden. Eltern, die fordern das es keine Hausaufgaben geschweige denn Noten gibt, damit die Kinder nicht überfordert werden und von Schulunlust befallen werden, wünschen im gleichen Atemzug eine stärkere Forderung ihrer überforderten Kinder im Unterricht. Grundlegende Schwächen im mündlichen oder schriftlichen Deutsch werden mit den Worten abgetan: "Das wächst sich aus...!" Sie erziehen ihre Kinder zu "Anstrengungsvermeidern" und wehe am Ende der Grundschulzeit gibts keine Empfehlung fürs Gymnasium...

Heino Bosselmann
6. März 2013 17:03

Klingt gut.

Heino Bosselmann
6. März 2013 17:33

Es handelt sich dabei um eine Gratwanderung: Zum einen ist freies, selbständiges, entdeckendes Lernen ergiebiger. Ohne Zweifel. Zum anderen bedarf es dafür der Befähigung vorweg, nicht nur methodisch, sondern vom „Wissen-über“ her. Ein Beispiel: In der Abiturstufe ist im Fach Geschichte speziell Quellenkritik gefragt. Eine qualifizierte Sache. Nur muß davor klar sein, was in etwa der Chronik nach überhaupt geschah und welche Zusammenhänge das hatte. Meist leider nicht vorauszusetzen. Also arbeitet man frontal nach, sichert Inhalte, sorgt für Systematik und Tafelbilder (mittlerweile verpönt). – Ansonsten haben Sie recht: Meist in oberen Klassen unterrichtend, mußte ich – mindestens in Deutsch und Geschichte – andauernd Inhalte nachreichen, ohne dabei die Miene zu verziehen oder gar Kollegenschelte zu betreiben. Insofern geriet das vortragend (mit Verve und gesicherter Mitschrift). Ja, und im besten Sinne unterhaltend. Ich sah keine andere Chance. Ich mußte oft die Energie mit in den Raum bringen, denn der lag des öfteren im Zustand der Erschöpfung vor mir, kaum Puls, wenig Turgor.

Steffen
6. März 2013 18:09

In der russischen Schule werden immerhin noch praktische Fähigkeiten "abgefragt"!

https://www.liveleak.com/view?i=a19_1361905919

Harn Drang
6. März 2013 23:30

Nachvollziehbar. Dieser Staat kann den Guten keine Perspektive bieten. Einer meiner alten Kameraden war auch Lehrer. Der ist mittlerweile ausgestiegen, arbeitet als Lektor für einen Schulbuchverlag, sucht aber auch nach dem Sinnvollen. Es gibt viele. Schließt euch zusammen, macht was draus. Es gibt doch so viele Eltern, die für eine gute Schule und die besten Lehrer ein Vermögen ausgeben würden. Zurecht, für was auch sonst? Das ist die Zukunft. Und wenn es in der BRD zu schwierig ist, geht in's EU-Ausland. Dafür ist die EU da, dass man dies ausnutzt. Es hilft kein Jammern und kein Klagen. Kein Zittern vor irgendeiner Entscheidung. Ausführung. Jetzt.

Andrenio
9. März 2013 19:09

Vor Jahren auf einem Ausbildungssegelboot auf Elba: Mein Mitschüler ein junger Student mit Berufsziel Lehrer. Warum diese Wahl? Ein toller Lehrer im Gymnasium war Auslöser und Vorbild. Auf Nachfrage kamen wir auf seinen Namen: Karl-Heinz Weißmann. Er war sehr überrascht, dass dieser für mich ein Begriff war. Sollte Herr Weißmann diese Zeilen lesen, es wird ihn freuen.
Nach Jahren im Halbschlaf als Schüler, erschien mir bei Besuchen erlauchter Schlösser eigentlich als größtes Privileg der Kinder der Herrschaft die Erziehung durch Privatlehrern.
In China lassen die Neureichen ihre Kinder klassische Disziplinen büffeln und das als Zusatz zur Normalschule, russische Mafiosi bestehen auf einer christlich orientierten Erziehung, das muss Doch für Herrn Bosselmann ein Platz sein, wo er seinen pädagogischen Eros verschenken kann!
Sollte das bündnische Internat kommen, ich werde alles tun, dass meine Enkel dorthin gehen, und wenn es nur für eine begrenzte Zeit ist

Stil-Blüte
11. März 2013 15:25

Herr Bosselmann, Ihre offene, ja offenherzige Darstellung Ihres Berufes öffnet auch in mir wieder die Klassenzimmertür.

'Zettel raus! Kontrolle...oder qualifiziertes Entertainment...' Meine Erfahrung sagt mir: Weder - noch. Der Lehrer als Chorleiter, Dirigent, Bestimmer, der die verschiedenen Stimmen, Stimmlagen und Stimmungen zu meistern hat. Er ist der Meister: Vorne ist die Musik! Mehr Dompteur der kleinen Biester als Selbstdarsteller zur Unterhaltung, Auflockerung, gegen die gähnende Langeweile des Löwenbabys. Wie das zu erreichen ist? Durch Präsenz, Persönlichkeit und - Distanz! Dieses Anbiedern der Lehrer, dieses Kumpelhafte finde ich völlig falsch. Man will doch mit einem Lehrer nicht befreundet sein. Man will zu ihm aufschauen, von ihm etwas lernen, ihn achten, das Ehrfurcht haben. Wie das wiederum zu erreichen ist? Nicht jeder Lehrer ist ein geborener Lehrer, ein Lehrer aus Berufung. Aber jeder kleinste Manager wird heute darin 'gecoucht', ich sag mal lieber 'geschult', wie er vor einer Runde aufzutreten, wie er Stoff zu vermitteln hat. Das müßte m. E. jeder Pädagogikstudent lernen: Auftreten. Freilich ist das auch von Nachteil, geht es doch auf Kosten der Identität, des unverwechselbaren Charakters. Aber sind die meisten Lehrer - der Zeitgeist schmirgelt alles schön glatt- ohnehin identitätslos?

Schön wäre es, wenn sich Herr Weißmann hier einmal dazu äußern würde, da er ja als Vorbild dargestellt wird.

Anstrebenswert wäre, so finde ich, daß Schule, Lehrplan, Unterricht, Zensuren, Lob und Tadel, Klassenordnung s e l b s t v e r s t ä n d l i c h wären. So hat meine Generation die Schule geschafft und letztlich gemeistert. Was mir an Fakten, außer dem Elementaren Schreiben, Rechnen, Lesen, beigebracht wurde, habe ich längst vergessen. Aber nicht vergessen: sich einer Sache widmen, Konzentration, Aufmerksamkeit, Fleiß, Ordnung. Ja, da haben wir sie ja schon, die sog. 'Sekundärtugenden'. Diese Zeit kehrt nicht wieder? Ich habe die Gelegenheit, asiatische Studenten kennenzulernen, die dies alles noch beherrschen. Also, wenn die das können, warum nicht auch wir wieder?

Noch eine Frage: Wie kommt es eigentlich, dass so viele Lehrer in die Politik gehen? Sie schaffen es nicht, vor einer Klasse zu stehen, aber treten vor das Volk hin.

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