Sezession
1. Juni 2007

Das Christentum als antike Religion

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_184von Hans-Peter Hasenfratz

Durch den Sieg der Römer über die Weltmacht Karthago und deren Verbündete und durch eine reiche Erbschaft (Attalos III. von Pergamon hatte - kinderlos - Rom sein Reich, entspricht etwa der heutigen Westtürkei, vermacht) war Rom von einem italienischen (weitgehend agrarischen) Territorialstaat zu einem Weltreich avanciert. Umfassend ab der Zeitenwende neben Italien: Spanien, Frankreich, Britannien, Alpen, Balkan, Griechenland, Kleinasien, fruchtbarer Halbmond, Ägypten, die angrenzenden maghrebinischen Küstenregionen. Nur die Germanen im Norden und die Parther im Osten setzten dem römischen Expansionsdrang endgültige Grenzen. Seitdem träumten Roms Mächtige von einem siegreichen Partherfeldzug - vergeblich. Und die Germanen haben Westrom schließlich überrannt.

Eine derartige „Flächenexplosion" zeitigte entsprechende soziale und geistig-religiöse Turbulenzen. Heere von Sklaven und Sklavinnen kommen als „Beutegut" nach Rom. Damit verbunden ist brutale Trennung von Familien in kontinentalem Ausmaß. Umgekehrt ziehen Heere römischer Legionäre und Beamter in die zu Provinzen degradierten Ursprungsländer der erbeuteten und zerstreuten Menschenware. Zu den demoralisierenden Auswirkungen der Sklaverei nur so viel: Der Herr konnte seine Sklavin auf den Strich schicken und den Hurenlohn kassieren (wie etwa Livius im Zusammenhang mit dem sogenannten Bacchanalienskandal, ohne daran Anstoß zu nehmen, berichtet). Die Herrin mochte ihre Sklaven sexuell ausbeuten (Martial spottet über die verschiedenen Kinder einer römischen Dame, die alle Mitgliedern ihres Hauspersonals gleichen - nur nicht dem Ehemann). Von Sklaven betriebene Großfarmen (Latifundien) und städtische Handwerks-(Groß-)Betriebe drücken (durch konkurrenzlos billige Sklavenarbeit) auf die Preise und vertreiben die freien Bauern von der Scholle in die Städte, wo sie zusammen mit den bankrotten „freien" Handwerkern ein Lumpenproletariat bilden, das durch Getreidezuweisungen und Zirkusspiele von den Zynikern der Macht bei Laune gehalten und instrumentalisiert wird.
In den Provinzen entzieht sich die durch ein perfides Besteuerungssystem ausgenommene Landbevölkerung durch Anachorese (Landflucht) der staatlichen Kontrolle und taucht in den Städten unter, die zu unwirtlichen Agglomerationen verslumen. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte entsteht, was man den „unbehausten Menschen" genannt hat. Einer der Gracchen schon heißt diese Menschenspezies aoikoi; Unbehauste (Sorte von Menschen, die unsere globalisierte Konsumwelt massenweise produziert). Die „kritische Masse" an Unbehaustheit (der sich auf die Dauer keine Schicht der imperialen Gesellschaft ganz zu entziehen vermochte) erzeugte neue Sehnsüchte; nach intimeren Formen religiöser Beheimatung Heimatloser, nach religiösen Inhalten und Formen zur Erhöhung der Erniedrigten, nach extraordinärer Sicherung ständig bedrohter Existenz, nach Leitfiguren mit integrativer Kraft für Zerstreute, nach Fluchtwegen aus fremdbestimmter Ausweglosigkeit. In unserem antiken Kontext meint das: Mysterienfrömmigkeit, Magie und Zauber, Kaiserkult und Guruismus, Eskapismus und Weltverneinung. Magie und Zauber werden hier im Zusammenhang mit den Mysterien und dem Kaiserkult, der Guruismus als Anhang zum Kaiserkult vorgeführt (obwohl beide gesonderter Behandlung wert).


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