Das Christentum als antike Religion

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_184von Hans-Peter Hasenfratz

Durch den Sieg der Römer über die Weltmacht Karthago und deren Verbündete und durch eine reiche Erbschaft (Attalos III. von Pergamon hatte - kinderlos - Rom sein Reich, entspricht etwa der heutigen Westtürkei, vermacht) war Rom von einem italienischen (weitgehend agrarischen) Territorialstaat zu einem Weltreich avanciert. Umfassend ab der Zeitenwende neben Italien: Spanien, Frankreich, Britannien, Alpen, Balkan, Griechenland, Kleinasien, fruchtbarer Halbmond, Ägypten, die angrenzenden maghrebinischen Küstenregionen. Nur die Germanen im Norden und die Parther im Osten setzten dem römischen Expansionsdrang endgültige Grenzen. Seitdem träumten Roms Mächtige von einem siegreichen Partherfeldzug - vergeblich. Und die Germanen haben Westrom schließlich überrannt.

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Eine der­ar­ti­ge „Flä­chen­ex­plo­si­on” zei­tig­te ent­spre­chen­de sozia­le und geis­tig-reli­giö­se Tur­bu­len­zen. Hee­re von Skla­ven und Skla­vin­nen kom­men als „Beu­te­gut” nach Rom. Damit ver­bun­den ist bru­ta­le Tren­nung von Fami­li­en in kon­ti­nen­ta­lem Aus­maß. Umge­kehrt zie­hen Hee­re römi­scher Legio­nä­re und Beam­ter in die zu Pro­vin­zen degra­dier­ten Ursprungs­län­der der erbeu­te­ten und zer­streu­ten Men­schen­wa­re. Zu den demo­ra­li­sie­ren­den Aus­wir­kun­gen der Skla­ve­rei nur so viel: Der Herr konn­te sei­ne Skla­vin auf den Strich schi­cken und den Huren­lohn kas­sie­ren (wie etwa Livi­us im Zusam­men­hang mit dem soge­nann­ten Bac­chana­li­en­skan­dal, ohne dar­an Anstoß zu neh­men, berich­tet). Die Her­rin moch­te ihre Skla­ven sexu­ell aus­beu­ten (Mar­ti­al spot­tet über die ver­schie­de­nen Kin­der einer römi­schen Dame, die alle Mit­glie­dern ihres Haus­per­so­nals glei­chen – nur nicht dem Ehe­mann). Von Skla­ven betrie­be­ne Groß­far­men (Lati­fun­di­en) und städ­ti­sche Handwerks-(Groß-)Betriebe drü­cken (durch kon­kur­renz­los bil­li­ge Skla­ven­ar­beit) auf die Prei­se und ver­trei­ben die frei­en Bau­ern von der Schol­le in die Städ­te, wo sie zusam­men mit den bank­rot­ten „frei­en” Hand­wer­kern ein Lum­pen­pro­le­ta­ri­at bil­den, das durch Getrei­de­zu­wei­sun­gen und Zir­kus­spie­le von den Zyni­kern der Macht bei Lau­ne gehal­ten und instru­men­ta­li­siert wird.
In den Pro­vin­zen ent­zieht sich die durch ein per­fi­des Besteue­rungs­sys­tem aus­ge­nom­me­ne Land­be­völ­ke­rung durch Ana­chore­se (Land­flucht) der staat­li­chen Kon­trol­le und taucht in den Städ­ten unter, die zu unwirt­li­chen Agglo­me­ra­tio­nen vers­lu­men. Viel­leicht zum ers­ten Mal in der Geschich­te ent­steht, was man den „unbe­haus­ten Men­schen” genannt hat. Einer der Grac­chen schon heißt die­se Men­schen­spe­zi­es aoi­koi; Unbe­haus­te (Sor­te von Men­schen, die unse­re glo­ba­li­sier­te Kon­sum­welt mas­sen­wei­se pro­du­ziert). Die „kri­ti­sche Mas­se” an Unbe­haust­heit (der sich auf die Dau­er kei­ne Schicht der impe­ria­len Gesell­schaft ganz zu ent­zie­hen ver­moch­te) erzeug­te neue Sehn­süch­te; nach inti­me­ren For­men reli­giö­ser Behei­ma­tung Hei­mat­lo­ser, nach reli­giö­sen Inhal­ten und For­men zur Erhö­hung der Ernied­rig­ten, nach extra­or­di­nä­rer Siche­rung stän­dig bedroh­ter Exis­tenz, nach Leit­fi­gu­ren mit inte­gra­ti­ver Kraft für Zer­streu­te, nach Flucht­we­gen aus fremd­be­stimm­ter Aus­weg­lo­sig­keit. In unse­rem anti­ken Kon­text meint das: Mys­te­ri­en­fröm­mig­keit, Magie und Zau­ber, Kai­ser­kult und Guru­is­mus, Eska­pis­mus und Welt­ver­nei­nung. Magie und Zau­ber wer­den hier im Zusam­men­hang mit den Mys­te­ri­en und dem Kai­ser­kult, der Guru­is­mus als Anhang zum Kai­ser­kult vor­ge­führt (obwohl bei­de geson­der­ter Behand­lung wert).

Mys­te­ri­en (mys­te­ria, vul­gär­la­tei­nisch sacra­men­ta) waren kör­per­schaft­lich orga­ni­sier­te Zusam­men­schlüs­se (col­le­gia) mit reli­giö­ser Abzwe­ckung. Sie müs­sen vom Staat vor­ge­ge­be­nen Grund­er­for­der­nis­sen ent­spre­chen, wol­len sie erlaubt (lici­ta) sein: gemein­sa­mes Ver­mö­gen (Ver­eins­kas­se), Ver­eins­vor­stand, Min­dest­zahl von drei Mit­glie­dern (tres faci­unt col­le­gi­um). In die­sen Mys­te­ri­en­zir­keln fan­den Unbe­haus­te aller Stän­de (Skla­ven, Freie), Ver­mö­gens­la­gen (Arm, Reich), bei­der­lei Geschlechts (Frau, Mann) indi­vi­du­el­les Heil durch Bin­dung an eine per­sön­li­che Gott­heit eige­ner Wahl oder Erwäh­lung und emo­tio­na­le Gebor­gen­heit durch Sozia­li­sa­ti­on in einer (über­schau­ba­ren) Grup­pe Gleich­ge­sinn­ter. Die dane­ben eta­blier­ten Natio­nal- und Staats­re­li­gio­nen schlos­sen Frem­de und Nicht­bür­ger (Skla­ven) und von gewis­sen Ver­an­stal­tun­gen auch Frau­en aus und waren auf kol­lek­ti­ves Erge­hen (mili­tä­ri­sche Erfol­ge, För­de­rung des Staats­we­sens) gerich­te­te ste­ril for­ma­li­sier­te Selbst­dar­stel­lun­gen der Macht der Mäch­ti­gen. Das per­sön­li­che Heil, das die Mys­te­ri­en ihren Gläu­bi­gen ver­hie­ßen und ver­mit­tel­ten (Erlö­sung, Ver­got­tung, Unsterb­lich­keit), wur­de durch „mys­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on” des (der) Ein­zel­nen am Wesen und Geschick (Ster­ben, Auf­er­ste­hen) der jewei­li­gen Mys­te­ri­en­gott­heit erlangt. Dio­ny­sos, eine der wich­ti­gen Mys­te­ri­en­gott­hei­ten im römi­schen Impe­ri­um (neben Isis / Osi­ris, Kybe­le / Attis, Mithras und ande­ren), heißt auch „der Zwei­mal­ge­bo­re­ne” (Digo­nos). Er wird als Kind von als Frau­en ver­klei­de­ten Tita­nen zer­ris­sen. Zeus kann sein Herz ret­ten, ver­schlingt es und zeugt Dio­ny­sos zum zwei­ten Mal, dies­mal mit der sterb­li­chen Seme­le, die von ihrem Sohn nach ihrem Tod aus der Unter­welt zurück­ge­holt wird. Dio­ny­sos ist also nicht nur Gott­heit, die stirbt und wie­der­ersteht, son­dern auch Gott­heit, die aus dem Todes­ge­schick erlö­sen kann. Die Kult­teil­neh­mer erfah­ren in einem Initia­ti­ons­ri­tu­al sym­bo­lisch Tod und Neu­ge­burt (Ver­hül­lung = sym­bo­li­sches Ster­ben; Über­schüt­tung mit dem Inhalt einer Korn­schwin­ge = sym­bo­li­sche Geburt, Wachs­tum, Frucht­bar­keit). Indem sie sich am Wein berau­schen, der im Kult das Blut der Gott­heit reprä­sen­tiert, und in Eksta­se (bei den Frau­en durch das gelös­te Haar signa­li­siert) ein wil­des Tier zer­rei­ßen und essen, das den Gott ver­kör­pert, ver­lei­ben sie sich (magisch) die Gott­heit, ihr Wesen und Geschick ein und wer­den dadurch sel­ber ver­got­tet – Bal­sam für die Ernied­rig­ten die­ser Erde.
Durch einen Initia­ti­ons­akt wur­den auch Chris­ten in die christ­li­che Gemein­schaft (das Cor­pus Chris­ti) auf­ge­nom­men. Die­ser Akt, die Tau­fe, bewirkt (magisch) Tod und Neu­ge­burt (Ein- und Auf­tau­chen im Was­ser = sym­bo­li­sches Ster­ben und Auf­er­ste­hen). Der Koloss­erbrief sagt es: Die Chris­ten sind mit Chris­tus in der Tau­fe „mit­be­gra­ben” und „mit auf­er­weckt” (2, 12). Im Abend­mahl „ißt” der christ­li­che Mys­te (magisch) mit Wein und Brot Blut und Leib sei­nes Kult­got­tes Chris­tus und erlangt damit wesen­haft Anteil an des­sen gött­li­cher Sub­stanz und des­sen gött­li­chem Geschick: Tod und Auf­er­ste­hung. Das Her­ren­mahl gilt als phar­ma­kon atha­na­si­as - Heil­mit­tel der Unsterb­lich­keit. Der Kult ist mit eksta­ti­schen Phä­no­me­nen (Pro­phe­zei­en, „Zun­gen­re­den”) ver­bun­den, aber auf­ge­lös­tes weib­li­ches Haupt­haar im Got­tes­dienst als Habi­tus dio­ny­si­scher, mäna­di­scher Rase­rei ver­pönt. Der ers­te Korin­ther­brief befin­det: Jede Frau, die „mit unver­hüll­tem Haupt”, das heißt nicht zusam­men­ge­bun­de­nem Haar, betet oder pro­phe­zeit, „ent­ehrt ihr Haupt” (11,5).

Auch die christ­li­chen Gemein­den waren als Mys­te­ri­en­ver­ei­ne orga­ni­siert, mit Gemein­de­vor­ste­her, gemein­sa­mem Ver­mö­gen und mehr als drei Mit­glie­dern aller Schich­ten und bei­der­lei Geschlechts. Denn, so der Gala­ter­brief, „da ist nicht Jude noch Grie­che, da ist nicht Skla­ve noch Frei­er, da ist nicht Mann und Weib”, alle sind eins in Chris­to (3, 28). Aber es waren uner­laub­te Ver­ei­ne (col­le­gia illi­ci­ta), weil ihre Mit­glie­der den Kai­ser­kult kate­go­risch ablehn­ten und damit den Tat­be­stand der Majes­täts­be­lei­di­gung (cri­men lae­sae mai­e­sta­tis) erfüll­ten. Der Phil­ip­per­brief sagt es deut­lich genug – auch wenn Pau­lus spä­ter zu „ent­schär­fen” ver­sucht und im Römer­brief (c. 13) Unter­ta­nen­ge­hor­sam ein­for­dert -, wem die eigent­li­che Loya­li­tät der Chris­ten gehört: Die poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on (to poli­teu­ma), in der die Chris­ten Bür­ger sind, „ist in den Him­meln”; und von daher erwar­ten sie Jesus Chris­tus, ihren Herrn (kyri­os) und Ret­ter (soter), das heißt ihren Kai­ser (3, 20). War­um reagiert der römi­sche Staat sonst auf (Anzei­ge von) Majes­täts­be­lei­di­gung mit Repres­sio­nen (Ver­fol­gung, Aburteilung)?
In einem Groß­reich wie dem römi­schen Impe­ri­um mit sei­nen ver­schie­de­nen Pro­vin­zen, Völ­kern, Kul­tu­ren und ihren zen­tri­fu­ga­len Kräf­ten hat­te der Kult des Kai­sers eine inte­gra­ti­ve reli­gi­ös-poli­ti­sche Funk­ti­on. Die kul­ti­sche Insze­nie­rung und per­so­na­le Reprä­sen­ta­ti­on der Reichs­ein­heit führ­te den Ent­wur­zel­ten und Unbe­haus­ten des Impe­ri­ums vor Augen, Teil eines macht­vol­len Gan­zen zu sein. Zir­kus­spie­le mit Wagen­ren­nen, Gla­dia­to­ren­kämp­fe, öffent­li­che „Volks­fest­hin­rich­tun­gen”, Tri­umph­zü­ge ver­mit­tel­ten der plebs im Gemein­schafts­er­leb­nis reli­giö­se Über­hö­hung. Im alten Rom galt anfangs nur der tote Kai­ser als Gott. Zu sei­ner Ver­gött­li­chung (Apo­theo­se) bedurf­te es eines eige­nen Senats­be­schlus­ses. Im Osten des Rei­ches nahm man kei­nen Anstoß dar­an, schon den leben­den Kai­ser „Gott” zu nen­nen. Der Wes­ten des Rei­ches folg­te bald die­ser Pra­xis. Cali­gu­la (37–41 n. Chr.) beweist sei­ne Gött­lich­keit mit die­sem Sophismus:
Rin­der- und Zie­gen­hir­ten sei­en ja auch kei­ne Rin­der und Zie­gen; also
kön­ne der Kai­ser als Men­schen­hirt schwer­lich ein Mensch sein – sondern
eben nur ein Gott. Titel für den Kai­ser und auch für einen Gott ist kyrios
(Herr), latei­nisch domi­nus. Domi­ti­an (81–96 n. Chr.) läßt sich domi­nus et deus (Herr und Gott) titu­lie­ren. Der glei­che Titel, den das etwa zeit­glei­che Johan­nes-Evan­ge­li­um (20, 28) durch den Mund des „ungläu­bi­gen Tho­mas” für den Auf­er­stan­de­nen rekla­miert: „Mein Herr (kyri­os) und mein Gott (the­os)”. Damit ist dem gekreu­zig­ten und auf­er­stan­de­nen Jesus nicht nur die Gött­lich­keit, son­dern auch die Kai­ser­wür­de zugesprochen.
Die Art der Zeu­gung und die Umstän­de der Geburt des Kai­sers über­stei­gen mensch­li­ches Maß. Fol­gen­des über­lie­fert die Legen­de über den nach­ma­li­gen Kai­ser Augus­tus (nach­zu­le­sen bei Sue­ton): Ein wun­der­ba­res Vor­zei­chen und ein Wahr­t­raum der Mut­ter kün­di­gen die Geburt des „Königs­kin­des” an. Die Zeu­gung geschieht durch „gött­li­chen Ehe­bruch” (in der alt­ägyp­ti­schen Königs­le­gen­de ist die Köni­gin und Mut­ter zusätz­lich noch Jung­frau), dem betro­ge­nen Gat­ten signa­li­siert eben­falls ein Wahr­t­raum die Vater­schaft des Got­tes Apoll. Das Leben des Königs­kin­des ist gefähr­det: Nur durch eine List wird die Tötung aller in dem Jahr (in Rom) gebo­re­nen Kin­der hin­ter­trie­ben. Die Vor­ge­schich­ten bei Mat­thä­us und Lukas bie­ten das­sel­be Inven­tar: Schwän­ge­rung durch den Hei­li­gen Geist (gött­li­che Zeu­gung), Traum des Joseph (der ihn über die wah­re Vater­schaft auf­klärt), Stern von Beth­le­hem (Wun­der­zei­chen), Kin­der­mord und Flucht nach Ägyp­ten (Gefähr­dung des gött­li­chen Kindes).

Der leben­de Kai­ser „erscheint” in zeit­ge­nös­si­schen Inschrif­ten als Gott (the­os) und Hei­land (soter), der den Men­schen Frie­den bringt, auch Wun­der wir­ken kann (die könig­li­che Gabe der Hei­lung hat sich bis auf die Köni­ge von Frank­reich und Eng­land „ver­erbt”). Die Kun­de von sei­ner Geburt und sein jähr­li­cher Geburts­tag („der Geburts­tag des Got­tes”) sind Froh­bot­schaf­ten (euag­ge­lia; Sin­gu­lar euag­ge­li­on; Evan­ge­li­um) für den gan­zen Kos­mos. Auf den­sel­ben Motiv­be­stand tref­fen wir am Anfang des Lukas-Evan­ge­li­ums (c. 2): Das neu­ge­bo­re­ne Kind ist der gesalb­te König (Chris­tos kyri­os) „in der Stadt Davids” (Königs­stadt) und Ret­ter (soter). Ver­bun­den mit die­ser Freu­den­bot­schaft des Engels (euag­ge­li­zo­mai) ist die Pro­kla­ma­ti­on von „Frie­den auf Erden” durch das „himm­li­sche Heer”. Für die Juden unter den Chris­ten erfüll­ten sich damit natür­lich auch die alt­tes­ta­ment­li­chen Ver­hei­ßun­gen eines Gesalb­ten (Mes­si­as-Königs) aus dem Geschlech­te Davids. Aber wenn auch eine inner­jü­di­sche Sek­te um den Wan­der­rab­bi Jeschua aus Naza­reth die­se Ver­hei­ßun­gen auf ihn (oder er sel­ber sie auf sich) bezog, wäre dar­aus noch lan­ge kei­ne Welt­re­li­gi­on gewor­den. Dazu muß­ten sich Auf­tre­ten und Ver­kün­di­gung Jesu in die reli­giö­se For­men­spra­che „über­set­zen” las­sen, die ein unbe­haus­tes Welt­reich dafür bereithielt.
Der tote Kai­ser als Gott fährt leib­lich in den Him­mel zu den Göt­tern auf. Sterb­li­che Über­res­te hin­ter­läßt er kei­ne. Wie wird das ritu­ell-magisch bewerk­stel­ligt? Der kai­ser­li­che Leich­nam wird kre­miert, die Aschen­res­te wer­den in aller Stil­le im Mau­so­le­um bei­gesetzt. Die öffent­li­che Bestat­tung führt man dage­gen an einer Wachs­pup­pe durch, die dem Ver­stor­be­nen nach­ge­bil­det ist und die mit allen vor­ge­schrie­be­nen Ehren- und Trau­er­be­kun­dun­gen den Flam­men über­ge­ben wird – und natür­lich ohne Rück­stän­de ver­brennt. Das Gan­ze will kein „from­mer Betrug” sein, son­dern stellt einen magi­schen Akt dar: Was mit dem Abbild (Wachs­pup­pe) bild- und stell­ver­tre­tungs­ma­gisch insze­niert wird, soll sich am Urbild (toter Kai­ser) ver­wirk­li­chen – der Auf­stieg in den Him­mel ohne irdi­sche Spu­ren zu hin­ter­las­sen, ganz wie es sich für einen ver­gött­lich­ten Kai­ser, ja einen Gott geziemt. Beson­ders von den Göt­tern aus­ge­zeich­ne­te Per­so­nen (Hero­en, Phi­lo­so­phen, Wun­der-Gurus und eben Kai­ser) sind nach ihrem Tod spur­los ver­schwun­den, kei­ne Grab­stät­te ist von ihnen bekannt. Sie sind also leib­haf­tig in den Him­mel, als Göt­ter unter die Göt­ter „ver­setzt” wor­den. Und so läßt auch die Legen­de vom lee­ren Grab am Ende des Mar­kus-Evan­ge­li­ums für hel­le­nis­ti­sches Ver­ste­hen nur den einen Schluß zu (sieht man von Grab­raub ab – ein Vor­wurf, dem sich die Jün­ger ja aus­ge­setzt sahen!): Daß der Ver­stor­be­ne als gött­li­ches Wesen mit Leib und See­le in den Him­mel auf­ge­fah­ren ist (16, 1–8, dazu der spä­te­re V. 19).
Inte­gra­ti­ons- und Leit­fi­gur für Unbe­haus­te und Ent­wur­zel­te – natür­lich auf etwas ande­rer sozia­ler Ebe­ne – ist auch der Guru, in der Anti­ke „gött­li­cher Mensch” (thei­os aner) gehei­ßen. Von einem klei­ne­ren Kreis von Getreu­en beglei­tet, von einer grö­ße­ren Zahl von Anhän­gern und Anhän­ge­rin­nen ver­ehrt, durch­reist er die Oiku­me­ne, pre­digt und lebt sei­ne Sicht von Gott und Welt, voll­bringt Wun­der (Wie­der­be­le­bung Toter, Dämo­nen­aus­trei­bun­gen, Fern­hei­lun­gen, Vor­aus­wis­sen und ande­res). Gött­li­che Vater­schaft, Geburt unter außer­ge­wöhn­li­chen Vor­zei­chen und Umstän­den, Anfein­dun­gen, Feh­len eines Gra­bes, das heißt (leib­li­che) Auf­fahrt zu den Göt­tern, wer­den über­lie­fert. Das ältes­te Evan­ge­li­um, das des Mar­kus, trägt Züge einer volks­tüm­li­chen Bio­gra­phie eines Gurus: des Gott­men­schen Jesus Christus.

Im römi­schen Impe­ri­um gab es vie­le Grün­de, sich in die­ser Welt und im eige­nen Leib nicht wohl zu füh­len, sich her­aus­zu­seh­nen, die Welt und ihre Struk­tu­ren radi­kal abzu­wer­ten und zu dämo­ni­sie­ren, also für rea­len oder reli­giö­sen Eska­pis­mus. Die Skla­ven­wirt­schaft mit ihrer Ent­wur­ze­lung, Zer­stö­rung von Bin­dun­gen und per­so­na­ler Wür­de, die Erobe­rungsund Bür­ger­krie­ge mit ihren Schläch­te­rei­en, die bei­spiel­lo­se Arro­ganz römi­scher Ver­wal­tungs­be­am­ter gegen­über Nicht­rö­mern, der fis­ka­li­sche Raub­bau an mensch­li­chen und natür­li­chen Res­sour­cen. Das alles mach­te vie­len eine Behei­ma­tung in ihrer Lebens­welt schwer. Sie ent­zo­gen sich durch Ana­chore­se: Mas­sen­flucht vor steu­er­li­cher Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung und Abtau­chen in die Anony­mi­tät der Groß­städ­te, was das Steu­er­auf­kom­men ver­min­der­te und Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung für die Zurück­ge­blie­be­nen noch ver­schärf­te – ein Teu­fels­kreis. Skla­ven­flucht (ver­glei­che den neu­tes­ta­ment­li­chen Phi­le­mon-Brief) muß häu­fig gewe­sen sein, Detek­tei­en mit pro­fes­sio­nel­len Skla­ven­jä­gern (fugi­tiv­a­rii) bewei­sen es. Auf reli­giö­ser Ebe­ne konn­ten die­se stoff­li­che Welt und die­ser mate­ri­el­le Leib, die einem so vie­le Lei­den auf­er­leg­ten, leicht als Grab der unsterb­li­chen See­le (Soma-Sema-Leh­re) erlebt und erlit­ten wer­den – der unsterb­li­chen See­le, die sich aus Welt und Leib nach ihrer himm­li­schen Hei­mat sehnt, zu der sie im Tod wie­der zurück­kehrt. Die anti­ke Gno­sis hält vie­le Bil­der und Sym­bo­le für die­sen Ein­zug der befrei­ten See­le in die himm­li­sche Licht­welt bereit: Krö­nung mit einem Sie­ges­kranz, Ver­ei­ni­gung mit einer himm­li­schen Licht­ge­stalt, Ein­klei­dung in ein Lichtgewand.
In einem Abschnitt des zwei­ten Korin­ther­brie­fes schei­nen sol­che Moti­ve auf: das Lei­den und „Seuf­zen” in die­ser Welt, die „Lust aus­zu­wan­dern aus dem Leib”, die Sehn­sucht der „nack­ten” See­le (das heißt nach dem Tod das Lei­bes), „in den Him­meln” „über­klei­det zu wer­den” (5, 1–10). Unter der Gewiß­heit des nahen Welt­endes hat sich der Glau­be an die Ver­gäng­lich­keit die­ser Welt mit dem Erle­ben der Fremd­heit in ihr – wohl nicht ohne gnos­ti­schen Ein­fluß – zu einer zuneh­men­den Abwer­tung von Leib und Welt, zu Geschlechts­as­ke­se ent­wi­ckelt. Der jung­fräu­li­che Mensch, der sich aus allen welt­li­chen Bin­dun­gen löst, wird zum Typus des „idea­len Men­schen”. Der Trend kün­digt sich schon beim Apos­tel Pau­lus an, der im ers­ten Korin­ther­brief rät: „die Gestalt die­ser Welt ver­geht”, „um der bevor­ste­hen­den Not wil­len” ist es für den Men­schen gut, unver­hei­ra­tet zu sein, „sich um die Din­ge des Herrn”, nicht „um die Din­ge der Welt” zu sor­gen; jeden­falls, bei der Kür­ze der Zeit, zu haben, als hät­te man nicht (7, 25–40). Das klingt für uns alles eini­ger­ma­ßen befremd­lich. Man soll­te aber nicht ver­ges­sen, daß im Kon­text anti­ker Lebens­wirk­lich­keit Aske­se eman­zi­pa­to­risch und huma­ni­sie­rend wirkt: Sie befreit vom Zwang, sich und ande­re ledig­lich zum Instru­ment von Lust­be­frie­di­gung degra­diert (und nicht als Per­son) zu sehen. Und wenn das Chris­ten­tum im Ver­lauf sei­ner Geschich­te und in Aus­ein­an­der­set­zung mit welt­flüch­ti­gen, dua­lis­ti­schen, gnos­ti­schen Grund­strö­mun­gen sich eine gehö­ri­ge Dosis Leib- und Welt­fremd­heit ein­ge­han­delt hat, so hat es damit auch ein Stück kri­ti­scher Distanz und Quer­stän­dig­keit (dafür das Kreuz als Sym­bol!) zu die­ser Welt, ihren Struk­tu­ren und wech­seln­den Trends dazu­ge­won­nen: empa­thi­sches Gegen­über und Kor­rek­tiv, deren eine selbst­ver­lieb­te Welt – heu­te mehr denn je – bedarf.

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