Sezession
8. März 2013

Als Egon Friedell Hans Blüher rezensierte (Fundstücke 14)

Martin Lichtmesz

FriedellvsBlueherDas Schöne an der Tafel der Weltliteratur ist, daß sie niemals leer wird, wenn auch im Laufe der Jahre die Zündkraft der Neuentdeckungen schwächer wird. Wäre mir nun Egon Friedells "Kulturgeschichte der Neuzeit" bereits mit 20 Jahren in die Hände gefallen, ich wäre wohl in schiere Ekstase geraten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Schuld an meiner verstockten Ignoranz war die Empfehlung meines grünen Geschichtelehrers, die mir das Buch in ein eher zweifelhaftes Licht setzte - stattdessen las ich lieber Spenglers "Untergang des Abendlandes". Damals ahnte ich nicht, wie geistig nahe sich die beiden etwa gleichaltrigen "Kulturphilosophen" standen. In der Tat findet Friedell in der Einleitung zu seinem dreibändigen Mammutwerk hymnische Worte für Spenglers Buch.

Freilich gibt es auch große Unterschiede zwischen beiden Autoren - gemeinsam ist ihnen allerdings der Panoramablick auf die Weltgeschichte als großes, ewig wechselndes Schauspiel, in dem der schöpferische Geist Vorrang vor der Materie hat. Vergleichbar ist auch ihre stark "visuelle", dramatisierende Art der Darstellung und ihr Hang zu scharfen und mitunter eigenwilligen Wertungen.

Der zum Christentum konvertierte Jude Friedell sah allerdings im Gegensatz zu Spengler mit Hoffnung und Optimismus auf die Krise des Abendlandes: im Schlußwort zu seinem Hauptwerk verkündete er die baldige Überwindung des Materialismus und den lichtvollen Aufstieg eines neuen Kapitels des europäischen Geistes. Leider war es Spengler, der Recht behalten sollte; beide Männer starben kurz vor der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Friedell ist neben Joseph Roth und Elias Canetti ein lange vernachlässigter Stern, der mir erst in jüngerer Zeit aufgegangen ist. Alle drei sind österreichische Schriftsteller jüdischer Herkunft, die gemeinhin nicht als "Konservative" wahrgenommen werden. Und doch trägt ihr Werk zum Teil stark konservative Züge: Roth wandte sich dem Katholizismus und Monarchismus zu, Canettis "Masse und Macht" ist von einem tiefen anthropologischen Pessimismus geprägt, und auch Friedell war alles andere als ein Linker: sein Werk huldigt den Taten der Genies und "großen Männer", rechnet scharf mit Sozialismus und Psychoanalyse ab und steht dem Fortschrittsglauben überaus skeptisch bis bissig-kritisch gegenüber.

Friedells Ende war tragisch: aus Furcht vor der Gestapo stürzte er sich 1938 aus dem Fenster seiner Wohnung. Wenn der Nationalsozialismus nichts anderes als den vorzeitigen Tod Friedells auf dem Kerbholz hätte, würde das allein schon ausreichen, um ihn auf ewig zu verdammen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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