Als Egon Friedell Hans Blüher rezensierte (Fundstücke 14)

Das Schöne an der Tafel der Weltliteratur ist, daß sie niemals leer wird,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

wenn auch im Lau­fe der Jah­re die Zünd­kraft der Neu­ent­de­ckun­gen schwä­cher wird. Wäre mir nun Egon Frie­dells “Kul­tur­ge­schich­te der Neu­zeit” bereits mit 20 Jah­ren in die Hän­de gefal­len, ich wäre wohl in schie­re Eksta­se geraten.

Schuld an mei­ner ver­stock­ten Igno­ranz war die Emp­feh­lung mei­nes grü­nen Geschich­te­l­eh­rers, die mir das Buch in ein eher zwei­fel­haf­tes Licht setz­te – statt­des­sen las ich lie­ber Speng­lers “Unter­gang des Abend­lan­des”. Damals ahn­te ich nicht, wie geis­tig nahe sich die bei­den etwa gleich­alt­ri­gen “Kul­tur­phi­lo­so­phen” stan­den. In der Tat fin­det Frie­dell in der Ein­lei­tung zu sei­nem drei­bän­di­gen Mam­mut­werk hym­ni­sche Wor­te für Speng­lers Buch.

Frei­lich gibt es auch gro­ße Unter­schie­de zwi­schen bei­den Autoren – gemein­sam ist ihnen aller­dings der Pan­ora­ma­blick auf die Welt­ge­schich­te als gro­ßes, ewig wech­seln­des Schau­spiel, in dem der schöp­fe­ri­sche Geist Vor­rang vor der Mate­rie hat. Ver­gleich­bar ist auch ihre stark “visu­el­le”, dra­ma­ti­sie­ren­de Art der Dar­stel­lung und ihr Hang zu schar­fen und mit­un­ter eigen­wil­li­gen Wertungen.

Der zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­te Jude Frie­dell sah aller­dings im Gegen­satz zu Speng­ler mit Hoff­nung und Opti­mis­mus auf die Kri­se des Abend­lan­des: im Schluß­wort zu sei­nem Haupt­werk ver­kün­de­te er die bal­di­ge Über­win­dung des Mate­ria­lis­mus und den licht­vol­len Auf­stieg eines neu­en Kapi­tels des euro­päi­schen Geis­tes. Lei­der war es Speng­ler, der Recht behal­ten soll­te; bei­de Män­ner star­ben kurz vor der Kata­stro­phe des Zwei­ten Weltkriegs.

Frie­dell ist neben Joseph Roth und Eli­as Canet­ti ein lan­ge ver­nach­läs­sig­ter Stern, der mir erst in jün­ge­rer Zeit auf­ge­gan­gen ist. Alle drei sind öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler jüdi­scher Her­kunft, die gemein­hin nicht als “Kon­ser­va­ti­ve” wahr­ge­nom­men wer­den. Und doch trägt ihr Werk zum Teil stark kon­ser­va­ti­ve Züge: Roth wand­te sich dem Katho­li­zis­mus und Mon­ar­chis­mus zu, Canet­tis “Mas­se und Macht” ist von einem tie­fen anthro­po­lo­gi­schen Pes­si­mis­mus geprägt, und auch Frie­dell war alles ande­re als ein Lin­ker: sein Werk hul­digt den Taten der Genies und “gro­ßen Män­ner”, rech­net scharf mit Sozia­lis­mus und Psy­cho­ana­ly­se ab und steht dem Fort­schritts­glau­ben über­aus skep­tisch bis bis­sig-kri­tisch gegenüber.

Frie­dells Ende war tra­gisch: aus Furcht vor der Gesta­po stürz­te er sich 1938 aus dem Fens­ter sei­ner Woh­nung. Wenn der Natio­nal­so­zia­lis­mus nichts ande­res als den vor­zei­ti­gen Tod Frie­dells auf dem Kerb­holz hät­te, wür­de das allein schon aus­rei­chen, um ihn auf ewig zu verdammen.

Die unend­lich rei­che Schatz­tru­he der “Kul­tur­ge­schich­te” gebüh­rend zu wür­di­gen, wür­de den Umfang eines Blog­bei­trags spren­gen. Dar­um nur ein Frie­dell-Fund­stück, das mir beson­de­re Freu­de gemacht hat. 1922 rezen­sier­te Frie­dell das Buch “Die Rol­le der Ero­tik in der männ­li­chen Gesell­schaft” (1917/19), eines der Haupt­wer­ke mei­nes Haus­hei­li­gen Hans Blü­her, dem umstrit­te­nen Deu­ter des “Wan­der­vo­gel” und “enfant ter­ri­ble” unter den nach Armin Moh­ler “kate­go­rien­spren­gen­den Autoren” der Kon­ser­va­ti­ven Revolution.

Die­ser hat­te die küh­ne, in ihrer Radi­ka­li­tät und Ein­sei­tig­keit aber gewiß schwer ver­stie­ge­ne The­se auf­ge­stellt, daß die (zuge­ge­ben recht weit gefaß­te) Homo­ero­tik die trei­ben­de kul­tu­rel­le Kraft der Mensch­heit schlecht­hin sei, in den Wor­ten Frie­dells “die Wur­zel fast allen Hohen und Tie­fen, Edlen und Vor­wärts­drän­gen­den, das bis­her in unse­rer Geschich­te her­vor­ge­tre­ten ist.”

Frie­dell zeigt sich nun betont “homo­phob” (das wür­de ich heu­te gern mei­nem grü­nen Geschichts­leh­rer unter die Nase rei­ben), was offen­bar schon damals als etwas rück­stän­dig galt:

… ich gehö­re zu jenen son­der­bar ver­an­lang­ten Men­schen, die, wenn sie Wor­te wie “Päd­eras­tie” oder “Urning” auch nur gedruckt lesen, bereits Übel­kei­ten bekommen.

Ande­rer­seits räumt er ein, daß offen­bar “eine Rei­he der größ­ten Künst­ler und Den­ker, Staats­män­ner und For­scher in irgend­ei­ner Wei­se zur Inver­si­on geneigt haben”.

Zunächst sträubt sich ja unser Gefühl, das nun ein­mal unheil­bar “bür­ger­lich” funk­tio­niert, gegen die­ses Fak­tum. Aber es ist in der Tat kaum zu bezwei­feln. Ich mein­te ein­mal zu Klimt, daß die Geschich­ten über Michel­an­ge­los Homo­se­xua­li­tät doch höchst­wahr­schein­lich auf einer Art Tratsch beru­hen dürf­ten, wie er sich um jeden geheim­nis­vol­len und ver­wi­ckel­ten Men­schen anzu­set­zen pflegt. Aber Klimt schüt­tel­te den Kopf und ant­wor­te­te, von die­sen Geschich­ten wis­se er nichts, aber aus der Kunst Michel­an­ge­los gehe des­sen Homo­se­xua­li­tät ganz klar her­vor. “Denn”, sag­te er, “wenn einer ein­mal zu malen anfangt, so kommt alles auf.”

Nun aber zur lus­tigs­ten Stel­le der Rezension:

Aus Blü­hers Wer­ken geht ganz unzwei­deu­tig her­vor, daß die gesam­te Wan­der­vo­gel­be­we­gung ein ero­ti­sches Phä­no­men ist (dies gilt aller­dings nur für Deutsch­land, nicht für Öster­reich, weil bei uns ja bekannt­lich alles ver­schlampt wird). Blü­her macht nicht den gerings­ten Ver­such, die­ses Fak­tum zu leug­nen, son­dern reiht es viel­mehr tri­um­phie­rend als ein wich­ti­ges Beweis­stück in sein Sys­tem ein.

Die­ser Tat­be­stand ent­behrt nicht gewis­ser ergötz­lich gro­tes­ker Züge. Man stel­le sich die­se harm­lo­sen Töl­pel von Ober­leh­rern vor, wie sie mit ihrem Phra­sen­ge­dresch von deut­scher Hei­mat­lie­be, Wan­der­lust und Ertüch­ti­gung zu die­ser Bewe­gung ermun­tert haben, und schließ­lich ent­puppt sie sich als ein sys­te­ma­tisch orga­ni­sier­tes Insti­tut zur Beför­de­rung und Aus­brei­tung der Päd­eras­tie. Ich wenigs­tens kann eine klei­ne Scha­den­freu­de dar­über nicht unter­drü­cken, daß der Ver­such, den Men­schen schon in den Kna­ben­schu­hen zum Ver­eins­mei­er, Turn­bru­der und Schweiß­fuß­pa­trio­ten zu machen, ein so über­ra­schen­des Resul­tat erge­ben hat.

Eine Ein­schät­zung, der der betont deutsch­na­tio­na­le Blü­her nicht wider­spro­chen hät­te: denn was Frie­dell hier beschreibt, war ihm das ver­haß­te “Volk der Platt­fu­ß­in­dia­ner”, das nur ver­spie­ßer­te und bie­de­re Zweck­mä­ßig­kei­ten kennt, gegen die er den Mythos (und mehr – oder weni­ger – war es wohl nicht) einer roman­ti­schen Revol­te aus dem Geist des Eros und des Über­schwangs zu set­zen versuchte.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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