Sezession
16. März 2013

In Todesnähe: David Wagner erhält Preis der Leipziger Buchmesse

Gastbeitrag / 4 Kommentare

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Mit seinem aus zahlreichen Einzelstücken zusammengesetzten  Prosawerk "Leben" hat David Wagner ein starkes Buch geschrieben, das den Preis der Leipziger Buchmesse verdient. Mehr noch, das Werk erscheint für die Gegenwart symptomatisch. Symptomatisch in sich selbst wie mit Blick auf Erwartungen, die Juroren und Publikum an Literatur haben. Beschrieben wird die Geschichte einer Lebertransplantation.

Mit Kathrin Schmidts zweifach preisgekröntem „Du stirbst nicht“ wurde 2009 gleichfalls eine bedrohliche Krankheit thematisiert, damals ein Schlaganfall, damals ebenfalls der Weg ins Leben zurück, damals durch das Neuerlernen der Sprache. (Ein weiteres Buch dieses wachsenden Kanons zu Krankheitsthemen – ebenso erfolgreich, ebenso preisgekrönt – ist Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“.)

Zulaufen auf den bedrohlichen Tod, den Durchgang vor Augen haben, heimkehren dürfen ins Leben – gewissermaßen dramatische Wiedergeburten also, die da erzählt werden. In David Wagners Fall: Leben und Leber bilden eine alte, eine mythische, ja prometheisch aufzufassende Einheit. Wiederum also die Autobiographie als protokollierte Krankheit und existentielle Dramatik. Ohne Zweifel lesbar, ja literarisch wertvoll, weil ungewöhnlich, in Facetten geschnitten, erzählt, aber doch auch ein Zeichen für den Gegenwartsgeschmack ganz allgemein. Die Krankheit avanciert in der überalternden und bald gerontologischen Gesellschaft offenbar zum Leitmotiv.

Das Publikum mag auch diesbezüglich das „Authentische“. Eine Bezeichnung, die mittlerweile inflationiert, weil das, wofür sie steht, im Zeitalter des Auraverlustes mehr denn je vermißt und daher überall gesucht wird. Und was könnte authentischer sein als der eigene Körper, gerade wenn die Ängste um seinen Verlust die Empfindungen und das Denken regieren? Physis, Existenz und Gesundheit als letzter eigentlicher Besitz – inneres, nächstes Selbst. – Mit der neuen Leber ist zwar das Leben gerettet, dies jedoch, wie stets, als Problem: Ein fremdes Organ erhält den Helden; der ringt damit, nach der Transplantation zwangsläufig ein Mischwesen zu sein.


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Kommentare (4)

Raskolnikow
18. März 2013 09:14

Klar,

Leiden ist immer ein Stück Sterben. Siechtum als "Einweihungshandlung" - gefällt mir! Aber Weihe wozu? Stirbt der Mann, entsteht der Bürger?! Sieht man sich des Protospießers Thomas Engagement an, tritt dies tatsächlich deutlich hervor.

Neben der Schönheit der Sprache und dem damit verbundenen Lesevergnügen, bleibt bei der Mann-Lektüre doch immer ein Ekel stehen ... Besonders beim Zauberberg! (Übertroffen nur noch vom Kotzimpuls des bürgerlichen Manifest var. der wahren Gründungsurkunde der Bundesrepublik: "Nietzsches Phil. im Lichte unserer Erfahrung")

Froh, selbst talentfrei, unnütz, zu nichts zu gebrauchen aber stets gesund zu sein, - allein das Knacken von Büchern und das gehaltlose Dahinschwafeln geschriebener Textkörper mag mir gelingen - beobachte ich Leidende gern und genau.

Moderne Leidende neigen scheinbar zu geradewegs organischer Offenheit, gar Operationsdetails werden aufgeklappt, damit der Zuhörer/Leser darin wühle. Es soll ja sogar Filme über Krebssterbende geben ... Auf dem Zauberberg dagegen wird doch vor allem reflektiert. So spielen auch die Leiden vieler Heiliger vor allem die Rolle eines Vehikels, eines Sakramentaliums.

Im Orient kann ich oft beobachten, dass Gesprächspartner, meist Akademiker, Offiziere, kluge Leute, geradezu als Entreé, Medicamentenschachteln auf dem Tisch platzieren und über ihre Krankheit plaudern. Vielleicht orientalisieren wir auf verschiedenen Ebenen. Dem Zwang und Drang nach Transparenz sei dank!

Dabei ist die Offenlegung des Leidens, ja das Leiden überhaupt vor allem ein Verlust an Würde! (Und nein, ich bin keine Nietzsche-Hure!) Auch wenn dies unter sehr ästhetischer und männlicher Folie erfolgen kann:
https://www.youtube.com/watch?v=5Er9w44HY38

Außerdem wird bei dieser Offenheit und der daraus resultierenden Durchsicht Communication sinnlos! Sinnlos!

Und das gilt auch im größeren, gesellschaftlichen Rahmen, weshalb mir die breite mediale Abwesenheit des aktuellen "Falles" weniger Unbehagen bereitet als den meisten Unsrigen.

Lieber Herr Bosselmann, Ihrem letzten Absatz kann ich nur die Erkenntnis entgegenstellen, dass der Genesene und der Gesunde verschieden sind. Für den Gesunden ist Krankheit kein Thema. Ähnlich dem jungen Soldaten, der sich sicher ist: "Mich erwischt es nicht!" ...

Immer gesund,

R.

PS: Die Schlösser des heimischen Elfenbeinturmes knackten am Samstag hinter mir, die Treppenstufen sind passiert und da sitze ich nun wieder am kleinen Fenster und schaue ins mir so phantastisch und fremd erscheinende Heimatland.

Rumpelstilzchen
18. März 2013 11:27

In Todesnähe - der Beitrag steht so seltsam verloren zwischen den Beiträgen zu Kirchweyhe, so dass völlig untergeht, dass Raskolnikow wieder wohlbehalten eingetroffen ist. Dann guten Tag.

in Todesnähe steht zwischen Beiträgen zum Tod. Seltsam.
Ich mag diese Krankheitsbücher überhaupt nicht. Und finde da auch keine Weisheit drin. Krankheit als authentisches Erlebnis.
Wer's braucht, hat nie gelebt.
Der neue Papst hat auch keine gute Gesundheit, hört man. Und wirkt sehr fröhlich und frei.
Daß wir endlich sind hat was überaus beruhigendes.

Kurt Schumacher
18. März 2013 12:53

Ich kann nur Raskolnikow und Rumpelstilzchen recht geben. Krankheiten gibt es leider; aber als germanischer Mensch suhlt man sich nicht darin!

Sara Tempel
20. März 2013 23:00

Thomas Manns „Zauberberg“ beschreibt eigentümlich die Dekadenz seiner Zeit und ist für mich als Klassiker wertvoll. Zugegeben, mit David Wagner habe ich mich noch nicht beschäftigt! Möglicherweise entgeht mit durch mein Vorurteil zum Thema Krankheiten etwas und es lohnt sich diese für ein von Ihnen so gerühmtes Werk zu überwinden?
Was ich tatsächlich reizvoller finde, ist der Tod selbst, wie z.B. in "Die folgende Geschichte" von Cees Nooteboom beschrieben, indem eine Schiffsreise immer unwirklicher wird. Etwas ähnliches möchte ich wohl evtl. in meinen nächsten Roman kreativ verarbeiten, aber aller Anfang ist schwer!

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